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Buchtipp zum Wochenende

Die Kultur der Ambiguität. Eine andere Geschichte des Islams

Neuerscheinung von Islamwissenschaftler Prof. Thomas Bauer widerlegt westliche Vorurteile im Zusammenhang mit dem Islam in vielerlei Hinsicht: über Religion, Politik, Recht, Dichtung und Rhetorik bis hin zur Sexualität …

Das Image des Islams im Westen war seit den Kreuzzügen nie so schlecht wie heute. Das schreibt Islamwissenschaftler Prof. Dr. Thomas Bauer in seinem neuen Buch. Es erzählt „Eine andere Geschichte des Islams“, wie der Untertitel sagt. Das Ergebnis: Der Islam war über Jahrhunderte viel toleranter gegenüber unterschiedlichen Werten und Wahrheitsansprüchen, als der Westen meint. Der Autor beleuchtet gut 1.000 Jahre arabisch-islamischer Kulturgeschichte – von Religion, Recht und Politik über Literatur und Kunst bis zum Umgang mit Sexualität und Minderheiten.

Der Experte aus dem Exzellenzcluster „Religion und Politik“ der Universität Münster will das „Zerrbild“ eines politisch und religiös dogmatischen, intoleranten und prüden Islams widerlegen, das der Westen seit dem Zerfall des Ostblocks „als Ersatzfeind“ aufgebaut habe. Unter dem Titel „Die Kultur der Ambiguität“, also der Mehrdeutigkeit, beschreibt Bauer anschaulich und facettenreich die Fähigkeit arabisch-islamischer Gesellschaften, einander widerstreitende Normen nebeneinander stehen zu lassen – ob in der Koranauslegung, Sexualmoral, Dichtung, im Recht oder in Politikdebatten.

„Erst der Kolonialismus des 19. Jahrhunderts übte im Nahen Osten den Druck aus, sich über eindeutige Normen zu definieren, wie es der Westen tat“, so der Wissenschaftler. Wenn der Islamismus heute einen engstirnigen Wahrheitsanspruch vertrete, zeige er damit eine vom Westen erlernte Geisteshaltung. „Es handelt sich nur scheinbar um einen Rückbezug auf ‚traditionelle islamische Werte‘.“ So halte man heute Vorstellungen für islamisch, die in Wahrheit Versatzstücke der viktorianischen Moral seien.

Falsch ist es den Erkenntnissen des Autors zufolge, von einer „Re-Islamisierung“ im 20. Jahrhundert zu sprechen. Beim Islamismus handle es sich vielmehr um die „Neuschaffung eines intoleranten, ideologischen Islams“, der den totalitären Strukturen früherer westlicher Ideologien folge, die unduldsam gegenüber einer Vielfalt an Anschauungen gewesen seien. Im Westen habe sich das nach 1968 verändert. „An der islamischen Welt aber ging dieser Aufbruch vorüber. Letztlich fehlt dem Islam nicht die Aufklärung, wie Europa sie im 18. Jahrhundert erlebte, sondern die 68er-Revolte.“

Die Kultur der Ambiguität in Beispielen:
Koranauslegung: Der Koran enthält zahllose mehrdeutige Textstellen, wie Thomas Bauer in seinem Buch verdeutlicht. Während islamische Gelehrte früherer Jahrhunderte die Varianten als Bereicherung empfanden, ist sie Muslimen heute oft ein Ärgernis, wie der Autor beklagt. „Ob reformorientiert oder fundamentalistisch: Sie glauben stets, die wahre Bedeutung einer Koranstelle zu kennen.“ Der moderne Philologe gehe meist davon aus, dass von zwei Textinterpretationen eine falsch sein müsse; der muslimische Textexeget vergangener Zeiten hingegen habe die Mehrdeutigkeit mancher Textstellen für gottgewollt gehalten, „eine göttliche List, die die Menschen zu ständiger neuer Beschäftigung mit dem Text reizt“. Daher rühre auch die traditionelle Skepsis der Muslime gegenüber Koran-Übersetzungen.

Frühere Gelehrte zelebrierten die Auslegungsvielfalt des Koran regelrecht, so Bauer: Sie entwickelten nach seinen Angaben eine Methode, um das ganze Interpretationsspektrum zu erfassen, statt alleingültige Auslegungen festzulegen. Es handelte sich demnach um eine „Wahrscheinlichkeitstheorie“, durch die sich die Kategorien Richtig und Falsch vermeiden ließen. „So entstand ein geduldiges Aushandeln von Ambiguitätskonflikten“, schreibt der Autor. „Mit dem Tempo der einbrechenden Moderne des Westens konnte dieses Aushandeln aber nicht mehr mithalten, und es verschwand in dogmatisch-ideologischen Neukonstruktionen.“

Das Bild des Gelehrten: Meinungsverschiedenheiten zwischen Gelehrten galten in der klassischen Zeit des Islams als „Gnade für die Gemeinde“, wie Thomas Bauer erläutert. „Heute gelten sie vielen dagegen als auszumerzendes Übel.“ In früheren Jahrhunderten habe das Ideal eines frommen, gottergebenen Gelehrten gleichberechtigt neben dem Ideal eines eleganten, geistreichen Intellektuellen gestanden. Die säkulare Literatur solcher Denker stoße bei ihren modernen Erben jedoch auf großes Unverständnis.

Sexualität: Der Islam wird nach Beobachtung des Autors heute im Westen oft als „mittelalterlich“ und prüde bezeichnet; er brauche eine sexuelle Revolution nach westlichem Vorbild, heiße es. Doch die Historie zeigt laut Bauer ein anderes Bild: „Schon im 9. Jahrhundert verfassten arabische Mediziner Sexualratgeber. Sie setzten damit eine antike Tradition fort, die erst durch das Aufkommen des Christentums unterbrochen worden war. Über viele Jahrhunderte entstanden arabische sexualhygienische Leitfäden, die sachlich und ohne moralische Bevormundung von Liebe und Sex handelten.“ Zwischen 800 und 1800 seien auch unzählige homoerotische Gedichte als anerkannter Teil der Hochliteratur entstanden. Diese Entwicklung endete erst, als man im 19. Jahrhundert auf die Texte aufmerksam wurde und „sie als Pornografie abwertete“.

Religion und Politik: Keine anderes Vorurteil hat nach Auffassung des Autors eine so verheerende Wirkung gehabt wie die Vorstellung, der Islam kenne keine Trennung von Staat und Religion. In Wahrheit habe es im Islam „zu jeder Zeit religionsfreie Zonen“ gegeben. Muslime hätten stets zwischen weltlichen und religiösen Dingen zu unterscheiden gewusst.

In klassischer islamischer Zeit standen säkulare und religiöse Politik-Diskurse nebeneinander, wie Thomas Bauer zeigt. So finde sich nur eine Handvoll Bücher, die das Thema Herrschaft und Staat aus religiöser Perspektive behandeln. „Dagegen steht eine unüberschaubare Zahl an Gedichten zum Lob von Herrschern sowie eine große Zahl an Herrscherratgebern: Religion spielt darin eine untergeordnete Rolle.“

Der Wissenschaftler spricht sich gegen eine heute verbreitete „Islamisierung des Islams“ aus: Niemand solle dem Islam mehr Religiosität unterstellen als anderen Kulturen. Der oft zitierte Slogan, wonach Islam „Din wa-Daula“, also „Religion und Staat“ sei, kam laut Thomas Bauer erst im 19. Jahrhundert auf, als islamische Länder eine Ideologie suchten, die den starken westlichen Ideologien jener Zeit etwas entgegensetzen konnte. „Überhaupt entspringt der politisierte Islam der Gegenwart einer Geisteshaltung, die sich keineswegs aus traditionellen islamischen Schriften herleiten lässt. Vielmehr haben bei seiner Ausprägung westliche Vorbilder Pate gestanden.“

Recht: Das islamische Recht ist nach Aussage des Autors und Arabisten nicht so starr und dogmatisch wie heute oft dargestellt. „Vielmehr kennt es eine Vielzahl an Normen, die mehr als 1.300 Jahre lang im Alltag von Muslimen erfreulich flexibel angewendet wurde.“ Der Wahrheitsanspruch sei unter Rechtsgelehrten oft hintangestellt worden. Unsicherheit und Widersprüchlichkeit hätten sie nicht ausgemerzt, sondern in Form einer Wahrscheinlichkeitstheorie gezähmt. Durch die Herausforderungen des zunehmend dominierenden Westens hätten Muslime jedoch begonnen, ihr Recht zu ideologisieren und politisieren. „Fundamentalisten und prowestliche Reformmuslime behaupten heute gleichermaßen, das islamische Recht sei eindeutig auszulegen.“

Dichtung und Rhetorik: Arabische Dichter kultivierten über Jahrhunderte raffinierte Formen mehrdeutiger Ausdrucksweisen, wie der Islamwissenschaftler in seinem Buch an vielen Beispielen zeigt. Arabische Sprachwissenschaftler und Rhetoriker sammelten mehrdeutige Wörter und analysierten Stilmittel der Ambiguität. „So entstanden Hunderte von Werken der Rhetorik. Dichter, Gelehrte, Händler, Handwerker und Volksdichter verfassten zigtausende von Gedichten und Prosatexten, in denen sich alle erdenklichen Arten von Ambiguität lustvoll austoben durften.“ Das sei wie ein „Ambiguitätstraining“ gewesen, damit die Menschen auch in anderen Lebensbereichen Mehrdeutigkeit akzeptieren konnten. Heute sähen viele Araber und Orientalisten diese Vielfalt hingegen „als sicheres Zeichen für den Niedergang des Islams“.

Zur Theorie der Ambiguitätstoleranz:
Der aus der Psychologie stammende Begriff der Ambiguitätstoleranz bezeichnet das Vermögen eines Menschen, Mehrdeutigkeit auszuhalten, also einander widerstreitende Werte und Wahrheiten nebeneinander stehen zu lassen, ohne auf die Geltung der eigenen Überzeugung zu pochen.

Der Autor: Thomas Bauer, geboren 1961, seit 2000 Professor für Islamwissenschaft und Arabistik an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Seit 2007 Vorstandsmitglied am Exzellenzcluster „Religion und Politik“ der Universität Münster. 2002-2006 Direktor des „Centrums für Religiöse Studien“ der Universität Münster. 2006-2007 Fellow am Wissenschaftskolleg Berlin. Forschungsschwerpunkte: Kultur- und Mentalitätsgeschichte der arabisch-islamischen Welt, klassische arabische Literatur.

Das Konzept der Ambiguitätstoleranz lässt sich auf die Kultur- und Mentalitätsgeschichte übertragen, wie Thomas Bauer in seiner Neuerscheinung erstmals zeigt: Alle Kulturen müssen mit Ambiguität leben. Sie unterscheiden sich jedoch stark darin, wie sie mit der Mehrdeutigkeit umgehen. Manche Kulturen vermeiden oder bekämpfen Ambiguität. Andere weisen einen hohen Grad an Ambiguitätstoleranz auf. So wurde im Islam Zweideutigkeit lange hingenommen, ja mitunter bewusst erzeugt. Sie nahm wichtige kulturelle Funktionen ein, etwa in Konventionen der Höflichkeit und der Diplomatie, durch Riten oder Kunstwerke. Seit dem 19. Jahrhundert zeigte sich in islamischen Kulturen jedoch ein Wandel, der so deutlich und mit so drastischen Konsequenzen kaum anderswo auftrat: von einer relativ großen Toleranz hin zu einer bisweilen extremen Intoleranz gegenüber allen Phänomenen von Vieldeutigkeit und Pluralität.

Wer dem Konzept der kulturellen Ambiguität in der Mentalitätsgeschichte folgt, vermag nach Auffassung von Thomas Bauer den eurozentrischen Blickwinkel zu verlassen und Denken, Fühlen und Handeln der Menschen in den Mittelpunkt des Interesses zu stellen, um die es geht. So komme man zu einer alternativen, nicht ziel- und zweckgerichteten Geschichtserzählung. Daher ist auch der Untertitel des Buches „Eine andere Geschichte des Islams“ mehrdeutig zu lesen, wie Bauer hervorhebt. Nicht eine andere Geschichte (history) des Islams erzählt er, sondern eine andere Geschichte (story), in der zugleich scheinbare Selbstverständlichkeiten der westlichen Kultur in Frage gestellt werden. (bk)