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Migration und Integration in Deutschland

Gedenken an Holocaust Teil unserer gemeinsamen Leitkultur.

Armin Laschet, Nordrhein-Westfälischer Integrationsminister, MiGAZIN, 28. Januar 2010
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Lamyas Welt

Der Deutsche ist tot. Lang lebe der Deutsche.

Das Thema Integration wird überbewertet, sagen die einen. Integration ist das Zukunftsthema, meinen die anderen. Seit zehn Jahren wird nun verstärkt eine Debatte geführt, die weitgehend ergebnisfrei verläuft und bespickt mit Ablenkungsmanövern ist.

VONLamya Kaddor

 Der Deutsche ist tot. Lang lebe der Deutsche.
Geb. 1978 im westfälischen Ahlen als Tochter syrischer Einwanderer. Sie unterrichtet das Schulfach „Islamkunde in deutscher Sprache“, bildete an der Universität Münster deutschsprachige Islamlehrer aus und berät die Politik zur Integration von Muslimen, gehört zu den Sprecherinnen des „Forum am Freitag“ des ZDF und ist Vorsitzende des 2010 gegründeten Liberal-Islamischen Bundes e.V. In ihrer MiGAZIN-Kolumne schreibt sie über ihre Welt - „Lamyas Welt“. Bei C.H.Beck erschien von ihr zuletzt „Muslimisch – weiblich – deutsch! Mein Weg zu einem zeitgemäßem Islam“ (2010).

DATUM1. Juni 2011

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RESSORTAktuell, Meinung

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Das wurde jüngst aus berufenem Munde wieder deutlich. Anlässlich der konstituierenden Sitzung des Bundesbeirats für Integration erklärte Staatsministerin Maria Böhmer: „Der Beirat ist eine ausgezeichnete Plattform für Diskussionen über Grundsatzfragen von Zuwanderung und Integration und für eine Identitätsdebatte. Eine zentrale Frage lautet: Wie lange ist man ein Migrant? Mittlerweile lebt die dritte und vierte Generation von Migranten in unserem Land. Dies sind junge Menschen, die hier geboren sind und nun in Deutschland aufwachsen und zur Schule gehen. Sie müssen die Chance bekommen, bei uns anzukommen. Dazu müssen sie ihr jeweiliges Herkunftsland loslassen.“

Das erinnert mich an einen Radiobericht vor einiger Zeit. Darin berichtete ein Mann, Mitte 40, Vater dreier Kinder, von seinem Leben in einem kleinen, typisch deutschen Dorf nahe Bonn. Er erzählte, dass sich das Gesicht seiner Heimat in den letzten Jahren stark verändert habe. Zahlreiche Familien seien von auswärts hinzugezogen, neue Wohngebiete mit modernen Reihenhäusern und hübschen Gärten seien entstanden. Der Mann fing an, sich zu beklagen: Einige dieser fremden Menschen hätten begonnen, seine Töchter etwa in der Schule oder auf dem Weg dorthin anzufeinden. Die Erwachsenen äußerten sich abfällig über sie, von den Kindern dieser Neuankömmlinge würden sie geradewegs beschimpft. Immer wieder hieße es, er und seine Familie sollten doch dahin zurückgehen, wo sie hergekommen seien. Das hier sei schließlich ihre Heimat. Über solche Äußerungen konnte sich der Mann nur wundern: „Wir leben seit 400 Jahre in diesem Dorf. Seit 400 Jahren!“ Das Problem seiner Familie: Sie ist etwas dunkler im Teint, denn ihre Vorfahren kamen einst aus dem Osten – als Sinti und Roma.

Frau Böhmer, wann ist man in Deutschland angekommen? Reichen 400 Jahre aus? Offensichtlich nicht. Und genau da liegt der Hase im Pfeffer. Statt öffentlich darüber nachzudenken, wie lange ein Migrant nun ein Migrant ist, und statt Forderungen zu stellen, dass man sein jeweiliges Herkunftsland loslassen müsse, muss es der Politik endlich darum gehen, der deutschen Bevölkerung reinen Wein einzuschenken. Dieses ist nicht mehr die homogene Gesellschaft der 50er Jahre – weitgehend ohne Asylanten, ohne Ausländer, ohne Menschen mit dunklerer Hautfarbe und schwarzen Haaren. Und zu dieser Gesellschaft werden wir auch nie wieder zurückkehren. Gesellschaften machen von jeher durch Zuzug und Abwanderung einen Wandel durch. Das ist ganz natürlich. Solche Veränderungen lassen sich nicht aufhalten. Das muss die Botschaft sein. Doch sie wird von der Politik tabuisiert. Solange diese Botschaft aber nicht in den Köpfen der Menschen in Deutschland ankommt, wird Integration niemals gelingen. Und wer diese Veränderung der deutschen Gesellschaft nicht wahrhaben will, soll klar und unmissverständlich sagen, wie er sie aufhalten will, oder für immer schweigen.

Ich selbst kann an dieser Stelle leider noch nicht schweigen, denn die Anerkennung der gesellschaftlichen Realität führt automatisch zu der Frage: Was heißt eigentlich Deutsch-Sein? Viele weichen dem Thema hilflos und überfordert aus, fordern aber im Gegenzug ganz selbstbewusst das Bekenntnis zur „deutschen Leitkultur“. Also: Weißwurst essen? Vorm Zubettgehen Goethe und Schiller lesen? Sekt schlürfen und Bowle trinken? Mit beharrtem Bierbauch, über den sich zur Hälfte ein eibeflecktes Unterhemd spannt, samstags das Auto waschen? Sonntags durch Museen streifen? Einen Gesprächskreis gründen? Gartenzwerge aufstellen? Seine Kinder taufen lassen? Ihnen deutsche Namen geben? Sich die Haut bleichen? Eine Antwort auf die Frage gibt es nicht.

Wir können also nicht benennen, was „deutsche Leitkultur“ ist, aber wir sträuben uns „bis zur letzten Patrone“ gegen Zuwanderung „aus fremden Kulturkreisen“ (der CSU-Vorsitzende Horst Seehofer), wir erklären Multikulti für „gescheitert, absolut gescheitert!“ (die Bundeskanzlerin Angela Merkel) und wir halten Arabern und Türken eine verminderte Intelligenz und Integrationsbereitschaft vor (der SPD-Politiker Thilo Sarrazin). Wir fordern und fordern und fordern. Wenn beim Stichwort Integration allerdings permanent von Forderungen gesprochen wird, dann dürfen auch alle am Wunschtisch Platz nehmen. In einer Demokratie macht man das so. Trotzdem wundern sich manche oder echauffieren sich gar darüber, dass angeblich die „Migranten“ dauernd Forderungen stellten.

Wir brauchen gemeinsame Werte, mit denen wir uns alle identifizieren können. Darüber müssen wir in der Öffentlichkeit diskutieren – und zwar ohne Tabus. Eine vernünftige und nachvollziehbare Forderung wäre beispielsweise: Alle Bürger dieses Landes sollten sich zum Grundgesetz bekennen und Deutsch sprechen können. Leider reicht dies vielen Zeitgenossen nicht aus, wie man sieht. Schade, dass unsere Verfassung denjenigen so wenig wert ist.

Im Deutschland des 21. Jahrhunderts ist es jedenfalls nicht mehr damit getan, seit Generationen hier geboren zu sein, um als Teil der Gesellschaft akzeptiert zu werden. Ich weiß auch nicht, was die „deutsche Leitkultur“ ist. Ich weiß lediglich, man kann auch deutsch sein, wenn man schwarze Haare hat und sogar wenn man Muslimin ist. Dass der Islam samt seinen Anhängern zur Realität dieses Landes gehört, bestreiten heute nur noch Menschen, die sich ihrerseits nicht in unsere Gesellschaft integriert haben.

Der Deutsche ist tot. Lang lebe der Deutsche.

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65 Kommentare
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  1. BlauerBär sagt:

    @Sabberlatz

    Ausgezeichneter Beitrag. Man wird Ihnen aber sicherlich absprechen, als Deutscher eine deutsche Identität bewahren zu wollen. Das geht ja gar nicht. Deutsch ist pfui.

  2. Leo Brux sagt:

    1. Teil
    Sabberlatz schreibt:

    Und zudem ist doch völlig klar: Wenn jeder Migrant unbedingt seine Ursprungskultur bewahren muss oder soll, zerfällt ein Land in zig Grüppchen, die sich alle um politischen und gesellschaftlichen Einfluss streiten. Da es in Deutschland nie eine übergeordnete Identität aller Menschen wie in den USA geben wird (worin soll die bitte bestehen?) und eine unendliche Vielfalt von Mehrfachloyalitäten geschaffen wird, steht am Ende das Erlöschen der Souveränität des Staates Deutschland, da es kein Staatsvolk mit kompatiblen Interessen mehr geben wird, sondern eine Bevölkerung mit zig kleinen Communities.

    Es gibt eine übergeordnete Identität in Deutschland: Sprache + Grundgesetz + Staatsbürgerschaft + gemeinsam gestaltete Politik schaffen sie.
    Wenn etwas diese übergeordnete Identität zerstört, ist es eher der exzessive selbstherrliche Individualismus der Egomanen, der immer mehr um sich greift.

    Ich hoffe, dass die Migranten viel von ihrer ursprünglichen Kultur bewahren. Leider ist das kaum der Fall. Nach drei Generationen ist in der Regel fast nichts mehr davon übrig. Das ist schade, denn es verringert die Vielfalt.

    Es gibt also das Problem nicht, Sabberlatz, von dem Sie sprechen. Jedenfalls nicht durch die Migranten. Die Unfähigkeit, eine Identität auszubilden, müssen Sie schon in sich selbst suchen.

    Dabei könnten wir was von den Migranten lernen: dass wir Menschen soziale Wesen sind, Gemeinschaftswesen. Das bedeutet, dass wir besser lernen sollten, Bindungen einzugehen und Verpflichtungen anzuerkennen – auch wenn das uns Egozentriker oft nicht schmeckt.

    Was tun Sie, Sabberlatz, dafür, dass wir GEMEINSAM unsere GEMEINSAMEN Interessen erkennen? – Sie versuchen, einen Teil der Deutschen auszugrenzen. Ich halte das für einen schlimmen Weg – einen, der mich an unsere finstere Geschichte erinnert, wo wir in der Ausgrenzung eines Teils von uns bis ans völkermörderische Ende gegangen sind.

  3. Leo Brux sagt:

    2. Teil
    Sabberlatz schreibt:

    z. B. an die Migranten aus der Türkei: Was würden Sie zu einer Türkei sagen, in der Islam, Christentum, Judentum oder auch Shintoismus, Buddhismus, etc. alle gleichberechtigt sein sollten? In der islamische Feste inhaltsleer gefeiert werden müssten, damit sich die Mitglieder anderer Glaubensgemeinschaften nicht auf die Zehen getreten fühlen? Wo die Kinder von Einwanderern in ihrer Muttersprache unterrichtet werden sollten? Auf Kosten der Steuerzahler? Wären Sie da auch so für “Multi-Kulti”, auch wenn Sie die Türkei hinterher nicht mehr wiedererkennen würden, oder wäre das etwas anderes?

    Da haben wir Ihr Plädoyer für den Rückschritt. Im Grunde sagen Sie, die Türkei und die Türken in der Türkei machen es richtig: Sie halten sich das Fremde vom Leib, sie wollen keinen Pluralismus, keine Vielfalt.

    Sie,Sabberlatz, plädieren also für türkische Verhältnisse. Unterdrückung des Fremden. Verherrlichung eines mythischen Türkentums respektive Deutschtums.

    Das richtet sich gegen die Moderne, gegen das Grundgesetz, gegen den Pluralismus, gegen die deutsche Realität, gegen den Gang der Geschichte.

    Auch die Türkei wird den Weg gehen, den wir gegangen sind – es dauert nur noch ein wenig. Die Türkei wird ein multikulturelles Land werden, so wie Deutschland. Vielleicht erst in 50 Jahren, aber der Trend ist nicht aufzuhalten. Wohlstand, moderne Kommunikationsmittel, Individualismus werden dafür sorgen.

    Warum sollten in der Türkei nicht Islam und Christentum zwei freie Optionen sein? Und dazu der Agnostizismus – die Unabhängigkeit von jeder Religion? Wollen Sie, Sabberlatz, in Deutschland die Intoleranz wieder einführen, die Sie in der Türkei so zu bewundern scheinen?

  4. Leo Brux sagt:

    Teil 3
    Sabberlatz,

    wir haben nun mal eine Vielfalt von verschiedenen Kulturen in Deutschland. Selbst ohne Migranten hätten wir das. Meine Kultur ist sicherlich eine ganz andere als die eines Friesen, oder die eines Ruhrpottproletariers, oder die meiner mormonischen Nachbarsfamilie, oder die eines jungen Videogame-Freaks. Alles ganz unabhängig von Migranten und Migrationen.

    In Ihrem Kopf existiert eine mystische oder mythische Form von deutscher Kultur. Ich wüsste nicht, worin die bestehen soll. Mir scheint sie ein Wahnprodukt zu sein. Etwas total Verrücktes. Etwas, das Sie auch nicht in Worte fassen können. Das blöde Gerede von der Leitkultur hat das ja schon gezeigt: Diejenigen, die drauf schwören, können nicht sagen, was sie meinen. Weil es Spinnerei ist.

    Mit der Individualisierung unserer Lebensformen haben sich die alten Kollektivformen aufgelöst. Es gibt sie einfach nicht mehr. An dieser Individualisierung sind aber nicht die Migranten schuld. Im Gegenteil, die bringen uns noch manchmal in Erinnerung, wie das Leben ausschaut, wenn man nicht so total auf das Individuelle zurückgeworfen ist wie wir es üblicherweise sind. Die haben noch mehr Familiensinn, zum Beispiel.

    Wogehen Sie also eigentlich rebellieren, ist der exzessive Individualismus. Drum auch die ganz offen geschilderte Bewunderung der noch traditionaleren Kultur, die man in der Türkei noch lebt und erlebt.

    Wie wollen Sie denn nun die Individualisierung wieder rückgängig machen? Denn nur so könnte wieder ein kollektives Deutschtum entstehen. Natürlich dann auch nur um den Preis der Eliminierung alles Fremden. Die deutsche Volksgemeinschaft ist, so scheint mir, Ihr Ideal, Sabberlatz.

    Und da nehmen Sie mir übel, dass mich das an etwas erinnert.

  5. Sabberlatz sagt:

    Was Sie mir hier alles unterstellen… Plädoyer für türkische Verhältnisse… So ein Schwachsinn. Ich bin gegen die Umwandlung sämtlicher Länder der Welt zu USAs. Können Sie sich vorstellen, dass es etwas zwischen einer „arischen Volksgemeinschaft“ und Deutschland als radikaler Neuauflage der USA gibt? Das es sich hier um zwei Radikalismen handelt? Und können Sie sich vorstellen, wie öde eine Welt sein wird, in der jedes Land gleich ist?

    Und im Übrigen sind das Grundgesetz oder die deutsche Sprache nicht gleichbedeutend mit Identität. Eine Sprache kann auch ein bloßes Kommunikationsmittel sein, ohne dass sich der Sprecher gesteigert damit identifizieren würde Das bloße Sprechen einer Sprache oder die Pflicht, sich einem Gesetz zu unterwerfen, haben doch ncihts mit Identität zu tun. Zuwanderer haben sich weder das Grundgesetz ausgesucht noch lernen sie Deutsch, weil die Sprache so toll wäre, sondern in der Regel aus Zwängen heraus: Ohne Deutsch noch keine Chance in Deutschland.

    Es ist ferner bezeichnend, wie Sie ein „Bashing der „Nichtmigranten“ betreiben: Was in Bezug auf Migranten pauschalisierend, kulturalistisch und rassistisch wäre, ist in Bezug auf die Deutschen „ohne Migrationshintergrund“ kein Problem. Die sind in Ihrer Wahrnehmung Egozentriker ohne Sinn für menschliche Bindungen und müssen „am fremden Wesen genesen“. Und dabei sprechen Sie auch noch von „uns“. Wer ist „uns“?

    Zudem: Es ist ein Unterschied, ob jemand eine Kultur „von Innen“ verändert, oder ob Einwanderer ihre Herkunftskulturen als Parallelkulturen in Deutschland verankern wollen. Offensichtlich ist Ihnen der Unterschied nicht klar. Ihnen scheint auch nicht klar zu sein, dass es im Zusammenleben mit Menschen von gleichem oder ähnlichem religiösen Hintergrund weniger Probleme gibt, als zwischen Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund. Friesische oder badische Leute z. B. hätten kein Problem, zusammen ein Grillfest zu feiern, ohne dass es dort grundsätzliche Probleme wegen unterschiedlicher religiöser Speiseregeln gäbe. Diese hätten auch kein Problem mit bestimmten Festen, weil eben der unterschiedliche religiöse Hintergrund nicht da ist. Sicher sind viele Atheisten, aber auch Atheisten feiern christliche Feste wie z. B. Ostern auf „weltliche“ Art mit Ostereiersuchen, etc. Dieser ständige Versuch im Migazin, alle „kulturellen Hintergründe“ in einen Topf zu werfen, sind schon etwas seltsam. Da sind dann Ostdeutsche oder Flüchtlinge aus den Ostgebieten nach dem Zweiten Weltkrieg oder Polen etc. mit Einwanderern aus der Türkei vergleichbar. Und nehmen Sie mal zur Kenntnis, dass meine Interessen und die Interessen von Menschen, die anderen Gruppen zugehörig sind, auseinanderklaffen. Ich bin nicht muslimisch, deswegen habe ich logischerweise kein Interesse an der immer stärkeren Verankerung des Islams in Deutschland, etc. Das bringt die von Ihnen über alles geschätzte Vielfalt nun einmal mit sich: Divergierende Interessen, also stellen Sie sich der Vielfalt und versuchen Sie nicht, diese Interessen mit der deutschen Sprache oder dem Grundgesetz zuzukleistern.

    Weiterhin: Ich habe mitnichten ein „Wahnprodukt“ von deutscher Kultur im Kopf. Ich habe darüber überhaupt nicht geschrieben. Es geht um Loyalitäten, um Zugehörigkeitsgefühle, um die Konstruktion von Antagonismen. Wenn jemand neu zu den Deutschen hinzukommt, dann sollte er irgendwann aufhören, auf seinem Migrationshintergrund herumzureiten, weil er sich damit ja selber von denen, die vorher da waren, abgrenzt. Das tue nicht ich, das tun diejenigen selbst. Es gibt dann in der Zukunft zwei Gruppen von Menschen, die natürlich noch weiter zerfallen: Die mit und die ohne „Migrationshintergrund“. Zu früheren Zeiten gab es so einen Blödsinn nicht. Migranten kamen, veränderten die Gesellschaft von innen, verankerten aber keine Parallelkulturen.

    Weiterhin: Ich plädiere überhaupt nicht dafür, irgendwelche Menschen aus Deutschland hinauszuwerfen oder besondere Gesetze zu erlassen, etc. Ich analysiere lediglich eine Entwicklung. Und in einer Demokratie, die Sie ja so beschwören, können Sie Menschen nicht ihre Gedanken verbieten. Ich muss eine Entwicklung nicht toll finden, nur weil sie existiert. Ich finde die Entwicklung deswegen nicht toll, weil sie meiner Meinung zur Erosion staatlicher Souveränitäten führt und übergreifende Loyalitäten zerstört, so dass Menschen schließllich in großen, post-nationalen Gebilden leben werden, in denen Demokratie keine gesteigerte Rolle mehr spielen wird. Die Meinung müssen Sie nicht teilen, aber es ist der Grund, warum ich Radikal-Multi-Kulti ablehne.

    Und mir zu unterstellen, wenn ich am Schluss meines letzten Postings ausdrücklich für eine gesteuerte Einwanderung plädiert habe, ich wollte eine „Volksgemeinschaft“ und alles Fremde eliminieren, dann ist das schon sehr üble Nachrede und mal wieder die alte Nazikeule. Jeder, der nicht für RADIKAL-Multi-Kulti ist, ist ein Nazi, sicher. Sie sind nicht fähig, Zwischenräume zu sehen. Für Sie gibt es nur Extreme. Arische Volksgemeinschaft oder Land im Stil der USA. Dazwischen existiert gar nichts.

  6. Kehrhelm Kröger sagt:

    Ich habe den Begriff Deutschtum benutzt und jemand hat gefordert, dieser Begriff müsse mal definiert und mit Inhalten gefüllt werden. Es würde den Rahmen eines Kommentarbereichs sprengen, darüber jetzt ein Essay zu verfassen. Trotzdem ist hier wieder etwas sehr bemerkenswert. Es gibt ja bekanntlich auch den Begriff Türkentum und sogar den Straftatbestand ‚Verunglimpfung des Türkentums‘ in der Türkei, der zum Beispiel erfüllt ist, wenn jemand den Genozid an den Armeniern leugnet. Man stelle sich mal parallel dazu in Deutschland einen Paragraphen gegen ‚Verunglimpfung des Deutschtums‘ vor, der beim Bekennen des Holocausts an den Juden greift! Was in der Türkei und im Fall des Türkentums gilt, offenbart wieder mal den Abgrund zwischen den „Kulturen“; bei uns ist nämlich das Leugnen der Verbrechen der Deutschen eine Straftat, bei den Türken das Eingestehen von deren Verbrechen– der Unterschied könnte krasser nicht sein.

    Komischerweise scheint sich am Begriff Türkentum nie jemand zu stoßen, beim Wort Deutschtum springen dagegen die Leute von den Stühlen wie von der Tarantel gestochen. Vorschlag zur Güte: wie wär’s wenn wir in der BRD für einen Straftatbestand ‚Verunglimpfung des Deutschtums‘ plädieren, für Fälle in denen irgendwie die Ehre der Deutschen angekratzt wird oder so?

  7. Kehrhelm Kröger sagt:

    Noch was zum Begriff Volksgemeinschaft, den hier einige ins Lächerliche ziehen. Helmut Schmidt der Kettenraucher hat mal mit Blick auf Multikulti gesagt, man kann aus der gewachsenen deutschen Volksgemeinschaft mit einer immerhin über 1000jährigen Geschichte seit Otto I. nicht nachträglich einen Schmelztiegel machen. Dazu sage ich: Amen. Nur schade, dass besagter Helmut Schmidt seinerzeit nichts dazu beigetragen hat, diese Volksgemeinschaft zu bewahren, sondern Multikulti den Boden bereitet hat.

  8. Leo Brux sagt:

    1. Was Sie mir hier alles unterstellen… Plädoyer für türkische Verhältnisse… So ein Schwachsinn.

    Nein, Sabberlatz,
    lesen Sie nur mal Ihre eigene Eloge auf die türkischen Verhältnisse – auf die traditionale volksgemeinschaftliche Identität der Türken – eine solche ist es, worauf Sie auch für Deutschland hinaus wollen.

    Das ist, ich weiß, nicht „arisch“ gemeint, nicht nazistisch, Sie sind da schon großzügiger und bereit, auch ein bisschen (ursprünglich) Fremdes einzubauen, aber volksgemeinschaftlich homogen soll es eben doch zugehen – Sie halten das für notwendig und gesund.

    Identität gibt es nicht mehr im traditionalen Sinne als Identität DER Deutschen, außer in dem abgeschwächten Sinne, den ich im 1. Teil meiner ersten Antwort beschrieben haben. Identität ist heute primär individuelle Identität, nicht kollektive. Das kann man bedauern, aber es ist nun mal so, und dass es so ist, dafür können die Einwanderer am allerwenigsten.

    Unsere Einwanderer realisieren keine dauerhaften Parallelgesellschaften. Parallelgesellschaften gibt es immer nur am Anfang – sie lösen sich über mehrere Generationen hinweg auf.

    Man könnte sich auch fragen, ob es nicht in einem gewissen Sinne in einer jeden Gesellschaft Parallelgesellschaften gibt und gegeben hat. Auch ohne Migranten gibt es in Deutschland unterschiedliche Kulturen, unterschiedliche Gesellschaften, die wenig Kontakt und Austausch pflegen. Parallelgesellschaften von Migranten kommen da vorübergehend dazu, um dann allmählich in die ursprünglichen („deutschen“) Parallelgesellschaften einzuordnen.

    Wenn Sie ein Grillfest feiern wollen, wird Ihnen als Deutschem das in der Regel mit Türken besser gelingen als mit irgend welchen anderen Deutschen. Türken können das einfach besser. Meiner Erfahrung nach. (Es gibt andere Dinge, da sind wir besser, aber im Feste feiern und im Partywesen sind die Türken uns dann über, wenn der Anlass nicht ein formeller ist – türkische Hochzeitsfeierlichkeiten können etwas öde ausfallen. Aber die kleinen familiären Feste … Die Unterschiede bezüglich des Essens und Trinkens spielen da eher eine unterhaltsame als eine störende Rolle.

    Ich bin auch kein Muslim, aber anders als Sie habe ich trotzdem ein großes Interesse daran, den Islam in Deutschland zu verankern: ein staatsbürgerliches Interesse. Ich halte Spaltungen für destruktiv, Exklusion für schädlich. Ich habe also ein elementares Interesse daran, dass der Islam auch institutionell und vom Alltagsbewusstsein her ein Teil von Deutschland wird.

    Es geht um Loyalitäten, um Zugehörigkeitsgefühle, um die Konstruktion von Antagonismen.

    Typischerweise versuchen Sie auch jetzt nicht, uns zu erklären, was denn dieses mythische Deutschsein eigentlich beinhaltet. Würden wir die Migranten willkommen heißen, würden sie ganz schnell Loyalität und Zugehörigkeitsgefühl entwickeln. WIR haben als Deutsche den Antagonismus konstruiert – WIR sind also verantwortlich, wenn es an Loyalität und Zugehörigkeitsgefühl mangeln sollte. Und SIE, Sabberlatz, tun alles dazu, dass sich ein Einwanderer nicht loyla und zugehörig verhalten kann. SIE erklären ihm nämlich, dass er nicht dazugehört und dass Sie ihn nicht hier haben wollen.

    Auch wenn Sie am Schluss – inkonsequent – von gesteuerter Einwanderung sprechen. Alles, was Sie davor gesagt haben, spricht nicht nur dafür, Einwanderung fast völlig zu unterbinden, sondern auch dafür, die meisten von denjenigen, die schon eingewandert sind, zu deportieren. Aus Ihrer Analyse FOLGT die Notwendigkeit der Deportation, auch wenn Sie das – verständlicherweise – leugnen. Denn Ihrer Meinung nach findet eine Integration bzw. Assimilation nicht statt, die Migranten bleiben dauerhaft Fremdkörper und zerstören Deutschland von innen heraus. Die Konsequenz aus einer solchen Analyse ist klar, auch wenn Sie sie zu verschleiern versuchen.

    Bemerkenswert finde ich auch, dass Sie auf meinen Hinweis auf den Individualismus kaum eingehen.

  9. BlauerBär sagt:

    „Ich bin auch kein Muslim, aber anders als Sie habe ich trotzdem ein großes Interesse daran, den Islam in Deutschland zu verankern: ein staatsbürgerliches Interesse. Ich halte Spaltungen für destruktiv, Exklusion für schädlich. Ich habe also ein elementares Interesse daran, dass der Islam auch institutionell und vom Alltagsbewusstsein her ein Teil von Deutschland wird. “

    Dann weiss man ja jetzt, woran man bei ihnen ist. Glücklicherweise sehen genau das immer mehr Menschen- und mittlerweile eine große Mehrheit – genau anders.

    Wir wollen einfach nicht zurück ins Mittelalter, akzeptieren sie das bitte.

  10. Fikret sagt:

    Welche Deutsche? Bayer, Preuße,Berliner, Ossi, Rußlanddeutsche, Heimatvertriebene ……? Die Supernationalisten dürfen grübeln. Otto- Normalbürger braucht nur aus dem Fenster zu gucken.


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