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Migration und Integration in Deutschland

Erwerbsquoten der inländischen (43 %) und ausländischen (70,8 %) Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland im Jahre 1970.

Friedrich Heckmann, Die Bundesrepublik als Einwanderungsland?, 1981

Leos Wochenrückblick

12. Juni: Die Türkei wählt – und Deutschland schaut zu.

Warum Erdogan gewinnen wird. Ergenekon und das Ende der Macht des Militärs. Eine Partei wird gerufmordet – wer steckt dahinter? Brauchen Männer die Vielehe? — Niederlande: SGP für den Gottesstaat – und doch an der Regierungsmacht beteiligt

VONLeo Brux

 12. Juni: Die Türkei wählt – und Deutschland schaut zu.
Leo Brux, 1950 in München geboren, ist u. a. Integrationskurs-Lehrer bei der InitiativGruppe – Interkulturelle Begegnung und Bildung e.V., einem großen Träger der Integrationsarbeit in München. Migrations- und Integrationsfragen beschäftigen ihn seit den frühen 70er Jahren sowohl praktisch als auch theoretisch, privat und beruflich. Für die InitiativGruppe schreibt er einen Migrationsblog.

DATUM30. Mai 2011

KOMMENTARE92

RESSORTAktuell, Meinung

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Am 12. Juni wählt die Türkei. Der Schatten des Ereignisses fällt auch auf Deutschland. Die seit 2002 regierende AKP unter Erdogan wird erneut gewinnen – soviel ist sicher. Aber wie hoch? Das Ausmaß kann für die Türkei historische Konsequenzen haben.

Warum Erdogan gewinnen wird.

Die WELT erklärt es so:

Es ist die Wirtschaft. Es ist der Aufstieg der vor 2002 unterprivilegierten, meist sehr religiösen Landbevölkerung.

… so kritisch manche innenpolitische Entwicklung gesehen werden kann, so hat die AKP andererseits seit ihrer Regierungsübernahme 2001 eben auch die alten Zöpfe abgeschnitten, Monopole zerschlagen, die Kartelle durchbrochen. So wurden beispielsweise zwischen 1985 und 2002 Unternehmen im Wert von ganzen acht Milliarden Dollar privatisiert. Von 2003 bis 2010 waren es dagegen fast 48 Milliarden Dollar. Die AKP brachte genau das fertig, wozu vorherige Regierungen jahrzehntelang nicht fähig waren. Darin liegt der Erfolg der türkischen Wirtschaft begründet. Das erkennen inzwischen auch die alten Eliten an.

Und die internationalen Investoren. „Die Türkei gehört heute zu den am dynamischsten wachsenden Volkswirtschaften“, lobt Gregor Holek, Experte für Schwellenländer bei der Anlagegesellschaft Raiffeisen Capital Management. Das Bruttoinlandsprodukt hat sich seit 2003 verdreifacht, das Wachstum betrug 2010 fast neun Prozent – nur wenige Länder waren da noch besser. Für dieses Jahr werden rund sechs Prozent erwartet. Die Staatsschulden betragen gerade einmal 35 Prozent der Wirtschaftskraft – halb so viel wie in Deutschland, vom Nachbarn Griechenland ganz zu schweigen. „Das Land steht kurz davor, von den Rating-Agenturen das Siegel ‚Investmentgrade‘ zu erhalten“, so Holek. Seine Staatsanleihen würden damit zu einem attraktiven Anlageziel für die weltweiten Investoren.

Man vergleiche mit dem Nachbarn, mit Griechenland …

Es hat sich die Erkenntnis durchgesetzt: Die EU will die Türkei nicht und die Türkei braucht die EU nicht. „Ob wir irgendwann Mitglied werden oder nicht, das macht für die Zukunft unseres Landes keinen Unterschied“, sagt Sabanci-Chef Kurtul.

Die Türkei ist glücklich, auch ohne die EU. Und fast scheint sie als ein Land der Sorglosigkeit mit strahlender Zukunft.

Allerdings hat sich die Türkei ein gefährlich hohes Leistungshandelsdefizit aufgebaut. Um es abzubauen, müsste die Regierung die Zinsen erhöhen, den Konsum drosseln, sparen und sparen lassen.

Das würde weh tun – und weh tun möchte die Regierung dem Volk nicht, solange die neue Verfassung nicht durch ist …

Immerhin, seit einem Jahrzehnt boomt die türkische Wirtschaft. Man kann das Wählervertrauen in die AKP verstehen.

Man kann es aus einem weiteren Grund verstehen:  

Ergenekon. Die Regierung hat einen Militärputsch vereitelt und die Macht des Militärs gebrochen

Die demokratisch gewählte und damit legitime Regierung der Türkei war von Anfang an gefährdet durch das, was ich „Militärkemalismus“ nennen möchte. Noch 1998 hat er das letzte Mal eine Regierung aus dem Amt geputscht. Ein weiterer Putsch war offensichtlich in Planung: Ergenekon.

Gunnar Köhne gibt im Deutschlandradio einen ausgewogenen und für den deutschen Beobachter verständlichen Überblick.

Auch nachdem die Armee die Macht wieder in demokratische Hände übergeben musste, hielt sie im Hintergrund weiter die Fäden in der Hand. Neben den staatlichen Institutionen etablierte sich ein militärisch-bürokratisches Netzwerk, das als sogenannter „tiefer Staat“ in den türkischen Wortschatz einging. Dieses Netzwerk intervenierte immer wieder, wenn es darum ging, die angeblichen „nationalen Interessen“ des Landes zu wahren – wenn nötig auch mit Gewalt. Mit Ergenekon bekam das Phantom „tiefer Staat“ einen Namen.

Die lange in der Türkei herrschende Nomenklatura aus Militär, Juristen und dem Istanbuler Großbürgertum fühlte sich von dieser Politik herausgefordert. Ihre staatliche Ordnung lebte bis dahin von der Existenz innerer wie äußerer Feinde. Wer das Prinzip des Laizismus in Frage stellt, wird der religiösen Reaktion angeklagt. Wer mehr Rechte für Kurden fordert, fällt unter Separatismusverdacht. Nicht Demokratie, sondern die türkische Nation und der Schutz des türkischen Staates stehen für sie im Mittelpunkt. Ihnen ist alles andere unterzuordnen. Sie geben vor, damit im Sinne des Republikgründers Mustafa Kemal Atatürk zu handeln.

Damit hat die AKP-Regierung nun erfolgreich Schluss machen können. Ein weiterer Grund, ihr ein historisches Verdienst zuzusprechen.

Doch es gibt warnende Stimmen:

„Die AKP hat das Ergenekon-Verfahren politisch instrumentalisiert. Sie schlägt nicht bloß gegen diejenigen los, die für politische Morde verantwortlich sind und Putsche geplant haben. Sondern sie nimmt jeden ins Visier, der sich öffentlich gegen sie äußert. Ergenekon wird zum Vorwand eines anti-demokratischen Weges.“

Die Türkei hat nach wie vor keine Verfassung, die die Bürger vor der Staatswillkür schützt. Das eine Machtzentrum ist gefallen – jetzt liegt fast alle Macht in den Händen eines neuen Machtzentrums. Die politische Erfahrung zeigt, dass das brandgefährlich ist. Vielleicht ein Beispiel:

Eine Partei wird gerufmordet und aus dem Rennen gedrängt

Recht entspannt und ohne Partei zu ergreifen stellt Kai Strittmatter in der Süddeutschen Zeitung ein möglicherweise zukunftsentscheidendes Drama im aktuellen türkischen Wahlkampf dar. Eine Bande von technisch bestens ausgerüsteten Spionen hat 10 führende Persönlichkeiten der dritten Partei im türkischen Parlament, der MHP, durch Videos bloß gestellt, die die Herren beim Fremdgehen zeigen. Schon im Vorjahr ist ihnen (vermutlich denselben) der CHP-Vorsitzende Baykal zum Opfer gefallen.

Der Skandal hält die Türken aus mehreren Gründen im Bann. Die mit versteckten Kameras aufgenommenen Videos stammen zum Teil aus den privaten Schlafzimmern der Politiker. Es trifft allesamt Funktionäre einer einzigen Partei, der MHP. Und genau aus diesem Grunde sind sich die Beobachter einig: Es ist ein Komplott mit dem Ziel, die Politik zu manipulieren, die nach den Wahlen mit der Arbeit an einer neuen Verfassung vor einer historischen Weichenstellung steht. Allerdings herrscht Uneinigkeit, wer hinter dem Komplott steckt.

Klar ist: Hier explodierte eine „schmutzigen Bombe“ – so die Zeitung Vatan – die das Ziel hat, die MHP aus dem Parlament zu kippen.

Da man ausschließen kann, dass eine MHP-interne Gruppe dahinter steckt, bleiben als potentielle Täter (und Nutznießer) nur CHP und AKP (bzw. von ihr gesteuerte oder geduldete Staatsorgane) übrig.

Nun fliegen die Anschuldigungen hin und her. MHP und CHP sehen in der mysteriösen Webseite mit dem Namen Farkli Ülkücülük („Ein anderer Idealismus“) ein schmutziges Spiel der Regierung. Die AKP weist diesen Verdacht zurück, empörte AKP-Politiker weisen darauf hin, dass die in den Umfragen schwächelnde CHP ebenfalls kräftig profitieren würde von einem Scheitern der MHP – und sehen gar die Regierungspartei als Opfer einer Intrige. Die „dunklen Mächte“ des alten Apparats wollten der AKP den Skandal in die Schuhe schieben, sagte der Vizechef der AKP-Fraktion Mustafa Elitas. Die Theorie der Regierungsfreunde geht so: Die kemalistische CHP solle auf Kosten der MHP gestärkt werden, gleichzeitig sollen frustrierte MHP-Anhänger auf die Straße getrieben werden, um Chaos zu säen und die Arbeit der Regierung unmöglich zu machen.

Dem neutralen Beobachter fällt auf, dass keine AKP-Politiker betroffen sind. Welchen Sinn soll es für die CHP machen, der AKP die verfassungsändernde Mehrheit auf dem Tablett zu servieren? Wenn die CHP das Unternehmen zu verantworten hätte, würde sie dann nicht eher die AKP mit peinlichen Enthüllungen zu treffen versuchen?  

Müsste man dann nicht auch annehmen, dass die Täter rasch festgestellt und verhaftet würden, wenn sie „nur“ von der Opposition kämen? Nur wenn der Staat selbst hinter der Kampagne steht, können die Täter sicher sein, dass man ihr politisches Spiel nicht durch eine Entdeckung verdirbt.

Man lese also noch mal, was weiter oben über den „Tiefen Staat“ des Militärkemalismus zitiert worden ist. Soll nun eine schlimme türkische Tradition fortgesetzt werden?

Hier fängt der türkische Streit an, in die deutsche Debatte mit einzufließen. Ich höre mir aufmerksam an, wie meine türkischen Freunde in dieser Sache argumentieren.

Sibel Üresin: Männer sind von Natur aus untreu und brauchen darum mehr legal zu heiratende Frauen

Auf eine witzige Weise bestätigt eine AKP-Politikerin die Skeptiker. Sibel Üresin ist 35, prominente Familienberaterin, verheiratet. Sie schlägt vor, die Türkei solle die islamische Vielehe wieder einführen – weil Männer von Natur aus mit einer Frau kaum zufrieden sein können. Besser, sie können ihre natürlichen Bedürfnisse und Erwartungen im Rahmen einer legalen Vielehe befriedigen, als dass sie den Weg über Fremdgehen und Scheidung gehen müssen. 85% der türkischen Männer würden ihre Ehefrauen betrügen, so schätzt sie …

Der Tagespiegel bezieht diese bemerkenswerte Einlassung nicht auf den oben dargestellten aktuellen Streit, ob oder ob nicht Staatsorgane (und die AKP) hinter der massiven Rufmordkampagne stecken.

Unterstellen wir, Sibel Üresin habe insoweit richtig beobachtet, dass die Männer ihres Erfahrungsbereichs zum Fremdgehen neigen, dann müssten die Rufmord-Täter (etwa von der CHP!) ziemlich viele AKP-Abgeordnete genauso in peinlichen Intimsituationen erwischen können, wie es Baykal und den 10 MHP-Männern passiert ist.

Aber was ist von diesem Teil der Argumentation zu halten:

Vielehe sei auch im Interesse der Erstfrau, meint Sibel Üresin. Was sucht der Mann in der Frau? – Eine stets bereite Sexualpartnerin, zugleich eine treu sorgende Mutter für seine Kinder, zugleich eine liebevolle Freundin und Beraterin, zugleich eine tüchtige Organisatorin seines Haushalts. Das überfordere viele Frauen. Die Last ließe sich reduzieren, wenn die Frau sie mit anderen teilen könnte.

– Hallo! Man könnte und sollte das umdrehen: Was sucht die Frau im Mann? Sie braucht einen immer bereiten Sexualpartner, dazu einen potenten Geldverdiener, einen treusorgenden Vater ihrer Kinder, einen tüchtigen Organisator des Haushalts, einen lieben Freund und klugen Berater. EIN Mann ist da doch völlig überfordert …

Wird sich in Deutschland auch nur eine gläubige Muslima finden lassen, die Sibel Uresins Argumentation folgt? Ich kann es mir kaum vorstellen. Auch in der Türkei findet sich DAFÜR wohl nicht viel öffentliches Verständnis.

Niederlande: Christliche Fundamentalisten bestimmen die Regierungspolitik mit

Bevor sich aber nun unsere Türkeifeinde zu sehr bestärkt fühlen – diese kleine Geschichte aus den Niederlanden, berichtet in der WELT:

Die holländische Regierungskoalition unter Rutte hat nun nicht nur den fanatischen Islamfeind Geert Wilders ins Boot geholt, sondern auch die SGP:  

Die ultraorthodoxe SGP ist eine religiöse Nischenpartei in der niederländischen Politiklandschaft. Sie hat gerade einmal 27.000 Mitglieder und wettert gegen Emanzipation der Frauen und die Rechte von Homosexuellen, Letztere dürfen nicht beitreten, Erstere keine politischen Ämter übernehmen. Die Partei strebt einen Gottesstaat an, befürwortet die Todesstrafe und lehnt Abtreibung, Sterbehilfe und pränatale Diagnostik ab. … Versicherungen nehmen SGP-Mitglieder aus prinzipiellen Gründen nicht auf, so fahren sie Auto ohne Kfz-Versicherung. Impfungen sind bei den Bibeltreuen verpönt, da „gesunde Menschen keinen Arzt brauchen“.

Wie geht das zusammen mit dem säkularen Staat – den man doch gegen die Muslime zu verteidigen vorgibt?

Was meinen unsere vielen Wilders-Fans zur Zusammenarbeit mit einer Partei, die den christlichen Gottesstaat fordert?

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92 Kommentare
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  1. Serdar sagt:

    Sibel Üresin: Männer sind von Natur aus untreu und brauchen darum mehr legal zu heiratende Frauen

    Auf eine witzige Weise bestätigt eine AKP-Politikerin die Skeptiker. Sibel Üresin ist 35, prominente Familienberaterin, verheiratet. Sie schlägt vor, die Türkei solle die islamische Vielehe wieder einführen – weil Männer von Natur aus mit einer Frau kaum zufrieden sein können. Besser, sie können ihre natürlichen Bedürfnisse und Erwartungen im Rahmen einer legalen Vielehe befriedigen, als dass sie den Weg über Fremdgehen und Scheidung gehen müssen. 85% der türkischen Männer würden ihre Ehefrauen betrügen, so schätzt sie …

    Eine kleine Korrektur. Üresin will nicht die „islamische“ Vielehe einführen, sondern einfach Vielehe. Das ist durchaus ein Unterschied. Denn wenn die Vielehe in der Türkei legal wäre, würden genau die gleichen Bedingunen und Regelungen gelten wie es bei der gängien Ehe eben der Fall ist.

    Üresin hat da durchaus rationale Gründe vorzubringen. Nämlich, das viele Frauen als Zweit oder sogar als Drittfrau leben und gesetzlich nicht geschützt sind. Die Vielehe wird auch nich solangsam verschwinden. Also was machen wir? Wir legalisieren die Vielehe, somit wären die Frauen gesetzlich geschützt und krankenversichert.

    Da würde sich ein Mann die Ehe mit einer zweiten oder dritten Frau nochmals überlegen. Zumal es dann noch schwieriger wäre, sie zufriedenzustellen. Mal abgesehen von den Versicherungen.

    Ich bin nicht für eine Legalisierung der Vielehe, aber die Begründung ist durchaus nachvollziehbar!

  2. Leo Brux sagt:

    Da wir ja außerdem für Gleichberechtigung sind – eine unwiderstehliche Norm in unseren Zeiten, nicht wahr? – sollten wir auch die Berechtigung der Mehrmännerehe in Betracht ziehen. Auch für diese gäbe es gute Gründe …

    Was an Sibel Üresins Argumentation so stutzig macht, ist für mich nicht das Plädoyer für die Mehrehe, sondern die Einseitigkeit der Angelegenheit. Als ob Frauen nicht genauso außereheliche Gelüste entwickeln würden. Und außerdem – ich darf mich selber zitieren:

    Was sucht die Frau im Mann? Sie braucht einen immer bereiten Sexualpartner, dazu einen potenten Geldverdiener, einen treusorgenden Vater ihrer Kinder, einen tüchtigen Organisator des Haushalts, einen lieben Freund und klugen Berater. EIN Mann ist da doch völlig überfordert …

  3. Baltazar sagt:

    @ Leo Brux

    Sie argumentieren mit einer fiktionalen Annahme, dass Frauen genauso wie Männer eine „Mehrehe“ wünschen. Tatsächlich würde dies bei 1% der Frauen entsprechen, während ca. 50% der Männer das in Erwägung ziehen würden. Da auch umgekehrt nur 0,1% der Männer tolerieren würden, dass die Frau einen zweiten Mann hat, erübrigt sich ihre feministische Fehlsicht. Zeigen Sie mal bitte wo es eine Mehrehe mit einer Frau und zwei Männern gibt? Natürlich außer bei Millionärsgattinen, die sich ihre Männer kaufen. Umgekehrt gibt es mehr als 100.000 Mehrehen mit zwei Frauen. Außerdem hat der Kommentator Recht, wenn er sagt, dass die Legalisierung sie besser schützen würde vor Willkür und ihnen auch eine Witwenrente zustehen würde.

  4. Baltazar sagt:

    Sie argumentieren mit einer fiktionalen Annahme, dass Frauen genauso wie Männer eine „Mehrehe“ wünschen. Tatsächlich würde dies bei 1% der Frauen entsprechen, während ca. 50% der Männer das in Erwägung ziehen würden. Da auch umgekehrt nur 0,1% der Männer tolerieren würden, dass die Frau einen zweiten Mann hat, erübrigt sich ihre feministische Fehlsicht. Zeigen Sie mal bitte wo es eine Mehrehe mit einer Frau und zwei Männern gibt? Natürlich außer bei Millionärsgattinen, die sich ihre Männer kaufen. Umgekehrt gibt es mehr als 100.000 Mehrehen mit zwei Frauen. Außerdem hat der Kommentator Recht, wenn er sagt, dass die Legalisierung sie besser schützen würde vor Willkür und ihnen auch eine Witwenrente zustehen würde.

  5. Serdar sagt:

    @Leo Brux

    Was an Sibel Üresins Argumentation so stutzig macht, ist für mich nicht das Plädoyer für die Mehrehe, sondern die Einseitigkeit der Angelegenheit. Als ob Frauen nicht genauso außereheliche Gelüste entwickeln würden.

    Streng genommen geht es ja nicht um die Einführung der Vielehe. Die gibt es ja in der Türkei, sie ist nur nicht legal! Es geht also nicht darum die Vielehe als noch nicht bekannt Eheform einzuführen. Sondern den Status der jetzigen vorhandenen Frauen zu legalisieren.

    Ihre grundsätzliche Erwägung in Ehren, aber die Legalisierung der Vielehe würde am patriarchalen System ja gar nichts ändern. Es würde ja nichts neues bringen, sondern schon einen vorhandenen legalisieren und an Bedingungen knüpfen.

    Ich weiß das ist jetzt eine etwas müßige Analogie, aber die Legalisierung der Prostitution hatte den gleichen Impetus. Nämlich die Frauen in ihrer jetzigen Situation abzusichern. Diese Institution abzuschaffen ist unmöglich, da verbessert man die Lage der Frauen.

    Was eigentlich gemacht werden müsste: Bildung für Frauen und Mädchen. Aufklärungsarbeit und die Sicherung ihre Unabhängigkeit. Dann bräuchts auch keine Legalisierung der Vielehe und anderer Dinge. Das Thema wäre weg. Aber stattdessen beschäftigt man sich mit populisitischen Maßnahmen. Jämmerlich!

  6. Oki sagt:

    Mir hat das Beispiel aus der Türkei, aber auch der Kommentator Serdar hier einmal mehr deutlich gemacht das es offensichtlich, wie in den letzten 1400 Jahren, keinen Fortschritt gibt bei Ländern und Menschen die unter islamischem Einfluß stehen. Ihr Ziel ist es die teils schlimmen und aus dem 7ten Jahrhundert stammenden Regeln, Rituale und Vorgaben des Korans und der Sunna umsetzen zu wollen. Das ein Doktorand der Universität Frankfurt, wie Serdar, das Schariaelement Vielehe einführen will zeigt das. Man muss sich im klaren sein das aber nur der Anfang ist, das Ziel ist Scharia und zwar komplett.

    Der Author dieses Wochenrückblicks fragt.
    „Wird sich in Deutschland auch nur eine gläubige Muslima finden lassen, die Sibel Uresins Argumentation folgt?“
    Selbstverständlich, die Mehrheit sogar, denn der Koran und damit angebelich Gott, gibt es so vor. Es geht dann nicht mehr darum ob es richtig oder falsch ist, ob es einem gefällt oder nicht, oder ob es bessere Alternativen gäbe. Es steht so geschrieben und man hat es so zu machen als guter Muslim, wenn man ins Paradies kommen will.
    Moslems wie Sibel Üresin finden zudem „Argumente“, so abwegig sie auch sein mögen, für ihre Positionen, wie das Beispiel Vielehe zeigt und sie würden auch Argumente für die Überlegenheit einer Strafe wie Hand abhacken bei Diebstahl finden. Oder wenn es um die richtige Bestrafung bei Ehebruch geht. Oder warum es für eine Gesellschaft besser ist das Homosexualität schariakonform mit dem Tode bestraft wird. Es würden sich auch Argumente finden lassen warum man mit Menschen die den Islam verlassen so umgehen sollte wie Mohammed es tat und wie der Koran es fordert.

    Bei Sibel Uresins geht es schlicht darum den Weg zu bereiten die Türkei auf staatlicher Ebene zu reislamisieren. Also das rückgängig zu machen was Atatürk abgeschafft hat, Scharia. Dabei muss man anmerken das auch die Demokratie als unislamische Staatsform gilt. NIcht umsonst hat Erdogan die Demokratie mit einer Zugfahrt verglichen, wo man aussteigt wenn man da ist wo man hin will.
    Ziel ist ein Staat in dem „Allahs Gesetze“ umgesetzt sind. Und mit Allah diskutiert man nicht, daher sind bessere Argumente irrelevant.

  7. Leo Brux sagt:

    Baltazar,

    sind Sie sich sicher, dass 50% der Männer eine Mehrehe in Erwägung ziehen würden? Und WENN sie dann tatsächlich in Erwägung gezogen würde — was ja wohl in unseren Breiten und Zeiten nur selten der Fall ist — dass dann nur 1% der Frauen sich den Zweitmann oder sogar den Drittmann auch wünschen würden?

    Die Mehrmännerehe gibt es bisher nicht – weil wir bisher eher patriarchalische Verhältnisse gehabt haben, in denen vor allem die Bedürfnisse der Männer und weniger diejenigen der Frauen im Vordergrund gestanden haben. Das ändert sich jetzt, nicht wahr? In Deutschland hat es sich dramatisch geändert.

    Es ist schon ziemlich gewagt, lieber Baltazar, die patriarchalische Vergangenheit zum Beleg dafür heranzuziehen, was natürlich und männer- und frauengemäß ist und was nicht.

    Ob Männer die Mehrmännerehe tolerieren würden? Ich schätze mal, in Deutschland eher mehr als in der Türkei. Die 0,1% stimmen aber wohl nicht einmal für die Türkei. Was glauben Sie, wie viele von uns Männern schwach sind und sich einer starken Frau gern unterordnen! Oder unterordnen müssen.

    Was aber in beiden Ländern heute überwiegt, ist die romantische UND partnerschaftliche Beziehung. Und die geht nur 1:1. Sie mag oft nicht auf Dauer sein, sie mag nur in einem Teil der Fälle übergehen in eine dauerhaft gelingende Zweierbeziehung, aber das ist die zeitgemäße Option.

    Der einen Hälfte (den Männern) die Vielehe zuzugestehen, der anderen Hälfte (den Frauen) aber nicht, na ja, Baltazar, das können Sie unseren Frauen schon mal vorschlagen. Die Reaktion wird eindeutig sein, und wenn Sie ein paar seelische Kratzspuren davontragen sollten, Baltazar, dann sollten Sie sich nicht beklagen, denn aufgrund Ihrer Unverschämtheit hätten Sie die verdient.

    Mein Argument ist übrigens keineswegs feministisch. Ich bestehe nur auf der Gleichberechtigung. Ich bestehe darauf auch gegenüber den Feministinnen, die nicht hinreichend berücksichtigen, dass das schwache Geschlecht heute eher die Männer sind: siehe die geringere Lebenserwartung und das sehr viel häufigere Scheitern im Leben (Gefängnis, Drogen und Suff, Selbstmord, Wahnsinn, Obdachlosigkeit, … ), siehe auch den Unterschied im Schulerfolg. Möglicherweise kommt es heute in Deutschland schon häufiger vor, dass der Mann von der Frau unterdrückt wird als umgekehrt. Die Zahl der türkischen Männer in Deutschland, die unter der Überlegenheit ihrer Ehefrauen leiden, scheint ebenfalls beträchtlich zu sein.

    Was die Türkei anbelangt, Baltazar, so hoffe ich doch, dass es die Frauen – mit und ohne Kopftuch – euch Machos schon noch zeigen werden, wo der Bartel den Most holt …

    In Deutschland hingegen werden wir Männer mal gemeinsam mit den vernünftigen, an Gleichberechtigung orientierten Frauen schauen müssen, wie die offensichtliche Benachteiligung der Jungen in Erziehung und Schule kompensiert werden könnte. Wenn die Jungs statistisch gesehen so eklatant schlechter davon kommen, dann stimmt da was nicht, und es ist besser, wir kümmern uns jetzt schon um das Problem, als dass wir es verschleppen.

  8. NDS sagt:

    Das Problem ist, dass durch diese Diskussionen erst der Eindruck erweckt wird, wie Männer und Frauen „von Natur aus“ so seien. Dabei ist die Welt das, was wir daraus machen, in dieser Diskussion nämlich betonen wir die patriachalen Strukturen und „allseits bereite“ Männer und mit der Sexualität ihrer Männer überforderte Frauen. Falsch ist übrigens, dass es die Vielmännerei nicht gibt: In einer Region in Tibet gibt es sie und die Leute verteidigen sie damit, dass dann pro Mann weniger Kinder geboren werden und der Reichtum einer Familie nicht gefährdet ist.

  9. KTL sagt:

    „Da wir ja außerdem für Gleichberechtigung sind – eine unwiderstehliche Norm in unseren Zeiten, nicht wahr? – sollten wir auch die Berechtigung der Mehrmännerehe in Betracht ziehen. Auch für diese gäbe es gute Gründe … “

    Weiter so, Herr Brux! Chapeau!!

  10. Leo Brux sagt:

    Oki,

    Serdar sagt in seiner ersten Post ausdrücklich:

    Ich bin nicht für eine Legalisierung der Vielehe, aber die Begründung ist durchaus nachvollziehbar!

    Eine sachliche Debatte nimmt das zur Kenntnis und unterstellt nicht einfach das Gegenteil. Die sachliche Debatte wird um die Frage gehen, ob die Begründung wirklich nachvollziehbar ist.

    Sind Sie an einer sachlichen Debatte interessiert? – Dann entschuldigen Sie sich mal bitte für Ihre Entgleisung.

    Alle gläubigen Muslimas, mit denen ich bisher über das Thema kommunizieren konnte, gehen selbstverständlich davon aus, dass die Einehe die islamisch richtige Form ist. Sie sagen vielleicht, dass es ja früher und unter besonderen Umständen mal anders gewesen sei, aber heute sei die Einehe die gebotene Form.

    Wie kommen Sie darauf anzunehmen, die meisten Muslime seien anderer Meinung? Das Muster kennen wir: Sie wählen sich eine möglichst fundamentalistische Koraninterpretation und schließen dann auf die Mehrheit der Muslime. Dabei leitet Sie keinerlei persönliche Erfahrung, auch kein Gefühl des Anstands bringt Sie dazu, Ihre Behauptung durch Nachfrage zu prüfen.


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