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Migration und Integration in Deutschland

Der große Wert der Ausländerbeschäftigung liegt darin, dass wir hiermit über ein mobiles Arbeitskräftepotential verfügen. Es wäre gefährlich, diese Mobilität durch eine Ansiedlungspolitik größeren Stils einzuschränken.

Ulrich Freiherr von Gienanth, Der Arbeitgeber, 1966

Ein Fremdwoerterbuch

Ich bin hier

Die muslimischen Verbände müssen sich zu Homosexualität positionieren!“, sagt er zu mir. Er ist CDU-Politiker und ehemaliger Minister. Wir sitzen zusammen auf dem Podium, und ich kann nicht glauben, was ich da höre.

VONKübra Gümüşay

 Ich bin hier
Kübra Gümüşay, 22, ist Kolumnistin bei der taz, schreibt als freie Journalistin für verschiedene Publikationen und betreibt den Blog ein-fremdwoer- terbuch.com. Sie studiert Politikwissenschaften in Hamburg und zuvor an der SOAS in London. Kübra ist Gründungsmitglied von Zahnräder, einem Netzwerk von engagierten und aktiven Muslimen in Deutschland.

DATUM26. Mai 2011

KOMMENTARE15

RESSORTAktuell, Meinung

QUELLE Erstveröffentlichung taz

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„Verlangen Sie denn dann auch von jedem Katholiken, dass er sich zu Homosexualität positioniert?“, frage ich zurück. Er wird rot, schweigt und verschränkt trotzig die Arme.

Besser hätte er sich nicht entlarven können. Weshalb misst man in unserer Gesellschaft mit zweierlei Maß? Warum sollen sich Muslime und Migranten über das Grundgesetz hinaus zu etwas bekennen, wiederholt Loyalität zu Deutschland bekunden oder sich von irgendwelchen Dingen distanzieren? Ich bin hier und lebe hier. Ich muss mich zu nichts mehr oder weniger bekennen als meine Freundin Julia, die Nationalstaaten total bescheuert findet. Oder Claudia, die sich für die brasilianische Nationalmannschaft in gelb-grüne Flip-Flops und T-Shirts wirft, wenn Fußball-Weltmeisterschaft ist. Oder Lena, die den Kapitalismus satthat und lieber den Kommunismus einführen wollen würde.

Darf ich das auch wollen?

Es ist Abend. Der türkische Verbandsvertreter steht schnurgerade mit dem Sektglas in der Hand. Ich schiele zu ihm rüber und spüre seine Anspannung. Er bemüht sich um ein Lächeln in die Runde und streicht sich durch die dunklen Haare. Wir sind in Berlin bei einem Botschafter zum Essen eingeladen. Anlass ist der Sederabend, der Auftakt des jüdischen Pessach-Festes. Man ist gut angezogen, schicke Kleider die Damen, Anzug und Krawatte die Herren. Auch seine Krawatte sitzt – nur ein bisschen zu eng vielleicht.

Nach dem kurzen Empfang setzen wir uns an den festlich mit Silberbesteck dekorierten Tisch. Ich sitze neben einem bekannten und angesehenen Juden. Wir unterhalten uns über die jüdischen Traditionen und Eigenheiten. Ein jüdischer Professor führt uns in die Rituale des Sederabends ein. Er ist kein praktizierender Jude, deshalb muss ihn mein Sitznachbar hin und wieder korrigieren, humorvoll. Man lacht, scherzt und ist bemüht, jeden Gast einzubinden. Die angespannte Stimmung löst sich. Nur bei ihm nicht, dem türkischen Verbandsvertreter. Kerzengerade sitzt er an seinem Platz.

Später am Abend lehnt er sich über den Tisch. Er will einige Worte sagen. Man ist still, lächelt ihn an und hört ihm zu. Er schiebt die Gabel hin und her. „Danke für die Einladung!“, sagt er. Bitte-gern-Gemurmel ertönt. Dann holt er aus: „Ich möchte mich im Namen meines Vereins von den terroristischen Anschlägen in Israel und den USA distanzieren. Das, was die gemacht haben, ist falsch. Die sind keine richtigen Muslime. Im Islam darf man das nicht. Wenn man einen Menschen tötet, dann ist das so, als ob man die ganze Menschheit getötet hätte.“ Er stockt und verhaspelt sich. Man ist still und betreten. Er fährt fort: „Also wir Muslime verurteilen diese Terroristen aufs Schärfste. Sie gehören nicht zu uns, sie sind eine Minderheit.“

Ich schaue auf meinen Teller und versuche die Stille am Tisch zu hören. In mir drinnen ist es viel zu laut.

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15 Kommentare
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  1. „Der türkische Verbandsvertreter […] mit dem Sektglas in der Hand.“ […] „Also wir Muslime..“

    Zehn EURO für den, der den Fehler im obigen Satz findet.

  2. Maddy sagt:

    Schade das die Dame keine genaueren Angaben macht, denn dann koennte man nachpruefen um welche Podiumsdiskussion, CDU-Politiker, Botschaftsempfang, tuerkischen Verbandsvertreter etc. es sich handelt.
    Fuer mich wirkt das alles ein wenig konstruiert.
    Passend ist aber das ein Moslem an einem juedischen Feiertag, mit vielen anwesenden Juden, den Vers 32 der Sure 5 anspricht. Denn der Vers lautet:
    „Deshalb haben Wir den Kindern Israels verordnet, daß, wenn jemand einen Menschen tötet, ohne daß dieser einen Mord begangen hätte, oder ohne daß ein Unheil im Lande geschehen wäre, es so sein soll, als hätte er die ganze Menschheit getötet…“
    Es wurde also Juden verordnet niemanden toeten zu duerfen. Warum der tuerkische Verbandsvertreter nun glaubt das dieser Vers beweisen wuerde das auch Moslems niemanden toeten duerfen erschließt sich mir nicht. Vorallem auch vor dem Hintergrund vieler anderer Verse im Koran, die sogar direkt zum Toeten aufrufen. Als juedischer Gast an diesem Abend haette ich gefragt, wie man denn heutzutagen Sure 5 Vers 82 einordnet. Dort heißt es: „Du wirst sicherlich finden, daß unter allen Menschen die Juden und die Götzendiener die erbittertsten Gegner der Gläubigen sind….“

  3. Fikret sagt:

    Homosexualität ist keine Religion. Einzelne Menschen können sich hinsichtlich dieser Frage positonieren, nicht Religionsgemeinschaften. Ob die Homosexualität mit einer Religion vereinbaren ist kann mann jedoch diskutieren. Unser Freund, den Papst fragen. Mal sehen was er dazu meint?

  4. ... sagt:

    Nur zehn Euronen?
    Kann ja sein, dass „Robby Bubble“ (Kindersekt) im Glas war? 😉

  5. MoBo sagt:

    @ Rias: nur weil jemand eine Sünde begeht schließt ihn das nicht vom Muslimsein aus. Wenn es danach ginge, gäbe es nur circa 10 Muslime auf der Welt.

  6. Boli sagt:

    Warum sollen sich Muslime und Migranten über das Grundgesetz hinaus zu etwas bekennen, wiederholt Loyalität zu Deutschland bekunden oder sich von irgendwelchen Dingen distanzieren?

    Weil bei den meisten Muslimen solch ein Thema noch weniger als bei Katholiken oder je nach Herkunft noch nie besprochen wurde? Schauen Sie sich mal bitte alleine die die Türkei schon an. Da kann das Outen dermassen tödlich sein. Und von den Saudis brauchen wir denke ich mal gar nicht beginnen oder? Also wo in der muslimischen Welt wurde dieses Thema bisher offen besprochen? Wenn nicht oder fast gar nicht wieso soll dann hier bei uns damit nicht endlich mal angefangen werden?

  7. Nesrine sagt:

    Also, wir Muslime verurteilen diese Terroristen aufs Schärfste.

  8. BiKer sagt:

    @ Boli

    „Schauen Sie sich mal bitte alleine die die Türkei schon an. Da kann das Outen dermassen tödlich sein.“

    ich glaube langsam, lieber boli, dass sie bewusst die unwahrheit verbreiten oder keine ahnung haben. ich kann mich zuletzt an ein türkisches modell erinnern, die damit schlagzeilen machte, weil sie vom islam zum christentum und dann zum budismus bekannte. sie war in allen klatsch und traschblättern der türkei und niemand hat ihr deswegen auch nur ein haar gekrümmt.

    wie gesagt, sie kennen sich entweder nicht aus oder sie verbreiten bewusst die unwahrheit. beides ist schlimm. schlimmer ist es aber, wenn sie sich auch weigern, sich eines besseren belehren zu lassen. bin mal gespannt, ob sie auch künftig solche kommentare von sich geben.

  9. volkan sagt:

    Als Mann der seit ca. 17 Jahren mit einem türkischen Mann zusammenlebe, mit dem ich seit fast 10 jahren in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft lebe, finde ich die Forderung, dass sich die islamischen Verbände zur Homosexualität positionieren sollen, absolut notwendig und mehr als angebracht.
    Die Arroganz mit der sich die Verfasserin des Artikels über
    diese Forderung lustig macht ist widerwärtig. Der Verweis auf den
    katholischen Glauben ist nur eine billige Ausrede. Es hat in den westlichen Ländern Jahrhunderte des Kampfes gegen die verlogene katholische Sexualmoral gebraucht, die zum Glück einigermassen erfolgreich waren.
    Mittlerweile haben wir selbst in sehr katholischen Ländern wie Italien
    und Spanien ein relativ tolerantes Klima gegenüber Homosexuellen.
    In den meisten islamischen Staaten gibt es Strafandrohungen
    gegen Homosexuelle bis hin zur Todesstrafe, die mit dem
    islamischen Glauben begründet wird. Derartige Strafandrohungen
    finden sich heute in keinem katholischen Land mehr.
    Selbst in Ländern wie der Türkei, wo es keine Strafrechtsnormen
    gegen Homosexualität gibt, besteht eine weitgehende gesellschaftliche
    Ächtung von offen auftretenden Homosexuellen, Internetseiten
    und shwule Verieine werden teilweise verboten.
    Die islamischn Verbände müssen, da sie Einfluss und Respekt
    wollen, ihre Haltung zur Homosexualität erklären,. Wer selber
    intolerant ist, ,darf keine Toleranz in dieser Gesellschaft erwarten.
    Wer eine verlogene rückschrittliche Sexualmoral verbreitet, der
    muss genauso bekämpft werden, wie dies vor allem seit den 68ern
    mit der katholischen Sexuallehre geschehen ist.
    Selbst bei den heute in Deutschland lebenden Katholiken finden
    Sie nur noch einen kleinen Teil der sich mit den katholischen
    Sexualnormen identifiziert. Kaum jemand will zurück in die
    50er Jahre. Wenn islamische Verbände unsere mühsam errungenen
    Freiheiten bedrohen, dann müssen sie aufs Schärfste bekämpft
    werden.
    Dass Staaten wie zum Beispiel der Iran, Saudi Arabien oder der
    Sudan die Todesstrafe für Homosexuelle mit dem islamischen
    Glauben begründen ist allein für sich genommen schon Grund genug
    dafür, dass man in einer freiheitlich demokratischen Gesellschaft
    darauf dringen muss, dass sich die islamischen Verbände die hier
    anerkannt werden wollen, zur Homosexualität positionieren müssen.
    Danke an den unbekannten bzw. nicht von Ihnen benannten CDU-Politiker für sein Beharren darauf..

    gegenüber Hom

  10. @MoBo: hier stimme ich Dir zu. Es ist aber etwas anderes, mit einer Alkoholfahne den Qur’an zu zitieren und für Muslime zu sprechen. Dann sollte er lieber ruhig sein. Satanisten sprechen ja auch nicht für den Vatikan 😉


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