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Migration und Integration in Deutschland

Die Umstellung darauf, dass jetzt die Ausländer die Überlegenen sind, da sie wenigstens einen Arbeitsplatz besitzen, ist für viele nicht nachvollziehbar.

Friedrich Landwehrmann, Strukturfragen der Ausländerbeschäftigung, 1969

Nürnberger Tage für Integration

200 geladene Gäste und kein einziger Integrationskurslehrer

Seit gestern beraten rund 200 Experten bei den „Nürnberger Tagen für Integration“. Geredet wird über eine neue Identität und was für ein tolles Erfolgsmodell die Integrationskurse sind – nicht mit dabei: die Integrationskurslehrer.

Die Fachveranstaltung „Nürnberger Tage für Integration 2011“, die gestern und heute läuft, steht unter dem Titel „Mittendrin und doch aneinander vorbei? – Der gesellschaftliche Zusammenhalt auf dem Prüfstand“. Ziel ist es, das Thema im Hinblick auf Aspekte einer erfolgreichen Integration von Zuwanderern zu beleuchten.

Integration keine Einbahnstraße
Der Präsident des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF), Manfred Schmidt, definierte in seiner Begrüßung Integration als wechselseitigen Prozess, der gemeinsam von Zuwanderern und der übrigen Gesellschaft gestaltet wird. Auch Klaus-Dieter Fritsche, Staatssekretär im Bundesinnenministerium, bemerkte, dass Zusammenhalt nicht durch „Einbahnstraßenmentalität“ wachsen könne: Zuwanderer und Aufnahmegesellschaft müssten jeweils ihren Teil leisten.

Was dabei von Migranten gefordert wird, bedurfte keiner näheren Erklärung. Was allerdings die Aufnahmegesellschaft konkret zu leisten habe, blieb offen. Fritsche machte lediglich auf den seiner Meinung nach „nicht zielführenden“ „Multikulti-Ansatz“ aufmerksam. Denn die verschiedenen kulturellen Gruppen blieben „dabei letztlich voneinander getrennt“. Es fehle am „Klebstoff“, der sie zusammenhalte.

Eine neue Identität
„Voraussetzung für ein gutes und respektvolles Miteinander zwischen den Menschen sind dabei gemeinsame Werte und demokratische Überzeugungen“, so Fritsche weiter. Es bedürfe aber vor allem einer neuen gemeinsamen Identität: „Es geht um die Identifikation mit der Gesellschaft, in der man lebt, der man angehören wollen muss, aber in der man sich auch angenommen fühlen muss. Eine Gesellschaft, zu der man sich zugehörig fühlt, und die damit ein Stück neue Identität vermittelt: eine neue gemeinsame Identität, die über die alte Identität hinausgeht.“

Prof. Wilhelm Heitmeyer von der Universität Bielefeld ging in seinem wissenschaftlichen Fachvortrag der Frage nach „Was hält unsere Gesellschaft zusammen – was treibt sie auseinander?“ Er führte aus, dass „freiwillige Normakzeptanz durch politischen Anpassungsdruck in einer freiheitlichen Gesellschaft nicht erreichbar“ sei. Als Abschluss forderte Prof. Heitmeyer dazu auf, über grundlegende Fragen der Gesellschaft neu nachzudenken: „Ich vermisse eine gesellschaftliche Debatte mit der simplen Frage: In welcher Gesellschaft wollen wir eigentlich leben?“

Integrationskurslehrer nicht dabei
Mit rund 200 Teilnehmern aus Politik und Verwaltung, Gesellschaft, Wissenschaft und Integrationspraxis sind die Nürnberger Tage prominent besetzt. Nicht dabei ist allerdings das DaZ-Netzwerk, ein bundesweiter Zusammenschluss von Lehrkräften in Integrationskursen. Dabei bezeichnet das BAMF die Träger von Integrationskursen und die Lehrkräfte gerne als „eine große Familie“. Auch Fritsche zeigte sich über die Maßnahmen, die der Bund zur Verbesserung der Integration eingeführt hat, erfreut und lobte die Integrationskurse als Erfolgsmodell.

Dennoch werde an den Lehrkräften „vorbei geredet und entschieden“, so DaZ-Sprecherin Renate Hof. Sie würden bewusst von allen relevanten Gremien bewusst ferngehalten. Nicht ohne Grund: Das DaZ-Netzwerk kämpft seit Jahren für eine bessere Entlohnung der Lehrkräfte aufgrund der prekären finanziellen Situation. Selbst die zuständigen Minister und Senatoren aller 16 Bundesländer hatten es bereits Anfang 2011 bestätigt und sich besorgt über die schlechte Bezahlung und fehlende soziale Absicherung gezeigt.

Das BAMF allerdings hält an seiner Empfehlung von 15 Euro als Mindesthonorar fest, was in der Praxis oft nicht eingehalten wird. Und Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) wälzte erst kürzlich die Verantwortung für die Arbeitsbedingungen der Lehrkräfte auf die Integrationskursbetreiber ab, obwohl dem Ministerium ein Gutachten vorliegt, aus der hervorgeht, dass die Kurse insgesamt völlig unterfinanziert sind. Das bedeutet für die Lehrkräfte aufstockend Hartz IV trotz Vollzeitarbeit.

Protestaktion vor dem BAMF
„Die Politik, insbesondere der Innenminister, ist aufgefordert, mit den Lehrkräften in einen Dialog zu treten und die Verantwortung für die Arbeitsbedingungen in den Kursen zu übernehmen. Sie schreibt sich die Erfolge der Kurse auf ihre Fahnen, lässt die Arbeit jedoch unter unwürdigen Bedingungen von Lehrkräften erledigen, mit denen sie grundsätzlich nichts zu tun haben möchte“, so die DaZ-Sprecherin.

Das alles wollen sich die Lehrkräfte nicht länger gefallen lassen. Sie protestieren heute in Nürnberg mit Aktionen ab 10.00 Uhr vor dem BAMF und ab 14.00 vor der Lorenzkirche. „Es wäre toll, wenn möglichst viele schon um 8.30 Uhr vor dem BAMF, sein könnten, wo wir die ankommenden Gäste der BAMF-Veranstaltung begrüßen wollen“, heißt es in der Einladung. (sb)

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6 Kommentare
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  1. Fikret sagt:

    Es ist schon mal in „Migazin“ erwähnt worden. Das ist das Phantom der Bundesregierung oder der entsprechenden Behörden. Phantomschmerzen
    können viel weh tun!

  2. Leo Brux sagt:

    1. Wieso sorgt die Bundesregierung nicht dafür, dass Integrationslehrkräfte endlich angestellt werden bzw. angestellt werden können – und etwa ähnlich bezahlt werden wie Lehrer an den Schulen?

    2. Warum leistet man sich die dramatische Unterfinanzierung der Integrationskurse, wenn man doch gleichzeitig diese Integrationskurse politisch für so wichtig hält?

    3. Warum gewährt man den Migranten so wenig Unterrichtsstunden?

    4. Warum finanziert man ihnen nur die Grundstufe und nicht die Mittelstufe auch?

    5. Warum drängt man den Integrationskursen einen Unterricht auf, der am Ende für die meisten zu einer Art „Tarzandeutsch“ führt – man kann sich schon verständigen und lesend und hörend zurecht finden, hat sich dabei aber ein ungrammatisches Deutsch angeeignet, das man kaum noch in späterern Kursen verlernen wird?

    6. Warum gibt es kein Konzept für den Unterricht mit den Millionen, die sich zunächst einmal ein eher ungrammatisches Deutsch angewöhnt haben?

    7. Warum wohl sprechen die Verantwortlichen so ungern mit den Integrationskurslehrern – mit denen, die wie ich zum Beispiel seit 30 Jahren solche Kurse geben?

  3. Sonata sagt:

    @Leo Brux,
    ihre Fragen lassen sich doch leicht beantworten.

    zu 1. „Integrationslehrkräfte“ benötigen weder eine Qualifikation, noch unterliegen sie einer staatlichen Kontrolle.

    zu 2. und 3. und 4. Warum bilden sich bestimmte Migranten nicht aus eigener Kraft und Leistung weiter? Wenn der Unterricht ihrer Meinung so wichtig ist, arbeiten sie einfach für weniger Geld, dann können sie mehr Kurse geben.

    zu 5. Warum lernen bestimmte Migranten nicht schon Deutsch im Heimatland, wie andere Migrantengruppen?

    zu 6. Warum erstellen sie kein solches Konzept und legen es den Verantwortlichen vor?

    zu 7. Da reicht eigentlich ein Verweis auf 1.

    Lieber Leo Brux, einen Tipp kann ich ihnen noch geben. Fordern sie mehr von sich und den problematischen Migranten und weniger von der Gesellschaft.

  4. BiKer sagt:

    @ sonata

    also sorry aber wenn ich sowas lese, stehen mir die haare zu berge. eigentlich bin ich freund der freien meinungsäußerung aber bei solchen kommentaren kann man echt eine ausnahme machen und ich habe mir den ersten punkt durchegelesen und nicht einmal mehr weiter.

    wie kommen sie blos auf solche lügen? hier – habe ich in weniger als einer minute ergoogelt:
    http://www.integration-in-deutschland.de/nn_285614/SubSites/Integration/DE/03__Akteure/Integrationskurse/Organisation/Lehrkraefte/lehrkraefte-inhalt.html?__nnn=true

    sie disqualifizieren sich, sonata. und das schlimmste ist, dass man ihre kommentare ja nicht einmal stehenlassen darf weil sie schlicht die unwahrheit verbreiten.

    moderation: in solche fällen sollte man die meinungsfreiheit echt nicht allzuernst nehmen. wer derart die unwahrheit schreibt hat nur ein ziel und zieht damit migazin runter.

  5. Leo Brux sagt:

    Sonata,
    da haben Sie sich mal wieder selber bloßgestellt. Gnadenlos.

    zu1: Das BAMF legt eigentlich großen Wert auf Qualifikation der Lehrkräfte und kontrolliert das auch. Wer Integrationskurse und das Deutschlernen der Migranten für wichtig hält, wird ebenfalls Wert darauf legen. SIE legen keinen Wert darauf – eine destruktive Haltung, die, würde sie Politik, dem Lande schaden würde.

    zu 2, 3 und 4: Da Deutschland ein objektives Interesse an der Qualifikation von Migranten hat, stellen sich meine Fragen. SIE sehen dieses Interesse nicht – blind vor Ressentiment.

    zu 5: Man lernt eine Fremdsprache am besten dort, wo sie auch gesprochen wird. Außerdem: Klugerweise nimmt man die Menschen, wie sie sind und holt sie dort ab, wo sie stehen …

    zu 6: Hab ich. Ich mache auch solche Kurse. Was fehlt: Zeit, Geld, geeignete Unterrichtsbücher. Es wäre auch an der Zeit, dieses Phänomen der durch Gewohnheit „verfestigten Fehler“ in der Wissenschaft und in der Methodik und Didaktik nicht nur zu erwähnen, sondern systematisch zu erforschen und hier neue Wege für den Unterricht zu bahnen. Es betrifft Millionen von Erwachsenen.

    Mein Tipp für Sie, Sonata:
    Machen Sie weiter so! Je unsympathischer und destruktiver Sie hier kommentieren, desto peinlicher wird’s für die anderen „Kritiker“ der Integration.

  6. Lucia sagt:

    Werte Sonata,
    ich hoffe Sie haben Bikers Tipps gegoogelt…
    Kurz, vor dem Einsatz als Lehrkraft in Integrationskursen: Abgeschlossenes Hochschulstudium + Berufserfahrung. Zulassung erfolgt durch BAMF, das diese auch widerrufen kann. Erfolgreiche BAMF-Zusatzqualifikation bis 31.12.2009, falls Hochschulstudium nicht „Deutsch als Zweitsprache“. Wenn nicht, ab da ohne Zusatzquali keine Unterrichtserlaubnis mehr = arbeitslos ohne soziale Absicherung.
    Es gibt ein Rahmencurriculum (RC) für den Sprachkurs angepasst an den Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen, der auch für staatliche Schulen z.B. in Niedersachsen für das Fach Englisch gilt. Die dritte Sprachniveaustufe B1 soll im Intergrationskurs in 600 Unterrichtsstunden erreicht werden, obwohl man/frau normalerweise dafür 900 benötigt.
    Ein RC für den Alphabetisierungskurs, eins für den Eltern- und Mütterkurs und eins für den Orientierungskurs. Alle stundenmäßig zu knapp bemessen. Es gibt mehr Unterricht betreffende BAMF-Anweisungen als ich es aus der staatlichen Schule oder aus anderen Weiterbildungsbereichen gewohnt bin.
    15 € Mindesthonorar entsprechen 7,37 € Bruttolohn ohne Krankheitsfall. Dafür noch mind. 50% unbezahlte Vor- und Nachbereitungzeit macht 3,685 € brutto. Würden Sie dafür arbeiten?
    Das BAMF hat am 1. Jan. 2005 ein sittenwidriges Staatsmonopol errichtet. Kursträger und Lehrkräfte besaßen damals (wie heute) die Alternative entweder Integrationskurs zu BAMF-Bedingungen oder Konkurs bzw. arbeitssuchend.
    Da Staatsmonopol, ermittelt weder Zoll noch Staatsanwaltschaft wie in der freien Wirtschaft von sich aus gegen diese staatlich verordnete, kostengünstige Scheinselbstständigkeit von ca. 16000 gut ausgebildeten Lehrkräften. Topp-Job, Topp-Politik-Knick!!!



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