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Konsortium Bildungberichterstattung, Bildung in Deutschland, 2006

HEyMAT

Ist Frau Necla Kelek eine Verschwörungstheoretikerin?

Warum ärgert sich Frau Kelek so sehr, wenn Studien positive Ergebnisse zu Migration und Integration in Deutschland liefern? Liegt es vielleicht daran, dass Frau Kelek möglicherweise eine ethnische Unternehmerin ist, für die Integrationsfortschritte und Nicht-Ethnisierung von Problemen eher einen Nachteil darstellen?

VONCoşkun Canan

 Ist Frau Necla Kelek eine Verschwörungstheoretikerin?
Geboren 1978 in Mannheim, Studium der Soziologie mit Schwerpunkt empirischer Sozialforschung an der Universität Mannheim, seit Januar 2010 wiss. Mitarbeiter im Projekt HEyMAT an der Humboldt-Universität zu Berlin.

DATUM13. Mai 2011

KOMMENTARE28

RESSORTAktuell, Meinung

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Neulich ist in der FAZ wieder ein erfrischender Beitrag zum Thema Integration erschienen. Der Titel: „Professor Bade gibt den Anti-Sarrazin“, die Autorin: Necla Kelek. Darin geht es um Professor Klaus Bade, den Vorsitzenden des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration und seine angebliche Macht, neue Bilder zu schaffen – Bilder von Menschen mit Migrationshintergrund die nicht in das Bild anderer z.B. Necla Kelek passen.

Frau Kelek zufolge, arbeitet Herr Bade nicht wissenschaftlich, er sei Mitglied in einem einflussreichen Netzwerk, das Professoren, Doktoranden und Studenten diskriminiere. Und das alles nur, weil Herr Bade ein anderes Bild von Migration und Integration in Deutschland zeichnet als Frau Kelek selbst. Natürlich kann sie das alles nicht belegen, sie nimmt es bloß so wahr, weil Betroffene das so erzählt hätten oder weil sie die Repräsentativität der Studie des Sachverständigenrats Migrationsland 2011 anzweifelt.

Nun habe ich mich unweigerlich gefragt, warum ärgert sich Frau Kelek so sehr, wenn Studien positive Ergebnisse zu Migration und Integration in Deutschland liefern und warum sie auf solche absurde Gedanken kommt, dass ein einzelner Professor den ganzen Wissenschaftsbetrieb zum Thema Integration und Migration beherrscht und manipuliert? Der Sachverständigenrat, dem Bade vorsteht sammelt und analysiert das Wissen in Deutschland zum Thema Integration und Migration. Kelek hat keinen Zugang zu diesem Wissen – ihre Basis und ihr Erfolg ist die anekdotische Evidenz – nach dem Motto: „Neulich ging ich in Neukölln über die Straße, da kam mir eine Gruppe von Importbräuten entgegen …“

Hier nun meine „verschwörungstheoretischen“ Gedanken: Liegt es vielleicht daran, dass Frau Kelek möglicherweise eine ethnische Unternehmerin ist, für die Integrationsfortschritte und Nicht-Ethnisierung von Problemen eher einen Nachteil darstellen, weil sie sonst kein Thema mehr hätte, an dem sie sich abarbeiten könnte, was wiederum zu mangelnder Aufmerksamkeit und Anerkennung führen würde? Wäre dem so, so müsste sie als ethnische Unternehmerin ein Interesse daran haben, dass bestimmte Bilder von Menschen mit Migrationshintergrund weiterhin bestehen und in die dritte Generation getragen werden, obwohl hier die Welt ganz anders aussieht. Das würde auch erklären, warum sie Herrn Sarrazin, der offenkundig unwissenschaftlich und mit ähnlichen Bildern arbeitet, zur Seite steht.

Situative Verhaltensänderungen sind bei Frau Kelek natürlich auch möglich, nämlich immer dann, wenn sie sieht, dass an den Bildern der Anderen auch etwas Wahres dran ist. Dann nämlich kann sie die Integrationserfolge für sich beanspruchen, indem sie behauptet, sie habe schließlich die Debatten angestoßen, wodurch sie wieder mit Aufmerksamkeit und Anerkennung rechnen könnte. Und das, obwohl sich Integrationserfolge quantitativ schon vorher -unabhängig von Frau Kelek – abgezeichnet hatten und mittlerweile immer mehr zutage treten – das wäre also eine Art von Freeridertum.

Nun ja, Herr Bade scheint ihr doch ein Dorn im Auge zu sein, da er ihre ethnischen Unternehmungen anscheinend stört und ihre anekdotische Evidenz sich in „früher-war-doch-alles-anders-Erzählungen“ verflüchtigen. Entsprechend reagiert sie missmutig. Aber ganz ehrlich: Würden wir es anders machen, wenn unsere Bilder, mit denen wir uns so sehr identifizieren und die sich jahrelang gut verkauft haben, plötzlich out wären und immer blasser würden?

PS: Die Studie des Sachverständigenrats ist repräsentativ, weil es sich um eine disproportional geschichtete Zufallsstichprobe handelt: Kleine Gruppen werden überproportional in die Stichprobe aufgenommen. Durch dieses Oversampling soll zunächst eine größere Varianz gewährleistet werden. Danach wird das Oversample durch Gewichtung so aufgehoben, dass die überproportional in die Stichprobe eingegangenen Gruppen ihren eigentlichen Anteilen in der Bevölkerung entsprechen. Diese Vorgehensweise ist in der empirischen Sozialforschung eine gängige Methode (z.B. ALLBUS), um detailliertere und aussagekräftigere Daten über kleine Gruppen zu erhalten. Aber als Soziologin müssten Sie das wissen Frau Kelek, wenn nicht, dann schlagen Sie es nach.

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28 Kommentare
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  1. ohne Kommentar sagt:

    Ja, ist sie!!!

  2. Sonata sagt:

    Frau Kelek wird sich wohl eher über die manipulierten Ergebnisse dieser angeblichen Studien ärgern. Ist ja auch verständlich, wenn die Realität in Deutschland so überhaupt nicht mit den Studien übereinstimmt. Zum Glück gibt es zahlreiche Seiten im Internet, die sich mit den Problemen der Integration auseinandersetzen und über die man sich unvoreingenommen informieren kann.

  3. Perikles sagt:

    Anklagen muslimischer Frauen scheinen Hochkonjunktur in Deutschland zu haben! Da ist Frau Kelek lediglich die „Spitze des Eisberges“.
    Meiner Ansicht nach streiten die Anklägerinnen im Namen der Freiheit allerdings mit unlauteren Mitteln für einen unlauteren Zweck:
    Denn einerseits entsteht ein verzerrtes Bild vom Islam als „monolithischer Block“.
    Andererseits wird ein allgemeines Anliegen, nämlich die Aufdeckung von Gewalttaten aus dem islamis(ti)schen Milieu, vorgeschoben, um sich selbst zu bereichern und vor allem, um seine eigene, ganz persönliche fragile Identität von der öffentlichen Meinung zu stabilisieren.

    Mehr zu diesem Phänomen:
    […]

  4. Jolante sagt:

    Frau Kelek spricht eben auch unangenehme Themen an. Das darf natürlich nicht sein. Güner Balci ist auch so ein Fall. Eine Nestbeschmutzerin soll sie sein. Genau wie die „Islamhasserin“ Kelek.

    Verräterin hört man oft. „Zu deutsch“ geworden sollen sie sein. Geht ja gar nicht. Verraten ihre Kultur. Sind zur anderen Seite übergelaufen.

    Man muss sich nur mal die entsprechende Blog-Community durchlesen. Keiner zu finden, der nicht schon mindestens eine Tirade auf beide abgelassen hat.

    Ich bin mir übrigens recht sicher: Wären sie Ahmed Kelek und Yussuf Balci, die Ablehnung würde bei Weitem nicht das Ausmaß erreichen.

  5. Mika sagt:

    Frau Kelek möchte nur die Öffentlichkeit für sich gewinnen – und wenn es auf dem Rücken der Migranten geschieht! Einiger Ihrer sogenannten „Beobachtungen“ wurden unlängst wiederlegt, aber sie fährt unbeirrt weiter. Viele sind eher der Meinung, dass sie ihre eigenen Kindheitserlebnisse durch den strengen Vater nicht verarbeitet hat! Ich muss sagen, dass ich mich dem nur anschließen kann.

  6. Fikret sagt:

    In der Tiefenpsychologie kennt man den Begriff „Identifikation mit dem Aggressor“ (nach Anna Freud). Wer weiß, vielleicht sowas?

  7. Werner sagt:

    Ich weiß nicht viel über Frau Kelek. Für mich ist sie eine türkische Insiderin, die äußerst kritisch mit Ihrer Heimat und ihren türkischen Wurzeln umgeht. Mir geht sie manchmal zu weit. Aber ich bewundere ihren Mut und ihre Tapferkeit und es ist auch immer interessant, ihre Stellungnahmen zu lesen.

    Sie gehört definitiv zum deutsch-türkischen Diskurs!

    Und wenn man sich bei Migazin mit ihr auseinandersetzt, dann sollte man sich nicht auf persönliche Attacken beschränken. Leider geschiht dieser aber in obigem Artikel. Bis auf die Ausführungen im PS nur Angriffe auf die Person. So geht es nicht!

  8. Leon sagt:

    Wer wäre dann der Aggressor und welche Bedingungen hätten herrschen müssen, damit es zu einer Identifikationverschiebung kommt, Fikret?

  9. Werner sagt:

    Hier ist übrigens der Artikel auf den sich Coskun Canan bezieht:
    http://tinyurl.com/6zu47h8

    Hieraus:
    „…Kaum jemand aber überprüfte diese vermeintlich repräsentative Studie: 5600 Personen wurden dafür am Telefon befragt, davon hatten 80,5 Prozent einen Migrationshintergrund und nur der Rest von 19,5 Prozent der Befragten gehörte zur Mehrheitsbevölkerung…“

    Okay, „disproportional geschichtet“. Aber sorry, mir ist nicht klar, warum die die „Mehrheitsverhältnisse“ so auf den Kopf gestellt werden mußten.

  10. Jolante sagt:

    @Fikret

    Ach, und der „Aggressor“ sind die bösen Deutschen?


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