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Migration und Integration in Deutschland

Letztlich haben einige Industriestaaten ihren Bedarf an zusätzlichen Arbeitskräften … dadurch gedeckt, dass sie bei der Einstellung von irregulären Arbeitsmigranten ein Augen zudrücken.

Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen, Migration in einer interpedenten Welt, 2004

Migrantenquote

Ironie der Geschichte, Logik der Dialektik oder konsequente gesellschaftspolitische Entwicklung?

In jedem Fall ist es ein echter Fortschritt, dass jetzt nicht mehr nur darüber diskutiert wird, wie sich Deutschland vermeintlich abschafft, sondern ernsthaft über Quoten für Menschen mit Migrationsgeschichte gesprochen wird. Immerhin sind das rund 20% der Bevölkerung – ohne auch nur annähernde Repräsentanz in Politik, Verwaltung, Medien und Teilen der Wirtschaft.

VONFarhad Dilmaghani

 Ironie der Geschichte, Logik der Dialektik oder konsequente gesellschaftspolitische Entwicklung?
Studierte in Frankfurt und Lyon Politik, VWL und Philosophie. War Referent in der Europaabteilung des BMF in Bonn. 2000 Grundsatzabteilung des Bundeskanzleramtes, 2002-2004 im Referat „Bildung und Forschung“. 2005 Leiter des Issues Management bei der Allianz SE in München sowie Konzernpressesprecher für Finanz- und CSR-Themen. 2010 private Wirtschaftshochschule ESMT - Bereich Kommunikation, Marketing und Regierungsbeziehungen. Anfang 2010 gründete er gemeinsam mit Gleichgesinnten aus den Bereichen Wissenschaft, Wirtschaft, Medien, Politik und Kunst den Verein „DeutschPlus – Initiative für eine plurale Republik“, der Kommunikation, Nachwuchsförderung und wissenschaftliche Beratung im Bereich Migration und Vielfalt unterstützt.

DATUM9. Mai 2011

KOMMENTARE46

RESSORTAktuell, Meinung

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In den Bundesländern haben rund 2,5% der Parlamentarier eine Migrationsgeschichte, in den Medien laut Schätzungen 2-3% der Journalisten, bei den Beamten sind es rund 1,5% und man kann die Liste wahrscheinlich lange fortsetzen. Sicher, wird man auch eine Vielzahl von triftigen Gründen finden, woher diese große „Repräsentationslücke“ kommt. Dass sie teilweise selbstverschuldet sei, wir nicht für jede Gruppe eine Sonderbehandlung einführen könnten und dass Selbstverpflichtungen ohnehin der beste Weg seien. Die Argumente sind alle bekannt und werden genauso wie bei jeder Diskussion über Frauenquoten seit den 80er Jahren munter ausgetauscht. Aber genauso gut ist bekannt, dass die bisherigen Maßnahmen bei der Gleichstellung von Frauen nur im Schneckentempo gewirkt haben. Wer hätte vor einem Jahr gedacht, dass sich eine ganze Reihe von Spitzenmanagerinnen genauso wie die CDU-Bundesministerin von der Leyen jetzt vehement für Quotenreglungen aussprechen würden.

Fakt ist, und das wissen wir nicht erst seit den ernüchternden Ergebnissen der PISA-Studie, dass die gesellschaftliche Mobilität in Deutschland eher gering ausgeprägt ist. Fairness und Chancengleichheit sind daher die Hauptargumente für Diversity-Quoten, die beispielsweise in Großbritannien im Großen und Ganzen seit Jahren erfolgreich praktiziert werden. Diversity-Quoten umfassen in Großbritannien Frauen, Menschen mit Migrationsgeschichte und Behinderte gleichermaßen. Mittlerweile sind die Kriterien weiterentwickelt worden. Das Prinzip bleibt das Gleiche. Es werden Quoten für Bevölkerungsgruppen festgelegt mit dem Ziel ihren Anteil in der öffentlichen Verwaltung dem in der Bevölkerung anzugleichen. Alles auf Zeit und unter genauer Prüfung der Qualifikation. Keiner will Quoten für die Ewigkeit. Quoten helfen um unbestreitbare gesellschaftliche Schieflagen und Ungerechtigkeiten transparent zu machen und anzugehen. Sie sind kein Allheilmittel und haben auch viele Nachteile wie Stigmatisierung, Abgrenzungsprobleme, etc. Und wer ist schon gerne ein Quotenmann oder eine Quotenfrau?

Aber keine Gesellschaft kann es sich auf Dauer leisten, breite Bevölkerungsgruppen ob gewollt oder ungewollt zu benachteiligen. Und hier können Quoten helfen, bis sich das gesellschaftliche Klima und die Rahmenbedingungen weiterentwickelt haben. Gerade wir in Deutschland tun uns traditionell schwer mit sogenannten Gleichstellungspolitiken. Es ist aber auch in unserer Aller Eigeninteresse, wenn wir mehr Chancengleichheit ermöglichen und strukturelle Diskriminierung transparent machen. Ich kann mich noch gut erinnern, wie viele den Untergang des Abendlandes befürchteten, als es darum ging, das Antidiskriminierungsgesetz in Deutschland zu verabschieden. Mittlerweile gehört es zum Alltag.

Ich habe mich oft gefragt, wie es sein kann, dass die von Thilo Sarrazin losgetretene „Integrationsdebatte“ in Deutschland so lange waberte ohne konkrete Lösungsvorschläge. Vor dem Hintergrund wie emotional über Monate die Debatte geführt wurde, ist das ein Armutszeugnis und ein Versagen von Politik und Zivilgesellschaft. Ohne Experte im Staatsrecht zu sein, wäre eine langgehegte Vorstellung von mir, dass Artikel 3 Abs. 2 des Grundgesetzes, „Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.“ dahingehend ergänzt wird, dass man die „Förderung der Integration und Vielfalt“ mit aufnimmt.

Gerade weil so wenig Positives in der Integrationsdebatte der letzten Monate passiert ist, war es ein überraschendes und positives Signal, dass sich die SPD für eine Quote in Parteigremien und öffentlichem Dienst ausgesprochen hat. Die Motivation warum der Vorschlag jetzt kommt, erscheint mir zweitrangig. Entscheidend ist, ob die SPD als Volkspartei das Durchhaltevermögen hat, dieses Thema über einen langen Zeitraum voranzubringen, weitere Bündnispartner zu gewinnen und es mit anderen gemeinsam durchzusetzen. Auf diesem Weg wird es sicher viele Widerstände geben.

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46 Kommentare
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  1. Miro sagt:

    Es ist doch immer wieder erheiternd wenn ein Mensch mit Migrationshintergurnd und guter Ausbildung, der offensichtlich beruflch erfolgreich ist und angekommen ist in dieser Gesellschaft, dann von fehlender Fairness und Chancengleichheit, verbunden mit breiter Benachteiligung spricht. Ich käme mir da ein wenig komisch vor.
    Herr Dilmaghani sie sind der beste Beweis das man ohne Quote ziemlich erfolgreich sein kann und damit widerlegen sie ihre eigenen Argumente. Niemand wird hier benachteiligt wenn er sich anstrengt und etwas leistet. Daher sollten sie ihre Bemühungen lieber darauf verwenden warum so viele Kinder, vorallem aus islamischen Familien, nicht die notwenidige Motivation für Bildung und Erfolg in dieser Gesellschaft entwickeln. Damit würden sie mehr erreichen als mit der Forderung nach einer Quote für alles und jeden. Letzteres ist natürlich einfacher und schiebt die Schuld an der Misere mal wieder der bösen bösen deutschen Gesellschaft zu.
    Die Forderung Muli-Kulti im GG zu verankern ist dann der Höhepunkt dieses Artikels und zeigt das hier Integration nur ein Lippenbekenntnis ist. Das langfristige Ziel von Integration ist Deutscher zu werden und nicht Multi-Kulti zu verankern, wer das nicht möchte kann dieses Land jederzeit verlassen. Ich einem Punkt stimme ich ihnen aber zu, es ist schlimm das wir nichts aus der Sarrazin-Debatte gelernt haben, ihr Artikel ist ein Beweis dafür.

  2. Beri sagt:

    @Miro
    „Niemand wird hier benachteiligt wenn er sich anstrengt und etwas leistet.“

    Das ist eine Lüge!

    Sind sie ein Kind von Eltern mit Migrationshintergrund (mit türkischem oder arabischem wohlgemerkt)? Wo sind Sie aufgewachsen? Woher nehmen Sie sich das Recht über etwas zu sprechen, wovon Sie GAR KEINE AHNUNG haben?

    DAS HIER IST DIEDEUTSCHE REALITÄT:

    http://www.amnesty.de/presse/2011/5/5/deutschland-bei-sozialen-menschenrechten-unglaubwuerdig

  3. Beri sagt:

    nochmal @Miro

    „Das langfristige Ziel von Integration ist Deutscher zu werden und nicht Multi-Kulti zu verankern, wer das nicht möchte kann dieses Land jederzeit verlassen.“

    Sie sagen es!!! und stellen mit Ihrem Kommentar genau das unter Beweis, was das die vermeintliche „Integrationsdebatte“ zu verschleiern sucht:
    Können Sie mir bitte den Unterschied zwischen Assimilation und Integration nennen?

  4. Matthias sagt:

    Es ist ein guter Schritt, dass sich die SPD an die Quote herantraut, das ist mutig und richtig. Unsere Gesellschaft diskriminiert leider immer noch massiv nach Herkunft. Um das zu beenden, ist die Quote ein Schritt, weitere müssen folgen!

  5. Hans-Peter Scholl sagt:

    Herr Dilmaghanis Werdegang beweist keinesfalls, dass seine Fähigkeiten und Erfolge nicht erkämpft werden mussten, er also womöglich höhere Hürden zu überspringen hatte als vergleichbare Bewerber.
    Zunächst einmal gilt der Grundsatz – wollen wir in dieser Debatte überhaupt vorankommen -, auf tatsächliche Erfahrungen Antworten zu finden. Verschließen wir aber die Augen vor diesen auch für uns teils schmerzhaften Erfahrungen von Migranten begehen wir gleich zwei Fehler: Wir gestehen erstens den Beteiligten gar keine eigene Perspektive zu (und bestätigen so nur Vorurteile). Zweitens lassen verstellen wir uns den Blick auf bestehende Probleme und vertiefen diese so wahrscheinlich nur. Eine Grundgesetzänderung, die sich den veränderten Realitäten nach über vierzig Jahren endlich stellt, scheint mir ein guter Vorschlag. So würde eine noch eindeutigere Rechtsgrundlage geschaffen, die natürlich nur eine von vielen ersten Schritten wäre, die wir zu gehen uns nicht zu schade sein sollten. Natürlich zeigen Beiträge, wie derjenige Miros, dass noch viel zu tun ist bis Gefühle der Bedrohung vor Fremdheit abgebaut werden können. Wir werden nicht umhinkommen für uns zu beantworten, ob wir Menschen neuer bzw. anderer Herkunft als Bereicherung empfinden oder nicht.
    Was also Deutschsein heute bedeutet, ist eine Frage der Aushandlung aller Beteiligten. Keinesfalls kann Identität verordnet werden. Sie kann und darf im eigenen Interesse nicht feststehen. Dies wäre ein demokratischer Selbstwiderspruch und bewiese nur, dass es nicht um Teilnahme an unserer Republik, sondern um uniforme Assimilation ginge. Und genau hier findet sich ein Kern des Problems: Nicht nur die Bildungsforschung zeigt eindeutig, dass Menschen mit Migrationshintergrund strukturell benachteiligt werden. Offenbar wollen wir „diese“ Menschen nicht bei uns haben. Wir wollen sie anders. Zum Glück sind Zeiten der Umerziehung aber vorbei. Menschen mit Migrationshintergrund leben in unserem Land, sie verändern es und erinnern uns an demokratische Tugenden, wie Herr Dilmaghanis Beitrag in beeindruckender Weise zeigt.

  6. Leon sagt:

    Eine Migrantenquote führt auch zu einer Benachteiligung wegen der Herkunft.
    Die Spaltung der Gesellschaft in Zugewanderte und Einheimische wird durch eine privilegierende Quote nur noch mehr vertieft.

  7. Miro sagt:

    @Beri
    Ich bin mir nicht sicher ob sie den Amnestytext verstanden haben, aber wenn das ihr Beweis sein soll das in Deutschland Migranten, womit vermutlich Muslime gemeint sind, systematisch benachteiligt oder gar an ihrem Recht auf Bildung gehindert werden, dann haben sie ein Problem mit ihrer Argumentationsbasis.

    Wo tatsächlich Präferenzen zu erkennen sind ist bei der Jobvergabe.
    Deutsche Arbeitnehmer, Handwerker, Facharbeiter, usw haben im Ausland einen ziemlich guten Ruf. Sie sind gut ausgebildet, gelten als zuverlässig, genau, dizipliniert und haben eine gute Arbeitsethik. Daher werden sie gerne eingestellt, man könnte von einer positiven Diskriminierung sprechen. Ja nicht alle Deutschen sind so, aber doch genug das sich dieses „Vorurteil“ über Deutsche weiter hält im Ausland.
    Wenn nun in Deutschland Personalabteilungen mit türkisch- oder arabischenstämmigen Bewerbern und Arbeitnehmern im Durchschnitt andere Erfahrungen gemacht haben und draus ihre Konsequenzen ziehn, dann kann man ihnen das nicht verübeln. Antwort darauf kann nicht sein aus einer beleidigten Opferhaltung heraus nach Quoten zu rufen, sondern daran zu Arbeiten das diese „Vorurteile“ widerlegt werden, in dem man die Chancen nutzt die man kriegt.

    „Können Sie mir bitte den Unterschied zwischen Assimilation und Integration nennen?“

    Dafür müsste man beide Begriffe genauer definieren und mit Beispielen anfüllen. Aber wenn man von einer ernst gemeinten Integration spricht, dann ist der Unterschied zu Assimilation nicht groß. Es muss darum gehen eine kohärente Gesellschaft zu haben und dafür muss man all zu große Parallel- oder Gegenwelten verhindern, wie man das dann nennt ist mir wurscht.

    Aufgewachsen bin ich übrigens in Berlin Wedding.

  8. MoBo sagt:

    „Es muss darum gehen eine kohärente Gesellschaft zu haben und dafür muss man all zu große Parallel- oder Gegenwelten verhindern, wie man das dann nennt ist mir wurscht.“

    Ich bin auch für den Verbot von Karnevalsvereinen und der FDP.

  9. Beri sagt:

    @Miro

    „Wenn nun in Deutschland Personalabteilungen mit türkisch- oder arabischenstämmigen Bewerbern und Arbeitnehmern im Durchschnitt andere Erfahrungen gemacht haben und draus ihre Konsequenzen ziehn, dann kann man ihnen das nicht verübeln. Antwort darauf kann nicht sein aus einer beleidigten Opferhaltung heraus nach Quoten zu rufen, sondern daran zu Arbeiten das diese “Vorurteile” widerlegt werden, in dem man die Chancen nutzt die man kriegt.“

    Und genau wegen solchen Vorstellungen wie Sie sie hier so musterhaft dargestellt haben (danke dafür, ich hätte es nicht besser erklären können : ) ) sprechen wir von Quoten für MigrantInnen.

  10. Bierbaron sagt:

    Als Liberaler lehne ich Quoten und die von ihnen implizierte umgekehrte Diskriminierung ab. Integration mit dem Dampfhammer mag als die einfachere Lösung erscheinen, eine subtile Steuerung und Förderung durch Gesetze und Verordnungen erscheint dennoch sinnvoller. Antiliberale und ungerechte Quoten, die den Gleichheitsgrundsatz mit Füßen treten, sind nicht geeignet, das aufgeheizte Klima der Integrationsdebatte in Deutschland zu beruhigen.

    @ Berti
    Es ist bedenklich zu sehen, wie von ihnen Türken und Araber zu „diskriminierten 1. Klasse“ gemacht werden sollen. Die Absicht ist klar: „Wir“ diskriminierten Muslime, „ihr“ rassistischen Deutschen und der Rest (also die Mehrheit der Menschen mit Migrationshintergrund…) hat eh keine Ahnung. Opferdenke scheint ihr Thema zu sein, eine Diskussion auf Augenhöhe ist nicht gewünscht. Und zu ihrem Link: Inwiefern kann man unverschuldet, d.h. ohne zu klagen, obdachloser Analphabet ohne Krankenversicherung werden? Eigeninitiative ist das Zauberwort! Seit meine Eltern nach Deutschland eingewandert sind, haben sie sich fast ununterbrochen weiter- und fortgebildet. Meine Geschwister und ich haben alle mindestens Fachabi und abgeschlossene Berufsausbildungen (oder sind noch dabei).Und das alles ohne Ariernachweis. Sie machen es sich schlicht zu einfach, wenn sie Studien von Organisationen zitieren, deren primärer Daseinszweck die laut geäußerte Empörung ist.

    Grüße
    Bierbaron


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