MiGAZIN

Migration und Integration in Deutschland

Es sei denn, man würde die Lebensverhältnisse der Ausländer in der Bundesrepublik derartig nachhaltig verschlechtern, dass ein Leben am Rande des Existenzminimums in den Herkunftsländern vorteilhafter erschiene.

Forschungsverbund „Probleme der Ausländerbeschäftigung“, 1979

MiGraciaHintergrund

Nach der Integration ist vor der „Intekrassion“

Intekrassion ist das, sagt Ali. Das ist keine schlechte Phonetik, sondern so eine Art literarisches Mittel, um die Bedeutung von Integration zu verdeutlichen: Integration ist „krass“.

VONVykinta Ajami

1978 in Litauen geboren, hat an der Universität Klaipeda (Litauen) und an der Freien Universität Berlin, Germanistik, Linguistik und Arabistik studiert. Schreibt als freie Journalistin und Auslandskorrespondentin für verschiedene Medien und engagiert sich in Berlin für interkulturellen Dialog, Antidiskriminierung und Antirassismus.

DATUM29. April 2011

KOMMENTARE18

RESSORTAktuell, Meinung

SCHLAGWÖRTER , , , ,

DRUCKENAnsicht

MEHR ZUM ARTIKEL

DANKE,
ich möchte MiGAZIN auch in Zukunft lesen!

„Intekrassion“? Aha. Ein Neologismus aus sarrazinischem Englisch und jugend-türkisch-deutsch, dachte ich mir. Ja, so nah kann einer, linguistisch gesehen, denen sein, die er eigentlich am liebsten weit weg vertreiben würde. „Intekrassion“ ist ein Novum, das als einzige Vokabel zu diesem Thema frei von Forderungen ist und die Eigenhaltung der zu Integrierten beinhaltet. Nämlich: Integration ist „krass“. So „krass“, wie eine radikale Diät.

Will man integriert sein, muss man auf Vieles verzichten. Am besten auf alles, was auf andere Herkunft, kulturellen und religiösen Hintergrund verweist. Ein kulturelles Fasten, Ramadan, der aber nicht einen Monat, sondern schon mindestens ein Jahrzehnt andauert – so lange eben, wie die Integrationsdebatte schon läuft. Bei einer erfolgreichen Diät verliert man Pfunde. Bei erfolgreicher Integration – anscheinend sich selbst.

So wie mein Bekannter Ali, den die Integrationsdebatte zum Wahnsinn getrieben hat: „Was soll ich denn noch tun, um integriert zu wirken? Haar blond färben? Blaue Kontaktlinsen einsetzten? „Ü“´s aus meinem Nachnamen entfernen?

Das würde vielleicht helfen. Jedenfalls um einen anderen Hintergrund zu bekommen: statt dem Migrations- einen Integrationshintergrund. Die Frage ist nur, wie weit man damit kommt? Bis zur nächsten Kreuzung in der üblichen „aber“-Definition. Denn nach der Integration ist vor der „Intekrassion“. Vorher: Araber aber Arzt, Türkin aber selbstbestimmt, Muslim aber modern. Nachher: Arzt aber Araber, selbstbestimmt aber Türkin, modern aber Muslim.

Kann man sich bei der Integration steigern? Wer ist denn am integriertesten? Die am wenigsten „ü“ ´s im Nachnamen haben oder die das partizipieren, was keine intellektuellen Leistungen bedarf? Ausziehen! Ach was, nackte Tatsachen von Sıla Şahin ändern die Sache nur bedingt! Integrationshintergrund hat sie sich zwar gesichert. Aber. Was für ein Paradox: Nackt ist frau erst recht eine Türkin. Vorher: Deutsch-Türkische Soap Darstellerin, nachher: eine nackte Türkin.

Ali, lass dein Haar schwarz, und auf blaue Kontaktlinsen kannst du pfeifen. Die braunen Augen stehen dir total, so wie dein Doktortitel und dein perfektes Deutsch. Das Vorher-Nachher-Spiel kannst du dir sparen. Denk lieber an die zwei Öltropfen im Paolo Coelhos Roman „Der Alchimist“. An die Geschichte, wo der Sohn eines Geschäftsmannes sich im Palast eines Weisen umsehen soll. Er trägt einen Löffel mit zwei Tropfen Öl in der Hand und darf es nicht ausschütten. Bei dem ersten Gang durch den Palast konzentriert er sich nur auf das Öl und bemerkt nichts von den Palastschätzen. Beim zweiten Gang achtet er schon auf die prächtige Einrichtung des Palastes, aber passt auf das Öl nicht auf und verschüttet es. Da sagt der Weise zu ihm: „Das Geheimnis des Glücks besteht darin, alle Herrlichkeit dieser Welt zu schauen, ohne darüber die beiden Öltropfen auf dem Löffel zu vergessen.“

Womöglich ist es nicht nur das Geheimnis des Glücks, sondern auch das der Integration. Schaut man nur umher, ohne auf die Öltropfen in eigenem Löffel zu achten, verliert man sie. Achtet man nur auf das Öl – erfährt man nicht von den schönsten Schätzen der umgebenden Welt. Eigene Kultur behalten zu können ohne die andere aus den Augen zu verlieren ist eine Kunst für sich. Das Äußere allein, genauso wie der Name, sind keine Kulturen, aber sie deuten auf solche hin.

Es ist nicht einfach, durchzublicken, was die Steigerung der Integration ist. Man kann dagegen die Komparation der „Intekrassion“ einfacher definieren. Bzw. das, was Integration zur „Intekrassion“ macht: „Krass“ ist, die Kulturen in Menschen nicht zu erkennen. „Krasser“ ist, zu übersehen, dass jeder Mensch einen Löffel mit zwei Öltropfen trägt. Und „am krassesten“ ist, von einem zu erwarten, dass man sie ausschüttet einer anderen Kultur wegen.

Wenn die Kulturen des Abendlands und die des Morgenlands, der Orient und der Okzident, Menschen wären, würden sie sich bei der Begrüßung in die Arme schließen, sich gegenseitig einladen, ihre Schätze und ihr Reichtum einander stolz präsentieren, zur besten Mahlzeit einladen, zusammen dinieren und weise Geschichten einander erzählen, vielleicht auch bei den Gedichten und leiser Musik die Seele baumeln lassen und mit einem guten Rat einander stärken. Sie würden sich voller Stolz voneinander bis zum nächsten Mal verabschieden, in Stolz, sich in bester Form präsentiert zu haben, in Glück, das Beste von sich gegeben und das Beste empfangen zu haben. In Gewissheit, dass das Teilen einen nicht arm macht und die entgegengegangenen Schritte einen nicht schwächen. In Respekt, so von Kultur zur Kultur.

So wären die großen Kulturen imaginär personifiziert. In der Realität geht es um meinen Bekannten Ali in Deutschland und somit um eine Minderheit in der Mehrheitsgesellschaft. Wer von Mehrheit und Minderheit spricht, spricht vom Relativen. Denn Minderheit ist woanders eine Mehrheit. Und Leitkultur ist woanders nicht leitend.

Testen Sie den kostenlosen MiGAZIN Newsletter:

18 Kommentare
Diskutieren Sie mit!»

  1. Miro sagt:

    „Wenn die Kulturen des Abendlands und die des Morgenlands, der Orient und der Okzident, Menschen wären, würden sie sich bei der Begrüßung in die Arme schließen, sich gegenseitig einladen, ihre Schätze und ihr Reichtum einander stolz präsentieren, zur besten Mahlzeit einladen, zusammen dinieren und weise Geschichten einander erzählen, vielleicht auch bei den Gedichten und leiser Musik die Seele baumeln lassen und mit einem guten Rat einander stärken. Sie würden sich voller Stolz voneinander bis zum nächsten Mal verabschieden, in Stolz, sich in bester Form präsentiert zu haben, in Glück, das Beste von sich gegeben und das Beste empfangen zu haben. In Gewissheit, dass das Teilen einen nicht arm macht und die entgegengegangenen Schritte einen nicht schwächen. In Respekt, so von Kultur zur Kultur.“

    Was sie da beschreiben trifft zu auf Reisende, die andere Länder besuchen und es dort zu Kontakt kommt, aber es trifft ganz sicher nicht zu auf Leute die sich freiwillig entscheiden in eine anderes Land zu ziehn um dort dauerhaft zu leben. Wer sich nicht integrieren will der kann jederzeit zürck nach Hause gehn.

    „Wer von Mehrheit und Minderheit spricht, spricht vom Relativen. Denn Minderheit ist woanders eine Mehrheit. Und Leitkultur ist woanders nicht leitend.“
    Wow ist das eine Warnung, oder gar Drohung? Die Europäer haben schon viele Herrausforderungen gemeistert und es wird diesmal nicht anders sein. Die Dänen sind auf einem guten Weg. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,759463,00.html

  2. mamamuh sagt:

    In welchem arabischen Land, bitteschön, werden Christen wie von selbstverständlich aufgenommen und fühlen sich wohl?? (Ohne Kopftuch).

  3. mamamuh sagt:

    Und in welchem islamischen Land würde ich denn einfach so integriert?:) Wenn ich religionslos bin und gerne Miniröcke trage (bin aber verheiratet und gehe meinem Mann nicht fremd):)) Sol ich mich dort verschleiern und braune Kontaktlinsen tragen, um mich „integriert“ zu fühlen?l

  4. Mika sagt:

    @mamakuh
    Sie können sehr wohl in einigen islamischen Ländern Miniröcke tragen, hab ich schon selbst ausprobiert und mir ist nichts passiert!
    Und soll ich jetzt blaue Kontaklinsen tragen, oder wie jetzt? Und mich dann dabei völlig selbst verlieren?

  5. Boli sagt:

    Sorry aber das haben vor allem die Türken ihren liebreizenden Führergestalten zu verdanken das ihnen Integration nicht abgenommen wird, weil alles was vom türkisch-nationalistisch-islamisch-islamistischem Weltbild ausschert schon als Assimilation und „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ dargestellt wird, wobei wohl grundsätzlich selbst das Wort Integration in oben benannter Viererdefinition verstanden wird. Schaut nur schön zu wie die bald vom türkischen Staat völlig kontrollierte Presse Euch sagt was türkisch ist und was nicht.
    Schiesst Euch nur immer mehr auf Deutschland ein, während die Türkei selbst Euch immer mehr den Teppich für eine jegliche glaubwürdige Argumentationsgrundlage entzieht was Euer klagen immer weniger überzeugend macht. Immer mehr Menschen in Europa wollen weder eine Assimilation noch Integration sondern eine Emigration von Türken und Arabern (vor allem derer die durch kriminelles und langjähriges Sozialbezugsverhalten Tag für Tag negativ auffallen. Da könnten europaweit schon ein paar gute Millionen zusammenkommen.
    Und solange sogar von Aussen noch immer mehr rein wollen. Der Druck auf Euch wird sich dadurch nur noch verstärken. Ursache und Wirkung.

  6. mamamuh sagt:

    sehr geehrte Mika, Sie sind ziemlich aggressiv:))) Schade, schlechte Laune bei so ’nem schönen Wetter…

    „in einigen islamischen Ländern“ reicht mir nicht, es kann nicht „ein bisschen“ Toleranz geben.

    Und durch Kontaktlinsen verliert man keineswegs sich selbst. Trage ich ja auch, nur farblose. Aber verzichten Sie ruhig auf blaue, die sind teuer.

  7. Sonata sagt:

    Und wenn es doch nur schlechte Phonetik war? Dann wird der ganze Text noch inhaltsleerer. Da fragt man sich dann wie so oft beim Migazin, was soll es eigentlich??

  8. Mika sagt:

    @mamamuh
    Sorry, aber kann Ihnen nicht folgen, was an meiner Aussage aggressiv gewesen sein soll??!!!

    Hab ja auch gesagt, dass ich keine blauen tragen möchte. Die farblosen sind mir auch lieber 🙂
    Nichtsdestotrotz möchte ich damit zum Ausdruck bringen, dass ich meine Herkunft nicht verleugnen will. Inzwischen ist es ja schon verpönt, dass man in der Öffentlichkeit arabisch/türkisch spricht. Und da reicht mir ein bisschen Toleranz auch nicht. Und kommt mir nicht wieder mit der Aussage: Wir sind in Deutschland, hier wird deutsch gesprochen. Da höre ich auf Malle auch kein Spanisch und in Alanya auch kein Türkisch….

  9. Mika sagt:

    @Sonata
    Hören Sie mir doch mal endlich mit dieser Phonetik auf! Das kommt ja in jedem zweiten Beitrag von Ihnen…

  10. Sonata sagt:

    @Mika
    Mit dem Zählen haben sie es wohl nicht so?

    Und selbst wenn bei mir in jedem zweiten Beitrag vorkommen würde, es geht sie nichts an.


Seite 1/212»

Bitte beachten Sie unsere Netiquette. Vielen Dank!

Ihr Kommentar dazu:

MiGAZIN

Ziel und Zweck von MiGAZIN ist die Förderung der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Partizipation von Migrant(inn)en in der Aufnahmegesellschaft. In diesem Sinne soll MiGAZIN die Kommunikation fördern und füreinander sensibilisieren. Mehr über uns...

MiGMACHEN

Die Redaktionsmitglieder von MiGAZIN haben vor allem eins gelernt: Wer über sein Wissen und seine Erfahrungen schreibt, lernt immens dazu. Die kritische Diskussion mit Lesern eröffnet neue Horizonte. Daher hat das MiGAZIN-Team die Aktion-MiGMACHEN ins Leben gerufen. Hier bieten wir allen Interessierten die Möglichkeit, MiGAZIN als Autor, Pate oder Jungautor mitzugestalten. Nähere Informationen...

GRIMME Online Award 2012

    Begründung der Jury: "Über Migranten und Migration wird in Deutschland viel gesprochen. Vor allem von Deutschen. Im Chor der vielen und oft sehr lauten Stimmen fehlen aber zumeist die der Migranten. Und genau diese Lücke füllt das MiGAZIN mit qualitativ hochwertigen Texten und verständlicher Berichterstattung." Weiter ...