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Migration und Integration in Deutschland

Es waren vor allem die übrig gebliebenen einheimischen Geringqualifizierten, die die Gastarbeiter als ungeliebte Konkurrenten empfanden.

Stefan Luft, Staat und Migration, 2009

Koch Dich Türkisch

Es heißt Lahmacun und nicht türkische Pizza

Das Interesse am Kochen und gutem Essen kann vereinen. Das ist die tiefe Überzeugung des KochDichTürkisch-Teams. Ein Gespräch mit Orhan Tançgil über eine Erfolgsgeschichte, die einst aus der Not eines Studenten begann …

DATUM28. April 2011

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MiGAZIN: Ihr erstes Rezept haben Sie am 27. Januar 2007 auf „Koch Dich Türkisch“ online gestellt – „Tahin-Pekmez ~ Süßer Brotaufstrich aus Sesampaste und Trauben-Sirup“. Wie kamen Sie auf die Idee, türkisch auf deutsch zu kochen?

Orhan Tançgil: In meiner Studienzeit hatte ich Sehnsucht nach der leckeren türkischen Küche meiner Mutter. Die Familie war in dieser Zeit in Düsseldorf, ich in Stuttgart. Da fiel es schwer, mal eben zur Mama zu gehen und Börek zu essen. Die Kochleidenschaft zu türkischer Hausmannskost war geweckt. Das bot ich meinen Freunden an und sie fragten mich immer wieder nach dem Rezept. Das war aber nicht immer so leicht, weil die für türkische Küche üblichen Maßeinheiten, Gewürze und Handgriffe nicht leicht zu erklären waren. Daher wuchs die Idee das ganze in einem Video (Podcast) festzuhalten und ins Internet zu stellen. Zusätzlich noch ein paar Geschichten um die Rezepte sollten die türkische Kultur widerspiegeln, denn es ist so viel mehr in der türkischen Küche zu entdecken als Döner & Co.

MiG: Haben Sie Ihr Ziel erreichen können, neben der türkischen Küche auch die Kultur zu vermitteln? Wie ist die Resonanz Ihrer Leser und wer kocht nach Ihren Rezepten?

Tançgil: Ja – einen – wenn auch kleinen, kulturellen Einblick vermitteln wir unseren Lesern mit unseren Rezepten. Das Kochen typischer Gerichte ist für uns der Türöffner zu einem harmonischen Miteinander bei einem guten Essen….Integration geht bei uns durch den Magen. Die Geschichten zu Bräuchen und Ritualen aus dem türkischen Kulturkreis tragen unserer Meinung nach zum besseren gegenseitigem Verständnis bei. Wir merken das immer wieder an den Rückmeldungen unserer Leser. Manchmal bekommen wir Fotos der nachgekochten Gerichte, manchmal auch sehr persönliche Fragen und Kommentare zu Erlebnissen mit der türkischen Kultur. Ein Leser hat mal geschrieben, dass er als Kind türkische Pflegeeltern in Heidelberg hatte und die ihm ein bestimmtes Gericht immer wieder gekocht haben. Dann war der Kontakt durch Umzug abgebrochen. Er sehnte sich nach diesem Essen. Durch unseren Blog hat er uns gefragt und nun weiß er wie es heißt. Demnächst kochen wir es auch mal nach: Izmir Köfte.

[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=TS6Es3vKKfQ[/youtube]

MiG: Verbinden Sie mit „KochDichTürkisch“ einen ganz besonderen Moment oder ein Ereignis?

Tançgil: Als meine Mutter das erste Mal ihre Hände im Internet gesehen hat wurde sie ganz emotional und fragte mich, ob ihr Hände und die in mehreren Generationen weitergegebenen Rezepte nun auch verewigt wären. Das hat sie und mich sehr glücklich gemacht. Ein weiterer Moment war, als YouTube zwei Jahre später unsere Videos für die Dauer von einer Woche auf der Homepage vorgestellt hat. Es prasselte ein Kommentar-Regen auf uns ein. Da wurde mir klar, dass es viele positive Stimmen gibt, die uns sehr motivieren, aber leider auch die extremen Meinungen laut waren. Ein Spiegelbild unserer Gesellschaft.

MiG: Ist das der Grund, weshalb KochDichTürkisch mit einer Prise Gesellschaftspolitik gewürzt wird?

Tançgil: Ja das auch. Wir hatten uns von Anfang an die Aufgabe gesetzt das Ganze mit einem Augenzwinkern zu produzieren. Die türkische Kultur in die deutsche Gesellschaft mit Kochrezepten zu integrieren ist nur die Einstiegsdroge. Der einzige Weg aus der derzeitigen Krise besteht unserer Meinung nach darin zu kommunizieren, zu debattieren oder manchmal einige Dinge auch in leicht satirischen und selbstkritischen Texten auszudrücken. Die dezent gewürzten Artikel sind unsere Beilage, dessen Geschmack man immer mal wieder kosten sollte – darum ist Yosef auch ein Döner.

Damit können wir keine fremdenfeindliche Stimmung umkehren, aber wir können versuchen auf einer anderen Ebene das Bild des Türken in ein besseres Licht zu rücken…so, wie wir auch sind…so, wie wir wahrgenommen werden wollen. Als ein wichtiger Teil der deutschen Gesellschaft der mehr als „nur“ eine Daseinsberechtigung hat, sondern der sich einbringt und engagiert.

MiG: Das Bild der türkischen Küche ist ja bereits zu einem großen Teil geprägt von beispielsweise dem Dönerladen um die Ecke. Was machen Sie anders?

Mehr: Multimedial anspruchsvoll aufbereitete türkische Rezepte abseits der Döner-Thematik stellen das Grundgerüst KochDichTürkisch-Projektes. Diese werden mit Beiträgen zur türkischen Sprache garniert und mit Betrachtungen der aktuellen deutsch-türkischen Entwicklungen ergänzt. Des weiteren gehören Rezensionen von entsprechender Literatur und regelmäßige Kolumnen und Glossen zu Themen innerhalb der gelebten Mischkultur zu den Inhalten von KochDichTürkisch. Die Macher möchten ihre Erfahrungen, Emotionen und Hintergründe teilen und Menschen verschiedenster Ethnien und Glaubensrichtungen zusammenbringen. Auf Basis von Neugier, Offenheit, Respekt und frei von politischen oder religiösen Zwängen. Denn sie glauben fest an die Vorstellung, dass man Kulturen und Menschen mit ihrer Küche kennenlernt! „Also schaut uns in die Töpfe!“, so die Macher. Mehr unter KochDichTurkisch.de.

Tançgil: Gute Frage, wobei ich sagen muss, dass die türkische Küche in Deutschland nur als Döner bekannt ist. Wenn man Türken ärgern will, fragt man nach dem besten Döner in der Stadt. Ein nervige Frage! Woher soll man das wissen? Türken essen meiner Ansicht nach weniger Döner als Deutsche. Gibt es dazu eine Untersuchung? Wenn es hochkommt ist noch die „türkische Pizza“ bekannt. Eine Katastrophe! Das heißt „Lahmacun“ und hat nichts mit Pizza zu tun. Man nennt Tortellini ja auch nicht italienische Maultaschen, oder?

Wir sind anders, zeigen nur türkische Hausmannskost und wollen die variantenreiche Küche demonstrieren. Wenn man erst einmal auf den Geschmack gekommen ist, ist das Bild nicht mehr der Fastfood Döner um die Ecke, sondern die gesunde leckere Mahlzeit zu Hause. So wie Spaghetti Bolognese hat auch Kuru-Fasulye-Pilav die Chance ein Standard-Rezept im deutschen Haushalt zu sein.

MiG: Wieso ist Ihnen so wichtig, dass die „türkische Pizza“ Lahmacun genannt wird? Darauf legen Sie ja auch in Ihren Videos sehr viel Wert.

Tançgil: Wie gesagt, Tortellini sind ja auch keine italienische Maultaschen. Wir sollten die Rezepte beim Namen nennen und nicht die vermeintliche Übersetzung als Richtlinie. Ansonsten verlieren wir dieses türkische Kulturgut in Deutschland. Wir verändern ja auch nicht unsere eigenen Namen, oder? Das ist uns auch sehr wichtig. In Deutschland werden auf Grund der Tastatur die türkischen Buchstaben verändert. Ein Ç wird ein C, ein Ğ wird ein G, usw. Das müssen wir bewahren! Schade, dass es Sport-Vorbilder wie der Dortmunder Spieler Şahin nicht vormachen. Alle Zeichen sind möglich, man ist nur zu faul, es nachzuschauen und einzufordern.

MiG: Sie haben exklusiv für die MiGAZIN Leserinnen und Leser „Cevizli ve kaymaklı Kabak tatlısı bzw. Süßer Kürbis mit Wallnuss auf Kaymak“ vorbereitet? Wieso haben Sie sich für eine Süßspeise entschieden?

Tançgil: In der türkischen Kultur haben Speisen und Getränke auch symbolische Bedeutungen, die das zwischenmenschliche Fördern sollen. So sagt man beispielsweise, dass schon eine Tasse Kaffee vierzig Jahre gut in Erinnerung bleibt. Und über Süßspeisen sagt man wörtlich übersetzt „Lasst und süß essen und süß reden“. Das hat einen wahren Kern: Süßes fördert die Bildung von Glückshormonen und die entspannen. In diesem Sinne wollte ich den MiGAZIN Lesern und süße und entspannte Diskussionen wünschen.

Afiyet olsun, guten Appetit!

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24 Kommentare
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  1. schneider sagt:

    „Generell hat Gaziantepli übrigens recht. Unheimlich viel der Meditteranen Küche ist türkischen Ursprungs. Dazu gehören tatsächlich auch Gyros, Tzatziki, Cevapcici, usw. “

    Hallo NDM, meine Recherche hat leider nicht ergeben, dass der Dönerspiess (logischweise nicht der deutsche Döner im Brot) per se älter ist, als das griechische Gyrosspiess oder überhaupt mit ihm nahe verwandt. Bitte beachten Sie, dass ich nur von der Methode, Fleisch an einem drehenden Spiess zu erhitzen rede, nicht von Brottaschen mit Salat oder ähnlichen. Da ist sicherlich der Döner Kebap, wie man ihn heute kennt, der älteste. Vermutlich ist die Methode, Fleisch an einem senktrechten Drehspiess zu grillen, sehr alt und kommt irgendwo aus dem nahen oder mittlerem Osten oder eventuell aus der Mongolei? Ich weiss es nicht, wäre mal interessant, das herauszufinden.

    Nebenbei bemerkt, finde ich den Döner Kebap eines der besten Gerichte überhaupt. Nur leider, leider findet sich kaum noch ein Döner, der Hammelfleisch anbietet, selbstgebackenes Brot und gute Zutaten (gutes Fleisch, guter Salat, gutes Gemüse). Dafür würde ich ohne zu Überlegen 10 Euro ausgeben. Falls jemand sowas in München kennt, bitte hier posten! Die Dönerläden sind auf schnellen Gewinn aus, nutzen meist schlechte Zutaten und überbieten sich mit Billigpreisen. Das kann doch nicht gutgehen.

  2. schneider sagt:

    „Und dass Pelmeni auf einmal schwäbisch sein soll, ist mir auch neu. Liegt wohl eher daran, dass es einige Russischstämmigen es nach Stuttgart und Umgebung geschafft haben….“

    Mika, manchmal kann man sich nur wundern…. darf ich fragen, welcher Herkunft Sie sind?

  3. Mika sagt:

    @Schneider
    Ja, das dürfen Sie: Ich bin Deutsch-Türkin. Und dass ich Pelmeni kenne, liegt daran, dass ich viele russischstämmige Freunde habe. Und wir schon einige Gemeinsamkeiten festgestellt haben wie beispielsweise den Samowar etc.

  4. schneider sagt:

    Warum heisst das eigentlich „KochDichTürkisch?“ Ich verstehe da irgendwas autokannibalistisches drunter. Was genau soll das? Warum hat man nicht eine korrekte deutsche Schreibweise gewählt, so sieht das doch schon wieder nach „Isch masch misch Mudda“ aus, nach dieser Kanaaksprak oder wie man das nennt. Davon wollen die türkischstämmigen Migranten doch weg, oder nicht? Ich hätte was korrekt Deutsches gewählt und mit einem Wortwitz irgendwie garniert (ein Wort, welches in beiden Sprachen existiert oder so).

    Egal, das türkische Essen schmeckt mir gut. Hier noch eine kleine Anekdote:

    vor jahren war ich einige Zeit in der Südtürkei unterwegs. In den (für Touristen vermutlich) Restaurant hat das Essen wirklich scheusslich geschmeckt, totale Abzocke meines Erachtens. Eines Tages saßen wir am Strand (ein Freund und ich) und plötzlich wie aus dem Nichts kam eine etwas ältere türkische Frau, die dort mit ihrer Familie gerade picknickte und brachte jedem von uns einen Teller mit Reis und Köfte (Hackfleischbällchen). Ich kann sagen, dass war mit eines der besten Essen, das ich jemals gegessen habe, und mein erster wirklicher Eindruck in die türkische Küche. Ist das Tradition, dass man seinen (Strand) Nachbarn auch was abgibt, wenn diese nichts haben in der Türkei? Ich kenne das ein bisschen so aus der Ukraine, da wurde immer Saslik verteilt und Wodka 🙂

  5. Kalif Harun al-Pussah sagt:

    Ich wollte aus Protest eigentlich nicht posten, aber ich will mal nicht so sein: auch eine gut gemachte Seite für Einsteiger: http://www.turkish-cuisine.org (Englisch, aber geschrieben auf einer Tastatur mit türkischen Sonderzeichen!)

  6. schneider sagt:

    Da fällt mir eine, meine Mutter hat früher immer „Des Derwischs Rosenbeet“ gekocht, das ist auch türkisch, glaube ich.

  7. Mika sagt:

    Also über´s Essen scheinen wir ja einen gemeinsamen Konsens gefunden zu haben: vielleicht sollten wir alle zu einem gemeinsamen Kochkurs als gegenseitigen Integrationsprozess zwingen 🙂

  8. schneider sagt:

    Liebe Mika,

    ganz so einfach ist es leider nicht. Ein Beispiel:

    Sie veranstalten eine Grillparty und laden mich ein. Ich werde kommen, Ihnen vielleicht sogar einen Strauss Blumen mitbringen und dann werden wir die ganze Nacht Essen, Lachen und Sie werden sich freuen, dass mir Ihr Essen so gut schmeckt. Es wird nichts geben, was ich nicht essen würde, alles würde ich probieren. Sie hätten keinerlei Umstände, ich bräuchte keine Extrawürste.

    Dann veranstalten wir eine Grillparty und laden Sie ein. Sie werden kommen und mir vielleicht ein kleines Gastgeschenk mitbringen. Sie aber werden nicht alles Essen können, weil Ihr Gott Ihnen vieles von unserem Essen verbietet. Wir müssten extra für Sie was vorbereiten, und Sie würden bei jeder Speise mit Argwohn fragen, ob da ganz sicher nicht dieses oder jenes darin sein könnte. Sie würden auf gewisse Art eine Extrarolle spielen. Interessanterweise komme ich mir sogar mittlerweile schon richtig schlecht vor, wenn ich Schweinefleisch essen, wenn sich ein Muslim im Raum befindet (obwohl noch niemals ein blöder KOmmentar oder ähnliches kam. Vielleicht ist es auch so eine Art Anstand?).

  9. Mika sagt:

    @Schneider
    Ja, aber das gleiche mache ich doch auch bei Vegetariern oder Veganern. Wenn ich weiß, dass diese Person das oder jenes nicht essen möchte oder mag, versuche ich doch als Gastgeber es den Gästen so angenehm wie möglich zu machen. Oder wenn ich weiß, dass der Gast eine Allergie gegen ein Lebensmittel hat, verhalte ich mich auch entsprechend! Also wenn wir zum Essen/Grillen von Ursprungsdeutschen/Ukrainern/Griechen etc. eingeladen werden, ist das auch kein Problem. Wir lachen dann auch fröhlich die ganze Nacht miteinander 🙂

  10. schneider sagt:

    @Mika

    bei jungen, gebildeten Leuten ist das auch kein Problem. Wir machen das ja auch und es macht keinem was aus. Meiner alten Mutter würde dies schon schwerer fallen. Trotzdem suggeriert es unterbewußt was: Euer Essen ist nicht gut genug. Das ist bei Vegetariern und Veganern sicherlich ähnlich, allerdings spielt hier der Tierschutz oder die Tierliebe eine Rolle, und ist damit besser erklärbar, als ein religiöses Getzt, aber es stimmt schon, sehr ähnlich. Man kommt sich auch schlecht vor, wenn man gerade seine Schweinespießchen ist und ist umgeben von militanten Veganern.


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