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Angela Merkel, an die Türken nach der Rede des türkischen Premiers Erdogan in Köln, März 2008

SPD in Causa Sarrazin

Angst vor der eigenen Courage

Sarrazin bleibt in der SPD! Der Mann, der sich von „Kopftuchmädchen“ bedroht sieht und Deutschlands „Eroberung durch Fertilität“ prognostiziert, teilt mit, es habe ihm ferngelegen, „insbesondere Migranten“ zu diskriminieren. Seine Thesen nimmt er aber nicht zurück.

VONPhilipp Freiherr von Brandenstein

 Angst vor der eigenen Courage
Philipp Freiherr von Brandenstein diente über zwei Jahre als Chief-of-Staff von Karl-Theodor zu Guttenberg in Berlin. Diesem folgte er Ende 2008 als Leiter der „Strategie und Kommunikation“ in die Landesleitung der CSU nach. In dieser Funktion - verantwortlich für die Kampagnenführung der CSU - erstellte er ein vertrauliches Strategiepapier, in welchem er gegen eine „Anti-Türkei-Kampagne“ der CSU bei den Europawahlen 2009 Stellung nahm. Der Autor ist parteilos und arbeitet in Berlin und Düsseldorf.

DATUM26. April 2011

KOMMENTARE10

RESSORTAktuell, Meinung

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Rekapitulieren wir: „Sarrazin hat recht!“. Dieses Motto wurde zum Chiffre all jener, die sich den Satz „Ausländer raus!“ zumindest in der Öffentlichkeit (noch) nicht zu sagen getrauten. Womit Sarrazin eigentlich recht habe, wollten zumindest die Beherrschten lieber nicht mehr beantworten.

Das war auch gar nicht notwendig, denn Sarrazin hatte kein gängiges Ressentiment ausgelassen. Das gesamte Kapitel 7 seines Buches „Deutschland schafft sich ab“ thematisiert „Überfremdung“ und eine vermeintliche kulturelle Prädisposition der Muslime. Sarrazin unterstellt sogar Deutschlands „Eroberung durch Fertilität“ der Türken und Araber (S. 316 ff.). Eigentlich das gesamte Kapitel 8 ist vermeintlichen genetischen Prädispositionen gewidmet. Dieses Kapitel trägt den Titel „Demografie und Bevölkerungspolitik – Mehr Kinder von den Klugen, bevor es zu spät ist“. Sarrazins Sozialdarwinismus und Rassismus wird von ihm selbst also teilweise erschreckend explizit belegt. Die Beweisführung, dass Sarrazin gegen elementare Grundsätze der SPD verstoßen hat, hätte keiner Anstrengung bedurft, wenn man es denn gewollt hätte. Die SPD-Spitze wollte es offensichtlich nicht mehr.

Was bedeutet das? Nun, die einst so stolze Partei hat beschlossen, dass man SPD-Mitglied sein kann und gleichzeitig mit diskriminierenden und rassistischen Thesen auf dem Rücken von Millionen Menschen ein Millionengeschäft machen darf. Das mag man zwar als degoutant erachten, aber immerhin ist es auch eine Aussage. Die SPD hat ihren Weg gewählt. Dem süßen Gift Rechtspopulismus kann auch sie nicht gänzlich widerstehen. Das hat der Souverän nun schriftlich. Der Wähler weiß nun wenigstens, woran er ist und kann dementsprechend seine Entscheidung treffen. Wichtig ist, dass die SPD überhaupt eine Entscheidung getroffen hat- vor den Berliner Wahlen im September.

Dort könnte der Spruch des Schiedsgerichtes zu peinlichen Situationen führen: Ein Klaus Wowereit darf im Berliner Wahlkampf erklären, warum er die Grünen als „reaktionär“ bezeichnet, sein Parteifreund und ehemaliger Finanzsenator Sarrazin aber als missverstandener Mahner betrachtet werden sollte. Oder wird Wowereit seine Botschaft je nach Wähler, je nach Bezirk den Gegebenheiten anpassen? Wird der Regierende in Kreuzberg sagen, dass das Schiedsgericht ein Skandal und Sarrazin ein Rassist sei; in Steglitz hingegen beteuern, er stehe zum Parteifreund, der vielleicht ein bisschen über das Ziel hinausgeschossen sei?

Der Wahlkampf der Berliner SPD droht zu einem erbärmlichen und heuchlerischen Spektakel zu werden. NPD und Stadtkewitz Freiheit werben im Wahlkampf bereits heute mit Sarrazin, die SPD aber entblödet sich nicht, ihm ein aktuelles Gütesiegel verliehen. Wem will, wem kann man das noch verständlich machen? Den hunderten Deutsch-Türken, die sich seit Jahren mit Herzblut für ihre SPD engagiert haben? Erwartet die SPD im Ernst noch Unterstützung von dieser Seite?

Die SPD, deren Mitglieder einst gar Adolf Hitler trotzten, hatte auf einmal schreckliche Angst vor der eigenen Courage. Am Ausschluss Sarrazins aus der SPD führte eigentlich kein Weg vorbei. Die SPD war durch ihre Geschichte hindurch nicht nur eine aufklärerische und emanzipatorische Kraft, sondern auch politischer Katalysator sozialen Aufstiegs, dessen Möglichkeit Sarrazin durch seine Thesen negativer kultureller und genetischer Prädisposition ganzer Bevölkerungsgruppen in Abrede gestellt hat. Indem die SPD Sarrazin weiter in ihren Reihen duldet, verrät sie dieses große Erbe. So schafft die SPD sich ab!

Der Verfall der SPD wird Auswirkungen auf das gesamte Parteienspektrum zeitigen. An einem NPD-Verbotsverfahren sollten sich die beiden Volksparteien lieber nicht mehr versuchen. Toleranz jedoch droht im deutschen Parteiensystem zum Kuriosum zu werden. Aus der CSU tönt die Parteispitze schon lange, dass man die Zuwanderung von Menschen „aus fremden Kulturkreisen“ am liebsten „bis zur letzten Patrone“ bekämpfen würde. Die CDU ist weniger explizit, aber auch hier genießt das Ressentiment wachsenden Zuspruch. Die großen identitätsprägenden Volksparteien konnten der Versuchung Xenophobie nicht widerstehen. Grüne und FDP haben nun die Chance, ihre Opposition zu dieser Großen Koalition der Xenophobie zu demonstrieren. Man kann nur hoffen, dass dort mehr Standhafte zu finden sind.

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10 Kommentare
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  1. Posik sagt:

    Selbstverständlich hat Sarrazin recht, bis heute konnte man seine sehr gut belegten Thesen nicht entkräften, deswegen konzentriert man sich in der Verleumdung und Beleidigung der Person (siehe Artikel) und nicht auf die Sache selber.
    Es wundert mich aber, dass Sarrazin in einer Partei verbleibt, die offensichtlich Probleme mit Meinungsfreiheit hat, es gibt doch viel bessere Alternativen, wie DIE FREIHEIT von Herrn Stadtkewitz, die, wenn man das Grundsatzprogramm liesst, endlich ernst mit direkten Demokratie machen möchte, also etwas wovon die etablierten Partien eine panische Angst haben.

  2. NDS sagt:

    1. https://www2.hu-berlin.de/hcsp/de/1524/going-public/foroutan-sarrazins-thesen-auf-dem-prufstand-dossier-presseecho/

    2. Pressemitteilung http://idw-online.de/pages/de/news384817

    Thilo Sarrazin hat grundlegende genetische Zusammenhänge falsch verstanden
    Dr. Kerstin Elbing
    Verband Biologie, Biowissenschaften und Biomedizin in Deutschland e.V.
    02.09.2010 13:17
    Bundesbankvorstand Thilo Sarrazin hat bei der Vorstellung seines neuen Buches “Deutschland schafft sich ab – Wie wir unser Land aufs Spiel setzen” provokante Thesen aufgestellt, die eine kontroverse Diskussion ausgelöst haben. In Bezug auf die Aussagen Sarrazins zur Genetik verwehrt sich der Verband Biologie, Biowissenschaften und Biomedizin in Deutschland (VBIO e. V.) entschieden gegen jede Verfälschung und politische Instrumentalisierung biologischer Fakten. – Sei es durch Thilo Sarrazin selbst, sei es durch andere Teilnehmer der derzeit laufenden öffentlichen und medialen Debatte.

    3. Analyse – Die seltsamen Methoden des Thilo Sarrazin
    http://www.rohmert-medien.de/immobilienbrief/analyse-die-seltsamen-methoden-des-thilo-sarrazin,108286.html
    21.September 2010 redaktion
    Kategorie: Artikel des Tages, Der Immobilienbrief
    Volker Eichener, Professor für Politikwissenschaft und Rektor der EBZ Business School – University of Applied Sciences, Bochum

    4. SAMSTAG, 4. SEPTEMBER 2010

    http://achdulieberdarwin.blogspot.com/2010/09/ach-du-lieber-darwin-warum-hat-dich.html
    Ach du lieber Darwin – warum hat dich Sarrazin nicht gelesen?
    von Reinhold Leinfelder

    –> Nicht widerlegt???

  3. Posik sagt:

    Nein, nicht widerlegt, diese Arbeiten sind mir sehr wohl bekannt, diese widerlegen nur etwas, was Sarrazin nie behauptet hat, man sollte bei solchen Beiträgen immer folgende Reihenfolge beachten:

    Buch von Sarrazin LESEN -> Nachdenken -> Recherchieren -> Studien lesen und mit Thesen von Sarrazin vergleichen -> Schreiben

    Bei ihrem Beitrag hat man ein Glied der Kette ausgelassen, wodurch die ganze Kette nutzlos ist.

  4. Miro sagt:

    @NDS

    Ach sie sind ein Foroutangläubiger. Gehen sie doch mal auf youtube und geben sie dort ein – Die Glaubwürdigkeit von Dr. Naika Foroutan –
    Sie werden ein kurzes, 1:35 min langes ,Video finden das zeigt wie man hier angeblich Sarrazins Zahlen widerlegt.

  5. MoBo sagt:

    Besser foroutangläubig als Sarrazinist, denn selbst wenn beide Interpretationen falsch sind (habe beide nicht analysiert, bin als Wirtschaftswissenschaftler da kein Fachmann. Ach stimmt, ist Kollege Sarrazin ja auch nicht…) ist mir die, welche nicht gegen verschiedene Beölkerungsgruppen hetzt lieber.

  6. Kehrhelm Kröger sagt:

    Ich bin stolz auf den mutigen Thilo Sarrazin. Er hat Fakten gesammelt und präsentiert, die großen Teilen des Volks auf der Seele brennen. Gott segne Thilo Sarrazin!

  7. Hülya Lehr sagt:

    Thilo Sarrazins Thesen haben in keiner demokratischen Volkspartei einen Platz. Er ist KEIN Querdenker, sondern ein Hetzer. Über 2.500 Menschen aus der SPD haben sich bereits gegen die Entscheidung der SPD-Spitze entschieden, die Zahl wächst.
    Unterschreiben auch Sie die u.a. Petition, als Sozialist oder nur als ein Freund für die Erhaltung der unantastbaren Menschenwürde in unserem Land: http://openpetition.de/petition/online/berliner-erklaerung-zur-beendigung-des-parteiordnungsverfahrens-gegen-dr-thilo-sarrazin

  8. Maria sagt:

    Ich würde Gott aus der Diskussion Sarrazin heraushalten.
    Ehrlich gesagt kann ich mir nicht vorstellen, dass ihm die Thesen von Sarrazin gefallen. Liest man das NT und studiert dabei die Bergpredigt von Jesus, kommt man schnell auf ein anderes Ergebnis.

  9. Kehrhelm Kröger sagt:

    Die SPD braucht einen Thilo Sarrazin mehr als alle sog. Deutsch-Türken!

  10. Mika sagt:

    Lieber Kehrhelm Kröger,

    Scheinbar haben Sie es immer noch nicht begriffen: Dieser S. ist nicht daran interessiert, einen Dialog zu führen und sich für die Rechte der Ursprungsdeutschen einzusetzen. Ihn interessiert nur, wie man als Demagoge erfolgreich sein Buch vermarktet. Und leider sind auch Sie darauf reingefallen. Herrn S. freut´s: die Verkaufsquote hat die Millionengrenze weit überschritten! Die SPD hätte in beiden Richtungen verloren. Sie konnte sich nur falsch entscheiden. Diese angebliche Volkspartei wähle ich bereits seit Jahren nicht mehr.



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