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Migranten spielen auf den Sprechbühnen keine Rolle

Eine schwarze „Maria Stuart“ oder einen türkischen „Faust“ – wann hat es das auf den deutschsprachigen Bühnen gegeben? Aber auch einen schwarzen „Othello“ oder einen griechischen „Ödipus“ konnten wir schon lange nicht bewundern. Viele Schauspieler mit Migrationshintergrund und fremdländischem Aussehen haben große Schwierigkeiten, für ein Ensemble engagiert zu werden. Sie bekommen die Rollen, die typischerweise mit Ausländern besetzt werden, aber nicht den Woyzeck, König Lear oder Iwanow. Da an den Staats- und Stadttheatern im deutschsprachigen Raum überwiegend Kleist, Tschechow oder Shakespeare gespielt wird, sind die Chancen für Araber, Türken oder Schwarzafrikaner denkbar „schlecht.

„Nur die Qualität muss stimmen“
Häufig argumentieren Intendanten, Dramaturgen und Regisseure, es gebe keine guten Schauspieler, die dem Anspruch genügen würden, auf einer großen Bühne spielen zu können. Die Intendantin am Schauspiel Köln, Karin Beier, hat in ihrer ersten Spielzeit in Köln eine bemerkenswerte Zahl an Migranten beschäftigt. Eine von ihnen ist Anja Herden. Die dunkelhäutige Schauspielerin mit afrikanischen Wurzeln kennt die Probleme der Schauspieler mit offensichtlichem Migrationshintergrund: „Es geht in diesem Job ja nicht immer nur primär um Talent, sondern vor allem auch um sozio-kulturelle Moden, Geschmäcker und Trends“, sagt sie entschieden. „Die allgemeine Forderung nach großen Rollen, oder einfach nur nach einem selbstverständlichen, der multi-kulturellen Realität angepassten ‚Vorkommen‘ auf deutschen Bühnen halte ich jedoch für unklug – der Totschläger: Wir-würden-ja-wenn-IHR-nur-begabter-wäret knüppelt einen immer wieder in die Sackgasse“, empört sie sich.

„Vielleicht ist es am ehesten so, dass das gesamte, höchst empfindliche Gebilde von Intendanz, Regie und Feuilleton sich tatsächlich gemeinsam dazu entscheiden müsste…“

„Natürlich empfinde ich diese Aussage in ihrer Pauschalität als eine Unverschämtheit und halte sie in dieser Diskussion einfach nur für unfassbar kontraproduktiv“, so Herden. „Vielleicht ist es am ehesten so, dass das gesamte, höchst empfindliche Gebilde von Intendanz, Regie und Feuilleton sich tatsächlich gemeinsam dazu entscheiden müsste, Sehgewohnheiten und Erwartungen eines Publikums umzuschulen, und dabei in Kauf zu nehmen, dass ein solcher Umbruch möglicherweise manchmal holpert und irritiert“, bemerkt Anja Herden abschließend. Sie sei noch immer in Köln, aber die Verträge vieler anderer Kollegen mit Migrationshintergrund seien nicht verlängert worden. Einige seien auch gegangen, weil sie kaum für tragende Rollen in Betracht gezogen wurden. Intendantin Beier betont jedoch, dass „auch einige geblieben seien“, bestätigt jedoch, dass die Fähigkeiten vieler Migranten oft nicht die großen Rollen zuließen.

Dieser Darstellung widerspricht Jan Oberndorf, Regisseur und Dozent an der Schauspielschule in Hamburg. „Seit nun fast zehn Jahren absolvieren immer mehr Studenten unsere Einrichtung und darunter sind viele talentierte Schauspieler und Schauspielerinnen, deren Herkunft sichtbar ist.“ Auch die Ernst-Busch Schauspielschule in Berlin, das Max-Reinhardt-Institut in Wien oder die Otto-Falkenberg-Schule in München bestätigen, dass bis zu 20 Prozent der Absolventen Migranten sind. Doch selbst Darsteller, die im Kino und Fernsehen zu sehen sind, haben auf den Bühnen selten eine Chance, obwohl sie ihr Talent vor der Kamera bewiesen haben. „Warum kann ich nicht Maximilian aus München sein? Auch ohne Böswilligkeit nehmen mich viele Menschen primär als Migranten wahr. Es gibt da immer noch dieses „Wir-Ihr“ Denken“, sagt Fahri Ogün Yardim, der in Fimen wie „Almanya – Willkommen in Deutschland“, „Kebab Connection“ und „Chiko“ gespielt hat.

Theater für, mit oder über Migranten?
Die Gefahr, durch die Anstellung migrantisch geprägter Schauspieler klassischen Texten eine integrationspolitische Färbung zu geben, beschäftigt Joachim Lux, Intendant des Hamburger Thalia Theaters: „Ich fürchte mich vor stereotypischen Besetzungen. Damit fange ich an, diese Menschen auszubeuten für eine bestimmte Eigenschaft.“ Das Tanztheater, die Oper, das Ballet oder Kabarett ist dem Sprechtheater um Jahre, wenn nicht um Jahrzehnte voraus. „Wenn Sie als erste Geige einen Türken haben, dann ist das nicht der Quotentürke, sondern einfach ein guter Musiker“, so Lux.

„Es sind nicht nur Migranten, die es nicht auf die Bühnen schaffen, sondern sind auch ihre Kultur und ihre Geschichten. Stücke aus der Türkei, Afrika oder den Arabischen Ländern kommen so gut wie nicht vor.“

Azadeh Sharifi, Doktorandin an der Universität Hildesheim, hat eine Forschungsarbeit zu diesem Thema verfasst und ergänzt: „Wenn ein Franz aus ‚Die Räuber‘ nun mit einem Ali besetzt wird, besteht die Angst, dass man nun plötzlich eine Aussage über Neuköllner Gangster trifft – obwohl man eigentlich eine klassische Inszenierung der Räuber im Sinn hatte.“ Diese Herausforderung versuchten viele Häuser zu vermeiden. Zu groß sei die Gefahr, beim Feuilleton falsch verstanden zu werden, meint Sharifi. Der hohe Erfolgsdruck lässt die Kreativbranche Risiken meiden.

Die Spielpläne versprechen Besserung
Es sind nicht nur Migranten, die es nicht auf die Bühnen schaffen, sondern sind auch ihre Kultur und ihre Geschichten. Stücke aus der Türkei, Afrika oder den Arabischen Ländern kommen so gut wie nicht vor. Es sind die Ausländer selbst, die diese Themen besetzen. Ehrenmord, Flucht und Heimat werden von Ihnen an den kleineren Bühnen thematisiert. Den großen Häusern ist dies häufig zu banal und zu gefährlich. An diesem heißen Eisen will man sich nicht die Finger verbrennen. Dabei hat die Ruhrtriennale gezeigt, dass das Pendant „Leyla und Madjnun“ durchaus anregender sein kann als eine weitere Inszenierung von „Romeo und Julia“.

Auch das Thalia Theater hat um die Migranten ans Theater zu locken und für sich zu entdecken das Projekt „Thalia Migration“ ins Leben gerufen. Auch die Lessingtage werden dafür genutzt, sich dieser Thematik zuzuwenden. In Heidelberg stehen neben den Inszenierungen von „Gegen die Wand“ nach Fatih Akin und „Schnee“ von Orhan Pamuk jetzt im April das Theaterland Türkei im Fokus des Stückemarkts. Am Deutschen Theater in Berlin inszeniert Nurkan Erpulat gemeinsam mit Dorle Trachternach „Clash“. Es ist zwar noch ein langer Weg bis der Migrationshintergrund nicht mehr im Vordergrund steht, aber man hat sich vielerorts bereits auf den Weg gemacht.