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Bildungsstudie

Migranten für Steuererhöhung zu Gunsten besserer Bildungschancen

Insbesondere Türkischstämmige würden für ein besseres Bildungssystem auch höhere Steuern in Kauf nehmen. Das ist das Ergebnis der bislang größten Bildungsumfrage, die in Deutschland je durchgeführt wurde.

Die Teilnehmer der bislang größten Bildungsumfrage in der Bundesrepublik wünschen sich tief greifende Veränderungen im deutschen Bildungswesen und sehen im Bereich Schule den größten Reformbedarf. Mehr als zwei Drittel der Befragten würden für ein besseres Bildungssystem auch höhere Steuern in Kauf nehmen, vor allem Schüler und Lehrer sowie Teilnehmer mit türkischem Migrationshintergrund treten hierfür ein.

So würden deutlich über 80 Prozent der Teilnehmer mit türkischem Migrationshintergrund eine Steuererhöhung im Bildungssektor unterstützen. Auch die Teilnehmer mit niedrigem bzw. mittlerem Bildungsniveau erklären sich für eine solche steuerliche Zusatzbelastung bereit. Das geht aus der Bürgerbefragung „Zukunft durch Bildung – Deutschland will’s wissen“ hervor, die gestern vorgestellt wurde.

Sozialen Aufstieg ermöglichen
Fast eine halbe Million Menschen hatte bei der Online-Umfrage mitgemacht, die von der Strategieberatung Roland Berger Strategy Consultants, der Bertelsmann Stiftung sowie den Tageszeitungen Bild und Hürriyet initiiert worden war. 130.000 von ihnen füllten den umfangreichen Fragebogen komplett aus.

Sozial Benachteiligten einen Aufstieg zu ermöglichen, ist eine Hauptaufgabe des deutschen Bildungssystems: Diese Ansicht vertritt der größte Teil der Befragen, darunter insbesondere die überwältigende Mehrheit der Teilnehmer mit einem niedrigeren Bildungs- bzw. Einkommensniveau. Auffällig dabei: Fast ein Drittel aller Umfrageteilnehmer mit türkischem Migrationshintergrund wünscht sich eine bessere Förderung von Einwandererkindern (32 Prozent), während dies ansonsten nur ein verschwindend kleiner Anteil der Befragten befürwortet (3 Prozent).

Auffällig ist auch, dass türkischstämmige Befragungsteilnehmer einen drei Mal stärkeren Hang zum Studium aufweisen, als die Gesamtteilnehmer. Während sich 5 Prozent aller Teilnehmer mehr Schüler im Studium wünschen, sind es bei bei denen mit türkischem Migrationshintergrund 15 Prozent.

Längeres gemeinsames Lernen
Kritik entzündet sich den Ergebnissen der Umfrage zufolge vor allem am Bildungsföderalismus. Neun von zehn Befragten monieren die unterschiedlichen Lehrinhalte in den einzelnen Bundesländern und treten für bundesweit einheitliche Abschlussprüfungen ein. Zugleich ist eine überwältigende Mehrheit der Ansicht, der Politik fehle es beim Thema Bildung an Mut zur Veränderung.

Info: Die große Bürgerbefragung „Zukunft durch Bildung – Deutschland will’s wissen“ funktioniert nach dem Prinzip eines Volksentscheides: Alle können sich beteiligen. Je mehr Menschen mitmachen, desto mehr Gewicht bekommen die Ergebnisse. Die Umfrage ist nicht repräsentativ, da die Befragten nicht zufällig ausgewählt wurden: Alle konnten sich beteiligen. Um möglichst alle Teile der Bevölkerung zu erreichen, gab es den Fragebogen in den Sprachen Deutsch, Türkisch und Russisch. – Die Ergebnisse der Online-Bürgerbefragung sowie Grafiken und Diagramme.

Die Teilnehmer sprechen sich für einen verbindlichen Kita-Besuch, für das gemeinsame Lernen mindestens bis zur sechsten Klasse und für eine Garantie auf einen Ausbildungsplatz aus. Ihrer Ansicht nach sollten Kita- und Schulbesuch kostenfrei sein, eine knappe Mehrheit ist für Studiengebühren. Das bevorzugte Schulmodell ist die Ganztagsschule. Dafür sprechen sich 43 Prozent der Teilnehmer aus. Eine Ganztagsschule, in der ein freiwilliges Nachmittagsprogramm angeboten wird, präferieren 38 Prozent und die klassische Halbtagsschule wird von 19 Prozent bevorzugt.

Soziale Selektion
Memet Kilic, Sprecher für Integrations- und Migrationspolitik der Grünen-Bundestagsfraktion, sieht darin Forderungen seiner Partei bestätigt: „Es ist schon lange bekannt, dass Kinder mit einer anderen Muttersprache als Deutsch in unserem Bildungssystem deutlich benachteiligt sind. Unser mehrgliedriges Schulsystem stellt mit seiner sozialen Selektion eine institutionelle Diskriminierung dar.“

So sei es nahezu vorprogrammiert, in welcher Schule ein Arbeiterkind mit Migrationshintergrund lande. Schon zehnjährige Kinder hätten deshalb Zukunftsängste und Probleme mit ihrem Selbstwertgefühl. „Wir fordern, für eine bessere Teilhabe von Migrantenkindern längeres gemeinsames Lernen in allen Bundesländern“, so Kilic. Das entspreche auch dem Wunsch der Betroffenen. (bk)