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Migration und Integration in Deutschland

Wenn mir etwas Sorge macht, dann nicht Sarrazins Buch, das ich für das absurde Ergebnis eines Hobby-Darwins halte. Viel mehr Sorge macht mir, dass dieser Rückgriff auf die Eugenik in unserem Land gar nicht mehr auffällt, ja mehr noch: als »notwendiger Tabubruch« frenetisch gefeiert wird.

Sigmar Gabriel (SPD-Chef), Die Zeit, 16.09.2010

Leos Wochenrückblick

Ausbildung, BILD, Roma, Koran und Islam

Die Themen der Woche: Der vermeintliche Erfolg in der Jugendausbildung; wie BILD hetzt – eine Analyse, Roma-Diskriminierung, Koran-Verbrennung, Islam an der Uni und Landesbischof contra Friedrich

VONLeo Brux

 Ausbildung, BILD, Roma, Koran und Islam
Leo Brux, 1950 in München geboren, ist u. a. Integrationskurs-Lehrer bei der InitiativGruppe – Interkulturelle Begegnung und Bildung e.V., einem großen Träger der Integrationsarbeit in München. Migrations- und Integrationsfragen beschäftigen ihn seit den frühen 70er Jahren sowohl praktisch als auch theoretisch, privat und beruflich. Für die InitiativGruppe schreibt er einen Migrationsblog.

DATUM11. April 2011

KOMMENTARE19

RESSORTAktuell, Meinung

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Bildungsministerin Schavan legt den Jugendausbildungsbericht 2011 vor, spricht von Erfolgen, die Medien klatschen Beifall. Weil sie sich nicht die Mühe machen, den Bericht selbst zu studieren und gegebenenfalls ein wenig nachzudenken. Das aber passiert auf den Nachdenkseiten :

Da werden dann irgendwelche Statistiken herausgepickt, die Ministerin Schavan als Jubelmeldungen verkündet. Mit der tatsächlichen Lage auf dem Ausbildungsmarkt haben solche Meldungen kaum etwas gemein. Die Darstellung des BMBF ist eine Beschönigung der Lage, um nicht zu sagen, die Bildungsministerin betreibt reine Propaganda zugunsten der Spitzenverbände der Wirtschaft und zulasten hunderttausender junger Leute. Und die veröffentlichte Meinung plappert das munter nach. …

Die Rheinische Post titelt: „Lage auf dem Ausbildungsmarkt verbessert sich“. Das ZDF meldet, „eine gute Nachricht“ oder „ein tolles Signal an die jungen Leute“. Der Spiegel jubelt: Juhu, wir werden weniger. Die Zeit setzt sogar noch eine Falschmeldung in die Überschrift: „Mehr Ausbildungsplätze für Schulabgänger“.

Journalisten scheinen nicht mehr viel Zeit zu bekommen, sich um ihr Thema richtig zu kümmern.

Wie ein Medium hetzen kann, referiert der „Spiegelfechter“ Jens Berger – ebenfalls für die Nachdenkseiten – in seiner Rezension der BILD-Analyse des Otto-Brenner-Instituts. BILD arbeite nicht journalistisch …

Um journalistischen Mindeststandards zu genügen, müsste die Bild nicht nur journalistisch arbeiten, sondern zunächst einmal überhaupt den Vorsatz haben, den Leser zu informieren.

Das ist bei der Bild aber gerade nicht der Fall.

Die Bild bildet die Realität nicht ab, sie versucht die Wirklichkeit nach ihrer Weltsicht zu formen, und wenn ihr das nicht gelingt, beschreibt sie eben eine Scheinrealität.

Was nicht in das Raster der Bild-Meinung passt, wird ignoriert. Statements werden nicht rezipiert, sondern selbst produziert.

Als Musterbeispiel untersuchen die Autoren der Studie die BILD-Kampagne gegen die „Pleite-Griechen“ Januar – Mai 2010. Jens Berger fasst den Umgang der Zeitung mit der Migrantenthematik zusammen:

Bild hetzt! – gegen alles, was nicht ins erzkonservative, stets nationalchauvinistisch geprägte Raster der Bild passt.

Bild hat sich Sarrazin, wie ein Bauchredner seiner Puppe bedient.

Bild hetzt gegen Migranten, gegen den Islam, gegen Linke, gegen die 68er und ihre Erben, gegen liberale Werte und gegen Arbeitslose sowie Hartz-IV-Empfänger.

Bild ist sozialdarwinistisch bis ins Mark und steht dabei weit außerhalb des ansonsten gesellschaftlich tolerierten politischen Spektrums.

Bild blockt die Empörung vieler Menschen über soziale Ungerechtigkeiten gegen die „Gewinner“ aus den Verteilungskämpfen ab und lenkt den Zorn auf die sozial an den Rand Gedrängten, auf Minderheiten und auf Ausländer.

Bild schürt den „Klassenkampf im Armenhaus“.

Diese Hetze zeigt – anders als die politischen Kampagnen – auch sehr wohl ihre Wirkung.

Wenn man der Frage nachgeht, warum Teenager in der brandenburgischen Pampa, in der es fast keine Migranten gibt, ausländerfeindlich werden, findet man die Antwort in der Bild.

Und mit der Sarrazin-Kampagne ist es Bild gelungen das politische Spektrum ins Rechtspopulistische zu verschieben.

Über die Aufregungen zum Thema Islam in Europa verliert das Neue Deutschland nicht das Schicksal der Roma aus den Augen.

Am heutigen Internationalen Tag der Roma wird die Minderheit wieder auf ihre prekäre Lage aufmerksam machen. Roma werden alltäglich diskriminiert und leben in ärmlichen Verhältnissen. Vor allem in Osteuropa sind sie zudem häufig Opfer rechtsextremer Gewalttaten. Als »eine Dritte Welt in der Ersten Welt« beschrieb Nadine Papai von der Internationalen Romani Union (IRU) die Situation vieler der zehn bis zwölf Millionen Roma, die in der Europäischen Union leben.

Etwa 90 Prozent von ihnen sind arbeitslos. Nur etwa 42 Prozent der Roma-Kinder absolvieren die Grundschule.

„Selber schuld! Unfähige Leute!“ – Diese populistische Reaktion ist naiv und kontraproduktiv:

Diskriminierung und Ausgrenzung hätten einen »Produktivitätsverlust und weniger Einnahmen« zur Folge, »da möglicherweise potenzielle Talente vergeudet werden«, erklärte die Kommission.

Laut Rudko Kawczynski, Präsident des European Roma and Travellers Forum, sind mehr als 90 Prozent der europäischen Roma arbeitslos.

Diese Quote soll deutlich gesenkt werden, dadurch würden sich zugleich die Sozialausgaben verringern und mehr Bürger würden Steuern zahlen.

Die Weltbank geht davon aus, dass dies einigen EU-Staaten einen wirtschaftlichen Nutzen von rund 0,5 Milliarden Euro pro Jahr bringen würde.

Eine solche ökonomische Begründung von Maßnahmen gegen diskriminierende Strukturen mag Moralisten zynisch erscheinen. Aber nur eine nüchterne Nutzenkalkulation versetzt die Berge des Geldes und der Macht.

Über die Verbrennung des Koran durch den US-amerikanischen Pastor Jones und der darauf folgende Mobangriff im afghanischen Masar-i-Sharif mit 8 toten UN-Mitarbeitern wurde zwar gebührend berichtet, sie wurde aber eher wenig kommentiert.

Im Tagesspiegel versucht es Malte Lehming. Einerseits habe der Pastor grob verantwortungslos gehandelt, denn er habe um die gefährlichen Folgen seiner Tat gewusst; andererseits liege das Verbrechen bei den Mördern. Der letzte Satz zieht das Resümee:

Wer Terry Jones verachtet, beachte ihn möglichst wenig.

Nichtbeachtung scheint auch in der islamischen Welt üblich gewesen zu sein. Außer aus Afghanistan hat man kaum etwas über Proteste, überhaupt über Reaktionen vernommen.

Sollte der Eindruck stimmen, so wird man wohl auch den Mordmob in Afghanistan weniger dem Islam als den besonderen lokalen Bedingungen dort zuschreiben müssen.

Für unsere Islamfeinde war diese gelassene Reaktion dann doch wohl eine Enttäuschung.

Der Islam hält Einzug an einigen deutschen Universitäten. Zum Beispiel in Frankfurt. Am Montag geht es dort los. Zunächst kommt Masterstudiengang. Im Laufe des Jahres sollen zwei Professuren eingerichtet werden. Der focus berichtet darüber. Vize-Präsident sieht die möglichen Leistungen für die Forschung und für die Integration. Aber er rechnet auch mit Gegenwind:

Theologie sei ein umstrittenes Feld, allein schon die Frage, ob die Texte historisch seien oder nicht. Es werde nicht einfach eine Glaubenstradition fortgesetzt, sondern etwas verändert im Reflexionsprozess. „Das wollen fundamentalistisch angehauchte Kreise nicht“, fügte Lutz-Bachmann hinzu, „in allen Religionen wohlgemerkt“.

Die Süddeutsche Zeitung interviewt den neuen evangelischen Landesbischof in Bayern und fragt, wo er sich mit der bayerischen Landesregierung anlegen könnte …

Wo könnte der neue Landesbischof mit der Regierung aneinander geraten?

Bedford-Strohm: Zum Beispiel beim Thema Islam. Wir müssen die Muslime stärken, die sich für einen liberalen, demokratiefreundlichen Islam einsetzen. Wir dürfen sie nicht schwächen, indem wir signalisieren: Ihr gehört nicht zu uns. So aber wurden die Äußerungen des neuen Innenministers Hans-Peter Friedrich verstanden. Wir sollten die Vielfalt der Religion nicht als Gefahr, sondern als Chance begreifen.

Braucht Bayern eine Islamkonferenz?

Bedford-Strohm: Das wäre sicher eine Möglichkeit, manche Irritationen zu vermeiden. Es hängt alles davon ab, dass Menschen sich achten lernen, einander vertrauen können. Freunde können sich auch kritisieren.

Das katholische Domradio berichtet, was der bayerische Innenminister Herrmann dazu sagt:

„Ich stimme Herrn Bedford-Strohm zu, dass wir die Muslime stärken müssen, die sich für einen liberalen, demokratiefreundlichen Islam einsetzen.“

Gleichzeitig lässt der Innenminister die liberale Islamische Gemeinde Penzberg im Verfassungsschutzbericht erwähnen und bemüht sich um die Ausgrenzung des Islam überhaupt.

Ja was nun?!

„Niemand darf öffentlich eine Bekleidung tragen, die dazu bestimmt ist, das eigene Gesicht zu verhüllen.“

Das sagt das neue französische Burka-Verbots-Gesetz, das ab Montag gelten soll. Anzunehmen, dass es darüber kommende Woche in den Medien einiges zu berichten und kommentieren gibt. Vorab schon mal etwas auf meinem Blog.

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19 Kommentare
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  1. Europa sagt:

    Schön dass Herr Brux alle vermeintlichen Hetzartikel nochmal zusammengestellt hat und seine „Ihr-seid-doch-alle-nur-Hetzer“-Sosse drüber gegossen hat.

  2. Leo Brux sagt:

    Soll sich diese seltsame Bemerkung auf den Artikel oben beziehen, Europa? Inwiefern? Da gibt es sechs Abschnitte – sind die mit „Hetzartikel“ gemeint?

    Es ist nicht das erste Mal, dass man das Gefühl hat, „Europa“ weiß selber nicht, was er schreibt.

  3. GuntherG sagt:

    Über zehn Tote nennen Sie also eine „gelassene Reaktion“?
    Das nenne ich mal vorsichtig ausgedrückt zynisch.

  4. Leo Brux sagt:

    Für Sie,
    GuntherG,
    scheinen alle 1,5 Mrd. Muslime sozusagen EINE geschlossene Gruppe zu sein, in der jeder für jeden verantwortlich ist.
    Nehmen Sie aber zum Beispiel mal die Muslime in der Türkei. Oder Ägypten. Oder Bosnien. Oder Kuweit. Oder Deutschland. Etcetera. Wie haben die Muslime dort reagiert?
    Mit Nichtbeachtung der Koranverbrennung. Gelassen.
    Stimmen Sie DIESER Aussage zu?

    Den Vorwurf des Zynismus kann ich zurückgeben: IHRE Verallgemeinerung ist zynisch. Im Sinne von übelwollend.

  5. Miro sagt:

    In Iran werden nahezu täglich Koranausgaben zerrissen, verbrannt etc. und die Reste dann heimlich an öffentlichen Plätzen verteilt. Das ist Ausdruck des Protests gegen einen Staat und eine Gesellschaft die auf den ideologischen Grundlagen dieses Buches beruht. Über diese Protestaktionen gegen Unterdrückung und für Demokratie und Menschenrechte wird aber in westlichen Medien nicht berichtet.
    Und in naiven gutmenschenlich-islamphielen Blogs erst recht nicht, da ist man vielmehr damit beschäftig Tür und Tor für die Leute zu öffnen die auf lange Sicht am liebsten oder gezwungenenmaßen unter Scharia leben möchten.
    Guckst du hier http://www.dailymail.co.uk/news/article-1377780/London-Taliban-targeting-women-gays-bid-impose-sharia-law.html
    […]

  6. Leo Brux sagt:

    Miro,
    ein Glück für mich, dass ich nicht im Iran leben muss.
    Ein Glück für mich aber auch, dass ich nicht unter der Herrschaft von Menschen wie Sie leben muss. Sie würden auch mich vermutlich verantwortlich machen für alle Untaten, die im Namen des Islam auf der Welt begangen werden, während Sie selber natürlich unschuldig sind an allen Untaten, die im Namen des Westens GEGEN Muslime begangen werden.

  7. Miro sagt:

    @Leo Brux
    „ein Glück für mich, dass ich nicht im Iran leben muss.“
    Seh ich genauso und ich möchte eben verhindern das nicht in 40 Jahren in Deutschland die gleichen Bedinungen wie im Iran oder Saudi Arabien herrschen, wo all diese Menschenrechtsverletzungen, bis hin zu kapitalen Verbrechen, die in Koran und Sunna zu finden sind (Scharia), auf staatlicher Ebene Anwednung finden.
    Um nochmal den Bogen zu spannen. Nehmen sie eigentlich die Ereignisse in Tschernobyl und Fukushima zum Anlass um für deutsche Atomkraft Konsequenzen zu fordern? Oder stellen sie eine Minderheit unter den Grünen dar die sagt, wir dürfen die Zustände in Japan und der Ukraine nicht mit den hiesigen Bedinugnen vergleichen, denn unsere Atomkraftwerke sind total grundgesetzkonform und integrationswillig, äh ich meine sie stehen nicht in stark gefährdeten Erdbebengebieten und sind generell sicher.

  8. Leo Brux sagt:

    Muslime sind keine Atomkraftwerke,
    Miro.

    Sie unterstellen einfach, dass sich Muslime ähnlich sind wie Atomkraftwerke.
    Denken Sie mal an alle Arten von Energieproduktion. So unterschiedlich sind auch Muslime. Es wäre doch Unfug, wegen Fukushima jetzt alle Wasserkraftwerke, Batterien und Windräder zu verdächtigen, wie Atomkraftwerke Radioaktivität freizusetzen.

    Wie in Deutschland ein paar hundert scharfe Salafisten Bedingungen wie im Iran oder Saudi-Arabien erzeugen sollen, können Sie mir nicht vernünfig erklären. Es ist reine Paranoia, wenn Sie sowas wirklich befürchten sollten. Wahrscheinlich ist es aber nicht Paranoia, sondern bloß Hetze.

  9. Miro sagt:

    „Muslime sind keine Atomkraftwerke“

    NEIN WIRKLICH? Das hät ich jetzt aber nicht gedacht.
    Ach Herr Brux haben sie tatsächlich nicht die geisitge Kapazität zu erkennen das Atomkraft Gefahren für das Wohl einer Gesellschaft bürgt und Islam eben auch, wenn selbstverständlich auch auf anderer Art und Weise? Und man eben in beiden Fällen die Zustände und Realitäten in anderen Ländern mit einbeziehen muss für eine eigenen Risikobewertung?


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