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Migration und Integration in Deutschland

Es gab vor allem in der Anfangsphase der Anwerbung von Türken häufige Klagen der deutschen Arbeitskollegen darüber, dass die Türken … an ihrem Arbeitsplatz wie verrückt arbeiten und dadurch die Akkordsätze verderben.

Hans-Günter Kleff, Vom Bauern zum Industriearbeiter, 1985

Die gerettete Zunge

Von der schönsten Erfindung der Menschheit, dem Verständnis und dem Nachbar

Vor ca. 100 000 Jahren – als auch die körperlichen Voraussetzungen entsprechend gut entwickelt waren – begann die Geburtsstunde von etwas, ohne das wir vermutlich nicht so weit wären, wie wir es heute nun mal sind. Die Sprache.

VONZerrin Konyalıoğlu

Die Autorin ist in Istanbul geboren, Turkologin, Schwerpunkt interkulturelle Deutschförderung im bilingualen Kontext - Türkisch zu Deutsch. Ihr Buch "Deutsch als Zweitsprache - Türkische Schüler systematisch fördern" erschien im Persen-Verlag.

DATUM23. März 2011

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RESSORTAktuell, Meinung

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Sie beeinflusst das Zusammenleben der Menschen, ihre Denke und ihre Gefühle. Ca. 1000 v.Chr. wurden schätzungsweise 20 000 verschiedene Sprachen gesprochen. Und heute? Obwohl die Hälfte der Weltbevölkerung bilingual ist, werden nur noch 7000 Sprachen gesprochen, allein 832 davon in Papua Neuguinea. Die Sprachendichte ist um den Äquator herum am größten, in großen Staaten hingegen ist eine sprachliche Homogenität zu beobachten.

Sprachen und bedrohte Tierarten haben etwas gemeinsam. Manche sind vom Aussterben bedroht, in manchen Regionen unserer Erde stirbt jede zweite Woche eine Sprache und damit auch das jeweilige kulturelle Erbe aus. Hauptsächlich handelt es sich dabei um Eingeborenensprachen. Auch Politiker setzen sich immer mehr und mehr für Sprachen ein. So haben erst kürzlich – gegen den Willen des Parteivorstands um Kanzlerin Angela Merkel – einiger Politiker, die eine akute Gefährdung der deutschen Sprache befürchten, einem Sprachantrag zugestimmt und gefordert, man möge doch die deutsche Sprache vorsorglich schon mal unter Verfassungsschutz stellen. Aber selbst, wenn man Sprachen wie ein Denkmal unter Schutz stellt, darf man eines nicht vergessen, Sprachen sind keine Konservendosen, Sprachen sind lebendig, sie lassen sich eben nicht konservieren, sie leben und verändern sich mit und durch den Menschen. Und sie sind verschieden, sehr verschieden.

Wenn man sich bei manchen Sprachen die Syntax und Lexik anschaut, fragt man sich vorerst, wie können die sich überhaupt verständigen? So gibt es in zahlreichen Sprachen keine Personalpronomen. Ja kann man denn ohne das Wort „mein“ überhaupt etwas besitzen? In anderen Sprachen wiederum gibt es keine Verwandschaftsbezeichnungen und trotzdem müssen sie nicht auf Onkel und Tante verzichten. Bei anderen Sprachen hingegen fehlt der Ausdruck für „rechts“ und „links“, vermutlich fahren die nur geradeaus? In den gälischen Sprachen fehlen die Worte für „ja“ und „nein“ und trotzdem können sie ihre Zustimmung bzw. Ablehnung zum Ausdruck bringen.

Im Deutschen kennen wir neben „er“ und „sie“ – was zumindest geschlechtlich noch Sinn macht – auch noch das „es“, das somit per se jedes Mädchen geschlechtslos macht – zumindest grammatisch. Das haben die Mädchen nicht verdient. Hätte Sigmund Freud seine Schriften vom „Ich“ und „Es“ überhaupt in Türkisch verfassen können? Vermutlich nicht, zumindest nicht so wie im Deutschen, denn im Türkischen gibt es keine geschlechtliche Unterscheidung in der 3. Person Singular. Für „er“, „sie“ „es“ sagen wir einfach nur „o“.

Im Gegensatz zu Sprachwissenschaftlern, die in weltweit operierenden Instituten für den Erhalt bedrohter Sprachen kämpfen, hat die Masse der Bevölkerung keinen Sinn für solch einen „Unsinn“. Per Deklaration wird bestimmt, was gesprochen wird. Ende des 19. Jahrhunderts wurde in Frankreich mit Einführung der Schulpflicht das Bretonische verboten.

Schüler, die gegen diese Regelung verstießen, mussten zur Strafe ein Hufeisen um den Hals tragen. Schilder ermahnten: „Defense de cracher par terre et de parler de Breton“ (Es ist verboten, auf die Erde zu spucken und Bretonisch zu sprechen). Und, wenn man heute auf die Website der Herbert-Hoover-Schule in Berlin geht, findet man in der Hausordnung unter § 1, Artikel 3: „Die Schulsprache unserer Schule ist Deutsch, die Amtssprache der Bundesrepublik Deutschland. Jeder Schüler ist verpflichtet, sich im Geltungsbereich der Hausordnung nur in dieser Sprache zu verständigen.“

Auch ich habe heute mit Sprachen zu tun, aber schon damals als Kind hatte ich keine Angst vor Sprachen. Im Gegenteil. Meine Großmutter sprach arabisch, wir sind mütterlicherseits aus Dubai, in Istanbul lebend sprach sie natürlich auch türkisch. Da sie in Fener wohnte, einem ehemaligen Viertel mit vielen Griechen, hatte sie griechisch gelernt und konnte es fließend. Man muss mit seinen Nachbarn gut leben, sie können zwar türkisch sagte sie immer, aber sie freuen sich, wenn ich mit ihnen griechisch spreche.

Sprache und Mensch gehören zusammen. Man kann keinen Menschen willkommen heißen und erwarten, dass er seine mitgebrachte Sprache, wie einen Hut ablegt. Und wie heißt es so schön im Grundgesetz? „Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden.“

Sehr schön, dann klappt das vielleicht doch noch mit den Nachbarn, selbst, wenn der im Gepäck noch eine andere Sprache mitbringt.

Mit bestem Gruß
Ihre Zerrin Konyalıoğlu

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24 Kommentare
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  1. Marc Fischer sagt:

    Für mich sind Sie inzwischen die schönste Sprache, die wir haben.

  2. Bleier sagt:

    Wo wird eigentlich gefordert, türkisch zu verbieten? Darauf wollen sie ja hinaus, nicht wahr?

    Es muss ein unglaublicher Affront für sie sein, dass man von Migranten verlangt, die Landessprache zu lernen. Den Eindruck hat man zumindest in allen ihren Beiträgen.

    „Türken, die Deutschen wollen euch eure Sprache nehmen!“ In Anlehnung an ein altes SPD Plakat.

  3. Liebe Zerrin,
    Vielen Dank für Deinen schönen Beitrag! Du schreibst auf eine Weise, die mein Herz berührt 🙂 Deine Gedanken beruhen nicht auf grauer Theorie, sondern auf persönlich gelebter Erfahrung! Auch das macht sie so überzeugend!!
    Herzliche Grüße
    Christian

  4. Sehr geehrter Herr Bleier,
    Ich fürchte, Sie haben das Anliegen der Autorin Zerrin Konyalioglu überhaupt nicht begriffen. Sie ist nicht dagegen, daß die Migranten in Deutschland die Landessprache erlernen. Ganz im Gegenteil! Die Autorin zeigt nur einen Weg auf, wie das besser funktionieren könnte als bisher. Nicht durch Zwang, sondern indem der Staat den Menschen die Chance läßt, einander auf „Herzenshöhe“ zu begegnen, wie sie es so treffend ausdrückt. Ein wichtiger Punkt dabei ist die Muttersprache. Sie richtig zu erlernen, ist die Voraussetzung für alles andere. Konkret im Fall Deutsche und Türken heißt das: Wenn die Eltern die deutsche Sprache nicht so gut beherrschen, ist es wichtig, daß die Kinder erst einmal die Muttersprache Türkisch richtig erlernen. Darauf aufbauend fällt die Zweitsprache Deutsch dann umso leichter! Das mag Ihnen paradox erscheinen, die neuesten Erkenntnisse der Linguistik (Sprachwissenschaft) sprechen jedoch dafür:

    In einer Studie an der Universität Würzburg fand ein Team von Wissenschaftlern Beweise, daß Kinder schon im Mutterleib sich den Klang und die Struktur der eigenen Muttersprache einprägen („Newborns’ cry melody is shaped by their native language“. Birgit Mampe, Angela D. Friederici, Anne Christophe, Kathleen Wermke): http://tinyurl.com/63mtdqh.
    Das geschieht in einer bestimmten „kritischen“ Phase, wo das Gehirn besonders aufnahmebereit für das Erlernen einer Sprache ist (Prägephase). Ein solches Prägungslernen ist praktisch nicht mehr rückgängig zu machen, es ist irreversibel. Auch im Tierreich ist so etwas weit verbreitet. Es sei nur an die von Konrad Lorenz entdeckte Nachfolgeprägung bei Graugänsen erinnert. Die Küken der Gänse erlernen in einem bestimmten Zeitabschnitt nach dem Schlüpfen, wer ihre Mutter ist. Dieser Lernvorgang ist unumkehrbar, so daß Graugänse, die nach dem Schlüpfen Menschen zu sehen bekommen, nur noch diese als Eltern akzeptieren, Artgenossen als Elterntiere dagegen ablehnen.

    Das Ergebnis der Studie spricht eindeutig dafür, die Kinder ihre so wichtige sprachliche Prägephase ungestört absolvieren zu lassen, also ihre Muttersprache – im Einzelfall können das auch 2 Muttersprachen sein – gut zu erlernen. Ist das geschafft, so lernen die Kinder auf dieser Grundlage eine Zweitsprache oder Drittsprache umso leichter. Genau das ist aber die These der Autorin! Ihre Methode der Sprachförderung wird für sehr erfolgversprechend angesehen. Unlängst wurden auf politischer Ebene Geldmittel in Höhe von 2 Millionen Euro bereitgestellt, um sie auszuprobieren!

    Mit freundlichen Grüßen
    Jens Christian Heuer

  5. DerBeobachter sagt:

    Sehr schön zusammengestellt,
    wissenschaftlich nicht zu widerlegen.
    Muttersprachen müssen gepflegt werden!

    @Bleier: jeder sollte seine Muttersprache lernen dürfen. Erst darauf können andere Sprachen aufgebaut werden. Nirgends im Text steht, daß die Migranten die Landessprache nicht lernen sollten. Ihnen haben die Türken auch nicht ihre Deutsche Sprache verboten, aber das tun die Deutschen, obwohl das gegen das GG verstößt (GG lesen und die deutschen Zustände mal dagegen halten!)

  6. Sinan Sayman sagt:

    Herr Bleier, wenn die Tante an der Kasse selbst Türken auffordert, nun sprechen sie mal deutsch, wir sind hier in Deutschland, wenn in Schulen – und ich weiß es von der Schule meiner Tochter- man sie auffordert selbst zu Hause deutsch zu sprechen und den türkischen Fernseher ausschalten soll, also Herr Bleier, dann erzählen Sie nicht, DEU hat nichts gegen unsere Sprache. ich hoffe, dass die Autorin, dass Thema so lange behandelt, bis auch der letzte begriffen hat, Finger weg von unserer MUTTERSPRACHE.

  7. Die türkische Muttersprache steht unter dem Schutz des Grundgesetzes (Artikel 3 Absatz 3)!!!

    Artikel3 Grundgesetz
    1) Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.

    (2) Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.

    (3) Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.

  8. Bleier sagt:

    @Sinan Sayman

    Und warum machen die Lehrer das wohl? Warum führt ein offenbar verzweifelter Schulleiter auf seinem Schulhof deutsch ein? Wieso fordern Lehrer dazu auf, auch zuhause deutsch zu sprechen?

    Doch wohl nur deshalb, weil ein Teil schlicht die Sprache nicht sprechen kann!

    Und speziell zum Schulhofbeispiel: Die lieben Kleinen haben ihre sprachlichen Unterschiede nicht als Bereicherung begriffen, die haben eine Art Sprachapartheid eingeführt.

    Glauben sie denn, im rot-rot regierten Berlin lässt man irgendwelche Schulleiter ihre deutschnationalen Phantasien ausleben, oder was? Die treibt wohl eher die Sorge um die Kinder.

    Aber gut, macht halt so weiter. Verlässt ein nicht unwesentlicher Teil der Migrantenkinder eben weiterhin die Schule mit Sprachkenntnissen auf Grundschulniveau und ist dem Arbeitsmarkt nicht vermittelbar.

    Probleme? Nee, gibt keine Probleme. Außer natürlich, dass die Deutschen den Türken ihre Sprache klauen wollen.

  9. Sehr geehrter Herr Bleier,
    Noch einmal, über die Notwendigkeit die deutsche Sprache zu erlernen, gibt es keinen Dissenz. Es geht um den Weg dahin! Zerrin Konyalioglu vertritt da den meines Erachtens vielversprechenden Ansatz „Über die Muttersprache“ !! Verzicht auf staatliche Einmischung in die Privatsphäre: Es geht den Staat schlicht nichts an, welches Fernsehprogramm zuhause läuft! Staatliche Bevormundung zerstört menschliche Beziehungen, die auf Freiwilligkeit beruhen. So funktioniert keine Integration! Die Argumente der Autorin sind in Übereinstimmung mit dem neuesten Wissenstand in der Linguistik. Ein Beispiel aus der Forschung hatte ich oben geschildert.

    Mit freundlichen Grüßen
    Jens Christian Heuer

  10. Bleier sagt:

    @Jens Christian Heuer

    Ihre Überdramatisierung nervt.

    Welcher Lehrer kann einem Schüler und seiner Familie das Fernsehprogramm vorschreiben? Schicken die die Polizei oder den Staatsschutz, um das zu kontrollieren und durchzusetzen? Nein? Na sehen Sie.

    Aber klar, es verstößt gewiss gegen die Menschenrechte, Schülern, die nur gebrochen deutsch sprechen können, zu empfehlen, sich mit der deutschen Sprache zu beschäftigen und vielleicht statt TRT mal ARD zu schauen.

    Wie fundamentalistisch verbohrt kann man eigentlich sein.


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