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Daniela Kolbes Zwischenruf

Innenansichten in Halbmondwahrheiten*

Ein Einblick in die Innenansichten von Halbmondwahrheiten und der Notwendigkeit verlässlicher finanzieller Förderung guter Integrationsarbeit…

An einem Montagabend im Februar, um 18 Uhr in der Uthmannstraße Neukölln: dicht gedrängt sitzen hier ca. 25 Männer unterschiedlichen Alters – von Anfang 20 bis ins hohe Rentenalter – zusammen. Eines haben sie gemeinsam: entweder kamen ihre Eltern als Gastarbeiter aus der Türkei nach Deutschland oder sie selbst. Jeden Montag treffen sie sich in der bundesweit ersten türkischen Väter- und Männergruppe hier in Berlin-Neukölln, jenem bundesweit stigmatisierten Problemkiez. Im Jahr 2007 initiierte der Diplom-Psychologe Kazim Erdogan diese Gruppe gemeinsam mit 50 Männern, die er bis heute ehrenamtlich leitet. Sein Ansinnen: mit türkeistämmigen Männern ehrenamtlich zu arbeiten, über die schon so viel medial und in der Konsequenz auch politisch gesprochen wird – meist plakativ in Stereotypen als Machotürke, Familienpatriarch und Schläger usw.

Die Gruppe findet bis heute regen Zulauf und stillt anscheinend einen Bedarf, sich auszutauschen, Rat zu finden und auch über heikle Themen zu sprechen. Es gibt keine Tabus: über Gewalt und Sucht wird ebenso offen und schonungslos beraten, wie über Erziehungsfragen und Diskriminierungserfahrungen mit deutschen Behörden – vor dem Familiengericht oder auch im Bewerbungsverfahren einer Landesbehörde. Viel hat sich durch die Männergruppe getan in den Leben der Teilnehmer: sie berichten mir davon wie sie ehrenamtliches Engagement entdecken, weil sie die Hilfe die sie durch die Gruppe erstmals erfahren haben gerne weitergeben wollen; davon dass sie tradierte Rollenmuster in Frage stellen einerseits und dass sie sich stigmatisiert fühlen durch das Stereotyp des „anatolischen Machos“ andererseits; davon dass sie aktiv werden und politische Positionen formulieren, beispielsweise zum Wahlrecht und zur Kindergartenpflicht; und auch davon wie sie sich im hohen Alter zum Besuch eines Sprachkurses entschieden haben, weil sie sich ohnmächtig stimmlos fühlen.

Auch an mich formulieren sie in einer erfrischenden Offenheit konkrete Fragen und politische Anliegen. Erwartungsvoll sind ihre Augen auf mich gerichtet, wohl auch – wie ich erfahre – da ich überraschenderweise die erste Politikerin bin, die zu Ihnen in Ihre Gruppe kommt und mit ihnen spricht. Am Ende des engagierten Austauschs meldet sich Kazim Erdogan zu Wort: Er berichtet mir von der Herausforderung, vor der so viele gute und erfolgreiche Integrationsprojekte stehen – der Finanzierung. Kazim Erdogan, Preisträger vieler Auszeichnungen für seine beispielhafte und vielseitige Integrationsarbeit in Berlin-Neukölln (neben der Vätergruppe ist er u.a. Initiator der Woche der Sprachen und des Lesens, von Jugend Neukölln e.V.), steht exemplarisch für das grundsätzliche Problem der Verstetigung von Integrationsarbeit.

Bisher hangelt sich die (ehrenamtliche) Integrationsarbeit von einer Projektförderung zur nächsten. Mit dieser Finanzierungsunsicherheit ist kaum die notwendige Verstetigung in der Integrationsarbeit möglich. Inzwischen ist eine differenzierte und unübersichtliche Projekt- und Trägerlandschaft in der Integrationsarbeit gewachsen: Von institutionalisierten „deutschen“ Wohlfahrtsverbänden, die sich erst langsam für interkulturelle Arbeit öffnen, über Migrantenorganisationen und ihre Jugendorganisationen, bis hin zu relativ neuen multiethnischen und –religiösen Initiativen. Gleichzeitig ist klar, dass Integration neben der bundespolitischen Rahmensetzung eine täglich zu leistende Aufgabe vor Ort in den Städten und Gemeinden ist. Die Projektförderung führt beispielsweise zu fehlenden oder unzureichenden hauptamtlichen Strukturen und damit verbunden zu einer ausbaufähigen Professionalisierung.

* Titel in Anlehnung an Isabella Kroth (2010): Halbmondwahrheiten. Türkische Männer in Deutschland – Innenansichten einer geschlossenen Gesellschaft. Diederichs Verlag.

Um das Ziel einer dauerhaft gesicherten, qualitativ hochwertigen und erfolgreichen Integrationsarbeit zu erreichen braucht es klare und transparente Rahmenbedingungen für eine abgesicherte Förderung. Mögliche Kriterien für ein solches Konzept müssen der Differenzierung Rechnung tragen. Ein Forderung, die im Übrigen die SPD Bundestagsfraktion in ihrem aktuellen Positionspapier zu Integrationspolitik formuliert hat. Nun ist es an Ihnen, Frau Böhmer, nicht nur Schaufensterpolitik zu betreiben, sondern konkrete Rahmenbedingungen für erfolgreiche Integration zu gestalten!