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Migration und Integration in Deutschland

Wenn ich mir die Hauptschulen in Ballungszentren anschaue, sehe ich es als zentralen bildungspolitischen Auftrag für diese Schulart, dass sie […] Schülern ein niederschwelliges Bildungsangebot macht […]. Gerade für Jugendliche mit Migrationshintergrund.

Präsident der Kultusministerkonferenz Ludwig Spaenle (CSU), taz, 20. Januar 2010

Kanackendeutsch

Quasi die deutsch-türkische Antwort auf verpasste Chancen

Weder mit Empfehlungen und Forderungen noch mit fragwürdigen Sprachkampagnen, Liedern oder Reimen wird man zur Förderung der Deutschkompetenz beitragen. Die Sprachhürden, die bilinguale Kinder zu überwinden haben sind massiv und lassen sich nur mit linguistischem Wissen in Griff bekommen.

VONZerrin Konyalıoğlu-Busch

Die Autorin ist in Istanbul geboren, Turkologin, Schwerpunkt interkulturelle Deutschförderung im bilingualen Kontext - Türkisch zu Deutsch. Ihr Buch "Deutsch als Zweitsprache - Türkische Schüler systematisch fördern" erschien im Persen-Verlag.

DATUM14. März 2011

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RESSORTAktuell, Meinung

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Dass wir heute-fünfzig Jahre nach der Gastarbeiterwelle-immer noch ein Deutschproblem haben, mag überraschen. Nicht aber Linguisten. Semilingualismus ist immer eine Folge von Ghettosierung und/oder mangelnder Beherrschung eigener Muttersprache und immer auch in Abhängigkeit zur Umgebungssprache, denn generell überträgt der Lernende einer Fremdsprache seine Kenntnisse aus der Erstsprache in die zu erlernende Zielsprache. Dabei entstehen Interferenzfehler, also muttersprachlich bedingte Sprachfehler. Je unterschiedlicher beide Sprachen sind, desto komplexere Sprachfehler sind zu erwarten. Beispiel Deutsch und Türkisch.

Entgegen allen Vermutungen gibt es zwischen beiden Sprachen kaum Gemeinsamkeiten. Schwerwiegende Sprachfehler sind vorprogrammiert. Im Gegensatz zu Deutsch verfährt Türkisch nach einem sehr strengen Lautprinzip, d. h., jeder Laut wird durch einen Buchstaben wiedergegeben. Anders im Deutschen. Für „Fuchs“ gibt es fünfzehn verschiedene systemmögliche Schreibweisen, die richtige Orthographie ergibt sich nicht aus der Lautsprache.

Türkisch kennt keinen einzigen Artikel, deshalb haben türkische Schüler extrem große Probleme bei der Artikelbestimmung und dem Artikeleinsatz insbesondere dann, wenn der Artikel sich auch noch von Fall zu Fall |der| |den| |dem| etc. verändert und das biologische Geschlecht nicht immer mit dem grammatischen Geschlecht übereinstimmt, z. B. das Weib.

Türkisch kennt keine geschlechtliche Unterscheidung in der 3. Person Singular wie, |er|, |sie|, |es| und die Possessivpronomen |sein|, |ihr|, |sein| sorgen für große Verwirrung. Von den insgesamt 48 Möglichkeiten, muss der Schüler erst einmal die richtige erkennen. Präpositionen werden im Türkischen primär durch Suffixe ausgedrückt, anders im Deutschen. Sie verändern sich nicht nur von Fall zu Fall, sondern auch in Abhängigkeit zu Personen, Ländern, Institutionen etc., z.B. zu Peter, aber nach Deutschland und ins Bett. Da nützt es auch nichts, ausländische Eltern anzuhalten mit ihren Kindern deutsch zu sprechen oder sie möglichst frühzeitig in den Kindergarten zu schicken, denn Eltern mit schlechten Deutschkenntnissen sind auch schlechte Sprachvorbilder.

Erzieher in Kitas sind in der Regel nicht linguistisch geschult, aber selbst, wenn sie das wären, ist ein institutionalisierter Unterricht nicht möglich. Entscheidend ist die Umgebungssprache. Kitas, in denen babylonisches Sprachengewirr herrscht, sind kontraproduktiv für den Deutscherwerb, denn Kleinkinder eignen sich eine Sprache simultan und auditiv an, kurz, sie plappern das Gehörte nach und das primär von den Spielkameraden. Kommen diese Kinder in Ghetto-Schule, manifestierten sich erworbene Sprachprobleme. Inzwischen haben diese Kinder auch Probleme mit ihrer eigenen Muttersprache, dabei sind muttersprachliche Kenntnisse eine wichtige Voraussetzung für den Zweitsprachenerwerb.

In der Praxis äußert sich das so, dass betroffene Kinder nicht imstande sind, eine längere Konversation in einer der beiden Sprachen durchgängig zu führen, sie vermischen beide Sprachen, kennen oftmals die Bedeutung eines Wortes nur in einer Sprache, haben einen eingeschränkten Wortschatz und häufig Wortfindungsschwierigkeiten. Da sie die Orthographie weder in der Muttersprache noch in der Zweitsprache (Deutsch) richtig beherrschen, sind sie auch nicht imstande unbekannte Wörter in der einen oder anderen Sprache nachzuschlagen – funktionaler Analphabetismus.

Da bilinguale Kinder – im Gegensatz zu ihren deutschen Mitschülern – andere Deutschfehler machen, macht es Sinn, wenn man diese „Fehlerquellen“ kennt, nur so lassen sich Sprachfehler gezielt beheben. Mehr noch. Kennt man die Deutschfehler, die aufgrund der jeweiligen Herkunftssprachen zu erwarten sind, kann man sogar präventiv unterrichten, bevor sich Deutschfehler verfestigen.

Über den Sprachvergleich (Herkunftssprache und Zielsprache) entwickeln die Kinder selbst ein Bewusstsein über mögliche Fehlerquellen. Bilinguale Kinder bringen Kenntnisse aus beiden Sprachen mit, es muss ihnen nur gezeigt werden, wie sie ihre Sprachkenntnisse gezielt weiterentwickeln können. Hier müssen Lehrer auf Interferenzfehler sensibilisiert werden und wissenschaftliches Handeln ist gefragt, denn falls Verantwortliche nicht mehr zu bieten haben, als diesen Kindern Sprachkampagnen anzubieten, die Zunge auszustrecken, Kitabesuch zu empfehlen oder sie als Sprachverweigerer zu stigmatisieren, sollten sich alle schon mal auf Kanackendeutsch einstellen, denn diese Kinder sprechen inzwischen eine andere Sprache, ein Mix aus beiden Sprachen, quasi die deutsch-türkische Antwort auf verpasste Chancen.

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45 Kommentare
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  1. Karmel sagt:

    @Zerrin Konyalioglu

    50 Jahre des nicht integrieren wollens führen eben auch mal zu einem Sarazzin. Und da es nur im Blätterwald bzw. virtuell im www stattfindet und nicht etwa „handfest“ auf der Strasse (glücklicherweise), finde ich die Reaktion noch einigermaßen moderat. Ich stimme Sarazzin übrigens nicht zu.

    Übrigens kamen wir auch bald 50 Jahre ohne Sarazzin aus. So sehr können wir Fremde also nicht ablehnen. Aber irgendwann soll auch mal eine Besserung eintreten. Stattdessen wird es immer schlimmer, auf die Integration türkisch- und arabischstämmiger Menschen bezogen.

    Nach Jahrzehnten wird zum ersten Mal ordentlich Rabatz gemacht und aus ihrer Ecke kommt nur ein: „Deutschland trägt die Schuld. Hättet ihr mal mehr Geld für Sprachkurse lockergemacht!“ Für Menschen wohlgemerkt, deren Familien seit Jahrzehnten hier ansässig sind.

    Damit werden Sie keine Mehrheit der Deutschen hinter sich bringen.

  2. Leser sagt:

    „Sie fragen , wie sie dazugehören können ?
    In dem man Deutscher Staatsbürger wird. Mit allen Rechten und Pflichten, und sein weltliches Leben nicht durch eine Religion bestimmen läßt. Dafür gibts “bei Christen” z.B. Klöster.

    Ich hoffe, das war nicht zu drastisch.“

    @Manfred O.

    Wie schön, dass für Sie jeder „deutsch“ ist, der die deutsche Staatsangehörigkeit annimmt. Wenn doch nur alle so denken würden wie sie, dann hätten wir halb so viele „Probleme“ in diesem Land. Bezüglich weltliches Leben und bestimmen durch die Religion möchte ich Sie als Deutscher darauf aufmerksam machen, dass mir hierzu das Grundrecht „Religionsfreiheit“ gewährt wird (vgl. Art. 4 GG). Meine Pflichten erfülle ich. Machen Sie sich darüber kein Kopf.

    —————————————————–
    @Zerrin Konyalioğlu-Busch

    Das von Ihnen hier Verfasste trifft’s voll auf den Punkt. Mir wurde umso mehr klar, warum ich, und viele andere meiner Altersgenossen mit türkischen Wurzeln beim Kommunizieren auf türkisch, das Deutsche mit vermischen.
    Zudem ärgere ich mich heute noch, dass ich das Türkische nur umgangssprachlich (bisschen Deutschmix inklusive – versuche ich immer zu vermeiden) beherrsche und mich z.B. auf geschäftlicher Basis nie unterhalten könnte. Meine Eltern sprachen bzw. sprechen heute noch zu Hause Türkisch mit mir (was ich für gut erachte!). Türkisch-Unterricht erhielt ich lediglich in der 3. und 4. Klasse (soweit ich mich erinnern kann). Worauf ich hinaus will ist, dass ich Türkisch nicht so gut sprechen und schreiben kann – im Gegensatz zum Deutschen. Ist dieses Phänomen als „normal“ zu betrachten? Wie kann man präventiv dagegen wirken (damit beide Sprachen gleich gut beherrscht werden z.B. für Folgegenerationen deutsch-türkischer Kinder)?

    Danke für die Antwort schon mal.

  3. Leser sagt:

    @Leon:

    Die Bedingungen habe ich gelesen. Ist nicht ohne…Wurde auch nur mit der Türkei, Marroko und Tunesien beschlossen glaube ich zu wissen.

    2-Jahre sollten sie arbeiten und dann „sich vom Acker“ machen. Nur, wenn alles so strikt geregelt wurde, warum wurden die ganzen Türken nicht gleich danach nach Hause verschifft von der BRD? Abseits dessen, ob die Gastarbeiter wollten oder nicht…

    Finde dazu Nachts keine zuverlässige Quelle, die das beantwort……

  4. Zerrin Konyalioglu sagt:

    @Karmel, „Nach Jahrzehnten wird zum ersten Mal ordentlich Rabatz gemacht und aus ihrer Ecke kommt nur ein: “Deutschland trägt die Schuld. Hättet ihr mal mehr Geld für Sprachkurse lockergemacht!”
    Sie haben Recht, über mehrere Jahren traute man sich nichts zu sagen. Sarrazin war letztendlich das Ventil, was sich über all die Zeit angestaut hatte, denn beide Seiten haben sich nicht getraut, rechtzeitig etwas zu sagen. Die Gründe sind bekannt und nun „wird zum ersten Mal ordentlich Rabatz“, aber ich sage nicht, dass es an mangelnden Sprachkursen lag bzw. liegt, obgleich es damals keine gab und heute zu wenige gibt, egal. Wenn Menschen einander verstehen wollen, müssen sie sich auf Herzenshöhe begegnen, nicht in Sprachkursen.
    Glauben Sie mir, aber die Art und Weise, wie die Integrationsdebatte geführt wurde, hat die Stimmung insgesamt vergiftet. Die Mehrheit kann ich nicht gewinnen, die hat Sarrazin &Co hinter sich. Ich bin Realist.

  5. DerBeobachter sagt:

    Ein sehr ‚şöner‘ Artikel, offen, wissenschaftlich, sogar für mich als Lingo-Leien verständlich.
    Mir ist bei all den Asiaten lediglich einige Asiate mit sehr guten Deutsch begegnet, und ich habe verdammt viele Asiaten (Japaner, Vietnamesen, Chinesen, Koreaner, Thailänder, Indonesier usw..), die Mehrheit dieser Menschen haben mit Deutsch noch mehr Probleme.
    Als ich klein war gab man mir nicht einmal Deutschunterricht, obwohl ich darum gebettelt habe, man guckte mich wie einen „Marsmenschen“ an, als ich in der Schule darum gebeten hatte -mit einem Wörterbuch in den Händen, damit habe ich mein Deutsch gelernt-… Und seitdem habe ich ein Eckel was „Deutsch“ anbetrifft…
    Ich sehnte mich nach Türkisch-Deutsch unterricht, aber es gab damals keine Angebote.
    Einige Kommentatoren und viele aus der Bevölkerung verkennen die Situation oder wollen die Wirklichkeit der Abschottungspolitik zu gern verdrängen und kommen gleich mit Ablenke-Scheinargumenten. Solche Menschen sind es, die sogar Kriege heraufbeschwören.

    Zerrin, allerbesten Dank für diese wunderschönen Zeilen + weiter so!!!

  6. Leon sagt:

    @ Leser

    Durch den Anwerbestopp von 1973 glaubte man, dass sich die Zahl der Gastarbeiter und ihrer Familienangehörigen durch freiwillige Rückkehr innerhalb von 10 jahren um die Hälfte reduzieren würde.
    Diese Annahme bewahrheitete sich bei den Griechen, Spaniern und Portugiesen – bei den Türken trat das Gegenteil ein, deren Zahl sich von 1973 bis 1981 um 70% erhöhte.

    Zwar entfiel Mitte der 60er die Befristung der Arbeitsverträge – mit der Arbeitserlaubnis und der Aufenthaltsgestattung glaubte man jedoch genügend Steuerrungsmöglichkeiten zu
    haben.
    Davon wurde jedoch aus innen- wie außenpolitoschen Gründen kein Gebrauch gemacht.
    Man hatte die Illusion einer freiwilligen Rückkehr.

  7. Miro sagt:

    @Leser
    Uneingeschränkte Religionsfreiheit sieht das Grundgesetz nicht vor, erst recht nicht wenn die „Religion“ starke politische und gesellschftliche Elemente enthält, Stichwort Scharia.
    Was das Grundgesetz uneingeschränkt zugesteht ist die religöse Bekenntnisfreiheit, nicht aber jeden Aspekt der Religionsausübung.

  8. Zerrin Konyalioglu sagt:

    @Manfred O., “Sie fragen , wie sie dazugehören können ?
    In dem man Deutscher Staatsbürger wird.“
    Ich bin deutscher Staatsbürger, man sieht und hört mir meine Herkunft nicht an. Bei einer politischen Versammlung, sagte man mir, obwohl sie Migrant sind, „sind sie ja sehr sympathisch und so gebildet, aber sie leben ja auch schon lange hier, das färbt natürlich ab.“ Haben Sie dafür Worte? Ergo, Migranten sind unsympatisch und ungebildet. Da fühlt man sich doch gleich daheim, nun denn.

    @Leser, „Wie kann man präventiv dagegen wirken (damit beide Sprachen gleich gut beherrscht werden z.B. für Folgegenerationen
    deutsch-türkischer Kinder)?“
    Ganz einfach, sprechen sie mit ihren Kindern zu Hause- in diesem Fall Türkisch. Das Basiswissen ist i.d.R. bei Türkisch mit 4 1/2 Jahren abgeschlossen, achten Sie darauf, dass in den Bildungseinrichtungen, die ihr Kind besucht, die Deutschkompetenz hoch ist. Wenn ihr Kind keine Kita besucht, haben meine übrigens auch nicht, dann sollte es viele deutsche Freunde haben. Lassen Sie es Sportvereine besuchen. Sprechen Sie unterschiedliche Themen an, so erweitert sich der Wortschatz,. vermitteln Sie ein gutes Gefühl zu, wecken Sie neugier und Interesse, dann lernt es schneller, aber vor allem, lassen Sie ihr Kind Sprachen lieben.

    @Beobachter, „Zerrin, allerbesten Dank für diese wunderschönen Zeilen + weiter so!!!“
    Vielen Dank, ob ich weiter machen, weiß ich nicht. Integration lässt sich nicht verordnen und Sprachkompetenz nicht diktieren. Wir werden sehen.

  9. Leser sagt:

    „Übrigens kamen wir auch bald 50 Jahre ohne Sarazzin aus. So sehr können wir Fremde also nicht ablehnen. “

    War das ironisch gemeint, Karmel?

  10. Leser sagt:

    @Miro:

    Das kann man meiner Meinung nach aus dem Wortlaut des Art.4 GG herleiten, was sie behaupten. Oder können Sie Ihre These mit einschlägiger Kommentierung oder Urteilen der Rechtsprechung untermauern?

    Wir reden hier von einem Grundrecht (!), das nicht mal unter einem Gesetzesvorbehalt steht. Der Vergleich zur Scharia ist merkwürdig…

    Vergleich Urteile des BVerfGE.


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