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Migration und Integration in Deutschland

Es wird selbstverständlich sein, dass jemand Mehmet heißt und nicht Hans – wir halten das aus.

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU), Deutsche Presse-Agentur (18.01.2013)

MiGraciaHintergrund

Interaktion statt Integration

Mein Hintergrund, Migrationshintergrund ist schön. Meiner und von Millionen wie ich. Mein Migrationshintergrund kann viel Gutes bewirken. Meiner und von Millionen wie ich. Zu meinem Hintergrund gehört mittlerweile auch das Deutsche. Zu meinem und zu den Hintergründen von Millionen wie ich.

VONVykinta Ajami

1978 in Litauen geboren, hat an der Universität Klaipeda (Litauen) und an der Freien Universität Berlin, Germanistik, Linguistik und Arabistik studiert. Schreibt als freie Journalistin und Auslandskorrespondentin für verschiedene Medien und engagiert sich in Berlin für interkulturellen Dialog, Antidiskriminierung und Antirassismus.

DATUM10. März 2011

KOMMENTARE8

RESSORTAktuell, Meinung

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Mittlerweile bin ich auch Deutsch. Bin hier weder geboren noch aufgewachsen, aber etwas weniger als die Hälfte meines Lebens lebe ich schon hier. So fühle ich mich auch. Zur Hälfte Deutsch. Wenn es um die Identität geht, hat es sich bei mir eine etwas seltsame Dichotomie entwickelt: halb Deutsch, halb mit Migrationshintergrund. Der Orientzusatz in meinem Leben sorgt für noch mehr Verwirrung. Nicht bei mir natürlich, sondern bei den Anderen. Trotz kleinen Identitätsproblemchen, was ja normal ist, wenn drei Welten in einer Person aufeinandertreffen, kommen meine drei Welten ganz schön gut miteinander klar. Und ich mit ihnen. Wir bereichern einander – sie mich und ich sie. Und ergänzen einander. Und ich bin mir so ziemlich sicher, dass, wenn das Multikulti in einer Person gut funktioniert, ist es ein guter Grund anzunehmen, dass es in einer Gesellschaft auch nicht zum Scheitern vorprogrammiert ist. Frau Bundeskanzlerin, also nicht pessimistisch werden!

Der Hintergrund also. Sag mir, woher du kommst – ich sage dir, was du bist. Deine Uhroma kommt aus der Türkei – Türke also. Kommst du gerade vom Currywursteck – ist ja klar, Deutscher. Das Wort „kommen“, übrigens, hat, laut Duden, 20 Bedeutungen. Deswegen ist es mit der Herkunftsdefinition hierzulande nicht so einfach. Angesichts der Ergebnisse der Pisa Studie ist es natürlich sinnvoll, sich auf eine Wortbedeutung zu beschränken. So ist also auch wirklich jedem klar, dass der Hintergrund die Herkunft ist. Es gibt aber auch andere Hintergründe. Die mit der Herkunft oder auch nicht zu tun haben. Neben Mentalität sind noch unter Anderem Bildung, Charakter, Persönlichkeit, Erfahrung und viele andere Aspekte, die einen Menschen ausmachen wichtig. Migrationshintergrund allein sagt noch nicht viel von einem Menschen aus. Jedenfalls nicht so viel, wie man es in der Debatte um Migration und Integration gerne hätte.

Mein Hintergrund, Migrations- und anderer ist schön. Meiner und von Millionen wie ich. Mein Hintergrund, Migrations- und anderer kann viel Gutes bewirken. Meiner und von Millionen wie ich. Zu meinem Hintergrund gehört mittlerweile auch das Deutsche. Zu meinem und zu den Hintergründen von Millionen wie ich.

„In diesem Fall hat mein Migrationshintergrund, und zwar jede Form und Art von ihm, das Land bereichert und die Welt verbessert. In diesem Fall und in Tausenden wie der. Mein Hintergrund ist reich und somit bereichernd, bunt und somit verschönernd, anders und somit mit viel Potenzial.“

Man soll sich also integrieren. In die Mehrheitsgesellschaft und ihre Werte. Da kenne ich aber einige ohne Migrationshintergrund, die sich dringend selbst in die Mehrheitsgesellschaft, ja in die Menschlichkeit überhaupt, und ihre Werte integrieren sollen. Wie neulich am Fahrstuhl. Als eine eine junge Mutter, die mit ihren Kindern unterwegs war, einen alten Mann so schrecklich angefahren hat. Sie wollte unbedingt breit und bequem hochfahren. Er dagegen weder breit noch bequem, sondern einfach nur hoch. Man hatte es dem alten Mann angemerkt, wie schwer es ihm fiel, zu stehen, geschweige denn lange zu stehen, bis der nächste Fahrstuhl kommt. Er hat versucht, sich noch irgendwie in den Fahrstuhl rein zu quetschen, und dann ging es los. Auf Integrationsbedürftigdeutch: „eh Mann eh, mach jetze die vadammte Tür zu. Boh, Alta, biste blind? Jibts ken Platz mehr!“, was hochdeutsch so viel wie „junger Mann, bitte drücken Sie den Fahrstuhlknopf, damit die Türen schließen können, denn es ist hier schon ziemlich eng und sie passen hier leider nicht mehr rein“. Orientalische Übersetzung wäre: „Kommen Sie doch rein, wir rücken zusammen, zur Not steige ich aus und warte auf den nächsten Fahrstuhl“.

Soso. Das sind die Situationen, wo sich meine Welten melden. Wo mein Migrationshintergrund, und zwar der von allen drei Welten, in den Vordergrund rückt. In meinem Kopf tauchen plötzlich Bilder von einem Märchen auf, was meine Eltern mir oft in meiner Kindheit vorgelesen haben, dessen Fazit ist – wenn man die Älteren schlecht behandeln, wird man im Alter selbst von jemanden schlecht behandelt werden. Der Orient in mir schlägt auch Alarm: Dem Alter gehört sich, Respekt zu erweisen. Und das Deutsche, beziehungsweise das Berlinerische in mir lässt es nicht zu, Diskriminierung wegen Alters unkommentiert stehen zu lassen. Was im Endeffekt in einem Satz aus mir regelrecht raus brodelt: „Sie können doch nicht mit dem Herrn so reden!“

In diesem Fall hat mein Migrationshintergrund, und zwar jede Form und Art von ihm, das Land bereichert und die Welt verbessert. In diesem Fall und in Tausenden wie der. Mein Hintergrund ist reich und somit bereichernd, bunt und somit verschönernd, anders und somit mit viel Potenzial.

Migrationshintergrund ist in der breiten Palette der Hintergründe ein trennender Faktor. Und darauf wird gebaut. Auf Unterschiede. Wäre es nicht schon an der Zeit, auf Gemeinsamkeiten zu bauen? Das Gewicht auf gemeinsame Werte zu verlagern, den Fokus auf Gemeinsamkeit zu verschieben. Was trennend ist – die Herkunft – soll sekundär sein, weil es statisch und unveränderbar ist. Das Verbindende – die menschlichen Werte, der gute Umgang miteinander & Co. – soll in den Vordergrund rücken.

Zur echten Deutschen werde ich also nie werden. Wenn der Mesut es nicht geschafft hat, dann brauche ich es erst gar nicht versuchen. Will ich auch eigentlich gar nicht. Denn wenn man Berliner ist, weiß man: „Es ist gut so“. Und es ist tatsächlich gut, sehr sogar, so einen Migrationshintergrund zu haben. Meiner ist schön, mit viel Kultur und Geschichte, Geborgenheit und Liebe, schöner Natur, Freiheit, Freunden, Familie, Erfahrung, Lachen, Spielen, Tanzen, Suchen, Finden – unendliche Liste … Meiner und der von Millionen wie ich.

„Integrationsprobleme habe ich nicht. Nur die Integration hat welche mit mir. Weil sie über den Hintergrund spricht, aber den Vordergrund meint. Die Oberfläche, um genauer zu sein. Meine und die von Millionen wie ich.“

Migrationshintergrund. So heißen hierzulande und heutzutage meine 20 Jahre in meiner ersten Heimat. Tausende Gefühle, Tausende Erfahrungen, Tausende Geschichten in ein lebloses Wort rein gequetscht. Schlicht und sachlich, so typisch Deutsch. Na ja, so schlimm ist es vielleicht wieder gar nicht. Immerhin besser als „Ausländer“, das man auch schon war. Vor dem nine eleven. Die Bezeichnungen nach diesem Datum, um einen „Nicht-Inländer“ zu beschreiben führe ich hier lieber nicht auf, aus moralischer Überzeugung.

Und ich habe ihn -meinen Hintergrund- längst in meine zweite Heimat integriert. Ich habe ihn in die Mehrheits- und in die Minderheitsgesellschaft, in meinen beruflichen, sozialen, kulturellen, sportlichen, ehrenamtlichen Lebensbereichen, in der U-Bahn, im Bus, im Zug, im Flugzeug, auf der Autobahn, bei den Arztbesuchen und auf den Elternabenden, beim Telefonieren, mailen und Schreiben, beim Parken, Gehen, Fahren, Feiern, Einkaufen, Fragen und Antworten und in allen anderen Plätzen und Aktivitäten integriert. Mit dem Fokus nicht auf Herkunft, wie die Integrationspolitik es gern hätte, sondern auf die Menschlichkeit und ihre Werte. Ich und Millionen wie ich.

Integrationsprobleme habe ich also nicht. Nur die Integration hat welche mit mir. Weil sie über den Hintergrund spricht, aber den Vordergrund meint. Die Oberfläche, um genauer zu sein. Meine und die von Millionen wie ich.

Und es sieht nicht wirklich danach aus, als würde das gute sachliche und schlichte Trendwort „Migrationshintergrund“ in der nächsten Zukunft von hier irgendwohin migrieren. Was soll´s, es kann, bleiben, hier ist ein offenes und freies Land. Was bleiben will, soll sich aber bitteschön integrieren. In die Migrationsgesellschaft, in ihre Werte und ihre Rechtschreibung: MiGraciaHintergrund1 soll es geschrieben, gedacht und ausgesprochen werden. Weil mein Hintergrund schön, anmutig, graziös ist. Meiner und der von Millionen wie ich.

In diesem gracia Sinne erscheint in diesem gracia MiGazin die monatliche Kolumne mit ihrem Fokus auf Millionen wie ich, den Rest der Welt und das gracia Zusammenleben von gracia Hintergründen.

  1. Wortspiel mit spanisch-deutschem Migrationshintergrund – mi (sp) – mein; la gracia (sp) – die Anmut, die Grazie; Hintergrund (dt) – kein Vordergrund.  []
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8 Kommentare
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  1. Cengiz sagt:

    Vielen Dank für diesen Beitrag. Mehr davon! Freue mich schon auf weitere Kolumnen.

  2. Realist sagt:

    Menschen wie sie sollten Vorbild für alle Migranten werden, aber das bedeutet auch dass andere sich noch sehr anstrengen müssen, bevor die auf ihrem level ankommen.

  3. Europa sagt:

    In Dänemark wird übrigens das gleiche von den Migranten gefordert, wie in Deutschland:

    Berlingske – Dänemark
    Dänische Werte fördern Integration

    Der neue Integrationsminister Dänemarks Søren Pind hat bei seinem Amtsantritt am Dienstag betont, wer nach Dänemark kommen wolle, müsse die dänischen Werte teilen. Damit stößt er eine wichtige Debatte an, meint die konservative Tageszeitung Berlingske: „Letztlich geht es darum, dass wir den Menschen einen Platz anbieten, die unsere Gesellschaft kennen und akzeptieren, während diejenigen, die dänische und europäische Werte ablehnen, überlegen sollten, ob sie wirklich hierher gehören. … Wenn Pind just die kulturelle Integration betont, ist dies die Verlängerung seiner konsequenten Distanzierung von religiösem Extremismus, von Parallelgesellschaften und all dem ideologischen Multikulturalismus, den Teile der Linken Arm in Arm mit religiösen Extremisten zu fördern suchen. … Gewiss ist Pinds Ministerium bereits damit befasst, seine Worte in praktische Vorschläge umzusetzen. Allerdings haben er und die Regierung nur wenige Monate Zeit, wenn sie die Wertepolitik konkret machen und somit verankern wollen.“ (10.03.2011)

  4. sntondele sagt:

    Vilen Dank für den tollen Beitrag!
    Zu den Kommentaren:
    Es geht hier nicht um „guten“ und „bösen“ Ausländer, es geht hier um Menschen und deren Geschichten und keiner muß sich anstrengen, um als Mensch anerkannt zu werden und um einschließend „einen Preis für gelungene Integration“ zu bekommen. Es gibt kein „wir und die“, sondern nur „wir“. Was sind bitte schön „Europäische Werte“, es gibt Werte der Menschlichkeit, der Solidarität, der Empathie, des Anerkennens, dass wir alle frieren, Ängste haben, Hunger empfinden und nur eine kurze Zeit auf diesem Planeten und nur zur Gast sind, es gehört uns nicht, dass es unsere Pflicht als Menschen ist, das Leben der anderen schöner zu machen …

  5. Karmel sagt:

    Das ist wieder so ein Jubelartikel.

    Als ob es irgendwelche Diskussionen über Migration, Integration, Ausländer oder nicht Ausländer geben würde, wenn der größte Teil auch nur annähernd der Autorin ähnlich wäre.

  6. LiDeJor sagt:

    Toller Artikel! Ich als geborene Litauerin, eingebuergerte Deutsche und lebend im Orient musste beim Lesen die ganze Zeit schmunzeln. Daumen hoch, Vykinta Ajami!

  7. Reimann sagt:

    Ein schöner, humoristischer Artikel, der uns alle erinneren sollte, sich nicht permantent über andere zu erhöhen.

  8. Leser sagt:

    Sehr schön geschrieben!



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