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Migration und Integration in Deutschland

Es sei denn, man würde die Lebensverhältnisse der Ausländer in der Bundesrepublik derartig nachhaltig verschlechtern, dass ein Leben am Rande des Existenzminimums in den Herkunftsländern vorteilhafter erschiene.

Forschungsverbund „Probleme der Ausländerbeschäftigung“, 1979

Lamyas Welt

Bitte belegen Sie Ihre Islam-These, Herr Friedrich!

Wenn jemand die These aufstellt, der Islam gehöre nicht zu Deutschland, aber nicht erklärt, warum, bleibt diese These als reine Behauptung im Raum stehen. Behauptungen sind unbelegte Aussagen – nicht mehr. Verkauft werden sie der Bevölkerung aber als Grundwahrheit.

VONLamya Kaddor

 Bitte belegen Sie Ihre Islam-These, Herr Friedrich!
Geb. 1978 im westfälischen Ahlen als Tochter syrischer Einwanderer. Sie unterrichtet das Schulfach „Islamkunde in deutscher Sprache“, bildete an der Universität Münster deutschsprachige Islamlehrer aus und berät die Politik zur Integration von Muslimen, gehört zu den Sprecherinnen des „Forum am Freitag“ des ZDF und ist Vorsitzende des 2010 gegründeten Liberal-Islamischen Bundes e.V. In ihrer MiGAZIN-Kolumne schreibt sie über ihre Welt - „Lamyas Welt“. Bei C.H.Beck erschien von ihr zuletzt „Muslimisch – weiblich – deutsch! Mein Weg zu einem zeitgemäßem Islam“ (2010).

DATUM7. März 2011

KOMMENTARE58

RESSORTAktuell, Meinung

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Hans-Peter Friedrich schaffte das, was vor einiger Zeit auch der niedersächsischen Sozialministerin Aygül Özkan und dem Bundespräsidenten Christian Wulff gelang: Er sorgte gleich nach Amtsantritt für Aufregung, weil er „Islamisches“ ansprach. Friedrich dürfte allerdings einen Zeitrekord aufgestellt haben, denn er verkündet noch am gleichen Tag: „Aber dass der Islam zu Deutschland gehört, ist eine Tatsache, die sich auch aus der Historie nirgends belegen lässt.“ Wie schon in den anderen beiden Fällen nimmt der Rückgriff auf das Stichwort „Islam“ auch diesmal wieder Dimensionen an, die unser Land der Dichter und Denker im Grunde ad absurdum führen.

Aus den inzwischen bekannten Richtungen gibt es viel Lob für Friedrich, aus den anderen viel Schelte. Das Pingpong-Spiel geht in eine neue Runde. Politiker aller Parteien tadelten den Bundesinnenminister. Islamische Interessensverbände kritisierten ihn scharf, darunter auch der Liberal-Islamische Bund (LIB). Binnen kurzer Zeit erreichten mich und den LIB daher zahlreiche Emails, alle mit ein und derselben Stoßrichtung – hier eine kleine Auswahl:

„Sehr geehrte Frau Kaddor, solange sich Muslime mit Sprengstoff bepackt inmitten unschuldiger Frauen und Kinder im Irak/Afghanistan feige in die Luft sprengen, wird der Islam nicht zu Deutschland gehoeren. Deutschland ist von seiner Kultur und Geschichte her das Land der Dichter und Denker, aber nicht das Land der Kopftuch-und Burkafetischisten.“

„guten abend. schön wärs, wenn der der islam da bliebe – wo er hingehört…in seinem ursprungsland. man hat hier einfach keine zeit für solche hirngespinnste und unfug derengleichen !!!!!“

„da kann der lib noch so viel kreide fressen. das gesindel kommt nach deutschland, setzt sich in das von deutschen gemachte nest und plündert die sozialsysteme. muslime- denkt an zenta.“

„Hey Moslems, wenn es euch in Deutschland nicht gefällt haut doch einfach wieder ab. Verschwindet dahin wo ihr oder eure Eltern hergekommen seid.“

Die Einseitigkeit und Ähnlichkeit des „Denkens“ ist verblüffend. Geht es um diese Leute, Herr Friedrich? Will man diese bedienen? Will man wirklich deren Wählerstimmen einfangen? Man darf übrigens davon ausgehen, dass alle anderen Kritiker des Friedrich’schen Diktums ähnliche Reaktionen erreicht haben – vor allem wenn sie bekennende Muslime sind.

Ein Grund für die Irrgänge der Islamdebatte liegt darin, dass ständig etwas vergessen wird: Derjenige, der eine These in den Raum wirft, sollte diese zunächst belegen. Erst so wird die Basis für eine sachliche Diskussion geschaffen, und demokratische Politiker mit Verantwortungsgefühl dürften nur daran Interesse haben. Wenn also jemand die These aufstellt, der Islam gehöre nicht zu Deutschland, aber nicht erklärt, warum (der bloße Verweis auf eine christliche „Leitkultur“ reicht nicht aus, unser christliches Erbe in Deutschland ist zwar eine Tatsache, schließt aber die Zugehörigkeit des Islam nicht aus!), bleibt diese These als reine Behauptung im Raum stehen. Behauptungen sind unbelegte Aussagen – nicht mehr. Verkauft werden sie der Bevölkerung aber als Grundwahrheit – man konstruiert sozusagen eine Realität. Es bleibt somit selbstverständlich, die Unwissenheit jenes selbst erfundenen Berufszweigs der sogenannten Islamkritiker und ihrer politischen Profiteure nicht nur zunächst weiter festzustellen, sondern sie herauszufordern. Ich würde mir wünschen, dass sie zunächst einmal belegen, wieso der Islam nicht zu Deutschland gehört und wie mit den Allseits bekannten historischen Einflüssen des (islamischen) Orients in Wissenschaft, Musik, Literatur, Philosophie, Religion oder Politik zu verfahren ist?

Damit scheint es vorerst allerdings nichts zu werden. Man greift lieber weiter in die Mottenkiste der Rhetorik – jüngstes Beispiel der Journalist und Intellektuelle Matthias Matussek. Auch Matussek ist nur in der Lage, eine Behauptung aufzustellen. Die Mühe, seinen Lesern zu erklären, warum der Islam nicht zu Deutschland gehört, macht er sich nicht. Was ihn aber nicht davon abhält, genau das ausgerechnet von den Kritikern Friedrichs zu verlangen – selbst wenn es sich wie in meinem Fall nur um ein kurzes Statement handelt:

„Die Vorsitzende des liberal-islamischen Bundes wird schon orientalisch-bunter. Sie verteidigt die Ehre. Sie nennt die Ministeraussage eine „Ohrfeige ins Gesicht der Muslime“ und hält sie für „politisch wie historisch falsch“. Und wie wäre es, historisch, richtig? Fehlanzeige.“

Und statt des für Matussek so wichtigen ultimativen Beweises, fällt dem ehemaligen Chef des Kulturressorts beim Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL nichts weiter ein, als Folgendes:

„Sagen wir es so: Ich habe einige muslimische Freunde. Trotzdem gehört der Islam nicht zu Deutschland, geschichtlich, er gehört nicht in unsere historisch-religiöse DNA, denn die ist, allen Unkenrufen zum Trotz, immer noch christlich.“

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58 Kommentare
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  1. MoBo sagt:

    Ich bin übrigens immer noch entsetzt darüber, wie der Spiegel so einen rassistischen Blödsinn veröffentlichen konnte. „historisch-religiöse DNA“, Mann, Mann, Mann.

  2. Simsirpasic S. sagt:

    ich finde den Artikel viel zu Trotzig !!!

  3. Xtian sagt:

    Hallo Frau Kaddor,

    das ganze lässt sich wohl auf zwei, drei Sätze herunterkürzen:

    Wir Deutschen brauchen in der Gegenwart keinen Islam, sind in unserer Vergangenheit auch ohne Islam ausgekommen und sehen deshalb in der Zukunft auch keine Notwendigkeit für einen Islam in Deutschland.

    Der Islam hat uns Deutschen nichts gebracht, außer einer Fülle von Problemen (bis hin zu den frechen Anmaßungen eines Erdogans oder Kolats) und lässt uns in vielen Stadtteilen bereits jetzt seufzend und manchmal auch fluchend Hölderlin zitieren:

    „In diesem Lande leben wir wie Fremdlinge in eigenem Lande…“

    Also – was haben wir vom Islam?

    Insofern hat der Türkenjunge, der uns vom Bürgersteig schubst, schon Recht: „Hassu Problem!“

  4. Dybth sagt:

    Hallo Xtian,

    wenn Sie im Deutschland des 21. Jahrhunders nicht mehr klarkommen, besteht die Option des Auswanderns. Es gibt sicher noch Ecken auf diesem Planeten, wo Sie mit Ihrer Realitaetsverweigerung leben koennen, und mit dem Islam nicht in Beruehrung kommen..

    Wir Deutschen kommen auch sehr gut ohne Menschen wie Sie hier aus.

    Liebe Gruesse.

  5. Yunnur sagt:

    Sehr geehrte Frau Kaddor,

    diesen Artikel ist nur ein weiterer zu einem unendlichen Thema, in dem auch wieder die Grausamkeiten der konkurrierenden Religionen verglichen werden, um die eigene als die friedliebendste zu präsentieren („Und was ist mit den christlichen Kreuzzügen?“, „Und was machen die Juden im nahen Osten?“ usw.) und wieder tiefschürfend über die Grundintension der Religionsgründer diskutiert wird, anstatt anzusprechen, worauf es wirklich ankommt:

    Nämlich die Art und Weise, WIE der Islam HEUTE HIER im Alltag, in der Öffentlichkeit und damit für alle Menschen wahrnehmbar gelebt wird!

    Solange – aus religiösen und somit sachlich völlig unhaltbaren Gründen – muslimische Frauen selbst im Sommer im langen Mantel und mit Kopftuch umhergehen, Männer in Umhängen lange Bärte tragen,Kinder von diesen und jenen Schulaktivitäten ferngehalten werden, schon kleine Jungs übelst machomäßig erzogen werden oder Menschen sich mitten am Tag in der Arbeit eine Auszeit zum Beten nehmen, müssen hier lebende Moslems mit Mißtrauen und Ausgrenzung rechnen.

    Religion spielt in Deutschland eine immer kleinere öffentliche Rolle, da brauchen wir keine neuen, zusätzlichen (und dazu noch teils mittelalterliche) religiösen Lebensgewohnheiten. Die Bevölkerung hat nicht nach einer neuen Kultur verlangt, da sie mit ihrer bisherigen gut lebt.

    Man sollte deshalb nicht erwarten, dass sich jeder (auch wenn es ihn garnicht interessiert ) auf einmal gründlichst mit dem Islam befasst und sich künftig im Alltag Gedanken macht, wie er sich zu verhalten hat, dass er auch ja keinen Moslem in seinen religiösen Gefühlen kränkt.

    Viele Grüße

    Yunnur K.

  6. Janet Chant sagt:

    @Xtian: Genau. Wir brauchen endlich wieder eine Entjudung, äh, -islamisierung. Die können sich noch so sehr verstellen, Jude bleibt Jude, äh, Türke bleibt Türke. Deutsche, kauft nicht beim Türken!

    Mich hat übrigens noch nie ein Türkenjunge vom Bürgersteigt geschubst. Angepampt werde ich nur von urdeutschen Berlinern.

    Das angebliche Hölderlin-Zitat stammt übrigens von Wolf Biermann (1967).

    Der echte Hölderlin:

    „So kam ich unter die Deutschen. Ich forderte nicht viel und war gefaßt, noch weniger zu finden.
    […]
    Barbaren von Alters her, durch Fleiß und Wissenschaft und selbst durch Religion barbarischer geworden, tiefunfähig jedes göttlichen Gefühls, verdorben bis ins Mark […], in jedem Grad der Übertreibung und der Ärmlichkeit belaidigend für jede gutgeartete Seele, dumpf und harmonielos, wie die Scherben eines weggeworfenen Gefäßes – das, mein Bellarmin, waren meine Tröster.
    Es ist ein hartes Wort, und dennoch sag‘ ichs, weil es Wahrheit ist: ich kann kein Volk mir denken, das zerrißner wäre, wie die Deutschen. Handwerker siehst du, aber keine Menschen, Denker, aber keine Menschen, Priester, aber keine Menschen, Herrn und Knechte, Jungen und gesezte Leute, aber keine Menschen – ist das nicht, wie ein Schlachtfeld, wo Hände und Arme und alle Glieder zerstükelt untereinander liegen, indessen das vergoßne Lebensblut im Sande zerrinnt? […]
    Die Tugenden der Deutschen aber sind ein glänzend Übel und nichts weiter; denn Nothwerk sind sie nur, aus feiger Angst, mit Sclavenmühe, dem wüsten Herzen abgedrungen, und lassen trostlos jede reine Seele, die von Schönem gern sich nährt, ach! die verwöhnt vom heiligen Zusammenklang in edleren Naturen, den Mislaut nicht erträgt, der schreiend ist in all der todten Ordnung dieser Menschen.
    Ich sage dir: es ist nichts Heiliges, was nicht entheiligt, nicht zum ärmlichen Behelf herabgewürdigt ist bei diesem Volk […]“

  7. Loewe sagt:

    Worauf soll das Ausgrenzen des Islam hinaus?

    Die 4 Millionen Einwohnern Deutschlands muslimischer Herkunft bzw. Glaubens, die 2000 Moscheen — will man sie in ein Ghetto treiben? Zum Auswandern zwingen? Will man wie im Spanien der Inquisition, dass die Leute abschwören?

    Friedrich sagt: „Anpassen“. Was genau meint er damit? Wie vereinbart er das, was er damit meinen könnte, mit dem Schutz der Religionsfreiheit durch das Grundgesetz?

    Wie will man gläubige Muslime integrieren, wenn man ihren Glauben nicht integrieren will?

    Oder ist jedes dieser Worte von Friedrich nur ein verzweifelter Versuch, Sarrazin-Fans zu beschwichtigen und zum CSU-Wählen zu verführen – und es macht gar keinen Sinn, einen anderen, einen sachlichen Sinn darin zu finden?

    Lamya Kaddor hat recht: Fragen über Fragen. Der Minister hat es nicht nötig, sie zu beantworten und seine Aussagen zu begründen. Vielleicht, weil es nicht um Fakten, Logik, sachliche Auseinandersetzung und dergleichen geht, sondern nur um ein Spiel mit Emotionen.

  8. Thomas sagt:

    viel worte um nichts, wie wäre es mitdem gegenbeweis ? was hat historisch gesehen der islam deutschland gebracht, nichts, eigentlich gar nichts
    liebe frau kaddor, wenn sie dem widersprechen können, dann tun sie ohne häme und mit argumenten.

    der grösste unfug stellt dies wohl dar „Ich würde mir wünschen, dass sie zunächst einmal belegen, wieso der Islam nicht zu Deutschland gehört und wie mit den Allseits bekannten historischen Einflüssen des (islamischen) Orients in Wissenschaft, Musik, Literatur, Philosophie, Religion oder Politik zu verfahren ist?“
    als vieles von der arabischen welt übernommen wurde war diese grösstenteil von christen bewegt, historisch nachlesbar
    nach der zwangskonvertierung zum islam ist mir bis heute nicht bekannt welche fortschritte auf oben genannten gebieten gemacht wurden, hier wäre ich für beispiele dankbar

    mfg th. pf.

  9. […] Artikel ist auch unter meiner Kolummne bei migazin.de […]

  10. Sonata sagt:

    Wow, hier wird ja mal wieder der negative Beweis gefordert.

    Ich würde ja eher anders herum fragen Frau Lamya Kaddor. Warum sollte der Islam zu Deutschland gehören? Mir fällt da nix ein. Wir brauchen hier keine Terroranschläge, keine Ehrenmorde und auch die andere muslimisch bedingte Gewalt und Kriminalität kann uns fernbleiben.

    Und auch auf ihre andere Fragestellung muss ich mal ganz ehrlich antworten, wenn es ihnen hier nicht gefällt, was wollen sie dann bei uns? Die Arbeitsstellen gefallen ihnen nicht, die Meinung der Menschen gefällt ihnen nicht und auch die demokratischen Rechte sowie die Meinungsfreiheit scheint ihnen nicht zu schmecken. Da bleiben ja nur noch die sozialen Leistungen als Bleibegrund übrig. Vielen Dank für diese Bereicherung.

    Ganz spannend finde ich übrigens, dass hier beim Migazin niemand den muslimischen Terroranschlag in Frankfurt thematisiert. Kein Bedauern, kein Entsetzen, so etwas Frau Lamya Kaddor spricht echt Bände. So zeigt es sich, wie sehr Hans-Peter Friedrich recht hat.


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