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Migration und Integration in Deutschland

Wenn Ausländer […] von der einheimischen Bevölkerung als Konkurrenten um Arbeitsplätze […] und als Bedrohung der Sicherheit […] wahrgenommen werden, dann erhöht die vermehrte Sichtbarkeit der Migranten dieses Gefühl […]

Forschungsverbund „Probleme der Ausländerbeschäftigung“ / 1979, 1979

Keine Einmischung!

Zuerst die Muttersprache!

„Nicht dieselbe Sprache lässt Menschen einander verstehen, sondern das Gefühl, das sie teilen.“ Mevlana, sufischer Dichter, 12. Jh.

VONZerrin Konyalıoğlu-Busch

Die Autorin ist in Istanbul geboren, Turkologin, Schwerpunkt interkulturelle Deutschförderung im bilingualen Kontext - Türkisch zu Deutsch. Ihr Buch "Deutsch als Zweitsprache - Türkische Schüler systematisch fördern" erschien im Persen-Verlag.

DATUM4. März 2011

KOMMENTARE46

RESSORTAktuell, Meinung

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Wird ein Kind geboren, hört es zuerst die Stimme des Geburtshelfers oder der Hebamme, aber dann passiert etwas wunderbares, im Arm seiner Mutter hört es nicht nur ihre Stimme, sondern jene Sprache, die ihm sein Leben lang emotional begleiten wird. Unabhängig davon, ob es diese Sprache später gut oder schlecht spricht, ungeachtet davon, wie viele Sprachen es später noch sprechen wird.

Die Sprache seiner Mutter wird immer etwas ganz besonderes bleiben, es ist die Sprache, in der es seiner Mutter zum ersten mal begegnet, die Mutter-Kind-Sprache. Jene Sprache, in der sie ihn ermahnt, liebt und erzieht, die Sprache, in der er sich ihr anvertraut und sich ihr widersetzt. Die Sprache, die beide emotional verbindet, sowohl im Guten als auch im Schlechten. Es ist die Sprache, in der Mutter und Kind sich mitteilen, in der sie leben. Deshalb frage ich, welcher Politiker nimmt sich das Recht heraus, diesen Mutter-Kind-Dialog mit politischen Ambitionen zu stören?

Soweit kann und darf Politik nicht gehen. Es ist auch nicht rechtens. Im Grundgesetz steht: „Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht. Über ihre Betätigung wacht die staatliche Gemeinschaft.“ Zur Erziehung gehört auch nun mal auch die Sprache. Die Mutter-Kind-Bindung wird zum wesentlichen über die Sprache bestimmt. Könnte es überhaupt zu einer Verständigung zwischen Mutter und Kind kommen, wenn bereits die Sprache eingeschränkt und fehlerhaft ist?

Obgleich Linguisten inzwischen neutral von L1 statt von Muttersprachen sprechen und Politiker im Zuge der Migrationsbewegung lieber von Herkunftssprachen sprechen, wird der emotionale Aspekt von Sprachen einfach fallen gelassen, dabei haben Sprachen und Emotionen sehr viel miteinander zu tun. Wenn wir erstaunt sind, verschlägt es uns die Sprache, sind wir verunsichert, wissen wir nicht, was wir sagen sollen, versuchen wir uns an ein Wort zu erinnern, so liegt es uns auf der Zunge, sind wir traumatisiert, leiden wir unter Aphasie-Sprachverlust.

Dass Sprache mehr ist als nur ein Instrument, das der Verständigung dient, wird im türkischen sehr schön beschrieben. Im türkischen ist Sprache und Zunge ein und dasselbe. „Tatli yiyelim, tattli konusalim“ sagt ein türkisches Sprichwort und lädt ein, Süßes zu essen, um die Unterhaltung „schmackhaft“ zu machen. Somit haben Zunge, Sprache und Geschmack sehr viel miteinander gemeinsam. Sich in die Mutter-Kind-Sprache einzumischen, nur aus Angst, die Kinder von Einwanderern würden sonst keine Deutschkompetenz entwickeln, ist nicht nur falsch und verwerflich, sondern schlichtweg „geschmacklos.“

Aber so sehr Sprachen auch für das gesamtgesellschaftliche Miteinander wichtig sind, viel wichtiger ist Empathie. Wie sagte der sufische Dichter Mevlana einst so schön: „Nicht die selbe Sprache lässt Menschen einander verstehen, sondern das Gefühl, das sie teilen.“

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46 Kommentare
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  1. Kalif Harun al-Pussah sagt:

    Wenn es nach mir geht können Sie das halten wie der berühmte Dachdecker – reinreden will ich Ihnen da sicher nicht. Was ich mich allerdings frage ist: sollten Menschen, die teilweise schon in der dritten Generation bei uns leben und augenscheinlich auch keine ernsthaften Anstrengungen mehr unternehmen in das Land der Vorfahren zurückzukehren nicht irgendwann einmal Deutsch als Mutter- und damit Erstsprache annehmen?

  2. Thomas Hieber sagt:

    Vielen Dank für die Anmerkungen zur Muttersprache. Ich stimme dem zu, dass die Sprache der Eltern immer eine ‚Herzenssprache‘ ist und bleiben wird. Warum soll man in der 3. Generation aufhören die Sprache der Vorfahren zu sprechen? Die ‚Wurzeln‘ sind genauso wichtig wie die ‚Flügel‘ ! Heutzutage ist es immer von Vorteil mehrere Sprachen zu sprechen und sich in mehreren Kulturen zu Hause zu fühlen.
    Kinder können zwei oder mehrere Sprachen gleichzeitig und gleichgut lernen man muß sich als Eltern NICHT für eine Sprache eintscheiden. Als Vater, der seine Söhne im Ausland großgezogen hat, weiß ich von was ich rede und bin heute froh dass meine Kinder mehrsprachig sind.

  3. Karl Willemsen sagt:

    Deshalb frage ich, welcher Politiker nimmt sich das Recht heraus, diesen Mutter-Kind-Dialog mit politischen Ambitionen zu stören?

    Das frag ich mich auch! Welcher Politiker hat gefordert, das Migranten-Kind unmittelbar nach der Geburt der Mutter zu entreissen um es der Zwangsgermanisierung zuzuführen? wer bitte soll das gewesen sein?

  4. Jean Bagmann sagt:

    Mein Kommentar auf mein Muttersprach 🙂
    Kapitalizm zaten nesnel olarak tekdilci bir sistem, bir dil yamyamı. Kapitalistleşen toplumların devletleri, gerek iktisadi ilişkileri kolaylaştırıp çokdilci politikanın getirebileceği zorluklardan kaçınmak, gerekse güvenlikle ilgili deneti…mi daha kolay sağlamak için sıkı bir tekdilcilik politikasını yürürlüğe koyuyor. Eğitim, her çocuğun anadili temelinde olmalı, ama mutlaka iki ya da üç dil öğrenilmesi hedeflenmeli. Buradaki temel koşul, öğrenilecek dil sayısından ya da dilin önceliğinden çok, diller arası eşitlik bilinci oluyor.
    Eşitlik meselesi, özellikle çocuklar açısından yaşamsal bir önem taşıyor. Kendi dilinin beğenilmediği, hor görüldüğü duygusu içinde olan çocukların zihninde, egemen dile karşı blok oluşuyor. Anadilinde de, yabancı dilde de gelişemiyor böyle bir durumda kalan zihin. Bazı dilbilimciler buna “eksiltici ikidillilik” diyor.

    Kalemine , yüregine, emegine saglik Zerrin 🙂

  5. Karl Willemsen sagt:

    @Thomas Hieber

    absolut zutreffend! Dass die Muttersprache überhaupt in irgendeiner Form unter dem Erlernen der Sprache des Gastlandes/WAHLHEIMAT(!) leiden sollte, habe ich auch mal wieder nur als Alleinstellungsmerkmal von Türken/Arabern = Moslems gehört! Mir sind keine gleichlautenden Klagen von andersstämmigen Migranten bekannt…

  6. Europa sagt:

    @Zerrin Konyalıoğlu-Busch
    „Keine Einmischung!
    Zuerst die Muttersprache! “

    Allein die Überschrift ist ein Witz! Was soll denn bitte: „keine Einmischung“ bedeuten? Soll der Ministerpräsident aus einem 2500km entfernten aussereuropäischem Land sich nicht in die Familienpolitik von Deutschland mischen? Wollten sie das sagen?
    Was die Autorin verlangt ist ihr gutes Recht, aber schlussendlich werden ihre Kinder Probleme im alltag kriegen, denn jeder der auch nur 2 jahre in deutschland gelebt hat, weiss doch, dass das perfekte beherrschen der deutschen Sprache ein absolutes muss ist.
    Wenn Migranten mit gebrochenem deutsch irgendwo ein Vorstellungsgespräch haben, dann dürfen sie sich auch nicht wundern, wenn man am ende doch den Deutschen ohne Sprachprobleme nimmt. Wer kein Deutsch kann, hatte auch nie deutsche Freunde, hat auch nie Deutschland verstanden und wird auch in Deutschland keine Zukunft haben. Mit türkisch kann man sich in Deutschland allenfalls ein Job beim Gemüsehändler oder bei ’ner Dönerbude besorgen.
    Ich frage mich warum türkische Eltern sich primär gegen ihr eigenes Kind stellen wollen und lieber haben wollen, dass ihr Kind die Sprache eines Landes beherrscht, was in seiner Zukunft keine Rolle spielen wird, als Deutsch. Und wenn ich mich recht erinnere behaupten Türken ganz gerne dass sie gar nicht so integrationsunwillig sind wie der Sarrazin das behauptet, aber dann bei solch einer Debatte beweisen dass der Sarrazin recht hatte.
    Wird nicht immer behauptet die Türken würden soviel tun um sich in unsere Gesellschaft einzubringen? Warum nochmal soll die deutsche Bevölkerung den Türken nach solch einem Artikel und dem Auftritt von erdogan entgegenkommen? Die deutsche Sprache wird im eigenen Land als zweitranig dargestellt! So weit sind wir schon. Ein dank an die Grünen und Mehmet Kilic

  7. Sinan Sayman sagt:

    Liebe Frau Konyalioglu,
    mein Gott, vor lauter, sie müssen Deutschsprechen, haben wir etwas wichtiges übersehen, die Mutter-Kind-Bindung. Diese intime Zweisamkeit. Sie haben absolut Recht, es geht um mehr als nur Sprachkompetenz. Vielen herzlichen Dank, dass Sie uns das wieder ins Gedächnis gerufen haben. Ich frage mich, welche Bindung ich zur meiner Mutter gehabt hätte, wenn wir uns in einer eingeschränkten Sprache unterhalten hÄtten.
    Aber ich verfolge Sie in der Presse und kann Ihre politische und fachkompetente Arbeit, die bereits die Bundespolitische ebene erreicht hat, nur beglückwünschen.

  8. Jens Christian Heuer sagt:

    Vielen Dank für diesen wunderschön geschriebenen Artikel!!! Den muß man einfach gelesen haben!! Zerrin schreibt aber nicht nur genial, sie hat auch in der Sache Recht! Eine neuere Studie an der Universität Würzburg liefert dafür eindrucksvolle Hinweise („Newborns’ cry melody is shaped by their native language“. Birgit Mampe, Angela D. Friederici, Anne Christophe, Kathleen Wermke) : http://tinyurl.com/63mtdqh)

    Liebe Grüße
    Christian

  9. basil sagt:

    So sehr braucht man sich in der Frage Bildung und Spracherwerb auch nicht reinsteigern: Der Frankfurter Flughafenattentäter hat es auch mit Abitur geschafft seinen Weg zu gehen.

  10. Karmel sagt:

    Gerade wird in Deutschland die 4. Generation der Türken geboren, aber offenbar ist deren Muttersprache immer noch türkisch…

    Jetzt mal ganz ehrlich: Was genau wollen sie eigentlich in diesem Land? Sie bezeichnen sich selber als Türken, die Muttersprache ist türkisch, die Kultur ist türkisch…

    Sowas bezeichnet man als Gast. Und so werden sie auch behandelt: Als Gäste. Allerdings mehr und mehr als unerwünschte Gäste. Selber Schuld…

    Und zu ihrem letzten Absatz: „„Nicht die selbe Sprache lässt Menschen einander verstehen, sondern das Gefühl, das sie teilen.““

    Offenbar teilen wir gar nichts miteinander. Letztlich scheinbar nichtmal die Sprache…


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