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Migration und Integration in Deutschland

Wenn mir etwas Sorge macht, dann nicht Sarrazins Buch, das ich für das absurde Ergebnis eines Hobby-Darwins halte. Viel mehr Sorge macht mir, dass dieser Rückgriff auf die Eugenik in unserem Land gar nicht mehr auffällt, ja mehr noch: als »notwendiger Tabubruch« frenetisch gefeiert wird.

Sigmar Gabriel (SPD-Chef), Die Zeit, 16.09.2010

Wochenrückblick

KW 5/11 – Einwanderung, Burka, Sarrazin, Migranten, Islamophobie, Ägypten

Themen der 5. Kalenderwoche: Linke Selbstkritik; Bundestagspräsident pro Einwanderung; Die Burka in Frankfurt; Migranten zur Polizei; Islamophobie und Antisemitismus; Ägypten und die Muslim-Feinde in Deutschland

VONLeo Brux

Leo Brux, 1950 in München geboren, ist u. a. Integrationskurs-Lehrer bei der InitiativGruppe – Interkulturelle Begegnung und Bildung e.V., einem großen Träger der Integrationsarbeit in München. Migrations- und Integrationsfragen beschäftigen ihn seit den frühen 70er Jahren sowohl praktisch als auch theoretisch, privat und beruflich. Für die InitiativGruppe schreibt er einen Migrationsblog.

DATUM7. Februar 2011

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Kritik an der Linken
Klaus Bade formuliert in der taz linke Selbstkritik. Die Linke war der Herausforderung durch Sarrazin nicht so recht gewachsen. Warum? Der Interviewer deutet eine mögliche Schwäche an:

Wo bleibt die emotionale Besetzung der Nation? Hat die Linke in Deutschland nicht ein Problem mit dem Begriff der Nation?

Bade verweist zunächst auf die Selbstblockade der Linken gegenüber der „Leitkulturdebatte“.

Man kann den Begriff wechseln, aber man muss da durch. Eine Einwanderungsgesellschaft, die sich scheut, eine Werte- und Identitätsdebatte zu führen, kriegt auf die Dauer ein Problem.

Fehlt es der Linken an Mut in der Integrationsdebatte? Bade:

Mut und Wut sind keine politischen TÜV-Kriterien. Aber die sogenannte Linke könnte gelegentlich mal deutlicher sagen, was gut oder im internationalen Vergleich sogar sehr gut läuft in diesem Land. Man muss ja nicht immer gleich schwer atmend auf irgendwas „stolz“ sein. Aber man sollte endlich mit dem Rücken weg von der Wand und angreifen. Man sollte die Vielfalt in der Einheit betonen, sie als unerhörtes und kompromisslos zu verteidigendes Gut präsentieren. Eine sogenannte Linke, die die Einwanderungsgesellschaft mit ihren Begriffen kritisch, aber positiv und, wenn es denn der Identitätsfindung dient, von mir aus auch „emotional“ besetzt, wäre eine realistische Alternative zu dem Sarrazinom mit seinen wuchernden Metastasen.

Noch eine Argumentations-Zugabe aus diesem Interview:

Die Muslime werden en bloc als die Inkarnation des Fremden konstruiert. Das hat viel mit ethnonationalen Denktraditionen in diesem Land zu tun. Man muss endlich lernen, dass die Identität eines Menschen die Summe seiner Teilidentitäten ist. Die Rede von „den Muslimen“ ist, so betrachtet, nichts als die Verabsolutierung einer Teilidentität. Ich bin Christ. Aber ich verbitte mir entschieden, dafür denunziativ in Sippenhaftung genommen zu werden. Die Grundwerte unserer Verfassung geben uns das Recht auf diese Vielfalt. Und die ändert sich dauernd. Nur die Grundwerte selbst stehen außerhalb jeder Disposition.

Bundestagspräsident Lammert mach sich stark für Einwanderung
Die Linken in Deutschland sind in diesen Einwanderungs- und Integrationsfragen nicht mehr allein. Bundestagspräsident Lammert (CDU) beantwortet auf einer Wahlkampfveranstaltung (!) die Frage „Warum ist Baden-Württemberg heute wirtschaftlich so stark?“ – so schreibt die Badische Zeitung – so zu beantworten: Es ist auch der Zuzug …

Der drastisch sinkenden Zahl an Beitragszahlern – zuletzt wurden in Deutschland 1974 mehr Menschen geboren als starben – könne nur durch Migration begegnet werden, sonst würden die sozialen Sicherungssysteme zusammenbrechen. „Das ist eine ganz einfache Rechnung“, so Lammert. „Das sichere Ausschließen der damit verbundenen Probleme bedeutet auch das sichere Ausschließen der Chancen“ von Migration. Gerade Baden-Württemberg zeige, dass der Zuzug von Menschen ein enormes Innovationspotenzial berge, das den Südweststaat mit zu dem gemacht hat, was er heute ist: ein Land mit starker wirtschaftlicher und finanzieller Entwicklung und hoher Lebensqualität.

Mal wieder die Burka
Zur Integration müssen beide Seiten bereit sein. Die Muslime sind es. Auch in der muslimischen Gemeinschaft stößt jene 39-Jährige Frankfurter Angestellte, die sich plötzlich für die Burka erklärt hat, auf wenig Verständnis. Der Westen bringt drei Stellungnahmen:

„Das Ansinnen der Frau finde ich absurd“, sagt Naime Cekir vom Kompetenzzentrum muslimischer Frauen in Frankfurt. Ein solches Verhalten überfordere die Grenzen der Toleranz – nicht nur in der Mehrheitsgesellschaft sondern auch bei den Muslimen selbst.

„Wir haben ein Kopftuchgebot, fordern aber nicht die Verschleierung des gesamten Gesichts“, erläutert der Generalsekretär der als konservativ eingeschätzten und vom Verfassungsschutz beobachteten Dachorganisation der „Milli Görüs“ in Bonn. „Wer in der Öffentlichkeit arbeiten möchte, muss sich fragen lassen, ob er dort mit seiner Burka an der richtigen Stelle ist.“

Auch beim Dachverband der Ditib-Vereine in Köln ist man irritiert. „Der Vollverschleierung fehlt jegliche religiöse Legitimation“, sagt die Referentin für Öffentlichkeitsarbeit Ayse Aydin.

spiegel online ergänzt:

„Wir sind irritiert über das Verhalten der Frau und akzeptieren das nicht“, sagt die Generalsekretärin des Zentralrats der Muslime Nurhan Soykan. Ihr Verband trete für Selbstbestimmung ein, aber der Vorstoß zur Vollverschleierung sei kontraproduktiv und „erzeugt größeres Misstrauen gegen junge Musliminnen, die den Berufseinstieg mit Kopftuch wagen“, so Soykan. Ein Verbot lehnt sie aber ab: „Es handelt sich in Frankfurt um einen Einzelfall, und hier wird man auch ohne Verbot eine Lösung finden.“

Ähnlich äußert sich Ali Kizilkaya, Vorsitzender des Islamrats: „Diese Frau schadet mit ihrer Forderung den Muslimen.“ Die Mehrheit der Gläubigen teile ihre Auffassung nicht, dass der Islam eine Vollverschleierung vorschreibe. „Ich habe Verständnis dafür, dass Menschen im Bürgeramt das Gesicht der Mitarbeiterin sehen müssen“, so Kizilkaya.

Ist Kübra Gümüsay integriert?
Was aber verlangt Sarrazin, wenn er von Integration spricht? Sarrazin tritt auf in einer britischen Radiosendung der BBC, in der er seine Thesen vorstellen und gegen die Einwände von AnruferInnen verteidigen soll. Eine von denen, die fragen sollten, ist Kübra Gümüsay. Sie trägt Kopftuch und berichtet in ihrer regelmäßigen taz-Kolumne (auch im MiGAZIN abgedruckt):

Ich saß als Gast der Sendung in einem Hamburger Radiostudio und erwartete unser Aufeinandertreffen. Als es dann so weit war, erzählte ich ihm, dass ich in Deutschland studiert habe, die Sprache gut spreche, mich hier engagiere und fragte, was er noch von mir erwarte. Er antwortete: „I want yu tu intekräyt.“ Ich lachte, das war einfach zu lustig. Der große Experte weiß nichts Besseres, als mir solch eine Banalität hinzuwerfen wie einen alten Knochen?

Perfektes Deutsch und Studium an der Uni genügen Sarrazin nicht.

Mehr Bundespolizisten aus Migrantenfamilien
Integration heißt auch, dass Migranten allmählich integriert werden in Berufsbereiche wie die Polizei. (Quelle: fr-online)

Die Bundespolizei will am größten deutschen Flughafen in Frankfurt mehr Beamte mit ausländischen Wurzeln einsetzen. „Wir suchen auch tüchtige Realschüler, nicht nur Akademiker“, sagte der Präsident des Bundespolizeipräsidiums in Potsdam, Matthias Seeger, am Montag in Frankfurt. Für den Nachwuchs soll an Haupt-, Real- und Gesamtschulen im Frankfurter Raum sowie im Rundfunk, im Internet und in Zeitungen geworben werden. Das bundesweite Pilotprojekt mit dem Titel „Gewinnung von Nachwuchskräften mit Migrationshintergrund“ läuft seit April 2010 bereits in Wiesbaden. Rund 3,5 Prozent der etwa 2150 Bundespolizisten am Frankfurter Flughafen haben einen Migrationshintergrund. Dieser Anteil soll auf etwa 20 Prozent erhöht werden, kündigte der Präsident der Bundespolizei vom Flughafen, Wolfgang Wurm, an.

Islamfeindschaft und Antisemitismus: verwandt?
Klaus Schroeder, Professor an der FU Berlin und Spezialist für den SED-Staat, ärgert sich im Deutschlandradio über diese seiner Meinung nach unzutreffende Verknüpfung:

Um die vermeintliche Islamophobie aufzuwerten, wird sie von nicht wenigen linken Sozialwissenschaftlern auf eine Stufe mit dem Antisemitismus gestellt. Offenbar soll suggeriert werden, die Muslime seien die Juden der heutigen Zeit und von millionenfacher Vernichtung bedroht. Was für eine absurde Unterstellung! Die versuchte Gleichsetzung von Antisemitismus und Islamophobie verdeckt darüber hinaus, dass judenfeindliche Einstellungen in Deutschland heutzutage auch und besonders unter Muslimen verbreitet sind.

Worum es den Kritikern im Kern geht, wird deutlich, wenn sie Antiislamisten – wie früher Antikommunisten – vorwerfen, die Werte des Westens, die auch in der deutschen Verfassung niedergeschrieben sind, zum Maßstab ihrer Bewertung zu nehmen. Allein dies sei schon anmaßend. Hier zeigt sich, dass diese Kritiker nicht nur als „nützliche Idioten“ islamistischen – und früher kommunistischen – Machthabern dienen, sondern gleichzeitig westliche Werte relativieren, die individuelle Menschenrechte und die Beachtung der Menschenwürde umfassen. …

Der Vorwurf der Islamophobie soll letztlich in Analogie zur Kritik des Antikommunismus den Islam gegen Kritik immunisieren. Dem zu widerstehen, ist Bürgerpflicht!

Die Hetzewelle der letzten Monate scheint an Professor Schroeder vorbei gegangen zu sein. Ich betrachte es nicht als meine „Bürgerpflicht“, Rassisten zu schützen und eine religiöse Minderheit einem Pogrom preiszugeben. Denn darauf kann die massenhaft betriebene Hetze am Ende hinauslaufen.

Ägypten und die Muslim-Feinde in Deutschland
Es wird viel spekuliert über die mögliche Rolle der Muslimbrüder für die Zukunft Ägyptens. Ein Aspekt des spektakulären Aufruhrs dort könnte die Debatte in Deutschland etwas entspannen. Die meisten der Demonstranten, mit denen sich fast alle in Deutschland identifizieren, sind – gläubige Muslime. Keine Islamisten, sondern moderne, säkular orientierte, aber eben doch auch gläubige Muslime, die man dann auf dem Tahrir ihr Freitagsgebet verrichten sehen kann.

Ein Blog zum Geschichtsunterricht legt diesen Gedanken nahe.

Es wäre wünschenswert, wenn die Ereignisse in Tunesien, Ägypten und den anderen Ländern auch zu einem veränderten deutschen/europäischen Blick auf „die“ Muslime beitragen würden, die in den letzten Jahren viel zu oft falsch und pauschalisierend als religiöse Eiferer und antidemokratisch wahrgenommen und dargestellt wurden. Oft war dies verbunden mit dem Verweis auf die Diktaturen der arabischen Welt, die, wie nun spätestens klar wird, einen nicht wesentlichen Teil ihrer Stärke aus europäischer und US-amerikanischer Unterstützung gezogen haben. ….

Es wäre schön, wenn durch die intensive Berichterstattung in möglichst vielen europäischen Köpfen ein Konzeptwechsel gefördert würde, der vorhandene Vorurteile als offensichtlich nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmend verwirft und durch differenzierte Sichtweisen ersetzt.

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61 Kommentare
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  1. Gast1962 sagt:

    @loewe sie behaupten daß die regierung und parlament schauen werden daß die Regierungsversion Gesetz wird.
    Wenn man ihre Aussagen im Lichte gewisser staatsrechtlicher schweizerischer Eigenheiten betrachtet muß man feststellen daß bei ihnen der Wunsch und nicht fundierte staatsrechtliche Bildung der Vater des Gedankens ist.
    Die schweiz ist eine plebiszitäre Demokratie. Die Volkssouveränität wird nicht nur durch den legitimationsvorgang Wahl sondern vor allem durch plebiszite die in der Normenhierarchie am höchsten stehendes Verfassungsrecht schaffen gewährleistet. wenn die SVP-Version leerläuft also in der Verfassungswirkclichkeit nicht greift weil irgendein organ den Volkswillen nicht umsetzen will weil es das Volk den Souverän für Dumm verkaufen will dann hat das Volk und auch die SVP die Möglichkeit im wege einer irgendwie gearteten Verfassungsbeschwerde und nicht erst nach Rechtswegerschöpfung dagegen vorzugehen. Die Ausschaffungsinitiative der SVP hat lax gesagt Verfassungsrang erlangt.
    Die Situation in der Schweiz ist nicht zu vergleichen mit der in der Bundesrepublik in der eine representative Demokratie grundgesetzlich vorgeschrieben ist. abgesehen davon greift die Ausschaffungsinitiative nur bei bestimmten extremen Deliktgruppen bei denen das Schweizer Volk ein besonderes interesse hat Ausländer die das Gastrecht misbrauchen auch wieder los zu werden und nicht bei den von ihnen angeführten Fahraddiebstählen.

  2. Loewe sagt:

    basil,
    für jemanden wie Sie, der nicht global denken kann, ist globale Verantwortung zwangsläufig kein Thema.

  3. Karl Willemsen sagt:

    @Loewe

    „Wenn die Finanzgewaltigen mit ihren Finanzmanipulationen die Weltwirtschaft in Krisen stürzen und wir das ausbaden müssen, dann haben wir da weitaus mehr Schaden, als 1 Million Kriminelle anrichten könnten. “

    Zitat Ende

    Und deshalb sind Ihnen „1 Million Kriminelle“ grad recht, wenns 2 Millionen wären, wärs Ihnen auch gleich wurscht, oder was?

    Sie könnten sich also auch vorstellen, einen Herzkranken mit einer Lungenentzündung zu heilen? oder es wäre ihnen zumindest wurscht, wenn der daran auch noch zu leiden hätte? Dass eine Lungenentzündung definitiv das ALLERLETZTE ist was ein Herzkranker gebrauchen kann, hat Ihnen bislang auch noch keiner glaubhaft machen können?

    Sorry, aber wie unendlich verschroben muss man für so eine hirnrissig Unlogik sein…?

  4. Loewe sagt:

    Was Karl Willemsen hier sagt, bezieht sich auf meinen Satz:
    Wenn die Finanzgewaltigen mit ihren Finanzmanipulationen die Weltwirtschaft in Krisen stürzen und wir das ausbaden müssen, dann haben wir da weitaus mehr Schaden, als 1 Million Kriminelle anrichten könnten.

    Ich sage also weiterhin: Die wenigen Fälle von Kriminalität, die wir uns per Migration zuziehen, werden erstens mehr als ausgeglichen durch die vielfältigen Vorteile der Einwanderung, und gegen den Schaden, den unsere Bankster angerichtet haben und vermutlich weiter anrichten werden, sind das ohnehin peanuts.

    Falls – wie unvermeidlich – jemand aufschreit und meint, es seien aber nicht wenige Fälle von Kriminalität, verweise ich auf die Kriminalstatistik: Deutschland ist in den letzten Jahren – trotz Einwanderung – sicherer geworden. Wir haben insgesamt sehr wenig Kriminalität, und die Angsthaber und Angstmacher sind ein Fall für die Psychologie ebenso wie die Utopisten, die erst bei NULL Kriminalität ihre Angst und Empörung abzulegen bereit wären.

  5. Manfred O. sagt:

    @ LOEWE

    Haben Sie die Kriminalstatistik des BMI überhaupt gelesenen? Kennen Sie die (leider nur halbwegs) aufgegliederten Zahlen nach Herkunft, wobei da auch noch (auf Grund der aut. Doppelstaatsbürgerschaft bis zu einem bestimmten Alter) die „jungen Menschen mit türkisch und/oder islamischen Migrationshintergrund) nur unter „deutsche Straftäter“ einfliessen?

    Sie Kennen die Kriminalstatistik nicht? Bitte:

    http://www.bmi.bund.de/cln_174/SharedDocs/Downloads/DE/Broschueren/2010/PKS2009.html;jsessionid=A377F92996C3F272B841EB0A37906A2A?nn=109632

  6. basil sagt:

    @loewe
    Wie nobel von Ihnen, gleich für die ganze Welt Verantwortung zu übernehmen. Am deutschen Wesen soll die Welt genesen, was Loewe!?

  7. Pragmatikerin sagt:

    Wulffs Rede: Integration heißt nicht, “ein Volk” zu sein

    Bundespräsident Wulff hat unrecht, wenn er Deutsche aller Herkunft über einen Kamm schert. Zusammenwachsen braucht Zeit.

    „Ja – wir sind ein Volk.“ Es sollte mehr sein als eine literarische Wendung, als der Bundespräsident Christian Wulff in seiner Rede am 3.Oktober den Satz der Aufbegehrenden von 1989 auf das Deutschland im Jahre 2010 übertrug. Aber sind wir, die Bürger dieses Staates, tatsächlich alle ein Volk?

    Vor 20 Jahren zog es die Bürger im Osten und Westen Deutschlands zusammen, weil sie sich trotz über 40-jähriger Trennung nach wie vor als ein Volk empfanden – geprägt durch dieselbe Sprache, dieselbe Kultur, dieselbe Literatur, dieselbe Geschichte, auch immer noch durch ähnliche Mentalitäten. Familien lebten beidseits der Mauer, es gab Kontakte, wenn auch mehr Reisen von West nach Ost als von Ost nach West, es gab gemeinsame Sorgen um den Frieden und die Atomkraft und immer mehr auch um die Freiheit.

    Die Losung „Wir sind ein Volk“ konnte blitzschnell die ostdeutschen Straßen erobern, weil sie auf wunderbare Weise zwei Dinge zusammenfasste: den Wunsch zum Zusammenleben aller Brüder und Schwestern in Deutschland Ost und Deutschland West, also die Vereinigung des ethnisch deutschen Volkes, und den Wunsch zum Zusammenleben in einer gemeinsamen Nation, also die Vereinigung als Staatsvolk.

    Kein Volk, sondern Staatsvolk

    Wie wir nach 20 Jahren sehen, wächst zwar zusammen, was zusammengehört, aber selbst zwischen Deutschen Ost und West ist der Prozess noch immer mit Reibungen aufgrund unterschiedlicher Prägungen, gegenseitigen Kränkungen und vielen Missverständnissen verbunden. Um wie viel komplizierter wird der Prozess erst sein, wenn Gruppen zusammenwachsen sollen und wollen, die keine gemeinsame Sprache, keine gemeinsame Geschichte, keine gemeinsame Religion, nur begrenzt gemeinsame Werte und nur begrenzt gemeinsame Literatur besitzen?

    Die eben kein Volk bilden, sondern ein Staatsvolk, eine Gesellschaft; gleich als Bürger, aber ungleich in Herkunft, Kultur oder Religion? Wer Türken, Polen, Russen, Juden, Iraker, Italiener, Deutsche zu einem Volk erklärt, weil sie deutsche Staatsbürger sind, verkleistert gerade das, was uns augenblicklich so viele Probleme bereitet und gelernt werden will: das von allen verbindlich zu fordern, was unsere gemeinsame staatsbürgerliche Grundlage ist, und das zu respektieren und auszuhalten, was die jeweils anderen an eigener Kultur und Religion neben uns leben.

    Deutschland hat in seiner Geschichte keine so langen und vielfältigen Erfahrungen im Umgang mit Menschen anderer Herkunft gesammelt wie unsere mitteleuropäischen Nachbarn, deren Bürger teilweise zu einem Drittel nationalen Minderheiten angehörten. Deutschland heute ist unsicher im Umgang mit den Fremden, die in den letzten 50 Jahren zu uns gekommen sind, und schwankte lange zwischen völliger Abgrenzung beziehungsweise Ignoranz und illusionärer Multikulti-Haltung. Ob „sie“ und „wir“ zu einem Volk zusammenwachsen, kann sich erst über Generationen entscheiden. Aber ob wir uns hier und heute als ein Staatsvolk verstehen lernen, das sich trotz ethnischer, sprachlicher, kultureller, religiöser Unterschiede auf eine gemeinsame staatsbürgerliche Grundlage verständigen kann, davon hängt der innere Frieden in unserem Land ab.

    Radikaler Islam gehört eben nicht zu Deutschland

    Zu Deutschland, erklärte Christian Wulff, gehörten zweifelsfrei das Christentum und das Judentum. Zu Deutschland, erklärte Wulff weiter, gehöre inzwischen aber auch der Islam. Wie das passiert sein soll, bleibt sein Geheimnis. Wenn von der christlich-jüdischen Tradition in Deutschland und Europa die Rede ist, ist damit eine weit über die Religionen hinausweisende Werte-Grundlage gemeint, die auch von nicht religiösen Staatsbürgern geteilt wird.

    Wulff warnt vor Spaltung in Deutschland
    Zweifellos gehören inzwischen auch Muslime zu Deutschland, aber einen Islam, wie er sich uns oft präsentiert, lehnen wir ab: mit der Scharia, der Unterdrückung der Frau, mit seiner Verachtung für Freiheiten, die wir schätzen. Ein solcher Islam darf nicht in die ethisch-moralischen Grundlagen unserer Gesellschaft eingehen.

    Aus Angst und Hilflosigkeit haben wir das Fremde zunächst gänzlich ignoriert, sodass Parallelgesellschaften entstanden. Aus Angst und Hilflosigkeit soll das Fremde jetzt so schnell wie möglich integriert werden, damit es kein Fremdes mehr bleibt. Dabei zeigt ein Blick auf Einwanderungsgesellschaften, dass Fremdes und Eigenes lange nebeneinander bestehen, dass Übergänge von einer zur anderen Identität fließend sind, sich über viele Generationen hinziehen können und es sogar zu Renationalisierungen kommen kann wie auf dem Balkan. Ob und wie schnell sich ein Italiener, Pole oder Türke in Deutschland als Deutscher verstehen möchte, kann letztlich niemand anders entscheiden als er selbst. Es gibt auch Auslandsdeutsche, die sich noch nach Generationen als Deutsche fühlen, was sie nicht von der Loyalität gegenüber dem Staat entbindet, in dem sie leben.

    Es hat keinen Sinn, die kulturellen und ethnischen Differenzen in modernen Gesellschaften einzuebnen und die Konflikte schönzureden, die sich daraus ergeben. Dann wird weiter jener Unmut geschürt, der dem Sarrazin-Buch zu seinem Erfolg verholfen hat. Wir hier in Deutschland müssen nicht ein Volk sein, um als Staatsbürger zu einem Konsens zu finden.

    Pragmatikerin

  8. Gast1962 sagt:

    @loewe In ihrem Kommentar schreiben Sie „ein Fall für die Psychologie“
    Wollen Sie eine Meinungsdiktatur errichtet sehen, in der Leute mit ungrünen Meinungen zwangstheraphiert werden. Auch die Tatsache daß sie es für Wünschenswert halten daß das Ergebnis der Schweizer Volksentscheidung von den Schweizer Organen ignoriert wird weist in diese Richtung.

  9. Karl Willemsen sagt:

    Ich fasse zusammen: Hr. Loewe wünscht sich eine „AUSGEGLICHENE BILANZ“ zwischen kriminellen und nicht-kriminellen Zuwanderern! Als „ausgeglichen“ betrachtet er es bereits, wenn „die vielfältigen Vorteile der Einwanderung“ überwiegen, d.h. bei einem Verhältnis von 49:51 kriminelle/nichtkriminelle Einwanderer ist für Loewe bereits alles im grünen Bereich!

    Man müsste konsequenterweise sogar eine Quote für Straftäter einführen, damit die Bilanz nicht zufällig mal unausgeglichen ist, falls mal „nur“ bzw. „zuviele“ Nichtkriminelle kommen sollten! wär ja schlimm…

    Ich nehm an, Loewe sieht dass bei der Arbeitslosenquote unter Einwanderern genauso: pro 1 Mio. Beschäftigte sind bis zu 0,999999 Mio. arbeitslose Zuwanderer plus „Familiennachzug“ absolut ok!
    Diese Quote wäre übrigens unter s.g. „Libanesen“ in Berlin m. 80% H4-Bezug bereits ein „utopischer“ Traum! Ich nehm an, Sie betrachten diesen „Überhang“ aber zb. durch die ausländischen Bundesligamillionäre wieder als „ausgeglichen“…

    Versuchen Sie doch mal einem Kanadier, Neuseeländer oder Australier ihre Vorstellungen der „ausgeglichenen Zuwanderung“ schmackhaft zu machen – die lachen sich kaputt über soviel Wahnsinn!
    Ich kann leider nicht darüber lachen, weil ich leider in einem Land lebe, in dem tatsächlich eine derartig destruktive – den Sozialstaat zerstörende! – Einwanderungspolitik seit über 40 J. betrieben wird.

  10. Gast1962 sagt:

    @Willemsen sie haben einen ausgeprägten Sinn für das WESENTLICHE.


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