MiGAZIN

Migration und Integration in Deutschland

Die Wirtschaft entschied über die Anzahl der angeworbenen Gastarbeiter wie über deren Verteilung innerhalb der Bundesrepublik.

Ursula Mehrländer, Ausländerpolitik im Konflikt, 1978

Ein Fremdwoerterbuch

Thilo Sarrazin tut mir leid

Thilo Sarrazin und ich haben unsere Beziehungskrise überwunden. Noch vor kurzem sah ich in ihm nur einen bösen Ex-Bankier mit Hang zu hetzerischen Weltuntergangsthesen, den ich unter keinen Umständen namentlich in dieser Kolumne erwähnen wollte.

VONKübra Gümüşay

 Thilo Sarrazin tut mir leid
Kübra Gümüşay, 22, ist Kolumnistin bei der taz, schreibt als freie Jour- nalistin für verschiedene Publikationen und betreibt den Blog ein-fremdwoer- terbuch.com. Sie studiert Politikwissenschaften in Hamburg und zuvor an der SOAS in London. Kübra ist Gründungsmitglied von Zahnräder, einem Netzwerk von engagierten und aktiven Muslimen in Deutschland.

DATUM3. Februar 2011

KOMMENTARE69

RESSORTAktuell, Meinung

QUELLE Erstveröffentlichung taz

SCHLAGWÖRTER , , , , , , ,

DRUCKENAnsicht

MEHR ZUM ARTIKEL

DANKE,
ich möchte MiGAZIN auch in Zukunft lesen!

Einen so gruseligen Zahlenverdrehenden – hätte ich keinen Verstand, würde ich, Kopftuchmädchen, mich vor mir selbst fürchten. Jetzt aber hat sich mein Blick geklärt: Sarrazin tut mir leid. Er ist ein trauriger Mann.

Vor einigen Tagen hatte ich – endlich! – das Vergnügen, mit ihm höchstpersönlich zu diskutieren. Allergrößtes Vergnügen! Vor allem deshalb, weil es sich um eine britische Radiosendung der BBC handelte, in der er seine Thesen vorstellen und gegen die Einwände von AnruferInnen verteidigen sollte.

Das hatte den Vorteil, dass Antworten radiogemäß möglichst kurz gehalten werden mussten – kurze Antworten sind absolute Sarrazin-Killer -, und noch dazu auf Englisch – wo sich doch in Fremdsprachen verquere Thesen nur schlecht schick verbrämen lassen.

Ich saß als Gast der Sendung in einem Hamburger Radiostudio und erwartete unser Aufeinandertreffen. Als es dann so weit war, erzählte ich ihm, dass ich in Deutschland studiert habe, die Sprache gut spreche, mich hier engagiere und fragte, was er noch von mir erwarte. Er antwortete: „I want yu tu intekräyt.“ Ich lachte, das war einfach zu lustig. Der große Experte weiß nichts Besseres, als mir solch eine Banalität hinzuwerfen wie einen alten Knochen?

Die nächsten zehn Minuten sprach ich so viel, dass ich wahrscheinlich mehr Redezeit hatte als Sarrazin im Rest der einstündigen Sendung. Als ich ihn nach der vergifteten Atmosphäre in Deutschland fragte, für die er mitverantwortlich ist, zitierte er eine mysteriöse türkische Frau: „Orientalen nutzen Emotionen, um Mitleid zu erregen.“ Aha, das würden Ur-Deutsche natürlich nie machen.

Das war nun auch dem Moderator zu rassistisch. So drängte er Sarrazin, Stellung zu diesem Zitat zu beziehen. Konnte er nicht. Er konnte auch weder etwas zu der Diskriminierung von Muslimen in diesem Land etwas sagen (wer das Kopftuch trägt, sei selbst für blöde Anmache verantwortlich) noch dazu, wie er Menschen integrieren will, die er genetisch minderwertig schimpft (er nenne nur Zahlen und Fakten).

Toll, da hatte ich ihn tatsächlich an die Wand geredet. Welch Genugtuung hätte das sein können! Doch ich empfand nur Mitleid. Wie traurig muss ein Mensch sein, der in Vielfalt kein Potenzial erkennt, nicht ihre Schönheit sieht. Ein Mensch, der jene respektlos vom Kopf stößt, die sein Land mit aufgebaut haben, und das im Gespräch nicht einmal begründen kann. Und langweilig muss es auch sein, wenn alles Andere und Neue per se verdächtig ist.

Selbst der Mann, der mir vor einigen Wochen eine Morddrohung schickte, hat sich in einer Mail entschuldigt: „Ich respektiere nicht unbedingt Ihre politische Überzeugung, aber ich respektiere Sie voll und ganz als Mensch“, schrieb er. Das muss man mal können, Herr Sarrazin. Menschen respektieren.

Testen Sie den kostenlosen MiGAZIN Newsletter:

69 Kommentare
Diskutieren Sie mit!»

  1. Manfred O. sagt:

    Zitat

    ….zitierte er eine mysteriöse türkische Frau: “Orientalen nutzen Emotionen, um Mitleid zu erregen.”

    Zitat Ende

    Warum ist die Frau, die dies gesagt hat „masteriös“? Weil Ihnen die Aussage nicht ins Konzept passt?

    Selbst einige sog. „Vertreter der [islamischen] Migranten“ fordern doch immer ihre Community dazu auf, die „ihr Opferhaltung“ zu verlassen ?

    Diese „mysteriöse Dame“ kennt ihre Lands- und Glaubensleute schon ganz gut.

  2. Manfred O. sagt:

    @ Redaktion

    Sorry, muß natürlich „mysteriös“ heißen !

  3. Sonata sagt:

    Was ist denn jetzt der Inhalt des Artikels?? Hat Frau Kübra Gümüşay keinerlei Argumente, keine Fakten um Sarrazin zu wiederlegen? Die Dame kann natürlich behaupten, Sarrazin hätte „gruselige Zahlendreher“, schöne wären dafür aber Belege. Leider bleibt sie diese dem geneigten Leser schuldig.
    Im Ende bleibt ihr deshalb wohl nur, Sarrazin einfach ein bisschen mies zu machen. Da muss sie ein paar Sätze schreiben, in peinlich verstellter Rechtschreibung. Und wo werden denn Muslime in Deutschland diskriminiert, was ist eigentlich an Zahlen und Fakten schlecht? Also zumindest ich kann mich der Meinung nicht erwehren, daß die Dame Sarrazin einfach nicht respektiert, weder seine Meinung, noch den Mensch an sich.

    Aber vielleicht liegt der Sarrazin ja doch einfach richtig, so mit seinen Kopftuchmädchen?

  4. Pragmatikerin sagt:

    @ Kübra Gümüşay

    Sie schreiben:
    „Wie traurig muss ein Mensch sein, der in Vielfalt kein Potenzial erkennt, nicht ihre Schönheit sieht. Ein Mensch, der jene respektlos vom Kopf stößt, die sein Land mit aufgebaut haben“

    Sie irren, Sarrazin ist sicher – auch wenn Sie es so sehen – kein trauriger Mensch, denn er hat zweierlei erreicht: 1. hat er sein Bankkonto wesentlich aufgefüllt (für den Gegenwert dieses Geldes müssen Sie gaaaaaaaanz schön viel arbeiten) und 2. hat er es geschafft, und das können auch Sie nicht leugnen, dass es in Deutschland eine neue „Streit“-Kultur gibt. diese „Kultur“ z.B. ermöglicht es mir, Ihnen zu schreiben, dass z.B. Türken und Muslime Deutschland n i c h t aufgebaut haben. Auch wenn es noch so oft geschrieben wird, dadurch wird die Aussage nicht wahrer!!!!!!!!!!! Zu der Zeit (1961) als die ersten Türken nach Deutschland kamen, hatten z.B. die Deutschen Trümmerfrauen schon ganze Arbeit geleistet. Was die Migranten der ersten Generation gemacht haben, und wo ich auch heute noch „den Hut ziehe“ ist, sie haben – weil viele Deutsche Männer im Krieg gefallen waren – die Lücken als Arbeitskräfte gefüllt. Nicht mehr – aber auch nicht weniger.

    Also bitte liebe Frau Kübra Gümüşay bleiben Sie bei den geschichtlichen Tatsachen d.h. nichts weglassen aber auch nichts hinzufügen 😉

    Pragmatikerin

  5. Loewe sagt:

    Als es dann so weit war, erzählte ich ihm, dass ich in Deutschland studiert habe, die Sprache gut spreche, mich hier engagiere und fragte, was er noch von mir erwarte. Er antwortete: “I want yu tu intekräyt.”

    Das ist doch Gold wert, Sonata und Manfred O.!

    Da hat unser Sarrazin mal eine perfekt integrierte Deutschtürkin vor sich, eine, die vielleicht sogar besser Deutsch spricht als er selber, außerdem besser Englisch … eine, die ihren beruflichen Weg macht … und DIE fordert er auf, sich zu integrieren!

    Was kann er damit meinen? Eine spannende Frage, die Sie mir jetzt sicher gern beantworten werden!

  6. Loewe sagt:

    diese “Kultur” z.B. ermöglicht es mir, Ihnen zu schreiben, dass z.B. Türken und Muslime Deutschland n i c h t aufgebaut haben.

    Wer oder was hätte Sie, Pragmatikerin, denn „vor Sarrazin“ gehindert, das zu sagen? (Vielleicht der gesunde Menschenverstand, aber wer oder was sonst?)

    Und wer hat je behauptet, die Türken hätten Deutschland aufgebaut?

    Sie haben in den 60er Jahren kräftig mitgeholfen, dass die deutsche Wirtschaft führend in Europa geworden ist, da dürfen sie auch ein bisschen stolz drauf sein, als Deutschtürken, und wir sollten im Rückblick etwas historische Dankbarkeit und Gerechtigkeit üben.

    Aber vielleicht geht es diesen Gastarbeitern der ersten Generation ja so, wie es den Trümmerfrauen auch gegangen ist: Anerkannt worden ist deren Leistung nämlich erst sehr viel später.

    Aber zurück zu meiner ersten Frage, damit Sie die nicht über die zweite vergessen: Wer oder was hat Sie „vor Sarrazin“ daran gehindert, gegen Migranten zu hetzen?

    Diese Hetzkultur haben wir nun doch schon seit den frühen 70er Jahren – seitdem bin ich Zeuge. Seitdem bin ich immer mit dabei gewesen, Pragmatikerin, mit Aug und Ohr. Es ist halt mit Sarrazin noch a bissl wilder und depperter geworden, aber so dramatisch anders ist es heute nicht – wild und deppert war die Debatte schon in den 70er Jahren.

  7. Manfred O. sagt:

    @ Loewe

    In Anbetracht der späten Stunde verweise ich Sie auf die Kommentarseite der TAZ, zu eben diesen Artikel, den Frau Gümüsay auch dort in ihrer Kolumne der geneigten Öffentlichkeit oräsentieren durfte:

    http://taz.de/1/debatte/kolumnen/artikel/1/thilo-sarrazin-tut-mir-leid/

    Einen der Kommentare dort möchte ich stellvertretend hier zitieren:

    Dann muss ich mich aber doch fragen: Wieso schenkt die taz eigentlich einem rückständig-religiösen Symbol eine Stimme? Frau Gümüsay als Mensch und Publizistin von mir aus in allen Ehren, aber allein durch den Titel der Kolumne wird der Schwerpunkt ihrer Äußerungen auf ihre Religionszugehörigkeit gelegt. Ganz so, als ob ein Priesterkandidat unter dem Titel „Das Kreuz“ seine Erfahrungen mit der ungläubigen Außenwelt beschreiben dürfte. Das würde hier doch auch keiner wollen.

    Integration ist gut, schön und richtig, und trotzdem eine eigene Identität zu wahren ist besser, schöner und richtiger. Aber verkappte Religionspropaganda? Ich weiß ja nicht.

    Vielleicht fehlt mir auch einfach nur der Respekt vor Leuten (und die Geduld für sie), die sich freiwillig unter das Joch religiöser Symbole begeben, sei das ein Kopftuch, eine Kippa, ein orangenes Betttuch oder ein Kruzifix um den Hals. Aber wenn mir jemand seine Meinung unter religiösen Vorzeichen erzählen will, interessiert mich das schonmal nicht mehr, egal wie ironisch-intellektuell oder ironisch-provokant die Rechtfertigung aussieht.
    Zitat Ende
    Quelle: siehe oben

  8. bogo70 sagt:

    @Manfred O.
    Ich nehme mal an, dass sollte ihre Meinung repräsentieren?
    Dafür das es sie nicht interessiert, zeigen sie sich aber sehr interessiert.

  9. Pragmatikerin sagt:

    @Loewe

    Sie schreiben:
    „Es ist halt mit Sarrazin noch a bissl wilder und depperter geworden, aber so dramatisch anders ist es heute nicht – wild und deppert war die Debatte schon in den 70er Jahren“

    Diese Aussage von Ihnen kann ich keinesfalls unkommentiert durchgehen lassen, denn sie stimmt einfach nicht. In einem anderen Thread hatte ich schon einmal berichtet, dass die Lebensumstände – für Deutsche und Migranten – eine ganz andere und bessere waren. Die Anzahl der Zugewanderten war übersichtlich und die Migranten waren froh in Deutschland zu sein und Arbeit und ein Auskommen zu haben. Ich war damals ca. 20 Jahre alt und hatte – auch – türkische/muslimische Freunde!!!!!!!!!

    Herrn Dr. Thilo Sarrazin ist es zu verdanken, dass es political correctness fast nicht mehr gibt. Nennen Sie es Hetze, ich nenne es freie Meinungsäusserung über ein früheres Tabuthema.

    Trotzdem, Sie und ich sollten – trotz aller Meinungsverschiedenheiten – nicht vergessen, dass wir beide das Beste für unsere Heimat Deutschland wollen – jede/r auf seine Art.

    Pragmatikerin

  10. NDM sagt:

    @all:
    Sarrazin wurde hinreichend widerlegt. Sein Buch ist Nonsens. Über seine „Thesen“, die nun wirklich von den Altnazis übernommen wurden, muss nicht weiter diskutiert werden. Diese sind nicht das Problem. Das Problem ist, dass es noch immer einige Menschn gibt, die ihn al den Messias sehen, der ihre persönliche Welt erklärt. Diese Menschen sind ein mal in den Blick zu nehmen. Was wollen die eigentlich konkret, und wollten sie das nicht alle auch schon Jahrzehnte vor Sarrazin?


Seite 1/712345»...Letzte Seite

Bitte beachten Sie unsere Netiquette. Vielen Dank!

Ihr Kommentar dazu:

MiGAZIN

Ziel und Zweck von MiGAZIN ist die Förderung der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Partizipation von Migrant(inn)en in der Aufnahmegesellschaft. In diesem Sinne soll MiGAZIN die Kommunikation fördern und füreinander sensibilisieren. Mehr über uns...

MiGMACHEN

Die Redaktionsmitglieder von MiGAZIN haben vor allem eins gelernt: Wer über sein Wissen und seine Erfahrungen schreibt, lernt immens dazu. Die kritische Diskussion mit Lesern eröffnet neue Horizonte. Daher hat das MiGAZIN-Team die Aktion-MiGMACHEN ins Leben gerufen. Hier bieten wir allen Interessierten die Möglichkeit, MiGAZIN als Autor, Pate oder Jungautor mitzugestalten. Nähere Informationen...

GRIMME Online Award 2012

    Begründung der Jury: "Über Migranten und Migration wird in Deutschland viel gesprochen. Vor allem von Deutschen. Im Chor der vielen und oft sehr lauten Stimmen fehlen aber zumeist die der Migranten. Und genau diese Lücke füllt das MiGAZIN mit qualitativ hochwertigen Texten und verständlicher Berichterstattung." Weiter ...