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Migration und Integration in Deutschland

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Niedersachsens Ministerpräsident David McAllister, Anlässlich „50 Jahre deutsch-türkisches Anwerbeabkommen“, 28.03.11, Hannover

HEyMAT

Der Türke ist back-oder der Türke war nie weg?!

Das Lieblingsthema in Deutschland scheint Integration zu sein, wenn man sieht, wieviel in den letzten Wochen darüber geschrieben wurde. Eine ganz besondere Gruppe wird in diesem Zusammenhang sehr oft genannt, der Türke oder die Türkin, Elternsprecher mit türkischer Herkunft, Personen mit türkischem Migrationhintergrund usw.

VONCoskun Canan

 Der Türke ist back-oder der Türke war nie weg?!
Geboren 1978 in Mann- heim, Studium der Sozio- logie mit Schwerpunkt empirischer Sozialfor- schung an der Universität Mannheim, seit Januar 2010 wissenschaftlicher Mitarbeiter im Projekt HEyMAT an der Humboldt-Universität zu Berlin.

DATUM2. Februar 2011

KOMMENTARE62

RESSORTAktuell, Meinung

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DANKE,
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Neulich habe ich, beim Durchforsten des Online-Pressedschungels, in der WELT einen Bericht über eine neu erscheinende Studie zu Muslimen in NRW entdeckt. Der Beitrag war geschmückt mit Bildern von Burka tragenden Frauen, die einen Kinderwagen vor sich herschieben, obwohl der Inhalt der Studie sich vor Allem mit Bildungserfolgen, Arbeitsmarktdaten und Partizipationsstrategien auseinandersetzt.

Ich fange an den Online-Artikel zu lesen und siehe da, irgendwann entdecke ich das Wort türkischstämmige Migranten, diese seien die grösste Gruppe unter den Muslimen in NRW. Zwei Fragen gehen mir durch den Kopf: Sind das nun Türken mit einer eigenen Migrations-Erfahrung oder warum nennt man sie sonst Migranten – der Türke, der ewige Migrant? Und passt überhaupt das Bild mit den Burka tragenden Frauen? Ich wette, dass es 10 000 mal mehr türkischstämmige Migrantinnen in Badeanzügen in unseren Schwimmbädern zu sehen gibt, als Burka tragende türkischstämmige Migrantinnen auf unseren Straßen.

Einige Tage später, der nächste Knaller. Gleich in mehreren Online-Zeitungen wird von einer Grundschullehrerin berichtet, die sich über Eltern türkischer Kinder beschwert, die sie angeblich aus der Schule mobben wollen. Man bemerke: Elternnn türkischerrrr Kinnnnder – Kinder türkischer Eltern wäre bereits ein unnötiger Verweis gewesen, wenn man bedenkt, dass Eltern unterschiedlicher Herkünfte sich beschwert haben und der Elternvertreter – ein Vater „der türkischen Kinder“ – selbst die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt.

Richtiger wäre: Eltern deutsch-türkischer Kinder oder vielleicht sogar deutscher Kinder, da es sich hierbei höchstwahrscheinlich um „Optionskinder“, also Kinder mit doppelter Staatsbürgerschaft bis zum 18. Lebensjahr, gemäß der neuen Staatsbürgerschaftsregelung aus dem Jahr 2000 handelt. Weitere Begrifflichkeiten, die in diesem Zusammenhang fallen, sind „Elternsprecher türkischer Herkunft“ (als ob eine Funktion eine ethnische Beschreibung bräuchte) oder man wolle „weniger Türken an der Schule“ und so weiter und so fort.

Nach meiner Ansicht muss der Türke eins lernen, nämlich, dass er in weiten Teilen der Mehrheitsbevölkerung als Türke gesehen wird, egal wie lange er hier ist und egal ob er nun deutscher Staatsbürger ist oder nicht: Der Türke ohne Arbeit; der Türke, der nicht wie ein Türke aussieht; der Türke, der perfekt Deutsch spricht; der Türke mit Abitur; der Türke, der schlägt; der Türke mit deutschem Namen; der Türke mit der deutschen Freundin, der Türke mit dem teuren Auto; der Türke mit fünf Kindern, der Türke mit deutschem Pass, der Türke mit türkischem Migrationshintergrund etc.

Und ich meine: erst wenn der Türke das erkennt, erst dann ist er wirklich deutsch!

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62 Kommentare
Diskutieren Sie mit!»

  1. Der Türke sagt:

    Herr Canan,

    danke für diesen zutreffenden Beitrag! Ich Stimme Ihnen in allen Punkten zu. Nur beim letzten Satz zerbreche ich mir den Kopf und weiß nicht, wie ich es interpretieren soll.

  2. Pragmatikerin sagt:

    @Coskun Canan

    Sie schreiben:
    „Ich wette, dass es 10 000 mal mehr türkischstämmige Migrantinnen in Badeanzügen in unseren Schwimmbädern zu sehen gibt, als Burka tragende türkischstämmige Migrantinnen auf unseren Straßen.“

    Top, die Wette gilt:
    wo und wie zählen wir die Bikinidamen und wo und wie die Burka tragenden?

    Pragmatikerin

  3. BiKer sagt:

    @ türke

    ja, an dem letzten satz zerbeiße ich mir auch die fingernägel 🙂

  4. Manfred O. sagt:

    Immer wieder wird hier auf MIGAZIN davon gesprochen das Türken hier beklagen, Sie könnten sich so integrieren wie gewünscht, sich anpassen, aber sie blieben für die Mehrheitsgesellschaft immer TÜRKEN.

    Dazu möchte ich hier eine Antwort von Cihan Demirtas an Detlef Alsbach
    einstellen (den Link für die Ursache dieser Antwort ebenfalls). Ein Zitat aus dieser Antwort:

    Ich bin ein Türke, der in Deutschland aufgewachsen ist und die türkische und deutsche Sprache gut beherrscht. Ich habe zwar die deutsche Staatsbürgerschaft auf einem Stück Papier und erwecke den Umständen entsprechend den Anschein, dass ich hier vollstens integriert bin. Jedoch halte ich nichts von der abgefuckten Integrationsdebatte. Daher wird es in Deutschland höchstens immer nur friedliches Nebeneinander geben, aber bestimmt kein Miteinander 😉 Der Ball rollt aber schon längst, wenn man die Statistiken der Geburtenraten der Türken mal anschaut. Damit kann man mit der Wahrscheinlichkeitsrechnung bestimmte Tendenzen ausmachen. Ich bin Türke und bleibe ein Türke. Das andere ist nur rein formal ein Stück Papier.

    Zitat Ende
    http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/du_kannst_kein_tuerke_werden/

    Hier der Link zum Ursprungsartikel:

    http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/ich_moechte_auslaender_werden/

    […]

  5. timo sagt:

    @manfred o.

    na wenn das einer sagt, dann muss das für die mehrheit ja auch stimmen, nicht wahr manfred? und zum glück hat die investigative achse das herausgearbeitet *ironie aus*

  6. Jos. Blatter sagt:

    „Und ich meine: erst wenn der Türke das erkennt, erst dann ist er wirklich deutsch!“
    Für alle Türken, die diesen Satz nicht verstehen:
    Herr Canan meint das so, wie er es sagt. Die Türken verstehen diesen Satz nicht, ebenda sind sie nicht deutsch.
    Das ist richtig und gut so.

  7. Manfred O. sagt:

    @ timo

    Na, und wenn hier bei MIGAZIN oder in anderen Artikeln „einer“ das andere sagt, dann muß das AUCH für die Mehrheit stimmen ??? Sehen Sie.

    Und die AGD hat da nix herausgearbeitet, sondern eine Replik von Herrn Demirtas auf einen dortigen Beitrag (ich sehe das als sehr fair an) veröffentlicht.

    Übrigens… ich könnte Ihnen zahlreiche solcher „Standpunkt-Äußerungen“ von türkischen Mitbürgern in diversen (auch seriösen) Foren nennen.

    Passt Ihnen nicht ins Bild des „ewig benachteiligten, diskriminierten Opfer-Türken“ ? Tja, schade.

  8. Yilmaz sagt:

    ich bin türke und das ist auch gut so,
    ich bin trotzdem stolz darauf in deutschland geboren zu sein und die deutsche staatsbürgerschafft zu besitzen und auch deutschland im ausland zu vertreten.
    ps. es gibt ein türkisches sprichwort: ein türke ist, wer türkisch spricht!

  9. Yilmaz A. sagt:

    Was will der „Der Deutsche“ eigentlich vom „Türken“ völlige Assimilation hoff ich mal nicht! Das ein grossteil kein akzentfreies deutsch spricht sollte doch nicht das Problem sein und ich finde ein Wertesystem das jeden verbindet gibt es nicht! Ich fühle mich mit meinen türkischen Wurzeln wohl was für mich nicht bedeutet das ich die Werte und Regeln der deutschen Gesellschaft außer acht setzte sie sind auch ein teil meiner Persönlichkeit!
    Soweit mir bekannt ist verwendet man den Begriff Integration in der Soziologie als „Ausbildung“ und ich kenne aus meiner Ausbildung den Spruch Das Lehrjahre keine Herrenjahre sind…………..

  10. Selçuk sagt:

    @ Yilmaz

    Wie lautet denn dieses türkische Sprichwort auf Türkisch?


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