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Das Beitragsaufkommen [in den Rentenversicherungen beträgt] auf Grund der Beschäftigung der ausländischen Arbeitnehmer jährlich rd. 1,2 Milliarden DM, während sich die Rentenzahlungen an ausländische Arbeitnehmer jährlich auf rd. 127 Millionen DM, also etwa ein Zehntel, belaufen.

Ludwig Kattenstroth, Staatssekretär im Arbeitsministerium, März 1966, Bundesvereinigung der Dt. Arbeitgeberverbände

Maria Böhmer fordert

Jedes türkische Kind soll einen Kindergarten besuchen

Böhmer möchte, dass alle türkischen Kinder einen Kindergarten besuchen. Für Memet Kilic ist das „typisch Frau Böhmer“, für Aydan Özoğuz nur ein „Stückwerk“. Sie solle sich lieber für mehr Kita-Plätze starkmachen und aus der Ethnie kein Prioritätskriterium machen.

Sarrazin spreche die richtigen Problemfelder wie Bildung und Sprache an, zeichne aber ein sehr einseitiges Bild von Integration. „Er stellt Muslime unter Generalverdacht“, so die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer (CDU), in einem Interview (Bild und Hürriyet) mit dem türkischen Staatsminister für Auslandstürken, Faruk Çelik (AKP). Anlass des Zusammentreffens sind die Vorbereitungen von gemeinsamen Aktivitäten zum 50-jährigen Jubiläum des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens.

Çelik bedauere sehr, dass es im 21. Jahrhundert noch so ein Buch gebe und es auch noch auf Interesse stoße. „Dass es 1,2 Millionen Mal verkauft wurde, sorgt mich sogar sehr“, so Çelik. Er appellierte an alle türkischen Mitbürger in Deutschland, die deutsche Sprache zu lernen und die Bildung ihrer Kinder zu unterstützen.

Alle türkischen Kinder in den Kindergarten – typisch Böhmer
Zu viel sei es für Böhmer, wenn doppelt so viele junge Migranten wie deutsche Kinder die Schule abbrechen. „Deshalb sollte jedes türkische Kind einen Kindergarten besuchen und die deutsche Sprache können, bevor es eingeschult wird“.

Für Grünen-Politiker Memet Kılıç ist das „typisch Frau Böhmer“. „Wenn etwas für Schlagzeilen passend ist und nichts kostet, macht sie bei einer Forderung Richtung Migranten sofort mit“, so Kılıç. Aber wann werde sie endlich eine bessere frühkindliche Bildung für Kinder mit Migrationsgeschichte vorstellen und damit Hürden abbauen? Der fehlende Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz für unter Dreijährige und die bestehenden Elternbeiträge seien Zugangshürden für Familien mit niedrigem Einkommen.

Stückwerkpolitik
Auch für die Integrationsbeauftragte der SPD-Bundestagsfraktion Aydan Özoğuz, sind Böhmers Äußerungen nur „Stückwerk“. „Ja, Kinder in die Kitas ist eine gute Idee. Aber grundsätzlich sollte es für alle Kinder in unserem Land einen Kita-Platz geben. Das ist längst nicht erreicht“, so Özoğuz. Und was sei mit allen anderen Kindern, zum Beispiel deutschstämmigen mit Sprachproblemen? Sie alle gingen in Böhmers Forderung komplett unter. „Ist die ethnische Herkunft demnächst ein Prioritätskriterium“, möchte Özoğuz wissen.

Im Übrigen sei die Schlussfolgerung, dass Kinder mit Migrationshintergrund später die Schule abbrechen, weil sie zuvor nicht einen Kindergarten besucht haben, eine unzulässige Verallgemeinerung. Sie führe nur dazu, dass sich Bürger mit Migrationshintergrund noch stärker diskriminiert fühlten. Die ethnische Herkunft allein könne doch wohl kaum der Grund für den späteren Schulabbruch eines Kindes sein.

Özoğuz weiter: „Inzwischen gibt es genug wissenschaftliche Bücher und Expertisen, die eben dies belegen. Pisa zeigt außerdem, dass Kinder, die erst in späteren Jahren in unser Bildungssystem geraten, häufiger Erfolg haben als diejenigen, die schon in Deutschland eingeschult werden. Sollte man sich nicht auch darüber Gedanken machen?“ Solange Böhmer sich immer nur Bruchstücke heraussuche und auf eine migrantische Gruppe ziele, könne daraus keine gute Integrationspolitik werden. (sb)

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6 Kommentare
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  1. Friendofthesun sagt:

    Und jedes italienische soll zuhause bleiben! Und jedes kroatische.

  2. Karl Willemsen sagt:

    Özoğuz weiter: „Pisa zeigt außerdem, dass Kinder, die erst in späteren Jahren in unser Bildungssystem geraten, häufiger Erfolg haben als diejenigen, die schon in Deutschland eingeschult werden.“

    Aha… solll das nun heissen, dass Zuwandererkinder mit 6 Jahren erstmal in der Heimat ihrer Ur-/Gross-/Eltern eingeschult werden sollten oder die Schulpflicht für Migrantenkinder grundsätzlich später als mit 6 J. , vielleicht erst mit 10 o. 12 J. einsetzen sollte…?

    Böhmer: „Er stellt Muslime unter Generalverdacht“

    genau das tut er eben nicht! Sarrazin macht ausschliesslich Politiker von CDU/FDP/SPD/GRÜNE für die desaströsen Folgen der Zuwanderungspolitik der vergangenen 50 J.verantwortlich, ausdrücklich NICHT „die“ Muslime!

  3. Bernd Eglinski sagt:

    „Es kommt darauf an, daß in einer Nation viel Geist und tüchtige Bildung im Kurs sei, wenn ein Talent sich schnell und freudig entwickeln soll.“

  4. Friendofthesun sagt:

    @Karl Willemsen, ganz genau, Thilo Sarrazin hat rein gar nicht gegen Muslime und gegen den Islam schon erst Recht nicht. Thilo Sarrazin ist der Siegfried unserer Tage. Thilo Sarrazin ist ein Held, ein aufrechter Deutscher, ein Heiliger. Thilo Sarrazin ist Gott. Lieber Herr Willemsen, sollen wir nicht beide gemeinsam Thilo Sarrazin anbeten. Lassen Sie uns Sarraziner werden, ich würde vor lauter Glück anfangen zu weinen! Sie auch?

  5. […] Presseartikel dazu: 27.01.2011 Migazin “Jedes türkische Kind soll einen Kindergarten besuchen”” […]

  6. Realist sagt:

    Ich versteh das Problem nicht. Die Betroffenen sind doch die mit den bekanntlichermassen meisten Problemen. Auch wenn das als Grünen Politiker gang und gebe ist, so kann man in der Realpolitik, manche Statistiken nicht einfach ignorieren und kleinreden. Genau das sind die Gesetze die immer gefehlt haben. Man muss weniger auf Freiwilligkeit setzen und mehr auf Pflichten, dann gibts auch kein Weg am Fortschritt vorbei.



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