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Migration und Integration in Deutschland

Bei dem Lebensalter der ausländischen Arbeitnehmer wirkt sich das z. Z. vor allem für die deutsche Rentenversicherung sehr günstig aus, weil sie weit höhere Beiträge von den ausländischen Arbeitnehmern einnimmt, als sie gegenwärtig an Rentenleistungen für diesen Personenkreis aufzubringen hat.

Ludwig Kattenstroth, Staatssekretär im Arbeitsministerium, März 1966, Bundesvereinigung der Dt. Arbeitgeberverbände, 1966

Islam Studie

Gebildete Muslime müssen häufiger Sozialhilfe beziehen

Die Studie „Muslimisches Leben in Nordrhein-Westfalen“ offenbart: Je gebildeter Muslime sind, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie mit Sozialhilfe leben müssen – Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt?

In Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) hat das nordrhein-westfälischen Arbeits- und Integrationsministerium am Montag die Studie „Muslimisches Leben in Nordrhein-Westfalen“ veröffentlicht. Die Studie widerlegt gängige Vorurteile, offenbart aber auch Probleme, die bisher nicht oder kaum bekannt waren.

Mit der Bildung sinken die Chancen
Ein zentrales Ergebnis ist, dass Muslime in NRW generell eine bessere Schulbildung vorweisen können als der Bundesdurchschnitt. 40 Prozent haben Fachhochschulreife oder Abitur. Auf Bundesebene erreichen 28,5 Prozent der Muslime diese Abschlüsse. Die Studie zeigt aber auch, dass ein höherer Bildungsabschluss nicht zu besseren Chancen auf dem Arbeitsmarkt führt.

Denn je höher der Bildungsabschluss, desto höher die Wahrscheinlichkeit für Muslime, dass sie von staatlichen Transferleistungen abhängig leben müssen. Laut Studie beziehen 17,8 Prozent aller Muslime ohne Schulabschluss Transferleistungen. Muslime mit Hauptschulabschluss weisen eine Quote von 13,9 Prozent auf und Muslime mit mittlerer Reife nur noch 9,3 Prozent. Überraschend ist allerdings, dass über 20 Prozent der Muslime mit Abitur staatliche Leistungen erhalten.

Dies wirft erneut die Frage nach Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt auf. Und muslimische Frauen sind von diesem Phänomen ganz besonders betroffen. Bei ihnen liegt diese Quote sogar bei 29,7 Prozent, wenn sie mindestens ein Abitur vorweisen können. Der Studie zufolge beträgt der Anteil der muslimischen Haushalte, die von Transferleistungen abhängig sind, insgesamt bei 21,6 Prozent.

Schule: Kein Massenphänomen
Ein weiterer Schwerpunkt der Untersuchung bezieht sich auf die Teilnahmen an Schulangeboten. Danach nehmen muslimische Schüler signifikant seltener an religionsbezogenen Unterrichtsangeboten teil als christliche Schüler. Allerdings sprechen sich 83 Prozent der befragten Muslime für die Einführung eines islamischen Religionsunterrichts aus, was auf das fehlende Angebot zurückzuführen ist.

Interessant sind die Ergebnisse der Studie auch in Bezug auf die Teilnahme am gemischtgeschlechtlichen Sport- und Schwimmunterricht, den Sexualkundeunterricht sowie mehrtägige Klassenfahrten. Nur ein kleiner Teil muslimischen Schüler verweigert explizit die Teilnahme an diesen Schulangeboten. Religiöse sowie sonstige Gründe werden kaum genannt. Das von muslimischen Schülern am häufigsten verweigerte Unterrichtsangebot ist die Teilnahme an mehrtägigen Klassenfahrten, an der 3,7 Prozent der muslimischen Schüler aus religiösen oder sonstigen Gründen nicht teilnehmen. „Insgesamt zeigt sich, dass die Verweigerung von Unterrichtsangeboten kein ‚Massenphänomen‘ ist“, so in der Studie.

Bildungsaufstieg im Generationenablauf
Integrationsdefizite zeigen sich vor allem im Bereich der Bildung und der Arbeitsmarktintegration. Über alle Herkunftsländer hinweg weisen Muslime ein signifikant niedrigeres Bildungsniveau als die Angehörigen anderer Religionsgemeinschaften auf. Dies gilt sowohl bei der Schulbildung im Herkunftsland und Deutschland zusammengenommen als auch bei den Schulabschlüssen in Deutschland. Im bundesweiten Vergleich schneiden Muslime in Nordrhein-Westfalen jedoch relativ gut ab und verfügen über eine höhere Schulbildung als Muslime in ganz Deutschland.

Vergleicht man die Bildungsabschlüsse der Muslime verschiedener Herkunftsregionen, zeigt sich, dass Muslime aus Iran und Süd-/Südostasien ein hohes Bildungsniveau aufweisen. Ein Großteil besitzt die Hochschulreife. Muslime aus der Türkei und dem sonstigen Afrika haben gemessen am Anteil der Personen ohne Schulabschluss ein relativ niedriges Bildungsniveau. Zudem sind bei Muslimen aus der Türkei die niedrigsten Anteile an Hochgebildeten vorzufinden.

Allerdings verlassen Bildungsinländer aller Herkunftsregionen die Schule deutlich seltener als ihre Elterngeneration ohne Schulabschluss. Insofern lässt sich bei den Muslimen aus den untersuchten Herkunftsländern generell ein deutlicher Bildungsaufstieg im Generationenablauf beobachten.

Die StudieMuslimisches Leben in Deutschland“ kann kostenlos als PDF-Datei heruntergeladen werden.

Soziale Kontakte
Auch die Häufigkeit der sozialen Kontakte zu Personen deutscher Abstammung ist höher als allgemein angenommen. Muslime aus allen Herkunftsregionen zeigen eine hohe Bereitschaft zu mehr Kontakt mit Deutschen.

Gut jeder zweite Muslim ist Mitglied in einem deutschen Verein, Verband oder einer Organisation. Dazu gehören zumeist Sportvereine, aber auch Gewerkschaften oder Kulturvereine. Die Mehrzahl verfügt ausschließlich über eine deutsche Vereinsmitgliedschaft. Ein kleinerer Teil ist sowohl in einem deutschen Verein als auch in einem Verein mit Bezug zum Herkunftsland, darunter auch in Deutschland gegründeten Vereinen, organisiert.

Dennoch wohnen 38,9 Prozent der befragten Muslime in einer Gegend, in der der Anteil an Ausländern überwiegt. Das allerdings trügt nicht die Verbundenheit zu Deutschland. 68,9 Prozent der Muslime antworten, sich stark oder sehr stark mit Deutschland verbunden zu fühlen. Mit dem Herkunftsland fühlen sich 63,6 Prozent stark oder sehr stark verbunden. 31,7 Prozent der Muslime antworten, dass sie eine stärkere Bindung Deutschland gegenüber haben als zum Herkunftsland.

Fast die Hälfte aller Muslime sind deutsche Staatsbürger
Laut Studie leben in Nordrhein-Westfalen zwischen 1,3 Millionen und 1,5 Millionen Muslime aus islamisch geprägten Herkunftsländern. Beachtet man, dass in Nordrhein-Westfalen insgesamt rund 18 Millionen Menschen leben, beträgt der Anteil der Muslime an der nordrhein-westfälischen Gesamtbevölkerung zwischen 7 und 8 Prozent. Dies ist anteilig etwas höher als die Quote für ganz Deutschland von rund 5 Prozent.

46,3 Prozent der Muslime in Nordrhein-Westfalen sind deutsche Staatsangehörige. Ihre Zahl beläuft sich auf 566.600 bis 714.100 Personen. Weitere 702.400 bis 771.255 Muslime (53,7 Prozent) haben eine ausländische Staatsangehörigkeit.

Die größte Herkunftsgruppe sind Türkeistämmige mit einem Anteil von 65,3 Prozent. Muslime aus Südosteuropa bilden die zweitgrößte Gruppe, ihr Anteil beträgt 10,8 Prozent. Muslime aus dem Nahen Osten und aus Nordafrika stellen einen Anteil von je 9,0 Prozent. Die restlichen 5,9 Prozent stammen aus Süd-/Südostasien, Iran, dem sonstigen Afrika südlich der Sahara oder Zentralasien/GUS. (es)

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17 Kommentare
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  1. bogo70 sagt:

    Sowas nenn ich Qualitätsmedien, jetzt wißt ihr warum ich euch hier so auf die Nerven gehe. 😉

    Vielen Dank an Autor/In für die gelungene Zusammenfassung.

  2. […] pur. Wieso „fast“? Bei 28 Prozent müsste es doch „Gut ein Viertel…“ heißen. Ein Blick in die Studie: Danach beziehen 21,6 Prozent der Muslime Sozialhilfe und nicht „Fast 33 Prozent“, wie Welt […]

  3. WM sagt:

    hö,hö Witz komm raus du bist umzingelt !!

  4. Pragmatikerin sagt:

    @ WM

    😉 ich lache auch gerne, also wo ist der „umzingelte“ Witz?

    Pragmatikerin

  5. j.meissner sagt:

    Gibt es hier irgendwo einen Daumen runter für schlechte Artikel? Der ist ja fast genauso schlecht wie die Aussage von Prof Dr Dr Pfeiffer bei der Maischberger, in Hamburg würden mehr Muslime das Abitur schaffen als in München, da müsste man in München mal dran arbeiten.

    Wo waren nochmal die Pisa Ergebnisse vorbildhaft und wo waren sie unter der Grasnarbe?

  6. bogo70 sagt:

    @j.meissner,
    Ne, so einfach kommen sie hier nicht davon, ist schließlich kein Quantitäts Medium, wie Welt Online. Ein rassistischer Kommentar und 3000 Daumen hoch gibt es hier nicht, sie müssen sich schon mit ihrer eigenen Meinung einbringen. Was haben sie denn zu beanstanden?

  7. Karl Willemsen sagt:

    Hochinteressant bei dieser Islam-Studie: 5.2.2.2 Interethnische Partnerschaften

    95,7% aller türk.-stämm. Muslime geben als Partner eine/n ebenso Türkischstämmige/n an! (0,6% naher Osten) nur 3,7% „kein MigHg“

    Auf eine Aufschlüsselung dieser mageren 3,7% nach Geschlecht hat man verzichtet, wir können uns denken dass es sich dabei fast ausschliesslich um männl. Muslime handelt! Einziger kleiner Hinweis, unter allen MuslimInnen geben 0,6% an einen Christ als Partner zu haben…

    Im Kleingedrucktem liest man, dass der Trend zu diesen ohnehin schon mageren „interreligiöse Partnerschaften/Ehen“ auch noch rückläufig ist!

    Dem gegenüber gesetzt wird die Befragung „5.2.3 Interreligiöse Offenheit“, erstaunlicherweise geben hier weit mehr als die Hälfte alle Muslime an, „sich vorstellen zu können, eine Person anderen Glaubens
    zu heiraten“ (ebenso für ihre Töchter/Söhne).

    Die Erklärungsversuche für diese extreme Diskrepanz zwischen Bekundung & Verhalten sind allerdings noch erstaunlicher, von zb. „mangelnder Gelegenheitsstrukturen“ bis geradezu abenteuerlich „ein Unterangebot an muslimischen Heiratspartnerinnen“ (da ist eigentlich schon die Begründung zutiefst rassistisch!)… absurderweise wird auch dann noch prognostiziert, „dass die hohen Barrieren für interreligiöse Eheschließungen mit der Zeit verringert werden und für die nächsten Generationen ein Zuwachs an interreligiösen Partnerschaften zu erwarten ist.“ rein garnix deutet darauf hin!

    Aber wenigstens wird die Hauptursache, das islamische Heiratsverbot v.a.D. für MuslimInnen mit Ungläubigen als Erklärungsversuch für die nicht vorhandene „interreligiöse Offenheit“ zumindest beiläufig erwähnt…

  8. BiKer sagt:

    @ karl willemsen

    wissen sie, was ich hochinteressant finden würde? würden sie eine muslima heiraten? der rückgang ist doch nur eine logische folge des sarrazynismus. eine mögliche gegenseitige zuneigung wird doch im keim erstickt. ich frage, mich wer wen nicht annimmt und wer trotzdem zum sündenbock erklärt wird.

    hochinteressant finde ich aber auch, dass hier um die schlagzeile herumgeeiert wird. dazu fällt natürlich niemandem was ein. stattdessen bemüht man quoten von eheschließungen heran. muslime sind in deutschland – und das offenbaren die zahlen – gut fürs putzen. maßen sie sich aber an, bessere jobs zu suchen, werden sie diskriminiert.

    bevor diese umstände nicht gelöst sind, werden wir noch lange brauchen, bis auch die heiratsstatistiken stimmen.

  9. ebook leser sagt:

    Schau an, es liegt wohl in der Familie oder kann man vielleicht sagen, nachdem Sarrazin immer noch SPD Mitglied ist, wird die Schuld an seiner Frau gesucht. Wenn man so liest, was wie lange schon bekannt ist und wenn das wirklich stimmen sollte, dann frage ich mich doch, warum die Schulbehörden schon längst nicht aktiv geworden sind. So ist z.B. zu lesen: Der Konflikt köchelt allerdings schon seit Jahren. Immer wieder hatte es Kritik am Erziehungsstil von Ursula Sarrazin gegeben. Schon 2002, als sie an einer Berliner Montessori-Schule unterrichtete und ihr Mann noch kaum bekannt war, beschwerten sich fast alle Eltern ihrer Klasse. Am Ende eines Schuljahrs legten sie der Direktorin die bereits ausgefüllten Abmeldeformulare ihrer Kinder vor und erklärten: „Wenn Frau Sarrazin hier bleibt, verlassen unsere Kinder die Schule.“ Wenig später wechselte die Lehrerin die Schule „Sie wehrte alle Vorwürfe ab“, erinnert sich ein Vater. so der Spiegel.

  10. Karl Willemsen sagt:

    @BiKer

    hier geht es um die Studie „Muslimisches Leben in Nordrhein-Westfalen“ und diese befasst sich mit verschiedensten Aspekten der vergangenen 50 Jahre und nicht etwa nur mit den vergangenen 5 Monaten seit Erscheinen eines Buches, und dass Sarrazin am Heiratsverhalten oder häufigeren H4-Bezug gebildeter Muslime schuld trägt, glauben Sie ja wohl selber nicht!

    Übrigens, der gesellschaftliche Aufstieg durch „Interreligiöse Offenheit” zum Zwecke „interethnischer Partnerschaften“ wäre gerade auch für ihre ständig diskriminierte, verhinderte muslimische Putzfrau eine höchst interessante Variante, wie sie normalerweise in allen (auch muslimischen) Kulturkreisen praktiziert wird. Bekanntlich spielt der Bildungsgrad und Sozialstatus der Frau – wie überall auf der Welt – auch in D eine eher untergeordnete Rolle bei der Partnerwahl…

    Aber auch diese Studie konnte die Hauptursache der „hohen Barrieren für interreligiöse Eheschließungen“ nicht weiter vertuschen und hat stattdessen aufgezeigt (wenn auch nur am Rande), von wem diese einseitigen Barrieren ausgehen!… und da wären wir auch schon bei ihrer Frage an mich:

    Vor einigen Jahren hätte ich mir nicht nur theoretisch vorstellen können/müssen eine Muslima zu heiraten, sondern war sogar konkret mit einem derartigen Ansinnen seitens meiner damaligen Freundin mit entsprechendem „MiHiGru“ konfrontiert! 😉

    Sie (damals übrigens 27, unverheiratet) wollte allerdings damit dem islamischen Verbot dieser heimlichen Beziehung entfliehen bzw. dem drohenden Familienausschluss zuvor kommen, während für mich (übrigens damals nur unwesentlich älter, auch unverheiratet) auf dieser Basis und nach nur 4 Monaten der Liaison eine Ehe noch kein Thema war. Der Antrag war somit die klassische Notbremse, um massiven Sanktionen für den Verstoß gegen das „interkulturelle“ Apartheidsgebot so oder so auszuweichen.

    Ich weiss also spätestens seit jener Zeit, dass sich der subtile islamische Gruppenzwang als übergreifendes Werte- und Normensystem, nicht nur in intimste Belange von Menschen einmischt, die nichts damit zu tun haben, sondern auch nichts (mehr) damit zu tun haben wollen!
    Insofern bin ich nachhaltig geimpft gegenüber Märchen aus 1001 Nacht über die angeblich tolerante, zwang- und harmlose Unterwerfungslehre des Orients.


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