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Fachmagazin für Migration und Integration in Deutschland

Es waren vor allem die übrig gebliebenen einheimischen Geringqualifizierten, die die Gastarbeiter als ungeliebte Konkurrenten empfanden.

Stefan Luft, Staat und Migration, 2009

Integrationsbericht

Migrant – eine diskriminierende Etikettierung!?

Die Enquete-Kommission „Integration und Migration in Rheinland-Pfalz“ empfiehlt, nicht mehr über „den“ Migranten zu sprechen. Diese Bezeichnung sei eine pauschalisierende, stigmatisierende und oft auch diskriminierende Etikettierung.

Die Enquete-Kommission „Integration und Migration in Rheinland-Pfalz“ hat im Dezember 2010 ihre Arbeit nach über zwei Jahren abgeschlossen. Der Abschlussbericht enthält Informationen und Analysen über die Lebenssituation von Migranten in Rheinland-Pfalz. „Gemeinsam mit unseren Sachverständigen haben wir zukunftsweisende Handlungsempfehlungen entwickelt, um die gleichberechtigte Teilhabe von Migrantinnen und Migranten in allen Bereichen des täglichen Lebens zu erreichen“, so der integrationspolitische Sprecher, Dieter Klöckner (SPD).

Die Bezeichnung "Migrant" ist ...
    vollkommen in Ordnung. (58%)
    diskriminierend. (33%)
    ... weiß nicht. (9%)
     
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    Eines dieser zukunftsweisenden Handlungsempfehlungen beziehe sich auf die Bezeichnung „Migrant“. Denn im Lauf der Debatten um Integration habe sich gezeigt, dass es irreführend sei von „den“ Migranten zu sprechen. „Diese Bezeichnung ist aus Sicht vieler Menschen mit Migrationshintergrund eine pauschalisierende, stigmatisierende und oft auch diskriminierende Etikettierung“, teilt die Enquete-Komission mit.

    Zu den Zusammanfassungen der einzelnen Handlungs- empfehlungen:
    Statistische Grundlagen
    Bildung
    Ausbildung
    Arbeitsmarkt
    Lebens- und Wohnumfeld
    Gewalt und Kriminalität
    Gesundheit und Pflege
    Frauen, Familie, Kinder
    Partizipation
    Kunst und Kultur
    Medien
    Zuwanderung und Asyl

    Der Begriff impliziere ebenfalls, dass es sich um eine homogene Gruppe mit prinzipiell ähnlichen Werten und Lebensstilen handelt. Man lebe aber in einer heterogenen Gesellschaft, in der auch Zugewanderte keine homogene Gruppe seien. Die Pluralisierung und Differenzierung der Lebenslagen, die Existenz und Veränderung gesellschaftlicher Milieus betreffe alle Menschen in Rheinland-Pfalz – mit und ohne Migrationshintergrund. Das Bild von Menschen mit Migrationshintergrund müsse der Differenziertheit der Gruppen entsprechend in die öffentliche Wahrnehmung gerückt werden. (hs)

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    99 Kommentare
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    1. MoBo sagt:

      Ich finde den Begriff „Migrant“ total ätzend, weil er erstens impliziert dass die Person gerade wandert und zweitens auch Deutsche wieder zu Ausländer macht. Wenn jemand in Deutschland geboren ist, fließend und akzentfrei Deutsch spricht und einen deutschen Pass hat ist sie oder er (u.a. auch laut Grundgesetzt) nun einmal Deutscher. Natürlich kann die Person in der Familie andere Sitten haben usw. Soziologisch kann man also „Migrationshintergrund2 dann sicherlich benutzen, wenn man sich mit Familiengeschichte oder Religionszugehörigkeit beschäftigt. Aber rechtlich, politisch und persönlich ist die Person zuallererst Deutscher.

      Und natürlich gilt das auch für neu dazugekommene deutsche Staatsbürger die nicht gut integriert sind, z.B. Sachsen 😉

    2. Zur Kritik am Begriff „Migrant“ oder „Person mit Migrationshintergrund“:
      Die sehr bedingte Tauglichkeit der Begriffe wird – Gott sei Dank – immer deutlicher. Das liegt allerdings nicht an den Begriffen als solchen.
      Wenn jemand migriert ist, d.h. seinen Lebensmittelpunkt nicht nur vorübergehend in ein anderes Land verlegt hat, dann wird man von einem Migranten sprechen können, selbst wenn die Migration 30 Jahre her sein sollte.
      Das Merkmal „mit Migrationshintergrund“, so wie es mittlerweile sogar gesetzlich normiert wurde, ist zunächst nichts weiter als eine willkürliche soziologische Festlegung zu Abgrenzungs- oder Hervorhebungs-Zwecken – nicht jedoch zu Abwertungs- oder gar Diskriminierungszwecken. Diese Effekte entstehen nicht vorrangig durch „richtige“ oder „falsche“ Begriffe, sondern durch die Bilder, die mit einem solchen Begriff assoziiert werden, zuweilen völlig entgegen der Intention derer, die den Begriff geprägt haben. Es ist ja richtig, dass die soziologische Gruppe derer mit Migrationshintergrund alles andere als homogen ist, z.B. was ihren individuellen sozialen Rang, ihren gesellschaftlichen Status etc. betrifft. Die Merkmale, die den Meisten spontan in den Sinn kommen, wenn sie „mit Migrationshintergrund“ hören, sind aber in der Regel holzschnittartig verkürzt auf Stereotype wie Muslim/Türke, bildungsfern, niedrig qualifiziert/erwerbslos, Sozialleistungsempfänger, integrationsunwillig.
      Das Merkwürdige ist, dass Menschen ohne Migrationshintergrund, auf die die übrigen o.g. Stereotype zutreffen, viel seltener im Fokus des öffentlichen Diskurses stehen, obwohl es sie natürlich auch und in deutlich größerer Zahl gibt als unter Menschen mit Migrationshintergrund.
      Offenbar gibt es ein Bedürfnis danach, einer Gruppe in der Gesellschaft ihre soziale Randständigkeit vorzuwerfen. Migranten oder besser die begrenzte Sicht auf ganz bestimmte, gesellschaftlich randständige Migranten, eignen sich offenbar besonders gut, um als Projektionsfläche dieses Bedürfnisses nach sozialer Abgrenzung zu dienen. Gegen die Tatsache, dass sie eben nicht seit Generationen quasi „schon immer“ hier ihre Wurzeln hatten, können sie nicht abschütteln, selbst wenn sie sich mit aller Kraft um sozialen Aufstieg bemühen und tatsächlich erfolgreich sind. Und diejenigen, die den Aufstieg nicht schaffen, bestätigen unser Zerrbild vom „Migranten“ bzw. vom verzerrten Bedeutungsinhalt von „Migrationshintergrund“. Ob dieses Phänomen durch andere Begriffe oder meinetwegen durch die „Abschaffung“ der Begriffe „Migrant“ und „mit Migrationshintergrund“ beseitigt würde, halte ich für höchst zweifelhaft. Bedürfnisse suchen sich Kanalisierung. Schüttet man den Hauptkanal zu, verschwindet nicht das Bedürfnis.

    3. A.K sagt:

      Alle Probleme sind gelöst und man redet jetz über denn Begriff Migrant. Traurig

    4. nik sagt:

      Zugegeben, es betrifft mich nicht persönlich – trotzdem: In erster Linie ist es nur _ein Wort_. Die Stigmatisierung setzt doch erst an dem Punkt ein, an dem man damit eine Gruppe in Verbindung bringt. Aber – keine große Überraschung – das ist für alle Sammelbegriffe so: Ob ich nun „die Migranten“, „die Frauen“, „die Amerikaner“ sage, ich pauschalisiere damit Aussagen auf eine heterogene Gruppe.
      Was ist denn die Alternative? Wenn ich allgemeines aussagen will, muss ich pauschalisieren. Oder eben spezifisch jeden Sonderfall aufzählen. „Menschen mit Migrationshintergrund“ ist dazu genauso wenig geeignet wie es sperrig ist und sich allenfalls im Behördendeutsch durchsetzen wird. Wen wundert bei solchen Wortungetümen, wenn die Menschen auf der Straße eben doch wieder von „den Ausländern“ sprechen?

      Das nur mal zum Nachdenken..

    5. Pragmatikerin sagt:

      @ Mobo

      Du schreibst Mist!!! Sachsen sind keine „neu dazugekommene deutsche Staatsbürger“

      Die östlichen Bundesbürger – so sagt es bereits das Wort – waren schon immer Deutsche – im Gegensatz zu Ausländer, die eingewandert und nach 8 Jahren die Deutsche Staatsbürgerschaft erhalten oder durch Geburt – weil ihre Eltern lang genug in Deutschland gelebt haben, „Passdeutsche“ geworden sind.

      Deutsch sein bedeutet nicht nur eine Nationalität, Deutsch sein ist auch eine Lebensart, die Muslime zum Beispiel nie erreichen können.

      Pragmatikerin

    6. bogo70 sagt:

      Für alle Fälle, aus dem Land der Dichter und Denker. 😉

      Grammatische Deutschheit

      Neulich deutschten auf deutsch vier deutsche Deutschlinge deutschend,
      Sich überdeutschend am Deutsch, welcher der deutscheste sei.
      Vier deutschnamig benannt: Deutsch, Deutscherig, Deutscherling, Deutschdich;
      Selbst so hatten zu deutsch sie sich die Namen gedeutscht.
      Jetzt wettdeutschten sie, deutschend in grammatikalischer Deutschheit,
      Deutscheren Komparativ, deutschesten Superlativ.
      „Ich bin deutscher als deutsch.“ „Ich deutscherer.“ „Deutschester bin ich.“
      „Ich bin der Deutschereste oder der Deutschestere.“

      Drauf durch Komparativ und Superlativ fortdeutschend,
      Deutschten sie auf bis zum – Deutschesteresteresten;
      Bis sie vor komparativistisch- und superlativistischer Deutschung
      Den Positiv von deutsch hatten vergessen zuletzt.
      Friedrich Rückert

    7. konradi sagt:

      Hallo Bogo / offtopic –

      Da Du ja – wie ich unserem kleinen Wortwechsel an anderer Stelle entnehmen konnte – doch eine ganz vernünftige Menschin bist, hier doch noch einmal eine kurze Rückmeldung von mir – mit 3 Links, die zu zwei Kommentaren führen, die ich gerne selber geschrieben hätte, wenn ich denn die Zeit und die Befähigung dazu hätte. Also schau mal:

      http://tinyurl.com/3aapzja
      http://tinyurl.com/39txlhg

      und dann vielleicht – noch ganz allgemein – hier das „GEGENSTÜCK“ zu diesem MIGAZIN-Portal:

      http://tinyurl.com/38vufx8

      Man fällt auch ganz bestimmt nicht tot um, wenn man den Link anclickt 😉
      So, bin auch schon wieder weg …
      Konradi 🙂

    8. konradi sagt:

      Moderation: Links zu externen Internetangeboten, die kein vollständiges Impressum beinhalten, können aus rechtlichen Gründen nicht freigeschaltet werden. Wir bitten um Verständnis. Aber http://www.google.de/search?q=Letters+from… ist möglich 😉

      Ach und dann habe ich noch Lila vergessen! – Lila ist schätzungsweise so alt wie Du, wurde in Kiel geboren, lebt jetzt im Norden Israels und schreibt seit Jahren ein wunderschönes, kluges und informatives Webtagebuch über ihr Leben. Sie ist sozusagen eine Israelin mit „deutschem Migrationshintergrund“ Schau mal:

      […]

    9. konradi sagt:

      @ Moderation:

      Mein Gott ist das hier kompliziert bei Euch ! – Ja doch, ich weiß, das Telemediengesetz schreibt ein Impressum vor, aber das gilt doch nur für den BETREIBER der Seiten – also EUCH – und nicht für jeden einzelnen popeligen Link der kommentierenden „Foristen“ – oder?

      Oder habt ihr beim SPIEGEL, der FAZ, der ZEIT, der WELT etc. etc. schon mal eine vergleichbare Abmahnung gesehen, wenn sich dort tausende von Lesern mit ihren Kommentaren austoben und dabei auf private Seiten verlinken ? – Also ich nicht! – Aber gut, ich bin kein Jurist und kenne mich mit dem ganzen Kram nicht aus…

      Also nun noch mal Extra für @bogo70: der GENAUE Suchbegriff bei Google lautet:

      „letters from rungholt“

      und dann ist es gleich oben der erste Treffer !

    10. MoBo sagt:

      @ Pragmatikerin:

      „Deutsch sein bedeutet nicht nur eine Nationalität, Deutsch sein ist auch eine Lebensart, die Muslime zum Beispiel nie erreichen können.“

      What – the – F***. Was ist denn mit deutschstämmigen Muslimen? Werden die dann ausgedeutscht? Was ist mit kopftuchtragenden Germanistikstudentinnen? – die können bestimmt besser Land der Dichter und Denker als Walter Kaluppke*.

      Deutsch als Lebensart ist schon immer so hybridisiert das jeder daran partizipieren kann und nicht jeder der denkt daran zu partizipieren es auch tut. Der Begriff „Passdeutsche“ ist diskriminierend und ethnisiert das Deutschsein. Für mich ist es nichts anderes als ein Kampfbegriff von Rechts. Das Gegenteil müsste mir erst einmal bewiesen werden.

      (* Walter Kaluppke ist mein Begriff für deutscher Arbeiter)

      @ Nik: „die Amerikaner“ haben aber alle etwas gemeinsam, nämlich den amerikanischen Pass. Migranten ist ja gerade deshalb so seltsam, weil nicht alle davon unmittelbare Migrationserfahrungen haben.


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