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Wochenrückblick

KW 52/10 – Dänemark, Migranten, Sarrazin, Muslime, Terror

Die Themen der 52. Kalenderwoche: Zwei dänische Lektionen; zwei Sarrazin-Lektionen; zwei islamische Lektion – eine über Banking und eine darüber, wie man sich als Muslim von einem Terroranschlag distanziert.

Von Dänemark lernen. Lektion 1:
Seit 2001 regieren die Liberalkonservativen in Dänemark und lassen sich von der rechtspopulistischen Dänischen Volkspartei zu immer mehr Ressentiments-Politik treiben. Das zeigt allmählich Wirkungen – aber nicht unbedingt die, die beabsichtigt sind. Die WELT berichtet:

Auch Shahar Silbershatz, britischer Staatsbürger israelischer Herkunft mit einem Master der Columbia-Universität in New York zweifelt daran, dass Dänemark zu seiner Heimat werden kann. „Mein dänischer Partner und ich hielten Dänemark und insbesondere Kopenhagen für eine internationale, vibrierende, dynamische und kosmopolitische Stadt“, sagt er. „Was wir vorfinden, ist ein extrem ängstliches, konservatives und verschlossenes Dänemark.“

Das sieht der Industrieverband ähnlich: „Dänemark wird das zweitniedrigste Wachstum aller OECD-Staaten in den nächsten Jahren haben. Um aus dieser Wachstumsfalle herauszukommen, ist es entscheidend, die Fähigkeit zu verbessern, ausländische Arbeitskräfte anzuwerben und sie zu binden.“

Von Dänemark lernen. Lektion 2:
Man muss den Dänen zugute halten, dass sie immer noch weniger islamfeindlich sind als die Deutschen (im Durchschnitt), und dass sie immerhin wissen, Probleme mit den Migranten nicht dadurch lösen zu können, dass man die unliebsame Minderheit einfach aus dem Lande treibt. Die WELT berichtet über ein für uns unglaubliches Projekt der Regierung: Zunächst wird beschrieben, was als Ghetto gelten soll:

Die Regierung hat in dem 5,5 Millionen Einwohner zählenden Land 29 Wohngegenden ausgemacht, die fortan als Ghetto gelten. Sie fallen in diese Kategorie, wenn mindestens zwei von drei Kriterien erfüllt sind:

Rund 68.000 Menschen leben danach in Ghetto-Gebieten.

Ob das schon den Begriff Ghetto verdient, lassen wir einmal dahin gestellt sein. Interessant ist auch: Das Problem betrifft kaum mehr als 1 Prozent der Bevölkerung, ist also recht überschaubar. Aber dann kommt der Hammer:

Deshalb soll die Sozialstruktur in den definierten Gegenden nun staatlich verordnet geändert werden. So soll erreicht werden, dass Erwerbstätige in Wohnungen in den Ghetto-Gebieten einziehen. Aufgrund der hohen Mieten in dänischen Großstädten ist so etwas machbar, wenn günstigere Mieten geboten werden.

Im Kommentarteil – ein Tummelplatz von Dänemark-Fans normalerweise – zeigt sich das blanke deutsche Entsetzen. Niemals würde man sich zwangsweise in so ein Ghetto einweisen lassen! – Die Dänen scheinen doch etwas anders zu sein als wir Deutsche: Die fremdenfeindliche Dänische Volkspartei scheint den Plänen der Regierung zuzustimmen …

Lernen von Sarrazin. Lektion 27: Wie man zur Lichtgestalt wird.
„Die von mir genannten Statistiken und Fakten hat keiner bestritten.“ (Sarrazin zu Weihnachten in der FAZ, online nicht frei zugänglich)

Jakob Augsteins Attacke auf diese offene Lüge hat der Wochenrückblick schon letzte Woche gebracht. (Der FREITAG).

Michel Friedman beleuchtet in der Frankfurter Rundschau Sarrazins Mangel an Zweifel und die Neigung zum Rassismus unter seinen Fans, einen Rassismus, der wieder salonfähig zu werden droht.

Es ist den von Sarrazin verächtlich gemachten Protagonisten wie Angela Merkel, Christian Wulff oder Bundesbankpräsident Axel Weber zu verdanken, dass diese „Salonfähigkeit“ weiterhin kritisch beleuchtet wird. Zur Selbstkritik unfähige Menschen wie Sarrazin neigen dagegen zum Größenwahn. Indem er der Bundeskanzlerin vorwirft, sein Buch „auf den Index“ gesetzt zu haben, „so wie es früher die Heilige Inquisition tat“, macht er sich endgültig unmöglich. Hält er sich am Ende gar für eine religiöse Heilsgestalt? Hat er vergessen, dass unser Land eine Demokratie ist, in der Kritiker weder verbrannt noch verbannt werden? Will er sich als Märtyrer der freien Meinungsäußerung inszenieren, obwohl es in Deutschland nicht des Heldentums bedarf, um seine Meinung zu formulieren? Geht es in eigener Sache nicht eine Nummer kleiner, Herr Sarrazin?

Lernen von Sarrazin. Lektion 34: Wie man sich Feinde macht.
Der Westen berichtet über eine Veranstaltung mit Sarrazin in Duisburg. Im Publikum Duisburgs Kulturdezernent Karl Janssen, CDU.

In Duisburg also, am Montagabend, entgleiste die Diskussion nach einem Vortrag des Buchautors, wie sie eigentlich überall entgleist, wo der Ex-Bundesbankvorstand derzeit auftritt auf seiner Lesemission. „Ihr Kulturdezernent ist strohdoof.“ Das antwortete Sarrazin bei der Autogrammstunde einem älteren Fan, der sich berufen fühlte, sich für Duisburgs Kulturdezernenten Karl Janssen zu entschuldigen, der Sarrazin auf dem Podium freilich einen „unerträglichen Populisten“ genannt hatte.

Aber von vorne: Afrika – überflüssig. Die Gastarbeiter – schuld, dass der Bergbau uns noch heute auf der Tasche liegt. Marxloh – dumm, dümmer, am dümmsten. Das waren im Kern Sarrazins Thesen, sachlich, technokratisch vorgetragen. Und als Duisburgs Kulturdezernent Karl Janssen spontan und ohne Vorbereitung aus dem Publikum auf die rote Diskussionscouch gebeten wurde, „da bin ich sehr erschrocken über mich selbst und meine Ablehnung. Ich bin eigentlich unvoreingenommen reingegangen.“

Sarrazin konterte den Populistenvorwurf: „Sie sind sicher ein guter Mensch, aber offensichtlich auch sehr naiv. Kümmern sie sich lieber um ihre Migranten in Marxloh.“

… Janssen: „Es hat mich schockiert, wie rechtslastig das Publikum war, das sage ich als CDU-Mann. Ich habe in ganz aggressive Gesichter geguckt, zum Teil bösartig im Ausdruck.“

Lernen von den Muslimen. Die Banking-Lektion.
Islamische Geldinstitute dürfen nicht zocken. Vielleicht sind sie deshalb besser durch die Krise gekommen.

Das vermutet Der Westen und schaut sich die Sache mal an:

Während Nichtmuslime mit der Scharia eher grausame Strafen und frauenfeindliche Gesetze verbinden, dürften ihre Regeln für Finanzgeschäfte beim einfachen Sparer auf breite Zustimmung stoßen. „Kreditblasen und Derivate wären nach islamischen Regeln nicht erlaubt gewesen“, sagt Chtaiti. Spekulationen, Zinsen und Glücksspiel sind den Scharia-Banken verboten. Jedes Geschäft muss mit einem realen Wert verbunden sein.

Und es geht noch weiter: die Geldgeschäfte müssen moralischen Regeln gehorchen. Aktien dürfen nur von Unternehmen erworben werden, die ihr Geld nicht mit Alkohol, Waffen, Pornografie oder Schweinefleisch verdienen. Kinderarbeit ist ebenfalls tabu. „Und die Löhne müssen rechtzeitig gezahlt werden“, sagt Chtaiti.

Ein „Scharia-Board“, eine Ethikkommission aus in der islamischen Welt anerkannten Gelehrten, entscheidet, welche Firmen islamkonform sind und welche nicht.

Bei Alkohol und Schweinfleisch würde eine nicht-muslimische Ethikkommission wohl kein Problem sehen, aber der Rest und die Grundidee wirken in der Tat attraktiv.

Aufgrund des deutschen Steuerrechts gibt es in Deutschland noch keine Scharia-Bank. Weltweit sind immerhin bereits 700 Milliarden Dollar in scharia-konformen Finanzprodukten angelegt, die jährliche Wachstumsrate beträgt 15 Prozent.

Lernen von den Muslimen. Wie man sich von einem Terroranschlag distanziert.
In den deutschen Medien war kaum etwas zu finden darüber, wie die Muslime in Ägypten auf den Terrorakt reagiert haben, der in Alexandria 21 Menschen das Leben gekostet hat. Juan Cole zeigt das Entsetzen, die Wut, die Entschlossenheit der Muslime, sich gegen diese Terroristen zu wehren. Zum Beispiel auch die führende islamische Autorität der Sunniten, der Rektor der al-Azhar-Universität in Kairo (meine Übersetzung aus dem Englischen): Das sei ein Anschlag auf alle Ägypter gewesen.

(He) issued a plea for Egyptians to maintain their national unity the face of this bombing. In a statement, al-Azhar urged all Egyptians to rise above their anguish and perceive that the criminal hand that attacked the church in Alexandria is not an Egyptian hand. It added that “The brotherhood that has united them across centuries cannot be affected by a cowardly, criminal act perpetrated by enemies of the nation and of the [Muslim] community.”

The invocation of both watan (the secular nation-state) and umma (the Muslim community or nation) refers to the two major political identities of Egypt. It is the secular nation-state or watan to which the Coptic Christians belong, and which was sinned against by the bombing of the church, but the al-Azhar is going further, and saying that the Muslim community was also harmed by this attack.

His Excellency the Rector of al-Azhar, Dr. Ahmad al-Tayyib, expressed his utmost regret and pain at the criminal incident and sent his condolences to the families of the victims. Al-Tayyib said in his official statement that the criminal action is prohibited in Islamic law, since Islam obliges Muslims to protect churches the same way they protect mosques. He said, “The targets of this attack are not the Christians alone, but rather all Egyptians.” He said that the bombers were seeking to destabilize Egypt by dividing it.