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Migration und Integration in Deutschland

Es gab vor allem in der Anfangsphase der Anwerbung von Türken häufige Klagen der deutschen Arbeitskollegen darüber, dass die Türken … an ihrem Arbeitsplatz wie verrückt arbeiten und dadurch die Akkordsätze verderben.

Hans-Günter Kleff, Vom Bauern zum Industriearbeiter, 1985

Gesundheit

Erster deutsch-türkischer Diabetes-Pass

In Deutschland leben mindestens 600 000 Migranten mit Diabetes, die meisten von ihnen sind schlecht versorgt, da es zu wenig geeignete Schulungs- und Behandlungskonzepte für Migranten mir Diabetes gibt.

Zum ersten Mal wird es anlässlich des Internationalen Tages der Migranten am 18.12. 2010 einen „Gesundheitspass Diabetes“ in deutsch-türkischer Sprache geben. Grünen-Politiker und Sozialpädagoge Cem Özdemir, der die Patenschaft übernommen hat, sagt in Anspielung auf die grüne Farbe des Passes: „Grün ist in diesem Fall die Hoffnung für 600.000 Migrantinnen und Migranten mit Diabetes in Deutschland. Zu oft steht eine Sprachbarriere regelmäßigen Arztbesuchen im Weg. Der deutsch-türkische Diabetes-Pass ermöglicht Betroffenen nun, diese Barriere zu überwinden und mit behandelnden Ärzten in den Dialog zu treten. Der Pass erleichtert die Kommunikation zwischen Patient und Arzt und trägt somit aktiv zur Gesundheit und Integration bei.“

Diabetesberaterin Elisabeth Schnellbächer, Vorstandsmitglied diabetesDE und stellvertretende Vorsitzende des VDBD führt aus: „Wir erleben täglich in der Diabetes-Beratung, dass türkische Mitbürger aufgrund von Sprachproblemen auch einfachsten Anweisungen auf Deutsch nicht folgen können. Dies hat fatale Folgen. Bedingt durch die Sprachbarriere meiden viele Migranten Unterweisungen und Schulungen. Wir haben daher einen zweisprachigen Pass entwickelt. Er ist das erste produktneutrale Instrument und vereinfacht die Kommunikation zwischen türkisch sprechenden Betroffenen und ihrem therapeutischen Team.“

Die 2002 gegründete AG „ Diabetes & Migranten“ der DDG setzt sich seit Jahren für eine verbesserte Versorgungsforschung sowie die Berücksichtigung von Migranten in den Disease-Management-Programmen (DMP) ein. Die AG weist auf Studienergebnisse hin, die belegen, dass es den Ärzten oft nicht gelingt, den Diabetes bei Migranten mit Diabetes optimal einzustellen:

Download: Der deutsch-türkische Diabetes-Pass wird herausgegeben von der Deutschen Diabetes-Gesellschaft (DDG) und dem Verband der Diabetes Beratungs- und Schulungsberufe (VDBD) und der Gesamtorganisation diabetesDE. Der Pass entstand in Zusammenarbeit mit der Türkischen Diabetes Gesellschaft und Frau Prof. Sehnaz Karadeniz. Eine PDF-Version des Passes gibt es als kostenloses Download.

So lag der HbA1c bei 70 Prozent der türkischsprachigen Patienten mit über 7,0 über den Normwerten. Der Blutdruck war bei fast der Hälfte der Teilnehmer mit über 140/80 mmHg zu hoch. Experten gehen davon aus, dass viele Migranten sozial benachteiligten Gruppen angehören. Im Gegensatz zu deutschen Bürgern, gehen sie seltener zu Vorsorgeuntersuchungen, wie etwa der Schwangerschafts-, Kinder-, Krebs- oder Herz-Kreislauf-Vorsorge. Nicht in türkischer Sprache abgehaltene Beratungen und Schulungen zu Diabetes stellen für sie ein großes Problem dar. Das sind Faktoren, die das Diabetes-Selbstmanagement erheblich erschweren und das Risiko von Folgeerkrankungen erhöhen. (sb)

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4 Kommentare
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  1. Mir erschließt sich der Sinn des zweisprachigen Diabetes-Passes nicht wirklich.
    Zum einen dürfte es kaum ein reines Sprachproblem sein, wenn die Patienten unvernünftig mit ihrer Erkrankung umgehen.
    Wenn die türkische Diabetes-Gesellschaft ihrerseits Patientenleitfäden bereithält, dürften diese unschwer den nicht ausreichend deutsch sprechenden Migranten vermutlich hilfreicher sein und wohl ebenso leicht zugänglich zu machen.
    Es wäre doch ein Leichtes diese Leitfäden in türkischer Sprache zu beschaffen. Für die Patienten selbst ebenso, wie für deren Angehörige oder Ärzte.

  2. Pragmatikerin sagt:

    Es gibt ca. 9 Mio. Diabetiker Typ I und Typ II in Deutschland. Viele sind beim DDB in Gruppen organisiert. Die, die sich per DMP durch einen Diabetologen behandeln lassen, sind auch sehr daran interessiert (ohne zukünftige Gesundheitsfolgen wie u.a. KHK) mit der Krankheit Diabetes zurecht zu kommen.Eine Behandlung durch einen Allgemeinmediziner ist schon durch das „schlechtere“ Budget desselben nicht empfehlenswert. Ein Diabetiker braucht ständige Kontrolle seiner Blutzuckerwerte, welche selbständig durchzuführen ist. Auch das tägliche Spritzen von Insulin (z.B. mehrmals täglich/verschiedene Insuline) ist wichtig, damit sich die Krankheit sich nicht verschlimmert(z.B. offene Wunden, die nicht mehr zuheilen). Das fängt mit einem guten HBA1C Wert von z.Zt. 6.1 % an, der vierteljährlich permanent erreicht werden soll, einem Blutdruck idealerweise von 120/70, und hört noch lange nicht auf mit anderen Kontrolluntersuchungen, wie z.B. Nierenuntersuchung usw.

    Um wirklich gut eingestellt zu sein und Krankheitsfolgen zu vermeiden ist es das wichtigste, zu dem behandelnden Arzt einen „guten Draht“ zu haben. Das schliesst natürlich mehr als Sprachkenntnisse ein, es ist einfang nötig, ein sehr gutes Deutsch zu können.

    Schon aus diesem Grunde ist es oft unverständlich, warum Migranten nicht selbst daran arbeiten, sich in jeder Beziehung sprachlich gut ausdrücken zu können. Man muss das Behandlungschema jbeim Arzt ja nicht nur verstehen können, man mus es auch praktisch ausführen können.

    Ich finde daher, dass es nicht reicht, wenn es einen Diabetespass z.B. in Deutsch und türkisch gibt, wenn alle anderen Dinge, die zur erfolgreichen Behandlung gehören, und dazu zählt ja das Gespräch mit dem Diabetologen, nicht stimmig sind.

    Pragmatikerin
    Diabetes Typ II, HBA1C 5,9 😉

  3. meergans sagt:

    Ein Mediziner hat mir mal Folgendes erklärt: Ein biologisch-physiologisch-medizinisch widersinniges Vehalten begünstige das Entstehen von Diabetes enorm. Die türkische Bevölkerung weist einen drastisch höheren Diabetesanteil auf wie der Rest. Dreißig Tage lang sich tagsüber jeder Nahrungsaufnahme enthalten um dann nachts regelrechte Freßorgien zu veranstalten(bitte, habe ich miterlebt), das ist im Sinne der Erhaltung menschlicher Gesundheit völlig konterproduktiv. Dieser „Brauch“ stammt aus einer Zeit und aus einer Kultur die mit unserer heutigen NICHTS zu tun hat. Die Gesundheitskosten, die ein solcher heiliger Blödsinn zur Folge hat, möchte ich nicht mittragen.

  4. Pragmatikerin sagt:

    @meergans

    es sind nicht nur religiöse Gründe, wie z.B. am Ramadan 30 Tage lang nur nach Sonnenuntergang zu essen, es ist hauptsächlich das „nicht zur Kenntnis nehmen“ bei der widernatürlichen Essensaufnahme ,z.B. bei einseitigen „Schlankheitskuren“ was die Gesundheit mehr als nötig in Gefahr bringt.

    Ich habe diese Erfahrung selbst schmerzlich gemacht, angefangen hat mein „Elend“ mit dem Rauchen, Diabetes und KHK waren zwangsweise die Folge.

    Wenn ich es mir aber so Recht überlege, mit dieser schweren Stoffwechselkrankheit „alleine“ sein zu müssen, weil ich mich nicht verständigen kann, das wäre doch der reinste Horror. Ich habe türkische Patientinnen bei meinem Diabetologen gesehen, wie sie mit „Händen und Füssen“ der Sprechstundenhilfe ihre Probleme mitteilen wollten…..

    Was auch nicht unterschlagen werden darf ist, solche Patienten/innen kosten enorm viel Geld, was die arbeitende Bevölkerung durch ihr Steueraufkommen mitbezahlt. Ganz zu schweigen davon, dass diese Krankheit wirklich auch sehr schmerzhaft – auf lange Sicht – werden kann.

    Pragmatikerin



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