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Es wird selbstverständlich sein, dass jemand Mehmet heißt und nicht Hans – wir halten das aus.

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU), Deutsche Presse-Agentur (18.01.2013)

Ein Fremdwoerterbuch

Warum ich gern die dicke Anna wär

Der Lehrer, gleichzeitig Leiter der Schule, stellte mich der Klasse so vor: „Das ist Kübra, sie ist Muslimin, aber trotzdem ganz nett.“ Einen Moment der Stille. Betretenes Schweigen. Da fing ich an zu lachen, die Klasse mit mir mit.

VONKübra Yücel

 Warum ich gern die dicke Anna wär
Kübra Yücel, 22, ist Ko- lumnistin bei der taz, schreibt als freie Jour- nalistin für verschiedene Publikationen und betreibt den Blog ein-fremdwoer- terbuch.com. Sie studiert Politikwissenschaften in Hamburg und zuvor an der SOAS in London. Kübra ist Gründungsmitglied von Zahnräder, einem Netzwerk von engagierten und aktiven Muslimen in Deutschland.

DATUM13. Dezember 2010

KOMMENTARE8

RESSORTAktuell, Meinung

QUELLE Erstveröffentlichung taz

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Auch ich wurde in der Schule mit schlecht geschriebenen Jugendbüchern über Mobbing gequält – von Erwachsenen, die uns Jugendliche voll gut verstanden. Eines der Mobbingbücher handelte von Anna, einem fülligeren Mädchen, das von seinen Mitschülern geärgert wird. Irgendwann passiert ganz viel Drama. Am Ende wird Anna selbstbewusst. Happy End. Langweilig. Eine Szene aber blieb mir im Kopf hängen:

Als Anna mit ihrem neuen Selbstbewusstsein ins Schwimmbad geht, ruft ein Junge „Fette Anna!“ und lacht sie aus. „Fett schwimmt oben!“, ruft Anna zurück. Und lacht auch. Er ist irritiert. Dann lachen sie zusammen und werden Freunde. Frei nach der Pausenhofregel: Wenn dich jemand auslacht, dann lach mit. Denn das kommt souverän rüber.

So einfach ist das. Im letzten Jahr war ich in den Religionsleistungskurs einer Schule eingeladen. Das Thema war der Islam und ich das lebende Beispiel. Der Lehrer, gleichzeitig Leiter der Schule, stellte mich der Klasse so vor: „Das ist Kübra, sie ist Muslimin, aber trotzdem ganz nett.“ Einen Moment der Stille. Betretenes Schweigen. Da fing ich an zu lachen, die Klasse mit mir mit. Und auch der Lehrer, wenn auch zögerlich. Letztendlich hatten wir viel Spaß. Hat man ja sonst kaum in der Schule.

Auch mit meinen – muslimischen wie nichtmuslimischen – Freunden witzeln wir im Alltag über die geheimen Waffenlager unter meinem Kopftuch oder die verrückte Terrorhysterie. An Flughäfen flüstern wir „Terror“, „Bombe“ und „Trainingscamp“.

Sobald aber Muslime mit Fremden, mit Kritikern vor allem, über den Islam, ihre Religion, diskutieren, ist erst mal Schluss mit Humor. Das Thema ist so persönlich, privat und emotional geladen, dass viele von uns verkrampfen.

Fast automatisch gehen wir auf Verteidigungskurs und sehen uns als Vertreter der Religion, die sich der ganzen Welt erwehren müsse. Und ja, wir kennen auch den Vorwurf, der daraus resultiert: Muslime seien humorlos.

Gerne würde ich deshalb stets so locker reagieren, wie damals in der Schule. Das gelingt mir aber nicht immer. Rassismus, Diskriminierung, Islamophobie. Das sind wichtige Themen. Man muss sie ernst nehmen. Aber nicht nur.

Letzte Woche war ich ich bei einer Podiumsdiskussion in Berlin. Eine junge muslimische Schülerin fragte: „Wie soll ich mit Diskriminierung umgehen?“ Da hätte ich ihr gerne geantwortet: Mit Humor.

Humor ist ein einfacher und gesunder Umgang mit Diskriminierung. Mal ehrlich, über Sarrazin, Nazis oder unsere Familienministerin Schröder kann man doch lachen. Nur so kann man die Lächerlichkeit entblößen, sich der Absurdität bewusst werden. Weder jene, die diskriminieren, noch sich selber darf man zu ernst nehmen. So wie das die dicke Anna gemacht hat. Das hätte ich der Schülerin gern gesagt – aber es war keine Zeit mehr. Wir haben zu lange sehr ernst über Identität diskutiert.

[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=jZArWnmKhCU[/youtube]

Also lacht doch mal. „Deutschland lacht sich schlapp“ singt Dia feat. Rebell Comedy über Sarrazin. Richtig so. Ich versuch’s auch.

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8 Kommentare
Diskutieren Sie mit!»

  1. bogo70 sagt:

    Ausstrahlung ist alles, weder das Kopftuch, noch ein Minirock können die Zeichen in den Augen eines Menschen überspielen. Kübra muss nicht Anna sein, sie sollte „Sie selbst“ sein, diese Augen, die so freundlich, freudig in die Zukunft schauen, kann Kübra niemand nehmen und wer diese Zeichen übersieht, ist selbst schuld. 😉

    Auch wenn Kübra an unserer Gesellschaft zweifelt, sollte sie ihre Art von Humor und ihre Zukunftsvisionen nicht verlieren, wir leben in einer Demokratie und ich denke die deutsche Demokratie ist auch Dank ihrer Geschichte, eine der stäksten Säulen der Demokratien in der Welt. So sehr man auf den Islam schimpfen mag, ich glaube nicht, dass die Deutschen und Wir mit Ihnen je wieder, in solcher Weise, in den Fokus der Geschichte geraten wollen. Auch wir haben zu lernen und dafür ist Deutschland die beste Plattform, die man sich denken kann. Wir dürfen nicht von außen auf die Geschichte schauen und sagen: „Das geht uns nichts an, wir waren nicht dabei oder wir hätten so etwas nicht getan“.

    Da fällt mir eine unbewußt gelebte Lebensphilosophie aus dem Poesiealbum ein, kein Mensch darf je die Hoffnung verlieren, auch wenn alles manchmal Ausweglos erscheint, muss man versuchen mit dem Kopf durch die Wand zu rennen. Wir ändern nichts, wenn wir uns still und leise dem Schicksal ergeben.

    Wenn Du denkst es geht nicht mehr,
    kommt irgendwo ein Lichtlein her.
    Ein Lichtlein wie ein Stern so klar,
    es wird Dir leuchten immer da.

    Wird zeigen Dir den Weg zurück,
    den Weg zu einem neuen Glück.
    Drum glaub daran – verzage nie,
    es geht schon weiter – irgendwie.

    Und mit Willen, Kraft und Mut,
    wird dann alles wieder gut.
    Du mußt nur immer fest dran glauben
    und laß Dir nur den Mut nie rauben.

    Es gibt für alles einen Weg,
    und sei’s auch nur ein kleiner Steg.
    Es gibt nun mal nicht nur gute Zeiten,
    das Leben hat auch schlechte Seiten.

    Doch wie bist Du stolz, wenn Du’s geschafft,
    aus Sorgen und Nöten – mit eigener Kraft,
    herauszukommen, was Du nie geglaubt,
    da man Dich sooft schon der Hoffnung beraubt.

    Doch die Hoffnung auf ein besseres Leben,
    die lasse Dir bitte, niemals nehmen.
    Denn wenn Du denkst es geht nicht mehr,
    kommt irgendwo ein Lichtlein her.

    Autor: ©Roswitha Rudzinski

  2. Markus sagt:

    Was wirkliches Mobbing ist haben sie nicht kapiert, manche Mobbingopfer denken sogar an SELBSTMORD für diese dürfte ihr Artikel ein Schlag ins Gesicht sein.

  3. Ghostrider sagt:

    @Markus

    Der Selbstmord einens Mobbingopfer ist ein Mord auf Raten. Wer also Leute solange mobbt, bis sie letztendlich Selbstmord begehen, sollte wie ein Mörder bestraft werden.
    Da Mobbing in unserer Gesellschaft weitverbreitet ist, sollte sich der Gesetzgeber Gedanken darüber machen und entsprechende Gesetzesänderungen vornehmen.

    Ghostrider

    Rassismus ist die extremste Form von Intoleranz!

  4. Ghostrider sagt:

    Bravo Bogo!

    Sehr schöner Kommentar und Verse, die zum Nachdenken anregen.

    Kübra Yücel muß sich nicht mit Humor rechtfertigen. Warum überhaupt rechtfertigen? Wofür?
    Lacht man heutzutage schon Leute aus, weil sie ein paar Pfunde mehr auf den Rippen haben? Wenn ich mir in der Fußgängerzone so die Leute anschaue, müßte ich demnach den ganzen Tag lachen!
    Oder ist es weil Kübra ein Kopftuch trägt? Ich sehe soviele Frauen mit Kopftüchern, auch da wäre ich den ganzen Tag am lachen.

    Lachen ist zwar gesund, aber mal im Ernst: Wie erbärmlich ist so eine Nummer?
    Und wenn Kübra kein gutes Deutsch spricht, ist sie auch noch schlecht integriert?
    Das junge Mädchen aber, überspielt die Fremdenfeindlichkeit der Leute mit ihrem Humor. Fast will sie sich schon dafür entschuldigen, dass sie keine Deutsche ist.

    Gute Mine zu einem bösen Spiel!

    Treffender konnte Bogo nicht recherchieren. Das passende Gedicht zu Kübras Situation;-))

    Ghostrider

    Rassismus ist die extremste Form von Intoleranz!

  5. bogo70 sagt:

    Wissen sie Markus, Ich habe zwei eigene Kinder und eine bosnische Zietochter. Ich behaupte nicht das meine eigenen Kinder schrecklich gemobbt wurden oder werden auch wenn ihr Vater Moslem ist, es hält sich im Rahmen, doch spielt es auch eine Rolle wenn Vorurteile über Muslime in der Schule erörtert werden. Meine Kinder kamen auch schon weinend aus der Schule zurück, wenn sie die herrschenden Vorurteile nicht entkräften konnten. Meine Ziehtochter aber, die hat ein Märtyrium von drei Ausbildungsjahren hinter sich, was man keinem Menschen gönnen würde. Es ging im Allgemeinen darum, dass sie Ausländerin ist und Muslima und es gab Wochen, wo sie jeden Abend weinend nach Hause kam und ich sie immer wieder aufbauen musste, damit sie nicht aufgibt. Es fing ganz harmlos an, ähnlich wie bei Kübra. In der Situation als Auszubildende, hälst du erst einmal den Mund, versuchst deine Arbeit zu machen, muckst also nicht gegen die über dir auf und sei es die Angestellte, die erst seit einem Jahr fertig ist, auch ihr bist du untergeordnet..Es ist nur ein kleiner Schritt von persönlichen Beleidigungen, bis zum Extremmobbing und die Grenze haben in der Praxis (sie ist Arzthelferin) alle, auch die Ärzte weit, weit überschritten. Heute würde sich meine Ziehtochter nicht mehr so unterbuttern lassen, aber dafür musste sie durch eine harte Schule gehen. So einfach, wie sie es abtun, ist es nicht.

  6. Pragmatikerin sagt:

    Das ist wohl eher die Wirklichkeit in Deutschen Schulen?!

    Erste Schulstunde in einer Deutschen Klasse:

    Der Lehrer ruft die Schüler auf:

    „Mustafa El Ekh Zeri“
    „Anwesend“

    „Achmed El Cabul“
    „Anwesend“

    „Kadir Sel Ohlmi“
    „Anwesend“

    „Mohammed End Ahrha“
    „Anwesend“

    „Mi Cha Elma Ier“
    …Stille im Klassenzimmer…

    „Mi Cha Elma Ier“
    ….Stille im Klassenzimmer…

    „Ein letztes Mal: Mi Cha Elma Ier“

    Ein Bub in der letzten Reihe steht auf und sagt:
    Das bin wahrscheinlich ich; aber mein Name

    wird MICHAEL MAIER ausgesprochen.. ‑

  7. Helmut sagt:

    Diplomatie war noch nie die große Stärke der Deutschen. Dafür weiß man aber im Allgemeinen in Deutschland, woran man ist. Aus dem Herzen wird da keine Mördergrube gemacht. Das ist doch jedenfalls ehrlich. Auf gewisse Taktlosigkeiten sollte man in Deutschland daher gefasst sein. Auch das Stellen von Gretchenfragen, bei welchen man sich rechtfertigen oder zumindest gut aus der Affäre ziehen muss, ist zutiefst im deutschen Wesen verankert und hat nichts mit Mobbing zu tun. Es ist Teil der deutschen Offenheit, mit der andere Völker zumeist nicht gut umgehen können. Letztlich handelt es sich um ein Ritual, dem man sich wie einem Vorstellungsgespräch zu stellen hat. Kneifen oder ein schlechtes Bild von sich abgeben, gilt einfach nicht. Bloß locker bleiben und nicht verkrampfen. Man lese nach bei Goethe, wenn Gretchen Faust fragt: „Nun sag’, wie hast du’s mit der Religion?“ Wer eine Gretchenfrage gestellt bekommt, steht sofort voll und ganz auf dem Prüfstand. Aber derjenige ist sofort auch im Mittelpunkt wie ein Star und bekommt die Chance, einen glaubwürdigen positiven Eindruck zu hinterlassen.

  8. aloo masala sagt:

    Zum Vorwurf Humorlosigkeit fällt mir eine Geschichte ein. Die CDU unterhielt mal ein Diskussionsforum. Dort wurde gnadenlos zensiert und unliebsame Diskussionsteilnehmer gesperrt. Da war die Redaktion der CDU recht humorlos.

    Es gab vor Jahren einen Diskussionsthread mit dem Titel „Warum sind Linke so humorlos?“. Das ist so ziemlich den gleichen Vorwurf, den man auch Muslimen macht. In diesem Thread posteten CDU-affine User haufenweise geistlose Witze über linke Gutmenschen, Polen und Türken. Weil ich kein humorloser Linker sein wollte, lachte ich mit und postete einen ebenso geistlosen Witz:

    – Was sagt eine Ossi-Mama, wenn sie nach Ihren Kinder schauen will?

    – Ich schau mal nach den Rechten.

    Gut, der Witz, sofern das witzig sein soll, ist etwas alt. Damals war er jedenfalls recht neu. Wie auch immer, interessanter als mein Witz waren natürlich die Reaktionen auf den Witz. Die CDU-affinen User fanden das alles nicht mehr lustig. Sie beschimpften mich auf übelste. Die Redaktion war ja ohnehin humorlos und löschte nur meinen Witz. All die ausländerfeindlichen Jokes und die Witze über die linken Gutmenschen blieben dagegen stehen.

    Was lernen wir daraus? Der Vorwurf der Humorlosigkeit ist wohl in erster Linie eine Projektion der eigenen Humorlosigkeit auf andere. Alleine der Vorwurf, dass Muslime oder Linke so humorlos seien finde ich nicht nur geist- sondern auch humorlos. Ein humoriger Geselle fällt nicht mit derart plumpen und pauschalen Vorwürfen über andere her. Humor aber ist, wenn wir trotzdem über solche humorlosen Typen direkt lachen können.



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