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Kılıçs kantige Ecke

Stiefkinder des deutschen Schulsystems

Typisch für Deutschland in diesem Bereich ist, dass bei den Verbesserungsbemühungen nicht an die Strukturen und Ursachen rangegangen wird, sondern Zeit mit der Bekämpfung der Symptome vergeudet wird. Das ist auch der Fall beim Umgang mit der Pisa-Studie hinsichtlich der Immigrantenkinder.

VONMemet Kılıç

 Stiefkinder des deutschen Schulsystems
Memet Kılıç (Die Grünen) ist Bundestagsabgeord- neter und Sprecher seiner Partei für Migrations- und Integrationspolitik. Er kommentiert in seiner MiGAZIN Kolumne "Kılıçs kantige Ecke" die aktuelle Integrationspolitik.

DATUM8. Dezember 2010

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Ein direkter Zusammenhang zwischen demographischen Faktoren und dem Schulerfolg der verschiedenen Gruppen ist nachgewiesen. So wird von der Annahme ausgegangen, dass die im Schulsystem zu vergebenden guten und schlechten Chancen relativ konstant gehalten werden. Bei den Studien von Baker/Lenhardt (1980) wurde erstmals gezeigt, dass der Ausländeranteil auf Hauptschulen zunimmt, sobald der Anteil deutscher Schüler demographisch bedingt abnimmt. Ebenso sieht es auch in der Realschule oder auf dem Gymnasium aus: der Anteil von Schülern mit Immigrationshintergrund, denen ein Aufstieg in die Realschule oder das Gymnasium gelingt, nimmt zu, wenn die absolute Zahl der deutschen Schüler abnimmt. Immer dann, wenn der Rückgang einheimischer Schüler besonders hoch ist, fällt die Zunahme von Schülern mit Immigrationshintergrund deutlicher aus.1

Bei der Entscheidungsstelle Einschulung ist festgestellt worden, dass mehr schulpflichtige Kinder mit Immigrationshintergrund vom Schulbesuch zurückgestellt wurden, als Einheimische desselben Jahrgangs. Da mangelnde Sprachkenntnisse laut Erlass kein Grund sein können, ein Kind vom Schulbesuch zurückzustellen, werden offensichtlich andere Unterschiede gemacht.2 Vielleicht eine Anpassung an den demographischen Zustand? (abnehmende Anzahl deutscher Kinder gegenüber steigender Anzahl von Immigrantenkindern) In diesem Zusammenhang ist es dann auch nicht mehr wirklich verwunderlich, dass der Anteil von Immigrantenkindern in der Sonderschule deutlich höher ist, als die Anzahl der Einheimischen. Hier stellt sich wieder die Frage, ob der demographische Wandel die Ursache für die hohe Anzahl ausländischer Schüler ist und ob vielleicht die Sonderschule bzw. Förderschule als Lösung für das „Ausländerproblem“ entdeckt wurde. Laut dem Konsortium für Bildungsberichterstattung von 2006 gibt es Hinweise, dass diese Übergangsentscheidungen auch von spezifischen Interessen der beteiligten Bildungseinrichtungen mit beeinflusst werden, z. B. von der Über- oder Unterlast einer Schule oder dem Wunsch einen Standort zu erhalten.

Analysen aus IGLU und anderen Studien haben gezeigt, dass eine migrationsspezifische Benachteiligung schon in den Noten angelegt ist, die während der Grundschulzeit gegeben werden. Schüler mit Immigrationshintergrund erhalten in der Grundschule bei derselben Leistung etwas schlechtere Noten als ihre Mitschüler, dadurch sind unterschiedliche Chancen für eine Gymnasialempfehlung die Folge.3 Auch durch die Funktion der Schule „Die Reproduktion des sozialen Systems“4 landen wohl überdurchschnittlich viele Migrantenkinder nach der Grundschule in den Hauptschulen.

Zu beobachten ist auch eine Herunterstufung von Immigrantenkindern. Die Begründung dafür lautet häufig: „Im Zweifelsfall von unten aufbauen, später kann ja noch ein Wechsel in die nächsthöhere Schulform erfolgen“.5 Da stellt sich natürlich die Frage: Warum nicht im Zweifelsfall „oben“ lassen? Die Antwort würde dann wohl lauten: Schüler sind vor Enttäuschungen und Misserfolgen zu bewahren. Zu bedenken ist aber, ob es nicht eine größere Enttäuschung für das Kind ist, wenn es heruntergestuft wird, obwohl das Kind selbst weiß, dass es mindestens genau so viel Erfolg in der höheren Stufe hätte, wie beispielsweise seine deutsche Tischnachbarin ohne Immigrationshintergrund.

Die Rahmenbedingungen für Quereinsteiger sind in Deutschland auch nicht gut. Neu eingewanderte Kinder werden ungeachtet ihrer bisherigen Schullaufbahn einfach nach dem Alter (oft auch eine Stufe niedriger) in die Grund- bzw. Hauptschule eingegliedert. Eine besondere Förderung für ausländische Kinder ist nur an Grund- Haupt- und Sonderschulen vorgesehen. Finanzielle Mittel für die zusätzliche Förderung erhalten nur diese Schulen. „In dieser Differenzierung könnte man eine verdeckte Form direkter Diskriminierung sehen.“6 Daran kann man auch sehen, dass es schon vorprogrammiert ist, in welche Schule die neu eingewanderten Kinder eingegliedert werden.

Da z. B. bei den Türkeistämmigen ein Wandel in der Bleibeorientierung stattgefunden hat, erhöht sich auch die Anzahl der in Deutschland geborenen türkeistämmigen Kinder. Dadurch müssten sich theoretisch auch die Lernvoraussetzungen verbessert haben. Jedoch kommt es noch sehr häufig vor, dass bei den hier geborenen Immigrantenkindern zum Einschulungszeitpunkt noch erhebliche sprachliche Mängel in Deutsch existieren. Dies ist wahrscheinlich mit der hauptsächlich zu Hause und im Freundeskreis gesprochenen Muttersprache zu erklären. Würde beispielsweise ein Elternteil mit dem Kind ausschließlich Deutsch sprechen und der andere Elternteil Türkisch, hätten die Kinder weniger Probleme mit der deutschen Sprache und könnten gleichzeitig ihre Muttersprache sprechen – vorausgesetzt, die Elternteile beherrschen die jeweiligen Sprachen gut.

Erfahrungen und Berichte gibt es darüber, wie aus Vorbereitungsklassen separate Regelklassen für Schüler mit Immigrationshintergrund entstehen. Somit wird getrennt, statt integriert7. In Baden-Württemberg wurde mir von einer Hauptschule berichtet, die zwei fünfte Klassen hatte, von denen eine Klasse mit Ausnahme eines Schülers nur aus Schülern ohne Immigrationshintergrund bestand und eine andere Klasse, die fast nur aus Immigrantenkindern bestand. Anfragen zu dem Beweggrund für diese Einteilung blieben unbeantwortet.

Trotz leichter Verbesserungen ist der soziale Hintergrund für Immigrantenkinder immer noch ein Schicksal geblieben. Solange an der Mehrgliedrigkeit und an der Funktion der Schule, das soziale System zu reproduzieren, festgehalten wird, ist das Schicksal vieler Immigrantenkinder vorprogrammiert. Für eine bessere Zukunft dieser Kinder muss das mehrgliedrige Schulsystem abgeschafft und flächendeckend gebundene Ganztagsschulen geschafft werden. Der Schritt von der Drei- zur Zweigliedrigkeit in einigen Bundesländern geht in die richtige Richtung.

Viele übersehen die Anstrengungen der Immigrantenvereine. In Bildungsveranstaltungen informieren sie die Eltern und bieten immer mehr kostengünstige Hausaufgabenbetreuungen und Nachhilfestunden an. Diese Anstrengungen sind für die Zukunft von Immigrantenkindern mitentscheidend und unerlässlich.

Ein weiterer wichtiger Aspekt für das Bildungsstreben von Kindern mit Immigrationshintergrund ist die Notwendigkeit von Vorbildern. Daher muss der Bund ein Werbe- und Stipendienprogramm initiieren, damit mehr Abiturienten mit Immigrationshintergrund den Lehrerberuf wählen und in den Staatsdienst aufgenommen werden. Insbesondere in den südlichen Bundesländern werden nicht nur Windkraftanlagen subtil bekämpft, sondern auch die Einstellung von Lehrerinnen und Lehrern mit Immigrationshintergrund.

  1. Gomolla und Radtke, 2007, S. 24
  2. Gomolla und Radtke, 2007, S. 129
  3. Konsortium Bildungsberichterstattung, 2006, S. 165
  4. Gonschorek und Schneider, 2005, S. 45
  5. Gomolla und Radtke, 2007, S. 242
  6. Gomolla und Radtke, 2007, S. 103
  7. Gomolla und Radtke, 2007, S. 105
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3 Kommentare
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  1. Hop Singh sagt:

    Das deutsche Schulsystem verwehrt den Migrantenkindern die Bildung und das mit System!
    In Deutschland wird nach Herkunft aussortiert, Beamtenkinder aufs Gymnasium, Angestelltenkinder auf Realschule und Migrantenkinder auf die Sonderschule.
    So hält die deutsche Regierung die Migrantenkinder vom Schulbesuch ab und verhindert, planvoll und erfolgreich, dass muslimische Lehrer und Ärzte auf deutsche Kinder Einfluß nehmen können.
    Allerdings:
    Das ist nun vorbei. Der türkische Staat nimmt sich seiner Bürger in Deutschland an, gründet türkische Schulen in Deutschland und vermittelt Arbeitsplätze der dann gut ausgebildeten Migranten, besser bezahlt und sozial und medizinisch auf ungleich höherem Niveau abgesichert, in die Heimat.
    Viele, viele hundertausend Migranten werden nun, ob Deutschland will oder nicht, die Türkei aufbauen. Der deutsche Rentner wird nicht gepflegt und […] Deutschland wird bestraft und arm.

  2. […] dazu: 08.12.2010 Migazin “Kılıçs kantige Ecke” 08.12.2010 Migazin “Migrantenkinder holen […]

  3. […] Pforzheimer Zeitung: “Post aus Berlin” 08.12.2010 Migazin “Kılıçs kantige Ecke” 08.12.2010 Migazin “Migrantenkinder holen auf” 06.12.2010 Gazetem.de […]



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