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Migration und Integration in Deutschland

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Es wird selbstverständlich sein, dass jemand Mehmet heißt und nicht Hans – wir halten das aus.

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU), Deutsche Presse-Agentur (18.01.2013)

Wochenrückblick

KW 48/10 – Einwanderungsmythen, Islamfeindlichkeit, Ramadan, Mehrsprachigkeit, Fachkräfte

Die Themen der 48. Kalenderwoche: Linke und rechte Einwanderungsmythen; Besserverdienende als Sozialdarwinisten; Tariq Ramadan im Interview mit Jörg Lau; Mehrsprachigkeit und Deutsch-Kompetenz; von der Leyens Anwerbepläne

VONLeo Brux

Leo Brux, 1950 in München geboren, ist u. a. Integrationskurs-Lehrer bei der InitiativGruppe – Interkulturelle Begegnung und Bildung e.V., einem großen Träger der Integrationsarbeit in München. Migrations- und Integrationsfragen beschäftigen ihn seit den frühen 70er Jahren sowohl praktisch als auch theoretisch, privat und beruflich. Für die InitiativGruppe schreibt er einen Migrationsblog.

DATUM6. Dezember 2010

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Linke und rechte Einwanderungsmythen
Drei Mythen hat Norbert Bolz bei der ausländerfreundlichen Linken ausgemacht (die taz gibt sich für diese Thesen her). Hier der erste:

der Mythos der Ausländerfeindlichkeit. Kranke Hirne unter Glatzen, Springerstiefel und Kampfhunde gibt es überall in der Welt. Aber diese Verrückten, für die wir in Deutschland aus historischen Gründen natürlich besonders sensibel sind, sollten doch nicht den Blick dafür trüben, dass wir in einem der ausländerfreundlichsten Länder leben.

Wie weit es damit her ist, zeigt ein aktueller Vergleich, den man in einer aktuellen Studie der Universität Münster findet. Negative Haltungen gegenüber Muslimen haben in

  • Deutschland-West 57,5%
  • Deutschland-Ost 62,2%
  • Dänemark 35,6%
  • Frankreich 36,7%
  • Niederlande 35,9%

In der Schweiz haben kürzlich ca. 53% für die Ausschaffungsintiative gestimmt. Der Focus vergleicht mit Deutschland:

68Prozent der Deutschen sind laut der Emnid-Umfrage für FOCUS dafür, dass Ausländer, die wegen Schwerverbrechen, Sozialhilfebetrug oder Schwarzarbeit verurteilt wurden, automatisch abgeschoben werden. 26 Prozent sind dagegen.

Hält man diese Ergebnisse gegeneinander, so kann man wohl von einem in Deutschland höheren Ressentiment-Niveau sprechen als bei unseren Nachbarn.

Nach Norbert Bolz betrifft der zweite Mythos die multikulturelle Gesellschaft, die im Widerspruch zu unserer Leitkultur stehe:

Es ist eigentlich eine ganz selbstverständliche Erwartung, dass Einwanderer sich mit dem Land ihrer Wahl identifizieren. Dass Linke ein solches Bekenntnis zu Deutschland nicht erwarten, ja geradezu verabscheuen, liegt an ihrem pathologischen Verhältnis zum Patriotismus. Gerade hinter ostentativer Ausländerfreundlichkeit versteckt sich oft nichts anderes als Deutschenhass.

Dem hält Daniel Cohn-Bendit am Tag darauf in der taz entgegen:

Multi-Kulti war eine Antwort. Der Begriff umriss nie den Entwurf einer neuen Gesellschaft, sondern war die Antwort auf die Verweigerung der Konservativen und der Sozialdemokraten bis in die Neunzigerjahre, die Realität der Einwanderungsgesellschaft anzuerkennen.

Wir brauchen eine Orientierungs-, keine Leitkultur. Diese muss von einer politischen Definition leben, nicht von einer kulturellen. Mit einer politischen Definition lassen sich Debatten führen, mit ihr kann man streiten – aber die Linien dieser Diskurse können nicht so gezogen werden, als sei das Muslimische an sich unfähig, sich in ein säkularen Gemeinwesen zu integrieren.

Der dritte Mythos, laut Bolz,

der Mythos von der Unmenschlichkeit des ökonomischen Arguments. Wer heute nicht sieht, dass Deutschland Einwanderer braucht, ist einfach ignorant. Die Frage ist nur: welche? Dass an deutschen Universitäten brillante Köpfe aus dem Ausland ausgebildet werden, denen nach Studienabschluss dann Arbeit und Aufenthalt verweigert werden, ist natürlich ein Schildbürgerstreich. Wir brauchen Kinder und Inder. Vor produktiven Immigranten, die sich mit Deutschland identifizieren, hat niemand Angst.

Cohn-Bendit macht ein bemerkenswertes Zugeständnis, das für den Realismus derer spricht, die Bolz angreift – und erweitert damit die Perspektive:

Es stimmt, dass Einwanderer unsere Sozialsysteme ausbeuten wollen. Ebenso, dass es viele Menschen aus Mittelschichten oder aus der Oberschicht gibt, die unser System schröpfen, indem sie Steuern hinterziehen. Steuerhinterziehung und Einwanderung in Sozialsysteme sind zwei Seiten einer gleichen Münze, nämlich die Schwächung des Gemeinwesens. Solange die Debatte nur um die Schwachen geht, geht die von Thilo Sarrazin befeuerte Debatte in die Irre.

Besserverdienende als Sozialdarwinisten
Wilhelm Heitmeyer macht verständlich, warum sich das Klima gegenüber den sozial Schwächeren, gegenüber den sozialen Randgruppen abgekühlt hat. Gerade in den höheren Einkommensgruppen hat die Feindseligkeit gegenüber sozialen Minderheiten zugenommen.

„In der Krise haben viele Besserverdiener erstmals gemerkt, was finanzielle Einbußen bedeuten“, sagte Studienleiter Wilhelm Heitmeyer. Dadurch seien mühsam erlernte soziale Normen und Werte in Vergessenheit geraten, der Sozialdarwinismus habe zugenommen. Das Gefühl der Bedrohung durch die Krise habe auch zu einer schleichenden „Radikalisierung der gesellschaftlichen Mitte“ geführt. So habe sich die Islamfeindlichkeit im Vergleich zum Vorjahr in der politischen Mitte und links davon deutlich verstärkt, während sie unter Rechten sogar leicht gesunken sei.

Der Tagesspiegel stellt den Bericht darüber unter den Titel: „Besserverdienende zunehmend islamfeindlich.“

„Bei den Veranstaltungen mit Sarrazin sitzen nicht die, die üblicherweise keine Bücher lesen“, sagte Heitmeyer. Und er warnte vor einer zunehmend „rohen“ und „entkultivierten Bürgerlichkeit“. Ein Beleg: In diesem Jahr – noch vor der Sarrazin-Debatte – stimmten 38,9 Prozent der 2000 Personen, die das Bielefelder Institut befragen ließ, der Aussage zu, „durch die vielen Muslime hier fühle ich mich manchmal wie ein Fremder im eigenen Land“. Im vergangenen Jahr vertraten 32,2 Prozent diese Ansicht. Und jetzt meinen 26,1 Prozent, Muslimen sollte die Zuwanderung nach Deutschland untersagt werden. 2009 waren es 21,4 Prozent.

Tariq Ramadan im Interview mit Jörg Lau
Tariq Ramadan ist Professor für zeitgenössischen Islam in Oxford und eine der führenden Stimmen der Muslime in Europa. Jörg Lau hat ihn interviewt. Das Gespräch ist Frage um Frage, Antwort um Antwort hochkarätig. Es beginnt damit, dass Tariq Ramadan verständlich macht, warum zurzeit die Emotionen hochkochen:

Unsere westlichen Gesellschaften sind verunsichert durch die Globalisierung. Auch die Einwanderungsströme gehören dazu. Aber entscheidend ist das Sichtbarwerden des Fremden. Darum erregen sich die Leute über Moscheebauten, Minarette, Kopftücher, andere Hautfarben, Sprachen und Gerüche in ihren Vierteln. Wenn gegen die angebliche Islamisierung der Städte protestiert wird, geht es um die Sichtbarkeit einer fremden Religion, die dazugehören will. Das ist neu. Solange das Fremde nicht dazugehört, kann man leichter damit leben.

Tariq Ramadan fordert die europäischen Muslime auf, sich mit dem Land, in dem sie leben, zu identifizieren und sich in ihm und für es zu engagieren – und sich nicht als Opfer zu begreifen. Zwei Gruppen unter den europäischen Muslimen machen ihm Sorgen:

die kleine Minderheit von Ultrakonservativen, die so genannten Salafiten, und schließlich diejenigen, die Gewalt religiös rechtfertigen. Ich kämpfe gegen beide.

Diese Gruppen profitieren allerdings davon, wenn gesagt wird, der Islam könne nicht integriert werden. Ihre Führer können dann den jungen Leuten sagen: Wir haben es doch immer gesagt, die wollen euch nicht, die werden euch nie akzeptieren, weil ihr Muslime seid! Die radikalen Islamisten benutzen so den Diskurs der Islamophoben, um junge Leute zu rekrutieren. Es gibt also eine objektive Allianz zwischen Islamhassern und extremistischen Muslimen.

… Die Muslime müssen aufhören, die westlichen Gesellschaften für alle Übel verantwortlich zu machen. Kompromittieren wir unsere Religion, wenn wir uns verwestlichen? Ich sage, dass es keinen Glauben ohne Entwicklung gibt.

… (Es ist) falsch, von Migration im bedauernden Ton zu reden, als seien Migranten lauter Opfer. Wir haben Erfolge vorzuweisen, wir sollten stolz sein und davon erzählen. Wir müssen die Opfermentalität vermeiden.

Mehrsprachigkeit und Deutsch-Kompetenz
Man ist sich inzwischen einig, dass das Begabungspotential von Migrantenkinder besser ausgeschöpft werden muss. Weil die Kinder in ihren Familien nicht hinreichend Deutsch lernen (können), sind Krippe, Kindergarten und Schule gefordert. Wie man zugleich die muttersprachliche und die Deutsch-Kompetenz fördern kann, beschreibt ein Artikel in der ZEIT.

Die Migranteneltern wurden zum Beispiel von den Erziehern aufgefordert,

mit ihren Kindern in ihrer Muttersprache zu sprechen. Gleichzeitig nahmen die Kita-Gruppen mit den Familien mehrsprachige Hörspiele auf CD auf und erstellten Bibliotheken mit mehrsprachigen Kinderbüchern. Die Erzieher klebten mit den Kindern Fotos ihrer Eltern um einen Spiegel, in dem sich alle Kinder betrachten können. „Das kam total bei gut bei allen Kindern an“, erzählt Amirpur. Die Kinder wurden in ihrer Identität mit solchen Projekten bestärkt. Und die Motivation der Kinder sei auch entscheidend für die aktive Teilhabe an Bildung.

Das heißt: Man verbindet in diesem frühen Stadium des Sprachlernens das Entwickeln der Muttersprache und das Deutschlernen. Das setzt ein hohes Ausbildungsniveau der Erzieher voraus, eine konsequente Einbindung der Eltern in die Arbeit der Kindertagesstätte und überschaubare Gruppengrößen. Es kostet Geld – bedeutet aber eine lohnende Investition in die Zukunft.

Von der Leyens Anwerbepläne
Eine detaillierte Darstellung der Vorstellungen unserer Arbeitsministerin, wie Deutschland mehr Fachkräfte aus dem Ausland gewinnen könnte, bringt das Handelsblatt.

Wir müssen heute die Weichen so stellen, dass der Zug der gut qualifizierten Fachkräfte, die zu uns passen, nicht an unserem Land vorbeifährt

meint die Ministerin und bricht dabei ein konservatives Tabu: Die oft komplizierte Vorrangliste (Deutscher vor Ausländer) soll aufgehoben werden. An seine Stelle tritt eine „Positivliste“ – Berufe und Branchen, die dringend Fachkräfte aus dem Ausland anwerben müssen.

Zum engen Kandidatenkreis der Berufe für das neue einfachere Verfahren gehören laut von der Leyen Ärzte sowie Maschinen- und Fahrzeugbau-Ingenieure. Gerade in der Autoindustrie sei der Bewerbermangel schon „mit Händen zu greifen“, sagte sie. „Da müssen wir aufpassen, dass nicht deswegen ganze Abteilungen ins Ausland verlegt werden.“ Nicht minder dramatisch ist die Lage bei den Medizinern: Die Zahl der unbesetzten Ärztestellen hat sich nach Daten des Deutschen Krankenhausinstituts seit 2006 vervierfacht.

Bleibt zu hoffen, dass der Ministerin auch bewusst ist: Ohne ein gewisses Willkommensklima wird man vergeblich um Fachkräfte aus dem Ausland werben. Ein Land, in dem das Ressentiment überschäumt, ist nicht attraktiv für die weltweit umworbenen Hochqualifizierten.

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