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Islam Studie

Islamophobie 2010 – Deutschland ist Europameister

Die Bevölkerung in Deutschland ist viel intoleranter gegenüber dem Islam als ihre westeuropäischen Nachbarn. Das ist das zentrale Ergebnis einer der bislang größten repräsentativen Umfragen zur religiösen Vielfalt in Europa.

Die Bevölkerung in Deutschland ist viel intoleranter gegenüber dem Islam und anderen nicht-christlichen Religionen als ihre westeuropäischen Nachbarn. Das ist das zentrale Ergebnis einer der bislang größten repräsentativen Umfragen zur religiösen Vielfalt in Europa. Der Exzellenzcluster „Religion und Politik“ der Uni Münster führte sie kurz vor der Sarrazin-Debatte mit TNS Emnid in fünf Ländern durch.

Danach sprechen sich Menschen in Deutschland deutlich öfter als Franzosen, Dänen, Niederländer oder Portugiesen gegen neue Moscheen und Minarette aus, wie der Leiter der Studie, Religionssoziologe Prof. Dr. Detlef Pollack, gestern in Berlin sagte. „Sie sind auch weniger bereit, anderen Religionen gleiche Rechte zuzugestehen. Von Hindus, Buddhisten und Juden haben sie ein schlechteres Bild als die übrigen Europäer.“

Ist der Islam frauenfeindlich, fanatisch und gewaltbereit?
Das Bild, das sich die Befragten vom Islam machen, ist in allen fünf Ländern gleich negativ. So denken etwa 80 % der Bevölkerung aller Nationen beim Stichwort Islam an die Benachteiligung der Frau. Etwa 70 % assoziieren Fanatismus mit dem Islam, etwa 60 % Gewaltbereitschaft, etwas mehr als die Hälfte Engstirnigkeit. Nur in Frankreich fällt die Kritik deutlich gemäßigter aus.

„Die Unterschiede zwischen Deutschland und den anderen Ländern sind geradezu dramatisch, wenn es um die persönliche Haltung gegenüber Muslimen geht“, sagte der Soziologe. Während Niederländer, Franzosen und Dänen mehrheitlich positiv über Muslime denken (zu 62 %, 56 % und 55 %), gilt das in Deutschland nur für eine Minderheit von 34 % (West) und 26 % (Ost). Der wichtigste Grund dafür ist die Häufigkeit der Kontakte, wie das Forscherteam herausfand: „Je öfter man Muslime trifft, desto eher sieht man sie generell positiv“, erläuterte Pollack. So geben im Westen etwa 40 % an, zumindest einige Kontakte zu Muslimen zu haben, im Osten nur 16 %. In Frankreich, dem Land mit dem positivsten Islambild, sind die Kontakte mit 66 % am häufigsten. „Wenn es in Deutschland nun zu einem Terroranschlag käme, wie derzeit befürchtet wird, wäre das auch mit Blick auf die Muslime dramatisch. Die Mehrheit der Bevölkerung sähe sich in ihrer negativen Haltung bestätigt“, so Pollack.

Ist der Islam friedlich und tolerant?
Stellt man den Befragten positive Eigenschaften zur Wahl, tritt eine deutliche Differenz zwischen Deutschland und den anderen Ländern zutage. Toleranz wollen dem Islam weniger als 5 % der Deutschen zuschreiben, in Dänemark, Frankreich und den Niederlanden aber mehr als 20 %. Friedfertigkeit und Achtung der Menschenrechte schreiben nur 5 % bis 8 % der Deutschen dem Islam zu. In den anderen Ländern ist die Einschätzung ebenfalls negativ, die Zustimmung liegt aber insgesamt bei bis zu 30 %.

„Die Ängste der Deutschen sind groß“
Nur 49 % der Befragten in Westdeutschland und 53 % in Ostdeutschland sind laut der Umfrage der Auffassung, alle religiösen Gruppen sollten gleiche Rechte haben – im Unterschied zu 72 % in Dänemark, 82 % in den Niederlanden, 86 % in Frankreich und 89 % in Portugal. 42 % der Westdeutschen und 55 % der Ostdeutschen erklären, die Ausübung des islamischen Glaubens müsse stark eingeschränkt werden. Und weniger als 30 % im Westen Deutschlands befürworten den Bau von Moscheen, im Osten weniger als 20 %. Die Zustimmung zum Bau von Minaretten oder zur Einführung muslimischer Feiertage ist noch geringer. In Dänemark dagegen sprechen sich mehr als die Hälfte für den Bau von Moscheen aus, in Frankreich und den Niederlanden etwa zwei Drittel und in Portugal sogar fast drei Viertel.

Soll der Islam sich dem Westen anpassen?
Obwohl die europäischen Nachbarländer den Muslimen mehr Rechte wie den Bau von Moscheen zugestehen als die Deutschen, verlangen sie von ihnen einen hohen Grad an kultureller Anpassung. Deutlich mehr als 80 % stimmen in allen fünf Ländern der Aussage zu, „dass sich die Muslime an unsere Kultur anpassen müssen“.

Dennoch wollen auch die meisten Deutschen den nicht-christlichen Religionen Anerkennung erweisen. Der Aussage „Man muss alle Religionen respektieren“ stimmen im Westen gut 80 % zu, in den anderen Ländern etwa 90 %. Genauso viele stimmen dem Satz zu „Wenn Ausländer sich an unsere Gesetze halten, kommt es auf ihre Religion nicht an“. Experte Pollack: „Das Gefühl der Bedrohung durch den Islam unter den Deutschen ist hoch, aber die Deutschen wollen nicht unfair sein; mehrheitlich wollen sie fremde Kulturen durchaus anerkennen.“ Der Befund wecke Hoffnung auf politische, gesellschaftliche und kulturelle Gestaltungsmöglichkeiten, um Ängste und Vorurteile abzubauen. „Diese gab es im Verborgenen schon länger, wie unsere Erhebung zeigt. Die Debatte, die Thilo Sarrazin mit seinen provokanten Thesen angestoßen hat, macht diese Stimmung nun sichtbarer.“

Das Christentum als kulturelles Fundament?
Die Deutschen stimmen mit ihren Nachbarn darin überein, dass sie im Christentum das Fundament ihrer Kultur sehen. Etwa 70 % vertreten diese Auffassung. Nur im entkirchlichten Ostdeutschland ist der Anteil geringer. Eine Minderheit von etwa 20 % meint, der Islam passe in die westliche Welt. Auch in Frankreich liegt die Zustimmung dafür lediglich bei 30 %. Der christliche Charakter der Kultur ist für die Menschen in Deutschland, Holland, Frankreich und Dänemark also unstrittig.

Die Soziologen fanden heraus, dass persönliche Kontakte zu Muslimen, sofern sie denn zustande kommen, in allen Ländern meist positiv bewertet werden. „Etwa drei Viertel der Westdeutschen und zwei Drittel der Ostdeutschen berichten, sie hätten Begegnungen mit Muslimen als angenehm empfunden.“ Niederländer und Dänen teilen diese Einschätzung, die Franzosen bewerten die Begegnungen noch häufiger positiv. „Das Problem ist eben nur, dass die Kontakte in Deutschland viel seltener sind als in den anderen Ländern“, so der Leiter der Studie. Er betonte, kein Faktor sei so bestimmend wie die Kontakthäufigkeit. „Die Konkurrenz um Arbeitsplätze oder Neid gegenüber Ausländern spielen nach unseren Zahlen nur eine geringe Rolle.“ Die Forscher hatten eine „Regressionsanalyse“ durchgeführt, um Einflussfaktoren auf die Meinung über andere Religionen zu erfassen.

Und was denken die Menschen über Juden, Buddhisten und Hindus?
Was die Einstellung zu Juden, Buddhisten und Hindus angeht, so scheint die Haltung der deutschen Bevölkerung zunächst etwas aufgeschlossener zu sein als gegenüber Muslimen. Sie ist mehrheitlich positiv gegenüber Angehörigen dieser drei Religionen eingestellt. Doch auch hier sind die Unterschiede zu Dänemark, Frankreich und den Niederlanden groß, sie betragen 15 bis 20 Prozentpunkte. In allen Ländern ist die Haltung gegenüber Muslimen negativer als gegenüber Buddhisten, Hindus oder Juden. In Deutschland fällt das Meinungsbild aber noch einmal deutlich kritischer aus.

„Noch keine offene Debatte in Deutschland“
„Die Länderdifferenzen müssen Politik und Gesellschaft in Deutschland beunruhigen“, so Pollack. Grund für die intolerantere Haltung gegenüber Muslimen sei neben dem Kontaktmangel, dass Deutschland noch keine ehrliche und intensive öffentliche Debatte über Islam und Integration geführt habe. Die Nachbarländer hätten das Thema, ausgelöst durch starke Konflikte mit Muslimen – den Karikaturenstreit in Dänemark, die Gewaltausbrüche in Pariser Vororten, die Ermordung des niederländischen Islamkritikers Theo van Gogh – seit längerem öffentlich diskutiert. Anlass dazu habe in anderen Ländern auch das Aufkommen rechtspopulistischer Parteien in den 1990er Jahren gegeben. Zudem brächten Nationen wie Frankreich und Portugal durch das historische Erbe der Kolonialzeit mehr Erfahrungen im Umgang mit Fremden mit.

Bedrohung durch fremde Kulturen?
Die Frage, ob das eigene Land durch fremde Kulturen bedroht sei, bejahten in Westdeutschland zwei Fünftel. In Ostdeutschland stimmte die Hälfte der Befragten zu. In Westdeutschland ist das Gefühl der Bedrohung durch fremde Kulturen in etwa so stark wie in Dänemark, Frankreich und den Niederlanden; in Ostdeutschland liegt es über dem Durchschnitt der untersuchten Nachbarn.

Umso wichtiger ist es nach Meinung der Experten, dass die deutsche Politik künftig sensibel auf Stimmungen in der Bevölkerung reagiert. „Wer angesichts dieser Umfrageergebnisse sagt, ‚Der Islam gehört zu unserer Kultur‘, wird polarisieren. Man sollte besser sagen: ‚Die Muslime gehören zu unserer Kultur‘“, so Pollack. Es komme nun darauf an, durch Bildungsarbeit, Aufklärung und den vorurteilsfrei geführten Dialog auf Einstellungen in der Bevölkerung einzuwirken. Für die Erhebung befragte das Meinungsforschungsinstitut TNS Emnid im Auftrag des Clusters je 1.000 Menschen in Ost- und Westdeutschland, Frankreich, Dänemark, Portugal und den Niederlanden.

Führt religiöse Vielfalt zu Konflikten oder kultureller Bereicherung?
Mehr als 70 % der Befragten in West- und Ostdeutschland, Dänemark und den Niederlanden sind überzeugt, dass die zunehmende Vielfalt von religiösen Gruppen eine Ursache für Konflikte darstellt; in Frankreich sind lediglich 59 % dieser Meinung. Der Aussage, die religiöse Vielfalt sei kulturell bereichernd, sind nur wenig mehr als die Hälfte im Westen Deutschlands bereit, zuzustimmen; im Osten liegt der Anteil derer, die so denken, sogar knapp unter der Hälfte. In den anderen Ländern macht er dagegen um die 80 % aus. Damit werden Spannungen, die sich aus dem Zusammenleben von Angehörigen unterschiedlicher Religionsgemeinschaften ergeben, in allen Ländern ähnlich gesehen. Aber die Offenheit gegenüber den fremden Religionen und Kulturen ist in Frankreich, Dänemark, Holland und auch in Portugal weitaus höher.

Die Auswahl der Länder
Die Auswahl der fünf Länder folgte dem unterschiedlichen Grad an religiöser Vielfalt: Deutschland wählten die Soziologen wegen der großen Zahl an Muslimen sowie wachsender Konflikte um Moscheen oder Kopftücher aus. Weil in Ostdeutschland viel weniger Muslime leben als im Westen, wurden die Landesteile getrennt erforscht. Portugal zogen die Forscher als Kontrastfall hinzu, da die religiöse Vielfalt dort weniger ausgeprägt ist. Das laizistische Frankreich interessierte sie wegen seiner Diskussionen zum Burka-Verbot und sozialer Spannungen zwischen jungen Muslimen und der Mehrheitsgesellschaft. Die Niederlande gerieten ins Blickfeld, weil deren Bild einer toleranten Gesellschaft nach der Ermordung des Islamkritikers Theo van Gogh ins Wanken geraten ist. Dänemark dürfte nach Einschätzung der Wissenschaftler sein Verhältnis zum Islam durch den Karikaturenstreit verändert haben. (eb)

Grafiken zur Studie auf der Folgeseite…

Grafik © Exzellenzcluster "Religion und Politik"