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Migration und Integration in Deutschland

In allen Zielstaaten der Arbeitsmigration weisen die Eltern der als Migranten erfassten Jugendlichen eine kürzere Schulbesuchszeit und einen geringeren ökonomischen, sozialen und kulturellen Status auf als die Eltern von Nichtmigranten. Nirgendwo ist dieser Unterschied … aber so stark wie in Deutschland.

Konsortium Bildungberichterstattung, Bildung in Deutschland, 2006

Integration im 16:9 Format

Begegnungen mit Philipp Rösler und Kenan Kolat

Zwei Integrationsveranstaltungen, zwei unterschiedliche Eindrücke. Meine Begegnungen mit Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler und dem Vorsitzenden der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan Kolat.

VONMartin Hyun

 Begegnungen mit Philipp Rösler und Kenan Kolat
Martin Hyun, 1979 in Krefeld geboren, Sohn koreanischer Gastarbei- ter, studierte Politik, International Business und Relations in den USA und Belgien, war der erste koreanischstämmige Bundesligaspieler in der DEL und Junioren Nationalspieler Deutsch- lands. Im Europäischen Jahr des interkulturellen Dialog 2008 engagierte er sich als Botschafter in Deutschland. Er gehörte dem Leadership-Prog- ramm der Bertelsmann-Stiftung an und nahm als ein Vertreter der Koreaner in Deutschland an der Jahreskonferenz 2008 Forum Demographischer Wandel teil, die vom damaligen Bundespräsi- denten Horst Köhler initiiert wurde. Seit 2008 promoviert er zum Thema Arbeitsmigration. Sein Debüt-Buch „Lautlos-Ja Sprachlos-Nein: Grenz- gänger zwischen Deutschland und Korea“ erschien im Eb-Verlag Hamburg.

DATUM26. November 2010

KOMMENTARE10

RESSORTAktuell, Meinung

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Wäre Integration eine Aktie, dann hätte sie trotz Finanzkrise und Lehman Brothers Pleite auf der Performance Index einen unaufhaltsamen Aufwärtstrend zu verzeichnen gehabt. Die Werteentwicklung und Volatilität hätte mit ihrer Krisenimmunität alle anderen geglaubten wertebringenden Aktien in den Schatten gestellt. Sogar ein Warren Buffett hätte sein ganzes Vermögen auf die Integrationsaktie gesetzt, weil er sich der enormen Rendite sicher gewesen wäre.

Integration ist nun mal keine Aktie und kein Wirtschaftsprodukt, auch wenn manche versuchen sie als solche zu missbrauchen. Die Schattenwirtschaft Integration hat eines dennoch bewirkt. In den hintersten Winkeln und Dörfern Deutschlands wird über Integration geredet, hitzig gelästert, deftig analysiert und ab und zu miteinander diskutiert.

Philipp Rösler
Bei einer Veranstaltung in Berlin zum Thema Integration traten die hauptberufliche Vorzeigemigrantin und Integrationsministerin Niedersachsens Aygül Özkan und Pseudo-Migrant Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler als Podiumsdiskutanten auf. Özkan sprach sich für die Bringschuld der Migranten aus, wenn sie in Deutschland leben wollen und Rösler plädierte für Verfassungstreue der Migranten als oberstes Leitgut. Beim anschließenden Empfang ging ich auf Rösler zu. Ich fragte ihn, was er denn davon halte, wenn Migranten die Bringschuld erbracht und sich verfassungstreu gezeigt haben und dennoch auf dem Arbeitsmarkt diskriminiert werden. Rösler redete wirres Zeug und von seiner Geschäftsführung, die Koreanisch besetzt sei. Es muss ein langer und anstrengender Tag für Rösler gewesen sein, der vom Beruf her nicht nur Gesundheitsminister ist, sondern auch stellvertretend für alle Asiaten in Deutschland, als Botschafter der asiatischen Integration in Deutschland fungieren muss. Höflich verabschiedete ich mich von Rösler, der noch schnell mit zwei chinesischen Frauen ein Erinnerungsfoto machte. Ich ging zurück zu meinem Tisch, genoss den Wein und philosophierte mit der ehemaligen Ausländerbeauftragten Berlins, Barbara John, über Merkels Aussage Multi-Kulti sei tot, sowie über anonymisierte Bewerbungsverfahren. Dann verließ ich die Veranstaltung.

Bei meinem Friseur in Friedrichshain las ich ein Interview mit dem in Vietnam geborenen Installationskünstler Danh Vo, der die Frage gestellt bekam, warum die Vietnamesen so gut in Deutschland integriert seien. Vo antwortete, dass diese Behauptung ein Mythos sei und gab weiter zu verstehen „In der Politik bedeutet gelungene Integration, so wie ich das verstehe: Du machst nicht viel Lärm. Aber die meisten Vietnamesen sind in Wirklichkeit nicht integriert. Sie kreieren nur ihre eigene Luftblase. Die ist vielleicht nicht so sichtbar wie bei anderen ethnischen Gruppen“. Als ich das Interview zu Ende gelesen hatte, ärgerte ich mich, dass ich den inoffiziellen asiatischen Botschafter Philipp Rösler nicht die Frage stellte, ob er denn wirklich einer von „uns“ sei. Oft kam es nämlich vor, wenn ich über die mangelnde politische Repräsentation der Migranten sprach, die Antwort bekam, dass wir doch einen haben und damit meinten sie keinen geringeren als Philipp Rösler.

Kenan Kolat
Jedenfalls besuchte ich am 11. November ein Symposium des Wissenschaftszentrums für Sozialforschung mit dem Titel „Zahlen machen Politik: Nutzen und Nebenwirkungen von Integrationsindikatoren“. Auf dem Podium saßen Andreas Kapphan (BAMF), Referent im Arbeitsstab von Maria Böhmer, die holländischen Wissenschaftler Han Entzinger, Ruud Koopmans und der Bundesvorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland Kenan Kolat. Moderiert wurde das Ganze von der Tagesspiegel Journalistin und einheimischen Deutschen Andrea Dernbach.

Die Journalistin fing damit an, einige Wörter von Thilo Sarrazin zu zitieren und sprach von 84 Prozent, die in ihrer Branche, weiße Deutsche seien und es dort deshalb Nachholbedarf gebe, was die Ein- und Anstellung von Vielfalt anbelangt. Der Referent Böhmers kam auf den Begriff „Migrationshintergrund“ zu sprechen und resümierte, dass es bis jetzt noch keinen besseren Ausdruck dafür gäbe. Dabei musste ich ungewollt an Maria Böhmer denken. Zum Begriff Migrationshintergrund gibt es zurzeit möglicherweise keine bessere Alternative, zu Maria Böhmer schon. Ich wurde schläfrig, als die Wissenschaftler von der Theorie sprachen und fast wäre ich eingeschlafen bis die Journalistin Kenan Kolat das Wort erteilte. Kolats geballte Emotion und Aussagekraft machten mich wieder hellwach. Nicht Red Bull, sondern Kenan Kolat verleiht Flügel. Auf dem Podium war Kolat der Einzige, der das Wissen von Theorie und Praxis vereinte. Er sprach als Einziger mit einer authentischen Stimme. Er kritisierte, dass mangelnde Deutschkenntnisse bei biodeutschen Kindern als eine Bildungsfrage und bei Migrantenkindern als Integrationsfrage deklariert wird.

Ich beobachtete Böhmers Referenten, die Journalistin und die zwei niederländischen Wissenschaftler als Kolat dem Publikum seine Sichtweise der Integration schilderte. In der Gestik und Mimik des Böhmers Schützling, sowie der Journalistin sah ich kurze Überheblichkeit, Spott und Arroganz. Die beiden fanden es wahrscheinlich befremdlich, wie impulsiv und emotional Kenan Kolat an die Sache ging. Aber so ist es eben bei jenen, die in der Migrantenwelt leben und das Migrantensein mit dem Verlassen des Büros nicht abstreifen können. Kolat und ich leben in und mit dieser Welt 24 Stunden am Tag und 365 Tage im Jahr. Der Referent Böhmers, die Journalistin und die der deutschen Kultur nahe stehenden Wissenschaftlern kämen nicht einmal auf die Hälfte der Tageszahl.

Als mir das Wort erteilt wurde, sagte ich, dass ich stolz sei, dass es einen Kenan Kolat gibt, denn in der koreanischen Community gibt es trotz fünf Jahrzehnte Migrationsgeschichte in Deutschland keinen so eloquenten Kenan Kolat, der sich so ausdrückt, wie er es nun mal tut. Die Wissenschaftler befragte ich nach Zahlen, der so integrationswilligen und mustergültigen Vietnamesen auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Doch Zahlen und Statistiken konnten die beiden Wissenschaftler, die selber aussahen, wie zwei Fragezeichen, nicht nennen. Den Referenten Böhmers versetzte ich in Verlegenheit, als ich ihn darauf ansprach, dass Frau Böhmer die Koreaner zu den ersten beiden Integrationsgipfeln nicht einlud, weil sie von der Anzahl (35.000 Koreaner in Deutschland) zu unbedeutend waren und man deshalb die Chinesen und Vietnamesen bevorzugte. Ich ging aus der Veranstaltung heraus mit der Erkenntnis, dass Theorie ohne Praxis ohne Geist ist und Praxis ohne Theorie ohne Leben.

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10 Kommentare
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  1. Don sagt:

    Es steht nicht jedem an sich in die inneren Angelegenheiten unseres Landes einzumischen. Ein Koreaner schuldet mir noch Geld und ist auf und davon. Auf Kosten deutscher Steuerzahler hat er hier studiert, sich nicht für unsere Kultur interessiert, […] und wollte natürlich in England arbeiten, nicht in Deutschland. Wer so die Würde seiner Nation im Ausland beleidigt, muss sich nicht wundern wenn seinen Landsleuten kein Vertrauen entgegenschlägt. Mit Koreanern bin ich durch. Was bildet der Kolat eigentlich ein unser Land mies zu machen? Was ist das für eine unverschämte Haltung, wenn man in einem anderen Lande ist, Ansprüche anzumelden?

    Tut mir leid, das wichtige ist, dass wir Menschen unserer eigenen Nation in die Ämter bringen. Es kann nicht sein, dass fremde Völker sich bei uns breit machen und uns regieren oder man einen Ministerpräsidenten oder Minister hat, der die Frage seiner nationalen Loyalität nicht geklärt hat. Wer Deutscher ist, nämlich jener der einen deutschen Pass besitzt, sollte auch einen deutschen Namen annehmen und keinen Zweifel aufkommen lassen daran, dass er die Interessen des deutschen Volkes vertritt, nicht die von fremden unproduktiven Personen, welche die Sozialsysteme belasten und sich weigern in ihre Länder zurückzukehren, ja nicht mal unsere Sprache beherrschen.

    Und um die Antwort zu geben: Unsere Unterschicht können wir nicht abschieben, aber wir werden doch nicht so naiv sein und noch mehr Unterschicht aus fremden Ländern zu importieren, die dann über Generationen uns auf der Tasche liegen und sich vermehren, und dann zulassen, dass man hier Gleichheit in der Behandlung erwartet wie das Kolat sagt.

  2. LI sagt:

    Sehr geehrter Herr Huyn,

    ein sehr gelungener Artikel, welche mir aus der Seele spricht.

    Es gibt bezogen auf inländischen Probleme – und allein diese sind für uns alle maßgeblich – jede Menge Gemeinsamkeiten unabhängig von Herkunftsländern.

    Zur Sprachwahl:

    Ausländer, Migranten alles negativ besetzt.
    Inländer positiv besetzt.

    Mein Vorschlag z.B. Migländer,

    Vielleicht gibts noch andere Vorschläge.

    Grüsse

    Li

  3. NDS sagt:

    Sehr schöner Erfahrungsbericht, Herr Hyun. Das Problem mit der Aktie „Integration“ ist leider, dass sie in Abhängigkeit zur wirtschaftlichen Lage eines Nationalstaates genau dann an Wert gewinnt, wenn die Wirtschaftskraft an Wert verliert. Dies wird immer so bleiben, so lange PolitikerInnen dies bei Teilen der Bevölkerung als Vertuschung eigenen Unvermögens ausnutzen können.

  4. Hop Singh sagt:

    Lieber Herr Hyun,
    in Anbetracht des , wie sie analog zu Minister Rösler meinten mitteilen zu müssen , wirren Zeugs, das sie in ihrem kleinen Aufsatz kundtun, wäre ihrem Befinden eventuell ein Ortswechsel dienlich.
    Vielleicht Korea; sie wären dann auch das, mit Red-Bull-Kolat gemeinsame, Migrantenweltschiksal los und könnten sich sogar, Stichwort Korea, in den z.Zt. intensiv geführten Nord-Süd-Dialog einbringen.
    Das wäre doch für so jemanden wie sie eine nicht zu toppende Alternative zu Pressekonferenzen in einem latent rassistischen Land, mit deren Protagonisten wie Andreas Kapphan.

  5. MoBo sagt:

    kann jemand vom Migazin bitte den rassistischen Beitrag von „Don“ löschen!

  6. Bierbaron sagt:

    Der in Vietnam geborene Kriegswaise Phillip Rösler ist also ein „Pseudo-Migrant“, weil er wirres Zeug redet und eine andere politische Auffassung vertritt als Herr Hyun? Bei allem Respekt, aber diese Art der Diffamierung und Verächtlichung sollte auf dieser Website, die sich eben für ein respektvolles Miteinander einsetzt, keinen Platz haben!

    Dass nun ausgerechnet eine zwielichtige Person wie Kenan Kolat zum Musteranwalt der Migranten glorifiziert wird, ist bemekenswert, wo eben diese anwaltliche Tätigkeit als sehr anrüchig erscheinen muss:

    http://www.faz.net/s/Rub117C535CDF414415BB243B181B8B60AE/Doc~E8E3026DCDC8849ADB2837E59853E2B3D~ATpl~Ecommon~Scontent.html
    […]Im brandenburgischen Lehrplan werden die Massaker an den Armeniern im Osmanischen Reich in den Jahren 1915 bis 1918 als „Genozid“ bezeichnet. Dies, so Kolat in dieser Woche in der türkischen Zeitung „Hürriyet“, setze die türkischstämmigen Schüler unter einen „psychologischen Druck“, der sie in ihren schulischen Leistungen beeinflusse, und es „gefährde den inneren Frieden“. Er werde sich deshalb mit dem Brandenburger Ministerpräsidenten treffen und diesen darum bitten, die Vorwürfe aus dem Lehrplan zu streichen, kündigte Kolat an.[…]

    Selbstredend wurde dieser skandalösen, man könnte auch sagen: eloquenten Forderung nicht nachgegeben. Ich denke die Geisteshaltung, die hinter einer solchen Forderung steht, diskreditiert Kolat als aufrichtigen Ansprechpartner einer mitunter sehr emonotional geführten gesellschaftlichen Debatte. Denn diese Geisteshaltung ist klar türkisch-nationalistisch.

    Allgemein stört mich, dass man auf dieser Webseite ausschließlich kommunitäre Multikulturalisten liest. Wo sind nur die ganzen Liberalen hin?

    Grüße
    Bierbaron

  7. bogo70 sagt:

    Ich möchte mich MoBo anschließen, wenn schon nicht gelöscht wird, stehen wir halt gemeinsam dagegen an. 😉
    Der Beitrag ist schon ziemlich unter der Gürtellinie, aber wenigstens sieht man wieviel Ignoranz und Hass gegenüber anderen in solchen Menschen steckt.

  8. YMelodieY sagt:

    @ Bierbaron

    „Allgemein stört mich, dass man auf dieser Webseite ausschließlich kommunitäre Multikulturalisten liest. Wo sind nur die ganzen Liberalen hin?“

    Das stört mich auch sehr, darum werde ich keine Beiträge mehr einstellen, denn was nicht passt, wird passend gemacht (gelöscht)

    Mit freundlichem Gruss
    YMelodieY

  9. Songül sagt:

    Nun sind fast zwei Jahre rum und der dummdreiste Beitrag von Don steht immer noch da – zu Recht wie ich finde.
    Die MIGAZIN Redaktion hat sich meines Erachtens nach komplett richtig entschieden, diesen nicht zu löschen.
    Wie ein Mahnmal soll er da stehen …

  10. Songül sagt:

    Lieber Herr Hyun,

    ein, Ihnen mal wieder, sehr gelungener Artikel. Ausschlaggebend hierfür vor allem Ihre, meines Erachtens nach, überdurchschnittlich gut reflektionierte Sichtweise.
    Die kenntnislose und damit willkürliche Einteilung in „gute und schlechte Ausländer“ stinkt zum Himmel. Ziel und Zweck solcher medialen Konstrukte können nur rein destruktiver Natur sein.



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