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Migration und Integration in Deutschland

[Es würde im Interesse der deutschen Arbeiter liegen, wenn wir sie zu Fachkräften ausbilden.] Dafür müssen wir natürlich dann die relativ primitiveren Arbeiten … von ausländischen Arbeitskräften besorgen lassen.

Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard, NWDR-Interview vom 9. April 1954

Überleben ohne Kopf machbar?

Das Ballhaus Naunynstraße hat mit Lö Bal Almanya das musikalische Schauspiel von Nurkan Erpulat und Tunçay Kulaoğlu wieder aufgenommen – und das nicht ohne Grund. Durch die Debatte um Deutschland schafft sich ab ist das Stück, nach seiner Premiere im Mai dieses Jahres aktueller denn je.

VONMichael Götting

DATUM15. November 2010

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RESSORTAktuell, Feuilleton

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Lö Bal Almanya beschreibt, gelinde gesagt, die Geschichte türkischer Einwanderung in die Bundesrepublik Deutschland. Eigentlich aber beschreibt das Stück eine Versuchsanordnung: Die Blattella germanica trifft auf die Blatta orientalis, beides Küchenschaben. Kakerlaken also, die, wie die Zuschauer zu Beginn der Vorstellung erfahren, tagelang ohne Kopf überleben können, bevor sie den Hungertod erleiden.

Hervorholen kollektiver Erinnerungen
Da sitzen nun die Nachfahren türkischer Einwanderer im Scheinwerferlicht, verteilt auf die Bestuhlung eines gutbürgerlich-deutschen Festsaals, der ausgestattet ist mit einem Konzertflügel, dem Bild einer Berglandschaft und dem Portrait irgendeines schnauzbärtigen deutschen Kaisers und spielen uns die Tristesse der Nachkriegszeit vor. Gefühlte zehn Minuten lang geschieht gar nichts. Nur dieses: die Schauspieler blicken stumm, fast regungslos in den Zuschauerraum und halten so dem Publikum den Spiegel vor. Anfängliches Gelächter weicht der Stille und Verunsicherung, die sich unter den Besuchern breit macht.

Es wirkt fast wie eine Erlösung, als das Ensemble ein erstes Lied anstimmt: „Unrasiert und fern der Heimat – fern der Heimat unrasiert“. Das wirkt verhältnismäßig sinnentleert, ist es aber nicht. Die Zeilen entstammen einer von Gustav Schulten kurz nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten veröffentlichten Sammlung von Volksliedern und gehören ganz eindeutig zu den harmloseren Texten, die sich im Oeuvre dieses Komponisten finden lassen. Einige Plätze weiter wird eine Frau vom Mitsingreflex erfasst und wippt dabei glückselig auf ihrem Sitz hin und her. Aber genau das ist, womit Lö Bal Almanya über die gesamte Dauer des Stücks beschäftigt ist: mit dem Hervorholen kollektiver Erinnerungen und dem satirischen Spiel mit den Inhalten eines kollektiven Gedächtnisses, das allzu leicht dazu neigt, zu vergessen und zu verdrängen. So erhalten die Worte dieses Volkslieds eine völlig neue Bedeutung, wenn sie nach einer Szene zum Besten gegeben werden, die eines der Highlights dieser Inszenierung darstellt: da deuten sich die Wehen einer Frau an, ihres Zeichens Angehörige der ersten Generation von türkischen Einwanderern. Sie hält sich mit beiden Armen an den breiten Flügeln der Tür fest, die die Bühne nach hinten begrenzt. Der Raum hinter ihr ist für die Zuschauer nicht einzusehen. Sie stellt die Beine auseinander und, begleitet von ihrem Urschrei schlüpft ein „Migrantenkind“ nach dem anderen unter ihr hervor. Den Sprösslingen der zweiten Generation, die hiernach um Orientierung bemüht über die Bühne taumeln, wird die vertraute Melodie, der bereits bekannte Text nachgeschickt: „Unrasiert und fern der Heimat, fern der Heimat unrasiert“.

Ohne Kopf geht es eben doch nicht – zumindest nicht beim Mensch
Das macht Sinn! Auch, dass Erpulat und Kulaoğlu den Text ihres Schauspiels ausschließlich aus Zitaten zusammengefügt haben. Ludwig Erhard, Willy Brandt, Richard von Weizsäcker, Helmut Schmidt, Günther Beckstein und natürlich Helmut Kohl. Sie alle haben sich zum Thema Gastarbeiter, Ausländer, Integration und „Deutschland ein Einwanderungsland oder eben doch nicht“, geäußert. Auch Necla Kelek darf in dieser Reihe nicht fehlen. In einer Tour de Force arbeitet sich Mehmet Yılmaz durch die Versatzstücke einiger Kohl-Bundestagsreden der 80er Jahre und strickt daraus eine feurige Ansprache, deren Duktus mal an diesen, mal an jenen Politiker erinnert und fast nie an Helmut Kohl.

Auch das macht Sinn. Auch das wühlt mit viel Witz und Charme im kollektiven Teil des Gedächtnisses herum und lässt einen nicht selten erschauern, wenn der Kopf wieder mal den Mitsingreflex eingeschaltet hat und man erkennen muss: ja, diese Worte sind vertraut…leider! Und dieser Reflex macht sich bei jeder neuen Integrationsdebatte bemerkbar.

Die Lösung, die auf der Bühne des Ballhaus Naunynstraße mit Lö Bal Almanya geboten wird, ist doch die: man muss einfach nur die Geschichte der Einwanderer, und der Einwanderung im Allgemeinen, als Teil des kollektiven Bewusstseins unserer Gesellschaft akzeptieren, dann sieht doch alles schon viel besser, viel entspannter aus.

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