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Migration und Integration in Deutschland

Ich bin auch eure Kanzlerin.

Angela Merkel, an die Türken nach der Rede des türkischen Premiers Erdogan in Köln, März 2008

Integration im 16:9 Format

Auf dem Parkett die Vergangenheit, die Zukunft auf der Empore

Pergamonmuseum in Berlin, 9. November 2010: Auf dem Parkett einführende Worte von Bundeskanzlerin Angela Merkel zur Idee und zur Lage Europas, auf der Empore Mulit-Kulti.

VONMartin Hyun

 Auf dem Parkett die Vergangenheit, die Zukunft auf der Empore
Martin Hyun, 1979 in Krefeld geboren, Sohn koreanischer Gastarbei- ter, studierte Politik, International Business und Relations in den USA und Belgien, war der erste koreanischstämmige Bundesligaspieler in der DEL und Junioren Nationalspieler Deutsch- lands. Im Europäischen Jahr des interkulturellen Dialog 2008 engagierte er sich als Botschafter in Deutschland. Er gehörte dem Leadership-Prog- ramm der Bertelsmann-Stiftung an und nahm als ein Vertreter der Koreaner in Deutschland an der Jahreskonferenz 2008 Forum Demographischer Wandel teil, die vom damaligen Bundespräsi- denten Horst Köhler initiiert wurde. Seit 2008 promoviert er zum Thema Arbeitsmigration. Sein Debüt-Buch „Lautlos-Ja Sprachlos-Nein: Grenz- gänger zwischen Deutschland und Korea“ erschien im Eb-Verlag Hamburg.

DATUM12. November 2010

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RESSORTAktuell, Meinung

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Am 9. November 1918 dankte Kaiser Wilhelm II ab und ging in ins Exil. Reichskanzler Prinz Max von Baden übertrug die Regierungsgeschäfte an Friedrich Ebert. Philipp Scheidemann, Mitglied des Rates der Volksbeauftragten und ein Sozialdemokrat, wie Friedrich Ebert rief die Republik aus. Nach einem gescheiterten Putsch Versuch am 9. November 1923 wurde Adolf Hitler zu fünf Jahren Haft in Landsberg am Lech verurteilt. 15 Jahre später, an einem 9. November 1938 erfolgte die Reichskristallnacht. Am 9. November 1989 fiel die Mauer und Deutschland wurde eins.

Der 9. November 2010 war im Gegensatz zu den anderen 9. Novembern, ein harmloser Tag. Nur der Rücktritt des Pressesprechers von Bundesfinanzminister Schäuble machte Schlagzeilen und schaffte es sogar bis in die Hauptnachrichten. Ein anderes Highlight fand sich wahrscheinlich nicht. Nachdem Schäuble seinen Pressesprecher in der Öffentlichkeit bloß stellte, schmiss er beleidigt das Handtuch. Im Bundestag ist solch eine Behandlung von Vorgesetzten zu Untergebenen an der Tagesordnung und war für mich deshalb nicht verwunderlich. Ich war nur von der Dünnhäutigkeit des Schäubles Mitarbeiters verwundert. So was muss man schon aushalten können, dachte ich mir. Menschen mit Migrationshintergrund, geschult vom Leben in Deutschland sind hart im Nehmen und hätten Schäubles schwäbischen Wutausbruch locker erduldet.

Am 9. November 2010 war ich mit meinem Freund Felix im Pergamonmuseum, wo die Bundeskanzlerin einführende Worte zur Idee und zur Lage Europas halten sollte. Der Saal war prall gefüllt, mit Jung und Alt. Botschafter aller Herren Länder, Bundes- und Europaabgeordnete, Bundestagspräsident Norbert Lammert, Bundespräsident a. D. Richard von Weizsäcker, Bundeskanzlerin Merkel, sowie der Präsident des Europäischen Rates Herman Van Rompuy waren anwesend. Ich nahm mit Felix auf den oberen Rängen platz, von der wir eine gute Sicht auf alles hatten. Dort hatte sich bereits eine kleine Gruppe Multi-Kulti Zugewandter versammelt. Felix und ich setzten uns neben den Kopftuchtragenden Mädchen hin und fühlten uns dabei pudelwohl. Multi-Kulti lebt.

Von „grenzenloser Freude“ sprach die Bundeskanzlerin Merkel zum 21-jährigen Jubiläum zum Fall der Mauer. Wo bleibt ihre „grenzenlose Freude“ zum Thema Integration, fragte ich mich. Hinter mir klatschte ein Junger, wahrscheinlich ein Parteigenosse seiner Kanzlerin, begeistert zu. Es war dieses politische Klatschen, dass man nur auf Parteitagen hört – ein Klatschen ohne Rückgrat. Menschen sollen sich geschmeichelt fühlen, wenn sie sich mit soviel Macht umgeben. Dafür inszeniert man schließlich solche Veranstaltungen und solche wie der Integrationsgipfel.

Von Van Rompuys Rede blieb mir nur „Winterschlaf“ und „All our countries have to deal with a new diversity. The time of the homogenous nation-state is over. Each European country has to be open for different cultures. However, we only have one civilization: of democracy, of individual rights, of the rule of law” in meinem Gedächtnis hängen.

Auf dem Parkett habe die Vergangenheit gesehen. Die Zukunft saß auf der Empore.

Beim anschließenden Empfang tranken Felix und ich, jeweils einen Weißwein. Bei solchen Events kann man das Essen nie genießen. Deshalb verließen wir den Empfang, so schnell, wie wir gekommen waren in Richtung Alexanderplatz. Dort setzten wir uns in eine Dönerbude und lebten das vor, was Seehofer und unsere Bundeskanzlerin für tot erklärten.

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