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Peter Clever, Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, April 2013

Partiziano

Generation Harmstorf

Wie die Kartoffeln vergeblich versuchten uns Spaghetti um die Finger zu wickeln – Unter Dichotomie versteht man in der Linguistik die Aufteilung in sprachinterne und sprachexterne (also metasprachliche) Merkmale.

VONMarcello Buzzanca

 Generation Harmstorf
Marcello Buzzanca, geb. 1972 in Frankfurt/Main. Studium der Romanistik, Amerikanistik und Germanistik in Frankfurt und Málaga. U.a. tätig als Autor, Texter, Redakteur, Übersetzer, Blogger und Kolumnist bei MiGAZIN. 2001 Gewann er den Studentenwettbewerb des Bundesinnenministerium zum Thema: Angekom- men! Aufgenommen? mit dem Essay: „Periodischer Patriotismus: Beobach- tungen einer geteilten Seele“

DATUM3. November 2010

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RESSORTAktuell, Meinung

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So ist beispielsweise die Grammatik ein Bestandteil des Sprachinternen, während andererseits der Gesprächspartner dem Sprachexternen zugeordnet wird. Wenn man jetzt also als veritabler Spaghetti seine deutschen Gegenüber als Kartoffelen beschimpft, sprachwissenschaftlich betrachtet sowohl das Sprachinterne- wie auch das Externe erfolgreich malträtiert. Einerseits hat man nämlich immer noch nicht verstanden, dass die Schwa-Tilgung dazu geführt hat, dass die Pluralendung –en in ein simples–n überging und andererseits gleich noch Rassismus betrieben.

Bundesfamilienministerin Kristina Schröder-Köhler ihrerseits ist, zumindest was ihre Nachnamen angeht, ein wandelndes Dichotom im Sinne der Trennung einer Menge in zwei Untermengen ohne gemeinsame Schnittmenge. Was sollen denn auch Schröder und Köhler gemeinsam haben, abgesehen vom peinlichen Abgang von der politischen Bühne? Richtig, sie teilen den Bindestrich und das Phänomen Kristina, quasi als Zugpferd mit Hinblick darauf, dass auch und vor allem Vornamen die Richtung angeben. Kristina, die Christin in der Christlich-Demokratischen Union, hat sich nun fest vorgenommen, ihren persönlichen Teil zum Kreuzzug der Konservativen beizutragen. So stellte sie fest, dass es auch eine Form der Diskriminierung und des Rassismus sei, wenn Deutsche als Kartoffeln beschimpft würden.

Dabei reicht es doch den Duden, also quasi den Bundesanzeiger für sprachliche Ausschreibungen, zu bemühen, um zu sehen, dass Kartoffel ein grundständiges italienisches Wort ist. Entstanden aus dem italienischen tartufolo (weil wir Spaghettis alle Knollen von demselben Schwein ausgraben lassen und keinen Unterschied zwischen gemeinen Kartoffeln und köstlichen Trüffeln machen), wehrte sich der deutsche Mund qua Dissimilation (also durch Umwandlung der beiden T in ein K und ein T) und erfand sich selbst-nicht als Kartoffel, sehr wohl aber im Sinne des Kartoffeldrucks, den ja Gutenberg maßgeblich prägte.

Wenn also ein/e Ausländer/in eine/n Deutsche/n als deutsche Kartoffel beschimpft, sagt sie ja eigentlich nicht mehr als: Du bist ein verborgener und seltener Schatz, den Schweine (also keine Moslems) am besten finden. Insofern sind alle Muslimophoben auf der sicheren Seite, wenn sie sich zur Kartoffel bekennen.

Kartoffel in Deutschland implizieren weiterhin, dass sich ähnlich der deutschen Bevölkerung auch die Anbaufläche dieses Nachtschattengewächses in den letzten zwanzig Jahren halbiert hat, während andererseits China das führende Kartoffelanbauland ist und 2008 das UN-Jahr der Kartoffel war, was ohne Zweifel als Wink der UN hinsichtlich eines permanenten Sitzes Deutschlands im UN-Sicherheitsrat verstanden werden darf.

Außerdem kann diese uralte Nutzupflanze anders als tüchtige Deutsche auch mal faul sein und dann zur Irish potato famine, der großen Hungersnot in Irland zwischen 1845 und 1849 und damit zu einem großen Exodus der Iren Richtung USA führen.

Was also soll eine Kartoffel bitteschön mit Deutschen gemein haben? Und warum stellen sich die Deutschen so an, wenn man sie Kartoffel nennt? Kartoffeln kann man schälen, pürieren, mit der Gabel, dem Löffel oder in Alu-Folie essen. Sie wachsen wie Tabak unter der Erde und werden dennoch geringer besteuert. Kartoffeln kann man auch ungekocht essen: Einfach ins Feuer werfen und warten, bis sie durch sind. Sie dienen Kindern, die naturgemäß Gemüse links liegen lassen, als wichtiger Vitaminlieferant und sind sogar lehrreich, was Altruismus angeht (vgl. die Geschichte vom Kartoffelkönig, der sich freiwillig von zwei hungrigen Kindern essen lässt). Nudeln hingegen sind der Inbegriff von Sperenzien. Es gibt sie in hunderten von Formen, deren Namen kein Mensch auszusprechen wagt, es sei denn, er stammt aus Italien oder hat einen VHS-Kochkurs gemacht (Mama macht Makkeroni oder Papa paniert Pasta). Nudeln sind filigrane Fallstricke der Kochkunst und können nicht nur, wenn sie al dente sind, selbsternannten kulinarischen Trouble Shootern auf den Zahn fühlen. Sie lassen sich schwer um den Finger wickeln und eigentlich nur mithilfe von Parmiggiano partigiano und Soße bändigen.

Außerdem: Wer glaubt schon, dass Raimund Harmstorf so berühmt geworden wäre, wenn er anstelle einer rohen Kartoffel ein Pfund Spaghetti in der Hand zerdrückt hätte?

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