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Migration und Integration in Deutschland

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Eindrücke

In einem Land, dessen Sprache ich nicht spreche

Ein fremdes Land zu erkunden und dort Fuß zu fassen, ist immer eine Herausforderung. Wenn die Sprache dann noch völlig unvertraut ist, findet man sich ständig in Situationen der Hilflosigkeit, der Unterlegenheit wider.

VONFranziska-Julia Dorothea Knupper

DATUM29. Oktober 2010

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RESSORTAktuell, Meinung

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Ach diese Wanderjahre! Immer wieder verschlägt es meine Generation und mich in die fernen Länder dieser Welt, raus aus Deutschland, ab in ausländische Universitäten und Schulen. Überall reisen und leben wir uns ständig aufs Neue ein. Dies ist fester Bestandteil unserer Ausbildung und des modernen Lebensstils geworden. Und nicht immer bleibt es dabei, die Grenzstaaten, nur wenige Autostunden entfernt vom trauten Heim, zu besuchen. Nein – oft muss es exotischer sein. Man reist weiter gen Norden oder Süden, oft in ein Land, dessen Sprache man weder kennt, noch versteht oder spricht. Und dieser Umstand birgt viele Abenteuer, Erfahrungen, Gefahren. Ein fremdes Land zu erkunden und dort Fuß zu fassen, ist immer eine Herausforderung. Wenn die Sprache dann noch völlig unvertraut ist, findet man sich ständig in Situationen der Hilflosigkeit, der Unterlegenheit wider.

Manch einer, der immer einen lockeren Spruch auf den Lippen hatte, findet sich plötzlich als schüchternen Beobachter wieder. Manch einer, der es gewohnt war, sein Herz auf der Zunge zu tragen, entdeckt die Tugend der Zurückhaltung. Auch der Sprachgewandteste verzichtet plötzlich auf elegante Redewendungen und beschränkt sich drauf, elementare Wünsche schnörkellos, ohne Umschweife und überraschend direkt vorzutragen. Der eingefleischte Bahnfahrer kann sich endlich auch ohne Kopfhörer entspannen, da er die Gespräche des telefonierenden Sitznachbars nicht versteht. Jeder noch so piefige Nachbar flößt Angst und Respekt ein, auch wenn es nicht verdient, Werbeplakate enthalten Geheimbotschaften, das Radio wird zu einem fremden Universum und ein harmloser Tratsch zweier Passanten klingt wie eine boshafte Intrige.

Es ist ein eigenartiges Gefühl, so ganz der Sprache beraubt zu sein. Man wird wieder Kind. Man wird hilflos und abhängig von der Güte anderer, langsam zu sprechen oder rücksichtsvoll das Gesagte zu wiederholen. Auch der sozialste, gesprächigste Smalltalk-Profi findet sich unversehens am Rande des Gesprächs wider und muss auch noch dem größten Sprachbanausen artig Respekt zollen, nur weil dieser fließend seine Muttersprache spricht. Es fehlt der Schlüssel zu einer ganzen Welt, zu dieser neuen Kultur, zu Wissen, Information, Kommunikation, Interaktion. Der Schlüssel, der uns dazu befähigt, den Menschen auf Augenhöhe zu begegnen und die eigene Persönlichkeit ungefiltert in die Welt hinausposaunen zu können.

Aber aus dieser zwangsweisen Hilflosigkeit heraus erwächst plötzlich ein unglaublicher Wille, ein Wunsch, zu verstehen, zu kommunizieren und jedesmal wenn man einen weiteren Laut vernimmt oder eine Schlagzeile begreift, öffnet sich ein weiteres Fenster zu einem neuen, verborgen System, das es einem erlaubt, aktiv an dem Leben der Einheimischen teilzunehmen.

In diesem langwierigen Lernprozess kostet man zum ersten Mal die aufregende Fremdheit, absolute Eigenartigkeit eines Landes. Man glaubt zu erahnen, wie es sein muss, als völlig Fremder in einem Land einzuwandern. Wie es sich wohl anfühlen muss, völlig auf den Gehörsinn und das Sprechen zu verzichten und sich dadurch ständig in eine reuevolle Unterlegenheit – sei es an der Supermarktkasse, im Unterricht oder im Gemeindeamt – begeben zu müssen.

Man kann sich kaum vorstellen, wie es ist, so aufzuwachsen und von klein auf daran gewöhnt zu sein, am Rande einer Gesellschaft zu stehen. Seine Mitmenschen nicht belauschen zu können, sich mit unwirschen Verkäufern nicht ordentlich streiten und bei einem Lied nur die Laute anstatt des Textes mitsummen zu können. Und doch wäre es vermessen und anmaßend, eine Generation neugieriger und bildungsnaher Studenten mit der Einwanderunsgwelle hart arbeitender Migranten zu vergleichen, die weder ähnliche Perspektiven, Ziele noch überhaupt Chancen hatten, Fuß in ihrem Gastland zu fassen. In abgeschotteten und fest gefügten Kommunen ergab sich vielmehr die Möglichkeit unter sich und der fremden Sprache so fern wie möglich zu bleiben. Der Ausweg und Wunsch in die Gesellschaft die Kultur einzutauchen und davon zu kosten blieb bis auf weiteres versperrt und öffnet sich nur beschwerlich.

Und doch bekommt der orientierungslose Student im Ausland zum ersten Mal und nur für einen winzigen Augenblick Einblick in die Gefühlswelt derer, die von ihren Kindern zum Arztbesuch begleitet werden müssen. Die etwas unterschrieben, ohne es lesen zu können. Die vorgeben, schüchtern zu sein, um sich nicht die Blöße zu geben, in gebrochenem Deutsch zu sprechen. Aber man erlebt auch am eigenen Leibe, wie natürlich der Wunsch wird, sich in diese neue Sprache einzufinden, sie erforschen zu wollen, ihren Geist zu erlernen. Man will sich streiten, grölen und flüstern können, seine Meinung vorbringen und demjenigen Komplimente machen, der es verdient. Wo sind die Comics, die Nachrichten, die Speisekarten, die dicken Wälzer, die nervtötenden Werbezettel im Briefkasten?! Sie alle wollen gelesen werden, sie alle bergen aufregende Botschaften. In diesem ganzen Prozess darf man nicht streng mit sich sein, man muss Spaß haben und die Zeit genießen, in der man den Menschen unbefangener als sonst begegnet und sich auf Gespräche einlassen, die einen nicht die Bohne interessieren. Man findet sich in einem unvergleichlichen Vorgang ständiger Veränderung wieder, man revidiert, verbessert sich unentwegt, sucht ständig händeringend nach Wörtern.

Aber man will nicht unmündig bleiben, will nicht Kind sein; man will kommunizieren, abstrahieren und in einem Gespräch erkennen können, welchen Geistes Kind der Gegenüber ist. Man will Tonfall, Dialekt und Wortwahl einordnen können, skeptisch sein, Wortwitze machen und in Bildern sprechen. Denn nur mit der Sprache kann man sich mit Leichtigkeit in einer neuen Umgebung bewegen, die Kultur einsaugen, sich zugehörig fühlen. Denn nur durch die Sprache begreift man auch Kulturgüter, Traditionen, Bräuche, Denkweisen und den über die Jahrhunderte gewachsenen Geist des jeweiligen Landes, der in der Stimme eines jeden Sprechenden zum Ausdruck kommt. Denn ohne die Sprache bleibt man in einer Enklave, mit unerkanntem Potenzial in der ewigen Fremde, ewig Kind.

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