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Fußball und Integration

“Wir gegen uns”

Mesut Özil sieht immer ein wenig traurig aus. Auch nachdem ihn mehrere Zehntausend türkische Fußballfans im Berliner Olympiastadion ausgepfiffen hatten, verließ der traurige Mesut mit Hängeschultern bedröppelt das Spielfeld.

Kein Wunder, sollte man meinen. In den Augen vieler Fußball-Türken ist Özil so etwas wie ein Vaterlandsverräter, weil er sich entschieden hat, für sein Geburtsland zu spielen und nicht für das Land seiner Eltern. Aber nicht die Pfiffe machten Özil an diesem Abend in Berlin zu schaffen, sondern ein Allerwelts-Fußballwehwehchen: Der Knöchel war dick.

Nicht nur wegen Mesut Özil – das deutsch-türkische Fußballverhältnis ist ein besonderes. Wir gegen uns, schrieb die Süddeutsche Zeitung als Reaktion auf das EM-Qualifikationsspiel Deutschland gegen die Türkei. Der eine Verband versucht dem anderen die Talente abzujagen.Viele Spieler mit Halbmond auf der Brust sind in Deutschland geboren, so wie Özil.

Auch der kleine Mesut aus dem Ruhrpott hätte sich als großer Özil für das Land seiner Eltern, die Türkei, entscheiden können. Tat er aber nicht. Deshalb der Ärger vieler türkischer Fans auf der einen und die Freude der Deutschen auf der anderen Seite: Endlich, der begnadete Mesut, der Schalker Jung, ein gelungenes Beispiel für Integration. Hurra.

Man hat ja schließlich lange genug darauf gewartet und war schon so nah dran. Bei der Weltmeisterschaft in Südafrika ist Löws Multikulti-Elf bereits als Abbild einer neuen deutschen Gesellschaft gefeiert worden, so erfrischend undeutsch kamen sie daher – dank Dribbler mit Hintergrund wie Khedira, Podolski, Boateng oder eben Özil.

Doch dann kam es anders. Erst Sarrazin, die Integrationsthesen, dann die Islam-Debatte und zuletzt Seehofers Zuwanderungsstopp. Höchste Zeit für eine Pause. Gut, dass es wenigstens im Fußball klappt mit der Integration.

Doch ist Mesut Özil tatsächlich ein gelungenes Beispiel für Integration?

Nehmen wir die Antwort vorweg: Sie ist recht eindeutig, sie lautet: jein!

Denn mit Fußball und Integration ist das so eine Sache. Kein Spiel der Welt verbindet so sehr und bewegt Milliarden Menschen auf der Welt, lässt sie in die Stadien strömen und in Hinterhöfen kicken. Das Spiel und die Begeisterung für eine Mannschaft eint Massen zumindest für den Moment und ist für manche gar Religionsersatz.

Die Entscheidung eines jungen Talentes mit türkischen Wurzeln, für Deutschland aufzulaufen, kann selbstverständlich als Bekenntnis verstanden werden. Ja, Özil für Deutschland kann Vorbild für viele sein. Er kann Möglichkeiten zur Identifikation bieten, eine bindende Funktion darstellen – insbesondere wenn er viele Tore schießt. Lassen wir an dieser Stelle jedwedes Karriere-Kalkül eines Vollprofis einmal außen vor.

Gleichzeitig trennt Fußball aber auch: Nationen, Regionen, Stadtteile, Straßenzüge und Nachbarn. Wer hat noch nicht das schrille “Wir gegen Euch” von den Schulhöfen gehört, wenn Grundschüler in großen Pausen die Bälle zum Kicken rausholen. Gegnerschaft und Gemeinschaft liegen im Fußball, ja bei den Sportspielen im Allgemeinen, stets nahe beieinander. Sie sind systemimmanent, wenn man so will.

Und das muss auch so sein. Denn ein Großteil des Reizes gewinnen Ballspiele genau aus dieser Spannung – so auch der Fußball. Özil in schwarz-weißem Nationaltrikot ist also Zu- und Absage zugleich.

Es handelt sich also um eine Doppelfunktion: Auf der einen Seite integriert Fußball, auf der anderen Seite schließt er aus. Mesut Özil hat das am Abend des Länderspiels Deutschland gegen die Türkei erfahren. Kein Grund traurig zu sein. So ist das Spiel. Integration dauert länger als 90 Minuten.