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Migration und Integration in Deutschland

Es sei denn, man würde die Lebensverhältnisse der Ausländer in der Bundesrepublik derartig nachhaltig verschlechtern, dass ein Leben am Rande des Existenzminimums in den Herkunftsländern vorteilhafter erschiene.

Forschungsverbund „Probleme der Ausländerbeschäftigung“, 1979
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Studie

Deutschland! Rechts um! Marsch-Marsch?

Jeder dritte Deutsche hält sein Land für „überfremdet“, jeder Zehnte wünscht sich wieder eine Diktatur und einen „Führer“ und die Mehrheit möchte die Religionsfreiheit für Muslime „erheblich“ einschränken.

Rechtsextremismus und Islamfeindlichkeit sind tief verankert in der gesellschaftlichen Mitte Deutschlands. Das zeigt eine am Mittwoch (13.10.2010) in Berlin vorgelegte Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung. Die Leipziger Wissenschaftler Oliver Decker und Elmar Brähler, die die Studie durchgeführt hatten, sprachen von einer dramatischen Trendwende: „Im Jahr 2010 ist eine signifikante Zunahme antidemokratischer und rassistischer Einstellungen zu verzeichnen.“

Dabei wurden die Menschen im April 2010 befragt, also noch vor Thilo Sarrazins Thesen zur Integration. „Hätten wird die Befragung heute durchgeführt, wären die Befunde sicher noch extremer“, sagte Brähler.

Auch Wolfang Benz, Antisemistismusforscher an der Technischen Universität Berlin, sieht einen Zusammenhang: „Der Stammtisch fühlt sich bestärkt, wenn auch der Ministerpräsident einen Zuwanderungsstopp fordert,“ sagte er in Anspielung auf die jüngsten Aussagen von CSU-Chef Horst Seehofer. Insbesondere das Anwachsen der Islamfeindlichkeit sei für ihn wenig überraschend: „Wer sich heute als Antisemit öffentlich darstellt wird geächtet. Wer sich hingegen mit ganzen ähnlichen Methoden, Unterstellungen und Vermutungen als ein sogenannter Islamkritiker positioniert, bricht kein Tabu,“ sagte Benz.

Feindseligkeit gegen Muslime besonders ausgeprägt
So ist der Studie zufolge die Feindseligkeit gegenüber dem Islam besonders ausgeprägt. 58 Prozent würden die Religionsausübung für Muslime „erheblich einschränken“. Dabei ist bemerkenswert, dass islamfeindliche Einstellungen selbst bei der Hälfte der Deutschen verbreitet sind, die rechtsextremen Aussagen an sich überwiegend kritisch gegenüberstehen. Das sei ein Wandel hin zu einem „modernen Rassismus“, so die Forscher. Nicht eine „genetische Rassenzugehörigkeit“ würde in den Vordergrund gerückt, sondern vornehmlich kulturelle und religiöse Unterschiede.

Im Osten sind den Forschern zufolge Ausländer- und Islamfeindlichkeit stärker ausgeprägt, obwohl der Migrantenanteil dort am geringsten ist. Ein Grund sei die hohe Arbeitslosigkeit in den neuen Bundesländern. Erfahrungen mit Arbeitslosigkeit führen laut Brähler eher zu rechtsextremen Einstellungen.

Logik des Ressentiments
Etwa ein Drittel sieht die Bundesrepublik „durch die vielen Ausländer in einem gefährlichen Maß überfremdet“. Über 34 Prozent der Bevölkerung ist der Meinung, dass Ausländer nur kommen, „um unseren Sozialstaat auszunutzen.“ Ebenso viele denken zudem, dass man bei knappen Arbeitsplätzen „Ausländer wieder in ihre Heimat zurückschicken“ sollte.

Für die Studie „Die Mitte in der Krise – Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2010“ wurden im Frühjahr mehr als 2.400 Menschen im Alter von 14 bis 90 Jahren in direkten Interviews befragt. Die Studie kann auf den Seiten der Friedrich-Ebert-Stiftung als PDF-Datei kostenlos heruntergeladen werden.

Und dabei hätten Argumente „nur wenig Chancen gegen die Logik des Ressentiments“, so Decker. Zunächst würden Migranten von den gesellschaftlichen Entwicklungsmöglichkeiten systematisch ausgeschlossen, um ihnen dann die Folgen einer verfehlten Integrationspolitik anzulasten.

13 Prozent wünschen sich „Führer“
Laut Studie ist fast jeder Vierte der Meinung, dass Deutschland jetzt „eine einzige starke Partei“ braucht, „die die Volksgemeinschaft insgesamt verkörpert“. In diesem Zusammenhang überrascht nicht, dass der Zuspruch für eine Diktatur als Staatsform wächst. Einen „Führer“ wünschen sich rund 13 Prozent der Deutschen, damit „Deutschland zum Wohle aller mit starker Hand regiert“ wird. „Unter bestimmten Umständen“ halten knapp neun Prozent sogar eine Diktatur für „die bessere Staatsform“. So sind auch gut 10 Prozent der Meinung, dass der Nationalsozialismus „auch seine guten Seiten“ gehabt habe.

Rechtsextreme Einstellungen in der Mitte der Gesellschaft
Auch rechtsextremistische Einstellungen haben der Studie zufolge zugenommen. Die Forscher führen diesen Anstieg auf Abstiegsängste zurück. Dies habe mit der Wirtschafts- und Finanzkrise zugenommen und betreffe alle Gesellschaftsgruppen. Allerdings stimmten ältere und Menschen mit geringem Bildungsniveau wesentlich häufiger rechtsextremen Aussagen zu als junge und gebildete Menschen.

Rechtsextremismus ist den Forschern zufolge aber kein Randphänomen. In der Mitte der Gesellschaft sei sie ebenso vertreten. So hätten der Untersuchung zufolge alle Parteien Anhänger mit rechtsextremen Ansichten. Ein weiterer Befund sei, dass unter den Mitgliedern der evangelischen und katholischen Kirche diese Gedanken sogar noch etwas verbreiteter sei als unter Konfessionslosen.

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37 Kommentare
Diskutieren Sie mit!»

  1. Andre sagt:

    Wenn das Nazis sind…wenn das Rasissmus sein soll..
    Dann habt ihr echt keine Ahnung von Rasissmuss!
    Geht mal mit einem Kreuz durch Saudi Arabien oder dem Jemen..
    Mit Judenstern durch Neukölln..
    Dann wisst, was Rasissmuss ist!

  2. Björn-Thorben Radziwill sagt:

    Wenn ihr glauben würdet, was in dieser Studie steht, hättet ihr die Koffer schon gepackt. Ich jedenfalls würde nicht in einem Land leben wollen, in dem Adolf Führer schon sein Messer wetzt.

  3. S.G. sagt:

    @ Andre:

    Aber haben die Moslems auch den Respekt vor den Deutschen?
    Da ist der Haken an der Sache!

    Warum unterstellst Du den „Moslems“, dass Sie kein Respekt vor den Deutschen haben? Die Moslems und die Deutschen gibt es nicht. Genau das ist der Punkt in der Integrationsdebatte: Es wird nur pauschalisiert! Und das ist sehr gefährlich!

    @waldfrucht
    Welche Partei ist denn – nach Meinung des Migazins – dann überhaupt noch wählbar in Nazi-Deutschland?

    Wieder eine Unterstellung. Gott sei dank gibt es noch Parteien, die man wählen kann und wir nicht im Nazi-Deutschland sind! Manche hätten es gerne, jedoch wird es hoffentlich nie wieder Auschwitz geben!

  4. Othelo sagt:

    Ja, lieber Andre, hatte ich gelesen und meine Worte galten nicht an Dich!!!
    Es ist mir durchaus bewusst das manche Ausländer Defizite haben, was den Respekt gegenüber Deutschen anbelangt. Ich bin persönlich mit dem Weltbild der Brüderlichkeit gegenüber jedem Menschen, egal welcher Religion und welchem Aussehen oder welcher Nation aufgewachsen. Und ich spreche davon!!!
    Wenn ich mich zu lautstark artikuliert habe, dann tut mir das leid!!! Ich habe jedoch, weil ich hier geboren und aufgewachsen bin, genug Erfahrungen, welche mich dazu veranlassen, vieles kritisch zu betrachten…und hier geht kein Diskurs und keine faire Debatte über die Bühne!!!
    Das macht mich traurig, weil dieses Land dieses nicht verdient. Ich wohne übrigens in Ostdeutschland und ich weiss, dass viele meiner Landsleute keinen Schimmer haben, wie wunderbar auch hier die Menschen sein können.
    Ich bin einfach enttäuscht und habe es satt mich diesen Verstellungen zu fügen und mir einreden zu lassen, ich sei nicht ehrlich, wenn ich hier sehe wie viele ein auf Gutmenschen machen und ich und meine Leidensgefährten Ihnen doch am Po vorbeigehen, egal wie sehr wir uns anstrengen und anpassen….“ Nu, mach mal hier kein auf Opfer“ heisst es dann. Und es geht hier nicht um mich. Aber um Menschen, die der deutschen Sprache nicht so mächtig sind und jetzt auch noch aufgrund ihrer Biologie zu minderwertigeren Menschen determiniert werden. Da fühle ich , dass ich etwas sagen muss. Und das werde ich auch!!!

  5. Reseller Berlin sagt:

    Nazi-Deutschland ? Du meinst Nazi-Westen :

    http://islamische-zeitung.de/?id=13787

    Oder sogar noch besser : gehijackter Westen , das auch gegen die Interessen der eigenen Bevölkerungen agiert zum Nutzen von minimalen Bevölkerungs-Teilen.

  6. apo sagt:

    ey jungs ich bin türke und stimme dem voll und ganz zu weil ich tag für tag mit diesem mist konfrontiert werde sei es in der schule oder auf der arbeit dass man direkt als islamist dargestellt wird wenn man schwarze haare hat
    tut mir leid wer was degegen sagt die realität ist so, wie gesagt ich erlebe es von tag zu tag. Ich bin vielleicht nicht sooo gläubig wie meine eltern ich geh feiern wenns sein muss kipp ich mir einen…. heißt dass ich nich alles so extrem nehme aber trotzdem als der absolutistische moslem sei . Ich bin stolz auf meine herkunft, auf meine religion -den Islam- und auch darauf dass ich das glück hab in einem eigentlichen schönen und guten land wie deutschland geboren zu sein und hier die bildung erreicht habe, dass ich eine lebensgrundlage aufgebaut habe ohne dabei gleich ein Imam geworden bin ….. also leute lasst die moschee im dorf, wie gesagt und gebt eure verborgene antiislamische haltung offen zu

    lg, euer hoffentlich den sitz von cem özdemir einnehmen wollender student =)

  7. […] Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung „Die Mitte in der Krise – Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2010“ attestiert knapp einem Viertel der Deutschen Ausländerfeindlichkeit bis in die Mitte der […]

  8. delice sagt:

    Tja, man wird jetzt doch ertappt und sogar wissenschaftlich fundiert, in Form einer Studie der FES.

    Nun, solche Studien gibt es schon seit vielen Jahren. Man denke da nur alleine, an die der Universität Jena, die alljährlich als so gen. „Thüringer Monotoring“ der Staatsregierung heraus kommt. Wir haben auch davon öfters berichtet. Aber auch die FES selbst hat immer wieder in anderen Studien den latent hohen Anteil der aufkommenden Nazis öffentlich dokumentiert, z.B. auch die unter den Anhängern einer SPD und in den Deutschen Gewerkschaften, eigentlich einer Klientel, die dagegen immun sein sollte, sollte man meinen.

    Und auch wenn man selbst in Deutschland ein Emigrant oder Ausländer ist, kann man dennoch ein so genannter „Nazi“ sein. Sich darauf zu beschränken, dass dies nur Deutsche sein können ist wirklich völlig lebensfern und die stetige Betonung man sei keiner, heilt diesen möglichen Vorwurf auch nicht! Außerdem kann man sich ja auch als Deutscher in einen Ausländer verwandeln.

    Aber blicken wir mal nach Österreich. Dort wählen die aus Ex-Jugoslawien, vornehmlich mit serbischem Hintergrund stammenden Neubürger Österreichs ausnahmslos die Freiheitlichen. Denn sie leiden immer noch an ihrem „Amselfeld-Syndrom“. Der Süden Österreichs ist ohnehin eine Domäne von Menschen, die ihre Wurzeln in Slowenien oder Kroatien sehen. Und viele Auslandsgriechen, als ausgewiesene Hätschelkinder der Europäer, im speziellen, der Deutschen und Engländer, glauben auch an ihre gepflegte Feindschaft zu den Türken und den Islam. Obwohl die meisten christlichen Araber griechisch-orthodox sind.

    Das man also Ausländer sei, ist kein Freibrief für unverhohlenem Rassismus!

  9. delice sagt:

    @ Björn-Thorben Radziwill

    Wenn man so heißt, wie „Radziwill“ sollte man auch sich in unseren Kreis einfinden. Ist das nun Ihr echter Name oder ein Kampfname.

  10. delice sagt:

    Der obige Satz im obigen Artikel von Migazin hat es schon in sich: „Zunächst würden Migranten von den gesellschaftlichen Entwicklungsmöglichkeiten systematisch ausgeschlossen, um ihnen dann die Folgen einer verfehlten Integrationspolitik anzulasten.“

    Die eigenen gemachten Fehler werden den eigentlichen Opfern angelastet. Wer in Deutschland so lange – bewusst – lebt, also nicht träumt oder alles beschönigt, kennt diese besondere Deutsche Mentalität, dieses einzigartige Phänomen in der Welt. Es muss wohl ein bestimmtes Gen sein, auch wenn es Menschen woanders in der Welt gibt, die ähnlich sich so verhalten, ist es aber hier zu stark verbreitet, als das wir es verleugnen könnten. Ich war öfters Opfer dieses Verhaltensmusters. Die Fehler werden kaschiert und verheimlicht und dafür vermeintliche Fehler des anderen Fremden, als solches inszeniert und erhöht, um dann alle Schuld und Sühne ihm aufzuladen. Keinem kommt dabei je einen Moment eine Gewissensfrage in den Sinn, auch nicht bei Gericht als Zeuge, als das sie dafür gemacht werden. Die Größe – für das Einstehen von Fehler – haben die wenigsten von ihnen. Ist auch kein Wunder, wenn selbst Manager, Politiker und andere verantwortliche für ihre eigenen Fehler nie dafür einstehen müssen. Warum denn auch, wenn selbst auf eine sehr kleine Zahl reduzierte Anzahl der größten Verbrecher aller Zeiten so glimpflich davon kamen.

    Für Erfolge hin dagegen sind sie aber die Ersten, die sich dann darin sonnen, darin outen, baden oder auch suhlen wollen, auch wenn sie eigentlich dafür nicht einmal verantwortlichen waren, für den später eingetretenen Erfolg. Das macht aber ihnen gar nichts aus, denn bemächtigen sie sich gerne dieses Erfolges, auch im Windschatten eines fremden Erfolges.

    Außerdem wird, wie ich denke, nicht der Schuldige für diese wirtschaftlichen Verfehlungen an den Pranger gestellt, sondern es wird gezielt der jenige ausgegrenzt, der ohnehin nichts dafür kann und genauso an der wirtschaftlichen Verelendung dieses Landes leidet.

    Der Deutsche neigt aber gerne dazu vieles zu übertreiben. Genauso wie es einen gesundheitlichen Hypochonder gibt, der sich Krankheiten aufzwingt, die nie hat und auch wohl nie haben wird, gibt es so gesehen – für mein Dafürhalten – auch einen wirtschaftlichen deutschen Hypochonder. Selbst, wenn er eigentlich nichts zu befürchten hat, wähnt er sich in der bittersten Armut leidend, obwohl nachweislich er und seine Partnerin eine gute berufliche Position inne haben, also sehr gut verdienen und vieles mehr, ja beinahe alles bei ihm rund läuft, fühlt er innerlich den großen Herzschmerz der Mittellosigkeit. Man könnte ihn auch als einen negativen Visionär bezeichnen, vom Schlage einer Kassandra.


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