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Migration und Integration in Deutschland

Letztlich haben einige Industriestaaten ihren Bedarf an zusätzlichen Arbeitskräften … dadurch gedeckt, dass sie bei der Einstellung von irregulären Arbeitsmigranten ein Augen zudrücken.

Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen, Migration in einer interpedenten Welt, 2004

Integrationsdebatte?!

Bei dieser Debatte geht es nicht um Integration

Seit Wochen tobt in Politik, Zeitungen und Talkshows eine Debatte darüber, welche Rolle zugewanderte Menschen in unserer Gesellschaft spielen sollen, und wie dies zu begründen ist.

VONHiltrud Stöcker-Zafari

 Bei dieser Debatte geht es nicht um Integration
Hiltrud Stöcker-Zafari, Bundesgeschäftsführerin des bundesweit tätigen Verbandes binationaler Familien und Partnerschaften, iaf e.V. mit Sitz in Frankfurt am Main. Der Verband beschäftigt sich seit fast 40 Jahren mit Fragen der Migration und Integration.

DATUM12. Oktober 2010

KOMMENTARE10

RESSORTAktuell, Meinung

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Den Anstoß dazu boten Thesen auf Stammtischniveau, die große Aufmerksamkeit bekamen, weil sie von einem angesehenen Leistungsträger vorgetragen wurden. Originell waren die Thesen nicht – schon immer gab es Menschen, die anderen angesichts ihrer vermeintlichen Herkunft oder Zugehörigkeit pauschal ihre Fähigkeiten oder Berechtigung absprachen.

Mit dem „Man wird doch noch sagen dürfen…“ wurde dabei geschickt der Eindruck erweckt, es sei in unserer Gesellschaft untersagt, in Worte zu fassen und öffentlich zu vertreten, was man wahrnimmt, denkt und will. Das ist selbstverständlich Quatsch.

Dagegen wäre es für die öffentliche Debatte sehr nützlich, wenn alle, die gegenwärtig das Wort erheben, deutlich machen würden, was sie wollen.

Denn bei dieser Debatte geht es nicht um Integration – also die konstruktive Frage, wie alle hier lebenden Menschen „ein Ganzes werden“ können und wie dieses Ganze, unter Berücksichtigung aller beteiligten Menschen, aussehen sollte.

Leider geht es vor allem darum, mit welchen – vermeintlich wissenschaftlichen – Argumenten Menschen ausgeschlossen werden können. Darum, an welchen Grenzlinien „Wir“ – also diejenigen, die über Wohlstand, Arbeit, Einflussmöglichkeiten, angestammte Rechte verfügen – die „Anderen“ zurück zu weisen berechtigt sind. Die Debatte dient der Polarisierung, nicht der Integration.

Genau deshalb wird sie so bereitwillig begrüßt, ja willkommen geheißen. Denn sie unterstreicht „unsere“ Vorrechte und entlastet von der Zumutung, auf mühsamen demokratischen Wegen Gesellschaft auf der Grundlage von Vielfalt und Verschiedenheit zu organisieren.

Alle vorgetragenen Argumente – von „Kopftuchmädchen“ über „Gene“ bis hin zu jüngst „Kulturkreisen, wie der Türkei…“ behaupten, Eigenschaften von Menschen seien die Ursache dafür, dass sie ausgeschlossen werden. Solange die Debatte darum kreist, solche Argumente zu beweisen oder zu widerlegen, lässt sie sich nicht versachlichen, denn geht sie an der eigentlichen Frage vorbei.

Die eigentliche Frage ist, ob wir tatsächlich mit den Menschen, die hier sind, zusammen leben wollen.

Falls wir diese Frage mit Ja beantworten, falls wir trotz aller dann unvermeidlichen Verunsicherungen und Zumutungen eine Gesellschaft auf der Grundlage von Respekt und Augehöhe organisieren wollen, gibt es viel zu tun. Dann ist es an der Zeit, dass Regierende, Medien und Institutionen verlässliche Strukturen schaffen, in denen Vielfalt gelebt und ausgehandelt werden kann.

Falls wir diese Frage mit Nein beantworten, sollten wir die aktuelle Debatte ganz einfach so weiter führen wie bisher.

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10 Kommentare
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  1. Frager sagt:

    Ein guter Kommentar zu den gellenden Pfiffen, die der deutsche Fußball-Nationalspieler Mesut Özil ausnahmslos bei jedem Ballkontakt im Länderspiel gegen die Türkei erdulden musste. Da ist wirklich noch viel zu tun, um „eine Gesellschaft auf der Grundlage von Respekt und Augenhöhe“ zu organisieren. Wer hat gepfiffen? Warum? Wir sich MiGAZIN diesem Thema stellen? Ich bin gespannt…

  2. Abdul-Karim sagt:

    Endlich ein Versuch die ganze hitzige Debatte zu versachlichen. Bisher einer der (leider) wenigen guten Kommentare, die ich in dieser Form lesen konnte.

  3. NDS sagt:

    Vielen Dank für diese tolle Versachlichung!
    NDS

  4. Weirauch, Günther sagt:

    Selamlar,

    wie schon von Frau Stöcker-Zafari festgestellt wurde, geht es hie nicht um ehrliche Bemühungen den Menschen, ganz besonders unseren „auffall-
    end unbequemen“ Almacilar ve Türkler zu helfen, ganz zu schweigen diese
    Menschen mit ihrer Mentalität zu respektieren. Die von dem asozialen Gen- forscher und Biologen Sarazin mit Rückendeckung der wahren Machthaber,
    dem faschistischen Großkapital in Deutschland öffentlich vorgestellten
    Thesen beweisen, das diese sog. Nomenklatura die Angst umtreibt, das
    Menschen anderer Herkunft in Machtpositionen kommen könnten. Das
    war auch ein Motiv im Reiche Adolf Hitlers, die jüdischen Landsleute zu
    vernichten. Deshalb unterstreiche ich die Aussage des ehem. Leiters
    für Türkeistudien in Essen, Faruk Sen, das die Türken die neuen Juden
    Europas sind. Den Sündenbock haben sie diesen Menschen schon lange zugewiesen. Ich hoffe, das ich ethnische Säuberungen gegen die
    „Fremden“ nicht erleben werde, wenn ja werde ich auch mit letzter Kraft
    dagen ankämpfen, auch wenn sie micht selbst dabei töten werden.

    Allahsmarladik!

    G. Weirauch

  5. Emigration und Immigration (Teil 1)

    Und so sprach der Regierungschef eines armen Landes zu den Emigranten: „Wenn ihr nun für einen Teil eures Lebens in ein anderes Land ziehen möchtet, dann denkt an eure Verpflichtung, Botschafter unseres Volkes zu sein. Es ist ein großer Schritt, denn ihr verlässt eure Wurzeln – für lange Zeit oder für immer. Ich möchte euch auch sagen, dass es für uns nicht leicht ist, euch gehen zu sehen. Denn auch wir brauchen alle, um mit ganzen Kräften an der Zukunft unseres Landes zu arbeiten. Und wir werden es auch schaffen, mit dem Willen und dem Können unserer Menschen im Lande und mit der Unterstützung der Staatengemeinschaft. Und wir möchten und werden diese Hilfe auch zurückgeben, wenn wir es geschafft haben.
    Begegnet euren Gastgebern mit Respekt, so wie ihr es von euren Gästen erwarten würdet. Lernt und sprecht die Sprache eurer Gastgeber und beachtet die gesellschaftlichen Regeln und Gesetze eurer neuen Heimat. Diesem Geiste folgend, werdet Teil eurer neuen Heimat. Das wird uns mit Stolz erfüllen. Wenn ihr diesen Weg geht, so muss das keinen Widerspruch mit euren, unseren Traditionen bedeuten – denn ihr zieht in ein freies Land, in dem auch Vielfalt Tradition hat. So werdet ihr unsere Zukunft auch aus der Ferne unterstützen und gute Botschafter für euer – unser Volk sein.“

    Teil 2 und Teil 3: http://www.h-eureka.com/jri.htm

  6. YMelodieY sagt:

    Auschnitt von Beitrag G. Weihrauch:
    Deshalb unterstreiche ich die Aussage des ehem. Leiters
    für Türkeistudien in Essen, Faruk Sen, das die Türken die neuen Juden
    Europas sind.
    ——————————————————————————
    Es ist eine Frecheit, was Sie schreiben. Es ist wahr, dass Türken und Araber, welche sich nicht in Deutschland integrieren wollen, in Deutschland nicht gelitten sind und der Wunsch der Mehrheitsbevölkerung besteht, diese Migranten auszuweisen. In der ganzen europäischen Welt sowie in den klassischen Einwanderungsländern wird das Problem mit den türkischen und arabischen Muslimen bekannt gemacht, was wollen sie diesen Ländern – auch einen Hitler oder Holocaust – unterstellen.

    Ich fordere Sie auf, ihr Gehirn einzuschalten und hier nicht zu schwadronieren.

  7. Iris sagt:

    „Faruk Sen, das die Türken die neuen Juden Europas sind. Den Sündenbock haben sie diesen Menschen schon lange zugewiesen. Ich hoffe, das ich ethnische Säuberungen gegen die “Fremden” nicht erleben werde, wenn ja werde ich auch mit letzter Kraft dagen ankämpfen, auch wenn sie micht selbst dabei töten werden. “

    Oh Herr, laß Hirn regnen.

  8. Loewe sagt:

    Wer sowohl Hirn hat und die Geschichte des Antisemitismus kennt, merkt recht schnell, wie ähnlich sich der damalige Antisemitismus und die heutige Islamfeindschaft oder Islamophobie, die heutige Türkenfeindschaft sind.

    Man beachte das aggressive Feindbild mit seinen pauschalen Unterstellungen, seinen unzulässigen Verallgemeinerungen, das heiße Ressentiment gegen eine ethnisch definierte Gruppe …

    Iris und YMelodieY wollen es nicht wahrhaben, dass sie in den Fußstapfen der Antisemiten wandeln. Dabei geht es nicht um die Steigerung des Antisemitimus zum Holocaust. Die deutschen Antisemiten wollten (bis 1941) ja auch „nur“ die Ausgrenzung und den Rausschmiss der Juden aus Deutschland.

    Ja, die Türken, die Muslime – sie sind unsere neuen Juden geworden.

  9. YMelodieY sagt:

    @Loewe
    Ich schrieb es schon in einem anderen Thread, die Nazi-Keule und der Hinweis auf Braunes Gedankengut zieht bei mir nicht. Setzen sie sich damit mit ihrer Grossmutter oder ihren Eltern auseinander, die können ihnen sicher mehr zu diesem Thema erklären.

    YMelodieY

  10. Iris sagt:

    „Holocaust“. Diese Keule wirkt nun wirklich nicht mehr. Hat sich totgelaufen.



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