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Migration und Integration in Deutschland

Nur die wenigsten dieser deutschen Arbeiter werden in dieser Situation mit den Ausländern solidarisch sein. Die meisten werden sich aggressiv von den Ausländern abgrenzen und bei ihnen die Verantwortung für die eigene schlechte Position suchen.

Hans-Günter Kleff, Vom Bauern zum Industriearbeiter, 1985

Eralp Uzun

“Ein Volk, das mit einer Sauforgie feiert!”

Schauspieler Eralp Uzun über seine Kindheit in Kreuzberg und seine Sicht auf „den Deutschen“. Bekannt wurde er mit der Hauptrolle in der RTL-Sitcom „Alle lieben Jimmy!

VONRalf Pierau

 “Ein Volk, das mit einer Sauforgie feiert!”
Wanderungen gehören auch zu meiner Familien- geschichte. Zuerst nach- weisbar als protestan- tische Flüchtlinge aus dem katholischen Frankreich. In Preußen fand die Familie eine neue Heimat. Hugenotte also. Dann brach das Land auseinander, in dem ich gerade aufwuchs, die DDR. Und ich wanderte, obwohl ich den Ort zuerst gar nicht verließ, in ein neues Land. Ossi also. Seit der Jahrtausend- wende lebe und arbeite ich in Kreuzberg. Geschichten über Wanderungen sind dort alltägliche Begegnungen für mich. Als Journalist verfolge ich diese auf- merksam. So kam ich auch zum MiGAZIN. Also: Ein Ossi mit französisch- em Migrationshintergrund aus Kreuzberg. Foto: Dr. Birgit Patzelt

DATUM11. Oktober 2010

KOMMENTARE5

RESSORTAktuell, Gesellschaft, Interview

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Ralf Pierau: Was wissen Sie über das Saarland, Herr Uzun?

Eralp Uzun: Es ist eines unserer Bundesländer. Das ist das einzige, was ich darüber weiß. Und die Hauptstadt ist Saarbrücken.

Pierau: Immerhin. Woher wissen Sie das?

Uzun: Das habe ich natürlich in der Schule gelernt, im Geografie-Unterricht.

Pierau: Sie sind in Berlin zur Schule gegangen?

Uzun: Ich bin in Kreuzberg geboren, aufgewachsen und habe dann dort die Grundschule besucht. Die „Ausländerrate“ in meiner Klasse war 100, an der ganzen Schule wahrscheinlich 80 Prozent.

Pierau: Das heißt?

Uzun: Es waren in der Klasse nur Kinder aus so genannten Migrantenfamilien.

Pierau: Momentan wird viel über Integration gesprochen. Was halten Sie von der Debatte?

Uzun: Ich finde nicht, dass ich in einer Parallelgesellschaft lebe. Was soll ich dazu sagen. Die erste Einwanderergeneration, das waren oft ungebildete Menschen, die aus Anatolien kamen, die versuchten ihre alten Traditionen hier zu leben. Und sie hatten sicherlich die Vorstellung, wieder zurück zu gehen. Von diesen Menschen kann man natürlich nicht erwarten, dass sie einen Deutschtest machen. Jeder, der hier lebt, sollte aber jetzt die Sprache beherrschen. Das ist das „A und O“.

Pierau: Zurück zur Schule. Wie lief das dort?

Uzun: Wir hatten zuerst auch türkische Lehrer und mussten die türkische Sprache lernen. Das fand ich nicht so cool. So sehe ich das aus heutiger Sicht. Aber wie sollte sonst der Unterricht stattfinden?

Eralp Uzun (29) ist deutsch-türkischer Schauspieler. Bekannt machte ihn die Hauptrolle in der RTL-Sitcom „Alle lieben Jimmy! (2005-07).“ Die Serie war u.a. für den Emmy-Award, den Fernseh-Oscar® nominiert. Auf der Kinoleinwand war Eralp Uzun schon mit 16 Jahren in „Nachtgestalten“ von Andreas Dresen zu sehen. Danach war er regelmäßig in TV- und Kinorollen zu sehen. Momentan bereitet er sich für die zweite Staffel der Serie „Allein gegen die Zeit“ des öffentlich-rechtlichen Kinderkanals (KIKA) vor. Der Schauspieler ist auch auf Theaterbühnen zu Hause. So spielte er am Luxemburger Nationaltheater und am Berliner Renaissance Theater. In Berlin probt er gerade in dem Stück „Türk gençli“, indem er erstmalig in türkischer Sprache spielen wird.

Pierau: Wurden Sie als „Ausländer“ behandelt?

Uzun: Ich hatte als Kind nie das Gefühl, dass ich „Ausländer“ bin. Wir wohnten in einem Haus mit vielen deutschen Familien. Erst als ich nach der Grundschule auf ein Gymnasium im Osten kam. In Treptow war ich der einzige „Türke“ auf der Schule. Alle kannten mich und ich war etwas Besonderes.

Pierau: Wie war das als Kreuzberger auf einer Schule im Osten?

Uzun: Ich wusste erst einmal viel weniger vom Schulstoff als die anderen Schüler. In Kreuzberg war das Lernen ja nicht so angesagt. In Treptow gab es dann zwei Lehrer, die mich sehr unterstützt haben. Ich ging sechs Mal in der Woche zur Nachhilfe. Meine Familie stand da ganz hinter mir, meine Eltern und meine Schwester. Und meine zweite Klassenlehrerin hat auch sehr auf meine Entwicklung geachtet. Wenn ich mal wieder Kauderwelsch-Deutsch sprach, dann hat sie mich sofort unterbrochen. Sie wollte nicht, dass ich Döner-Verkäufer werde oder so, weil sie mein Potenzial gesehen hat. Ohne sie hätte ich wohl nie mein Abitur gemacht.

Pierau: Wie war das Verhältnis der Schüler untereinander?

Uzun: Das ging nicht nach Nationalitäten. Ich habe da nicht gesagt, das ist der deutsche Peter und hier ist der türkische Ali. Wenn sie cool zu mir waren, war ich es auch.

Pierau: Haben Sie denn Unterschiede wahrgenommen?

Uzun: Naja, die Temperamente sind schon anders. Türken werden untereinander schneller warm. Die Deutschen sind da eher kühler, beobachten erst eine Weile. Das habe ich schnell bemerkt. Wenn ich bei Deutschen war, dann fragten die Eltern oft: „Hast Du Hunger? Möchtest Du mitessen?“ Bei den Türken ist das anders. Da wird gar nicht erst gefragt, da heißt es: „Komm, jetzt wird gegessen!“

Pierau: Haben Sie auch Feste in beiden Kulturen erlebt?

Uzun: Na klar. Da gibt es Unterschiede. Bei den Türken ist es viel lauter und impulsiver. Bei den Deutschen ist es sicherlich auch lustig. Aber das dauert. Wobei ich auch Deutschtürken in München kenne, die sind heute viel Deutscher als die Deutschen selbst. Sie sprechen ein miserables Türkisch und haben einen harten bayerischen Dialekt.

Pierau: Haben Sie eine Vorstellung von „den Deutschen“? Ein Klischee?

Uzun: Klar, das „Oktoberfest“. Wo auf der Welt wird sonst mit solch einer Sauforgie gefeiert! Die mit ihrem Bier und ihrer Wurst. Deutschland ist ein trinkfestes Land.

Pierau: Und was sagen ihre türkischen Freunde zu „den Deutschen“?

Uzun: „Kartoffelfresser“ natürlich. (lacht) Aber es gibt auch Klischees zu anderen Nationen, die manchmal stimmen. Heute habe ich eine japanische Touri-Truppe am Görlitzer Park gesehen. Und die hatten alle eine Kamera vor den Augen.

Pierau: Kennen Sie noch ein anderes Klischee von „den Deutschen“?

Uzun: Naja, welches wollen Sie hören? Die Familie aus Marzahn vor der Glotze, den ganzen Tag Fußball und Bier? Oder die Sparte „Deutsche aus Grunewald“? Was ich aber immer mit Deutschland verbinde, ist die Bürokratie. Ich könnte mir beispielsweise nie vorstellen, dass die normalen Deutschen korrupt werden. Nur in den oberen Etagen funktioniert Korruption auch in Deutschland. Aber es könnte nie funktionieren, wenn ich zu einem Polizisten, der mich anhält, sage: „Eh, komm, ich bin zwar zu schnell gefahren, aber ich geb’ dir jetzt nen Fuffi und dann vergessen wir die Sache!“ Dann sagt der Polizist garantiert: „Gut, dann schreibe ich das auch gleich dazu!“ In der Türkei wäre das anders. Da bekommst Du noch eine Eskorte gestellt.

Pierau: Nun sind Sie selbst ein Deutscher. Wie sehen Sie sich eigentlich?

Uzun: Ich sehe mich als Kreuzberger. Ist doch Wurscht, ob ich Deutscher oder Türke bin. Deutschland ist schon meine Heimat, aber ich fühle eben auch die türkischen Wurzeln. Das ist doch ein Vorteil für mich.

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5 Kommentare
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  1. Harry sagt:

    Danke, Eralp und Ralf für das geniale Interview.
    Lieben Gruß Harry

  2. melli sagt:

    cooler typ!!!

  3. Rainer Schmid sagt:

    Also der Eralp ist wirklich ein dufter, symphatischer ehrlicher und lockerer Typ, es ist sehr schön, dass er mit der aktuellen Debatte die von Sarrazin losgetreten wurde, nicht negativ beeinflusst wird. Er ist stellvertretend für so viele Almanci, sog. Deutschtürken, die sind meiner Meinung nach auch eine absolute Bereicherung für uns Deutsche!
    Super Artikel, weiter so!
    Gruss an Eralp von Rainer aus ULM (BIN GROSSER FAN VON IHM!)

  4. Pragmatikerin sagt:

    Ich finde das Interview sehr spasig, aber auch aussagekräftig. So stelle ich mir einen jungen Mann (egal aus welchem Ausland) vor, der gerne lebt und hier in Deutschland keine Probleme hat und sicher auch keine machen wird. Auch seine Ausstrahlung sagt mir zu, er wird als Schauspieler sicher seinen Weg machen.

    Übrigens, der Spitzname „Kartoffel“ für uns Deurtsche stammt von den Italienern, wir haben diese im Gegenzug „Spaghetti“ genannt. Man konnte anhand dieser Bezeichnungen gleich die „Essgewohnheiten“ der beiden Länder kennen lernen. Die Amerikaner haben uns in den 60iger Jahren „Krauts“ genannt (kommt von Sauerkraut, einem gesunden sauren Gemüse).

    Pragmatikerin

  5. Ghostrider sagt:

    Sympathischer Typ, coole Ansichten! Daumen hoch;-))



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