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Lamyas Welt

Danke, Politik – Ein Rückblick auf die Sarrazin-Debatte

Es kommt nicht so oft vor, dass sich Menschen bei Vertretern dieser Berufsgattung bedanken: den Spitzenpolitikern. In den vergangenen Wochen aber ist mir als Muslimin dieser Gedanke ein ums andere Mal durch den Kopf gegangen.

Während sich bis heute diverse Zeitgenossen bei der Suche abmühen, auch noch das letzte Körnchen Wahrheit in Thilo Sarrazins Äußerungen zu finden, um ihn als wichtigen Stichwortgeber dieser Tage feiern zu können, kamen von ihrer Seite recht zügig deutliche Zurückweisungen. Ob die Bundeskanzlerin und CDU-Fraktionsvorsitzende Merkel, ob SPD-Chef Gabriel, Grünen-Fraktionschefin Künast, FDP-Vorsitzende Westerwelle oder der CSU-Politiker und Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken Glück. Sie alle erhoben relativ spontan ihre Stimme, denn Ihnen war klar, dass Sarrazins Vorgehensweise zumindest kontraproduktiv ist.

„Ich schätze, Sarrazin selbst hat sich derweil heimlich ins Fäustchen gelacht. Das alles klingt ja auch in der Tat absurd, wenn ein Autor größere mediale Aufmerksamkeit erhält als jeder bisherige Literaturnobelpreisträger.“

Dafür bekamen sie später von allen Seiten Schelte. Einige wähnten Angriffe auf die Meinungsfreiheit, andere verorteten Politiker gleich in der Reichsschrifttumskammer. Auch von einer Hetzjagd auf Sarrazin war die Rede. Ich schätze, Sarrazin selbst hat sich derweil heimlich ins Fäustchen gelacht. Das alles klingt ja auch in der Tat absurd, wenn ein Autor größere mediale Aufmerksamkeit erhält als jeder bisherige Literaturnobelpreisträger. Für Sarrazin lief alles nach Plan. Man solle doch erst einmal das Buch lesen, hieß es. Was kann einem Autor, einem Verlag besseres geschehen als Prominente, als Titelschlagzeilen und Prime-Time-Fernsehshows, die allesamt erst mal zum Lesen ihres Buchs auffordern. Ein perfekter PR-Coup. Im Lehrbuch für Public Relation dürfte Sarrazin ein Platz sicher sein. Selbst im privaten Umfeld wurde man keck angestoßen: „Und, Sarrazin schon gelesen?“ Nein, und ich bekenne hiermit, ich werde dieses Buch auch niemals lesen.

Warum auch? Bringt es mich weiter – etwa mit neuen Informationen? Nein. Stehen darin konstruktive Lösungsvorschläge? Nein. Ist es ein Lesevergnügen? Nein. Ist der Autor eine Koryphäe auf dem Gebiet der Integration? Nein. Im Nachhinein distanzieren sich selbst Wissenschaftler, auf die sich Sarrazin beruft von dessen abenteuerlichen Schlussfolgerungen. Warum soll man sich also die verquaste Zahlenjonglage eines Bundesbankvorstands und ehemaligen Finanzsenators anschauen, der sich mit Genetik, Integration und islamischer Religion/Kultur befasst. Wenn ich etwas über Astrophysik lesen will, greife ich auch nicht zu einem Theologen, sondern zu einem Astrophysiker.

„Das Buch zu lesen mag für diejenigen interessant sein, die sowieso die gleichen Ansichten vertreten wie er und die lediglich nach einer (vermeintlichen) Bestätigung suchen.“

Man mag nun einwenden, dann sollte ich mir auch ein Urteil über das Buch ersparen. Ich darf kurz daran erinnern, wie das Buch eingeführt wurde. Bereits im Interview mit „Lettre International“ vor einem Jahr hatte Sarrazin erklärt, dass „eine große Zahl an Arabern und Türken keine produktive Funktion hat, außer für den Obst- und Gemüsehandel“ und: „Die Türken erobern Deutschland genauso, wie die Kosovaren das Kosovo erobert haben: durch eine höhere Geburtenrate?“ Dann folgten in großen deutschen Medien ausführliche Auszüge aus dem Buch, die es in dieser Breite zuvor selten – wenn überhaupt – gegeben hat und die seine Grundannahme vom Grundübel der muslimischen Einwanderung untermauerten. Erst als die zentralen Botschaften des Buches bereits in aller Munde sind, stellt Thilo Sarrazin das Werk offiziell vor. Und plötzlich relativiert er Aussagen, zitiert nur noch Fakten und tut so, als ob es ihm tatsächlich nur um die Integrationsprobleme gehe. Er verallgemeinere gar nicht; das stehe so nicht in seinem Buch; das habe er so nicht geschrieben. Dieses dürften die häufigsten Sätze gewesen sein, die er bei seiner Tour durch die Redaktionsstuben und Sendestudios von sich gegeben hat. Es scheint, als sei er inzwischen selbst ein Opfer seiner eigenen PR-Strategie geworden. Zuerst Pauschalurteile propagieren und sich dann auf Halbwahrheiten zurückziehen, ist eben ein gefährliches Spiel mit dem ideologischen Feuer.

Wer Sarrazins vorab veröffentlichte Kernthesen mit etwas Verstand und Hintergrundwissen betrachtet, ahnt bereits, dass sie nicht haltbar sind. Wer sich darüber hinaus schon mal mit Statistiken zu dem Thema befasst hat, weiß, dass Sarrazin Daten aus dem Zusammenhang reißt, ihm nicht zuträgliche Informationen unterschlägt oder falsche bzw. nicht gedeckte Schlussfolgerungen aus dem von ihm benutzten Material zieht. Das Buch zu lesen mag für diejenigen interessant sein, die sowieso die gleichen Ansichten vertreten wie er und die lediglich nach einer (vermeintlichen) Bestätigung suchen. In Fachkreisen wird sein Buch jedenfalls keinen Einfluss gewinnen.

Also: Danke nochmals an die Politiker und all jenen, die direkt zu Beginn der Debatte öffentlichkeitswirksam Stellung bezogen. Danke, dass sie die Grundprinzipien unserer Verfassung verteidigt und sich vor die Minderheit in Deutschland gestellt haben. Ihr Gewicht in der Debatte war wichtig, da sich die Mehrheit unserer Mitbürger, die Sarrazins Thesen für nicht tragbar hält, nur unzureichend zu Wort meldete.

„Es heißt immer, dass so viele Sarrazin zustimmten. Ich wage dies zu bezweifeln.“

Es heißt immer, dass so viele Sarrazin zustimmten. Ich wage dies zu bezweifeln. Gewiss erhält er Zuspruch. Der alte Blut-und-Boden-Gedanke ist nach wie vor verbreitet. Aber bei Stammtisch-Debatten melden sich natürlicherweise zuvorderst Menschen zu Wort, die auch an den Stammtischen dieser Republik Platz nehmen. Leute, die sich von einfachen Parolen angesprochen fühlen, lassen sich leichter mobilisieren. Ich kann verstehen, dass sich entspannte Zeitgenossen von solchen hyperventilierenden Diskursen lieber kopfschüttelnd fernhalten. Gleichzeitig wird dadurch den Schreihälsen jedoch die zentrale Position auf dem Spielfeld überlassen. Während sich die meisten denken, „was für ein Unsinn“ und ihres Weges gehen, greifen diese zum Telefonhörer, zu Papier und Stift oder zur Tastatur und verleihen ihrer Empörung Ausdruck. Endlich kann man mal wieder Klartext reden – und es ist auch noch en vogue. Zugleich korreliert dieses Verhalten mit einem besonders unter sogenannten Islamkritikern auftretenden Phänomen: sich gegenseitig dazu anzustacheln, einen oder gleich mehrere Lesebriefe, Emails oder Postings zu schreiben. Bei manchen Journalisten kommen auf diese Weise zahlreiche „Eingaben“ an, die fälschlicherweise suggerieren, da draußen gebe es eine breite Meinungsfront.

Dummerweise muss man sagen, hat sich die Strategie letztlich durchaus erfolgreich erwiesen. Die Schreihälse trieben fast alle und jeden vor sich her. So fanden sich im Laufe der Debatte auch zunehmend in Medien, die den Sarrazin-Hype zunächst nicht mitmachen wollten, Stimmen, die meinten: Ja, also der Sarrazin hat ja nicht in allen Punkten Unrecht und außerdem stimmen ihm ja auch noch so viele Menschen zu, die überhaupt nicht ausländerfeindlich seien. Auch unter Politikern führte die Strategie der sogenannten Islamkritiker hier und da zu einer halben Rolle rückwärts. So bemühten sich einige auf einmal zu betonen, wie kompromisslos die Politik künftig mit „Integrationsverweigerern“ unter den Einwanderern umspringen müsse. Darüber, wie denn die Politik künftig mit „Intergrationsverhinderern“ in der Aufnahmegesellschaft umspringen müsse, hörte man hingegen nichts. Bereits vier Wochen nach Sarrazin scheint sich also der Eindruck zu bestätigen, dass die ganze Aufregung mal wieder nichts Positives gebracht hat – selbst die von vielen freudig begrüßte Aufmerksamkeit für die Probleme der Integration kamen über ein kurzes Spotlight nicht hinaus; inzwischen stehen nämlich längst wieder andere Themen ganz oben auf der politischen Agenda.