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Migration und Integration in Deutschland

Der große Wert der Ausländerbeschäftigung liegt darin, dass wir hiermit über ein mobiles Arbeitskräftepotential verfügen. Es wäre gefährlich, diese Mobilität durch eine Ansiedlungspolitik größeren Stils einzuschränken.

Ulrich Freiherr von Gienanth, Der Arbeitgeber, 1966

Ismail Ertuğs Meinung

Sarrazin schafft Muslime ab

Der Sarrazin-Mythos: Kaum einer hat ihn gelesen, aber eine Mehrheit gibt ihm Recht. Womit er Recht haben soll, würde ich gerne wissen. Ein verlegenes Schulterzucken ist die häufigste Reaktion auf die Frage, auf welche Thesen des promovierten Volkswirts aus Gera sich die Zustimmung bezieht.

VONIsmail Ertuğ

 Sarrazin schafft Muslime ab
Ismail Ertug (SPD) ist Mitglied des Europäi- schen Parlaments. Er ist Mitglied des Ausschusses für Verkehr und Fremden- verkehr. Außerdem ist er Mitglied der Delegation des Europäischen Parla- ments für die Beziehung- en zu Israel und der Dele- gation im Gemischten Parlamentarischen Ausschuss EU-Türkei. In seiner MiGAZIN Kolumne kommentiert er aus Straßburg. www.ertug.eu

DATUM6. September 2010

KOMMENTARE12

RESSORTMeinung

QUELLE vorwärts.de

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Die Vermutung, dass es nicht Sarrazins Argumente sind, die eine Mehrheit der Deutschen überzeugen, wird bestätigt durch Beobachtungen der hysterischen Mediendebatte der letzten Tage. Da sitzt der Bundesbankvorstand wie ein Häuflein Elend in der Wohlfühlsendung von Starmoderator Reinhold Beckmann und kommt gegen die wortgewaltigen Gäste Ranga Yogeshwar (Wissenschaftsjournalist), Aygül Özkan (CDU-Integrationsministerin in Niedersachsen), Renate Künast (Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen) und Thomas Sonnenburg (Sozialpädagoge und Streetworker) kaum zu Wort – nicht etwa, weil ihn die Kontrahenten niedergeschrien hätten, sondern weil seine Thesen nicht stand hielten.

Sarrazin trifft natürlich ein Bauchgefühl, dass gar nicht widerlegt werden möchte.

Viel Bauch, wenig Hirn
Dennoch war die Zustimmung für das SPD-Mitglied auf Abruf überwältigend – etwa 70 Prozent fanden das Stottern des Bundesbankers triftiger als die freundlich und mit Quellenangaben formulierte Gegenposition der Praktiker aus Politik, Wissenschaft und Sozialarbeit. Die Schlussfolgerung, dass es nicht am überzeugenden Auftritt des frisch gebackenen Bestseller-Autors gelegen haben kann, sei erlaubt. Sarrazin trifft natürlich ein Bauchgefühl, dass gar nicht widerlegt werden möchte. Nur: Mit einem Bauchgefühl lässt sich keine verantwortungsvolle Politik für ein ganzes Land gestalten.

Deshalb an dieser Stelle einige Gegenthesen zu den Behauptungen des ehemaligen Berliner Finanzsenators, die im Kern lauten: Muslimische Mitbürger sind genetisch bedingt dümmer, aus kulturellen Gründen nicht integrierbar und aufgrund ihrer vermuteten höheren Geburtenrate dabei, die „deutsche“ Ur-Bevölkerung zu verdrängen.

Zur Kompetenz eines Bankers
Thilo Sarrazin ist promovierter Volkswirt und kein Evolutionsbiologe. Wäre er wie Yogeshwar Wissenschaftsjournalist, würde er zumindest über Methoden verfügen, sich einer fachfremden Materie objektiv zu nähern und den aktuellen Forschungsstand objektiv zu reflektieren. Sarrazin kann und will dies nicht. Er bedient sich wie jeder Laie wahllos in der historischen Fundgrube des Wissenschaftsbetriebs und pickt sich passende Fragmente heraus – von Darwin bis zur höchst umstrittenen Zwillingsforschung von Charles Murray und Richard Herrnstein. Gemein haben seine Quellen: Sie sind überholt, mitnichten common sense und zusammen dann ungefähr so wissenschaftlich wie die nationalsozialistische Rassenideologie.

Biologie aus der Klamottenkiste
Leitmotiv des Buches ist das Auslesepostulat des Biologen Harry Laughlin (1880-1943): „Die Gesellschaft muss Erbgut als etwas betrachten, das der Gesellschaft gehört und nicht allein dem einzelnen.“ Die Konsequenz formulierte Irving Fisher 1912, als er eine neue Einwanderungsgesetzgebung in Amerika forderte – nach den Maßstäben einer sozialdarwinistischen Auswahl der Besten. Jenseits der moralischen Fragwürdigkeit dieser Position sprechen schon die Jahreszahlen für sich. Die Vorstellung eines von Genen determinierten Menschen ist längst widerlegt.

Nahezu alle angeblichen Entdeckungen vom „Methusalem-Gen“ über das „Kettenraucher-Gen“ bis zu diversen Krankheitsgenen erwiesen sich bisher als Fälschungen oder Fehler. Es bleibt lediglich eine Hand voll bereits bekannter Erbkrankheiten. Die Neuro-Wissenschaftler Michael Meaney und der Pharmakologe Moshe Szyf (McGill University in Montreal/Kanada) wiesen nach, dass Erfahrungen, Gefühle, Umwelteinflüsse, Schadstoffe und der Lebensstil die Arbeitsweise von Genen in wenigen Monaten verändern können – mit anderen Worten: Gene sind weit lern- und anpassungsfähiger als Thilo Sarrazins überkommene Gedankenwelt.

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12 Kommentare
Diskutieren Sie mit!»

  1. Muka sagt:

    Schuld sind Meinungsmacher wie Spiegel und BILD, auf deren Fußspuren sich viele tummeln mögen.
    Und die langbärtigen, fanatischen, vollverhüllten Menschen, die meiner Meinung nach noch zu sehr im Altertum zu leben scheinen!

  2. Krause sagt:

    „Während Sarrazin drei Millionen Menschen pauschal Integrationswillen und Intelligenz abspricht, sprechen Integrationserfolge in Kanada und den skandinavischen Ländern eine ganz andere Sprache – eine exzellente Betreuung etwa durch Paten und konsequenten Sprachunterricht haben dort zu einer raschen Identifikation mit der neuen Heimat geführt.“

    Z.T. sind dies Märchen. In Schweden sind die Probleme größer als hier. Googeln Sie einmal Juden, Muslime, Malmö. Dank der muslimischen Zuwanderer ist Malmö bald „judenrein“.

  3. Loewe sagt:

    Ein sehr guter Kommentar.

    Sarrazin trifft natürlich ein Bauchgefühl, dass gar nicht widerlegt werden möchte. Nur: Mit einem Bauchgefühl lässt sich keine verantwortungsvolle Politik für ein ganzes Land gestalten.
    Das trifft den Kern des Problems, das wir jetzt haben und das wohl weiter wachsen wird.

    Verantwortungsvolle Politik wird unpopulär. Es bilden sich immer häufiger aggressiv fordernde Mehrheiten, die sich um vernünftige Problembetrachtung und Problemlösung nicht kümmern.

    Steht uns ein Zeitalter des Populismus bevor?

  4. Schweizer Buerger sagt:

    Ein typischer nichtsagender Kommentar eines Politikers einer abgewirtschafteten sozialitischen Partei die immer mehr Steuergelder fordert:

    Seltsam: wenn einer ein Buch schreibt, ist die politische Klasse und Presse mehrerer Länder in Aufruhr. Wenn jemand ein selbst gekauftes Buch verbrennt, ist die halbe Welt in Aufruhr. Nur wenn Menschen im Namen einer ideologischen Religion – wie wir es immer bei dem Islam sehen – ermordet werden, dann ist großes Schweigen angesagt: nicht nur in der islamischen, zu einem großen Teil auch in der christlichen Welt.Wo äussert such dieser Herr Efug über diese ständigen weltweiten muslimischen Terror, der auch an jeder Starssenecke in Neukölln oder sonst wo in Europa präsent ist?

    Um zu beweisen, dass der Islam eine friedliebende Religion ist, will ein australischer Imam einen niederländischen Politiker köpfen: wenn es nicht so traurig wäre, müßte man über diesen Irrsinn lachen. Die westliche Welt aber empört sich lieber über einen Pastor, der ein Buch verbrennen will…

    Das Abendland hat sich längst – aus Feigheit, Dummheit und dem Willen zur Geschäftemacherei mit islamischen Ländern, selbst aufgegeben. Eine untergehende Kultur…

    Es scheint so, dass man sich in der Politik anstehenden Problemen nicht annehmen möchte und den eigenen deutschen Stimmbürger mit seinen Problemen alleinstehen lassen will und ihn lediglich als Mittelschichts-Melkkuh für die eigene Fettlebe missbrauchen will. Die SPD, aber auch die CDU, die FDP und die Grünen sind ein gutes Beispiel dafür, wie eine Partei nur noch Themen verwaltet und gegebenfalls Mitglieder kontrolliert.

    In Deutschland ist kein einziges anstehendes Problem im Kern gelöst, die Politiker sind zu reinen Gehaltsbezügern verkommen, zu Schmarotzern auf Kosten des Gemeinwohls.

    Diskutiert werden darf nur, was von oben herab und meist über den Umweg des Zentralrats der Muslime als politically correct beurteilt wird. In der Schweiz sind wir auf gutem Weg dorthin. Die Lehre daraus? Es liegt an jedem Bürger, sich die Themen von niemandem vorschreiben zu lassen, sie selber zu setzen und den Diskurs einzufordern. Zensur darf nicht toleriert werden.

    Aber dass die Integration allzu vieler Moslems leider vollkommen miserabel funktioniert, kann trotzdem nicht wegdiskutiert werden. Wenn wir im Westen Flüchtlinge aus Konfliktregionen aufnehmen, so fördern wir damit gerade nicht immer den Frieden, wir können sogar Konflikte importieren. Was machen wir, wenn Zustände wie in Frankreichs Banlieus entstehen, wo eine lautstarke Minorität von Moslems ihrem Hass auf die westliche Kultur und den französischen Staat freie Bahn lässt? Gleiches ist in Teilen von Hamburg und Berlin sowie in den Niederlanden und in Belgien sowie in den nordischen Staaten zu beobachten. Oder wenn muslimische Schüler ihrem Judenhass freien Lauf lassen (siehe NZZ Artikel vom 31. März 2010: “Nahost im hohen Norden“, http://www.nzz.ch/nachrichten/kultur/aktuell/nahost_im_hohen_norden_1.5346985.html)?

    Der Filmemacher Zac Snyder sagte neulich, dass „wir offenbar in einer Welt leben, in der die Idee verpönt ist, für Freiheit und Demokratie zu kämpfen.“

  5. Ester sagt:

    Reife Leistung Herr Ertug als ausgebildeter Sozialversicherungsangestellten haben Sie die evidente Befähigung zur wissenschaftlichen Beurteilung des Inhaltes von Sarrazins Buch.

    Ich verweise Sie eher auf eine seriöse wissenschaftliche Beurteilung von Prof- Rindermann und Prof Rost die das Buch als wissenscaftlich korrektes Buch empfehlen.

    http://www.faz.net/s/Rub9B4326FE2669456BAC0CF17E0C7E9105/Doc~EBFC72F0534A149BE84CA714A883B6B5C~ATpl~Ecommon~Scontent.html

  6. Loewe sagt:

    Der Kommentar hat Ihnen durchaus etwas gesagt, Schweizer Bürger. Es hat Ihnen nur nicht gefallen. Ihr Bauchgefühl spricht dagegen – wie der Autor richtig sagt.

    Wie man seinerzeit alle Juden in einen Topf geworfen und das Judentum selbst dämonisiert hat, so machen Sie das jetzt hier in Ihrem Kommentar mit den Muslimen.

    Hemmungslose Hetze zum Beispiel ist das:
    Nur wenn Menschen im Namen einer ideologischen Religion – wie wir es immer bei dem Islam sehen – ermordet werden, dann ist großes Schweigen angesagt: nicht nur in der islamischen, zu einem großen Teil auch in der christlichen Welt. Wo äussert such dieser Herr Efug über diese ständigen weltweiten muslimischen Terror, der auch an jeder Starssenecke in Neukölln oder sonst wo in Europa präsent ist?

    Da fragt man sich, in welcher Welt dieser „Schweizer Bürger“ lebt. Hat er sich mal die Kriminalitätsraten angeschaut, oder die ständig sinkende Zahl der Morde in Deutschland? Deutschland wird immer sicherer, war noch nie so sicher wie heute, ist im internationalen Vergleich ein sicheres Land, und Berlin ist zwar nicht ganz so arm an Kriminalität wie München, aber dramatisch ist der Unterschied nicht.

    Das hier ist die polemische Sprache generell gegen Parteien und Politiker, mit der Hitler vor 1933 die Massen angezogen hat:
    In Deutschland ist kein einziges anstehendes Problem im Kern gelöst, die Politiker sind zu reinen Gehaltsbezügern verkommen, zu Schmarotzern auf Kosten des Gemeinwohls.

    Ist irgendwo anders „ein Problem im Kern gelöst“? Der Herr Schweizer Bürger wischt alle politischen Bemühungen einfach hinweg. Nichts hat vor seinem Ärger Bestand. Nichts. Das ist politischer Nihilismus. Wir wissen, worauf der hinausläuft.

    Die Integration in Deutschland verläuft erfolgreich. Nur ein geringer Prozentsatz wird bisher vom Integrationsprozess nicht erreicht, ein Teil wird noch nicht stark genug mitgenommen in diesem Prozess – und die Aufgaben, die sich dabei stellen, sind konstruktiver Natur. Die Bundestagsparteien haben sie angepackt, und dafür gebührt ihnen Anerkennung.

  7. FreeSpeech sagt:

    Ich habe nicht den Eindruck, dass Sie sein Buch gelesen haben. […]

    Im übrigen:
    – Sazzarin kann schlecht reden, weil er einen Schlaganfall hatte. Sie machen sich darüber lustig.
    – Ihre Ausführungen zu den Abhängigkeiten der Intelligenz von Genen und Umwelt sind wissenschaftlich nicht haltbar, im Gegensatz zu den Ausführungen von Herrn Sarrazin zum Thema (die sich exakt mit der Wissenschaft decken)
    – Sie nehmen Einzelfälle, um statistische Aussagen zu widerlegen
    – Das mit dem Bauchgefühl lässt sich vor allem auf seine Kritiker anwenden.

    Die Orthographie des Artikels ist korrekt. […]

  8. tine patschull sagt:

    Herr Sarrazin stottert nicht weil er „dumm“ ist, sondern das hat etwas mit einer Erkrankung zu tun. Er hatte eine Geschwulst unter seinem Auge die weg operiert wurde. Diese hat aber auch sein Sprachzentrum leicht zerstört.

  9. aloo masala sagt:

    So übel kann Sarrazin wohl nicht sein, wenn Migazin Werbung für seine Bücher und ein Buch seiner Ehefrau macht (Amazon-Box, rechte Spalte).

    Stört das eigentlich niemanden? Mich schon.

  10. Songül sagt:

    @tine patschull
    1,KEINER stottert, weil er dumm ist.
    2.Das Sprachzentrum eines JEDEN Menschen befindet sich im Gehirn, nicht unterhalb des Auges.

    […]


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