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Einmal Mitte und zurück

Die „Mitte“ der deutschen Gesellschaft war das, wo uns unsere hart arbeitenden und aus Armut und Perspektivlosigkeit geflüchteten Arbeiterväter und -mütter sehen wollten. Diese Mitte, demokratisch, beruflich erfolgreich, aufgeklärt und gebildet. Also unsere Lehrer, manch pensionierter Beamter in der Nachbarschaft, Betreuer im Fußballverein, Väter und Mütter unserer deutschen Spielkameraden. Diesen Menschen fühlten wir uns zugehörig, an ihnen haben wir uns orientiert. Nicht die Randgruppen der Gesellschaft, die uns mit offenem Hass, Rassismus und sogar Gewalt begegneten. Es gab nur die guten und die bösen Deutschen. Und wir wollten wie die Guten sein.

Dieser Mitte der Gesellschaft habe ich hinterher gehechelt, habe mich „integriert“, um an dieser Gesellschaft mit ihrem Wohlstand und ihrem Lebensstil teilhaben zu können. Toleriert habe ich sie, die unangenehmen Fragen und Vorurteile in Bezug auf meine Herkunft. Diese Mitte lässt mich heute im Stich, möchte mich am liebsten zur Verantwortung ziehen. Nur wofür? Habe ich ignoriert, dass ich jahrelang ignoriert wurde?

„Für einen Türken nicht schlecht deine Abiturnote“, sagte einst ein Beamter im Rathaus beim Beglaubigen meines Abiturzeugnisses zu mir. Auch diese Kränkung habe ich weggesteckt, wie so viele andere. Doch heute sitzt mir kein beliebig austauschbarer namenloser Beamter gegenüber. Nein, heute ist es der Vorstand der Bundesbank und ehemalige Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin, der mir in diesen Tagen, die medial geschwängert sind von seiner Sicht auf die Gegenwart und Zukunft Deutschlands, zu verstehen gibt, dass es trotz jahrzehntelanger Bestrebungen kein „wir“ gibt, sondern „wir“ und „die“.

Meine Gene und meine Ethnie sind schuld wird behauptet. Sie halten mich und meinesgleichen davon ab, der Gesellschaft angehören zu wollen und den Wohlstand zu sichern. Gene, die bald die Intelligenz in Deutschland auslöschen werden, glaubt man Herrn Sarrazin. Die Gene meines Vaters und meiner Mutter, die gut genug waren, ehrliche und harte Arbeit zu leisten und heute aber eine Bedrohung des Abendlandes bedeuten sollen. Die gleichen Gene, die mich in die Lage versetzt haben diese Sätze hier zu schreiben, ohne ein Wörterbuch oder die Rechtschreibfunktion meines Textverarbeitungsprogramms zu benutzen.

All diese Pauschalisierungen und der wissenschaftlich parfümierte Rassismus von einem Einzelnen oder den üblichen Verdächtigen wären mit entsprechendem Selbstbewusstsein zu ertragen. Nicht zu ertragen ist für mich und meinesgleichen aber die Tatsache, dass weite Teile der deutschen Bevölkerung zu der ich mich gesellschaftlich zugeordnet habe, diese Aussagen nicht zurückweisen oder ablehnen. Von der „unangenehmen Wahrheit“ ist plötzlich die Rede, „Sarrazin würde die Probleme beim Namen nennen“. Menschen, die sich plötzlich „überfremdet“ fühlen, dabei die „Problemstadtteile“ mit z.B. 80% Migrantenanteil nur aus der Durchfahrt in ihrem SUV kennen. Deutsche, die kurz vor dem Mittagessen in der Döner-Bude um die Ecke, noch schnell einen Kommentar im Web 2.0 abgeben, in der sie sich darüber beschweren, wie sehr sich Deutschland unter den Migranten negativ verändert.

Die „Mitte“ der Gesellschaft hat mich in diesen Tagen verraten und ausgegrenzt. Sie nennt es Meinungsfreiheit, meint aber Zurechtweisung. Sie will einen Denkzettel verpassen, weiß aber nicht an wen. Sie sagt Muslime und Migranten, meint aber Türken. Sie sagt integrieren, meint aber regulieren. Sie ignoriert den Beitrag und die Leistung derer, die es wert sind nicht ignoriert zu werden.

Zumindest die Ignoranz scheint ein Verhaltensaspekt zu sein, der uns gemeinsam ist!