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Migration und Integration in Deutschland

So, wie wir mit den Minderheiten umgehen, die bei uns leben, so erwarten wir auch, dass Titularnationen mit den deutschen Minderheiten umgehen.

Angela Merkel, Aussiedler- und Minderheitenpolitik in Deutschland, 2008

Der Nationalstaat und seine Einwanderer

Was die Deutschen für die Integrationsdebatte aus ihrer Geschichte lernen können

Seit Anfang des 21. Jahrhunderts findet in Deutschland ein Umdenken statt: Die zahlreichen hier lebenden Menschen nichtdeutscher Herkunft werden endlich als Einwanderer begriffen. Seitdem wird unter dem Begriff Integration eine Staats- und Gesellschaftspolitik verfolgt, die diese Einwanderung zu gestalten versucht.

VONZafer Senocak

Zafer Senocak lebt als Schriftsteller in Berlin. Zuletzt erschienen von ihm „Das Land hinter den Buchstaben. Deutschland und der Islam im Umbruch“ sowie der Gedichtband „Übergang“ (Babel Verlag).

DATUM13. April 2010

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Die Sprache der Integrationsdebatten ist jedenfalls bezeichnend. Sie ist voller Fallstricke, wenn es um Identitätsfragen geht, um Heimat oder Loyalität. So wurde in den Debatten um die doppelte Staatsbürgerschaft immer wieder der Begriff der Loyalität bemüht, der in der wilhelminischen Epoche von konservativen Historikern und Politikern herangezogen wurde, um zu belegen, dass deutsche und jüdische Identität unvereinbar seien: Aus der Sicht des Historikers Heinrich von Treitschke war die Einheit von Staat und Volk in Gefahr. Wer sich heute gegen Doppelidentitäten sperrt, gerät in die Tradition eines nebulösen Staatsverständnisses, der den Weg der Deutschen in die Demokratie lange blockiert hat. Die Oberhoheit über das Angstpotenzial haben diese Begriffe ohnehin: Angst vor Verlust der Identität, vor Fremden, vor Unbekannten.

Oder die Arbeit der islamischen Verbände in Deutschland: Sie sollte durchaus kritisch betrachtet werden. Wenn Necla Kelek in der „FAZ“ jedoch von „alter Basarmentalität“ schreibt, mit der die Verbände glauben, „in göttlichem Auftrag mit der Regierung über die Zusammensetzung und Tagesordnung der Konferenz schachern“ zu können, werden Assoziationen geweckt, die in einer langen Tradition der Diffamierung und Stigmatisierung stehen. Würde eine Zeitung ähnliche Formulierungen erlauben, wenn es um eine andere Religionsgruppe geht?

Die Einwanderungsdebatte ist emotional aufgeladen. Dennoch haben Empfindungen keinen Platz in den Gesprächsrunden. So kann man sich nur voneinander entfremden. Wenn Deutsche sich der Zugewanderten annehmen wollen, müssen sie sich selbst mehr ins Gespräch bringen, offen und selbstkritisch. Das ist nicht immer eine fröhliche Veranstaltung, sondern auch ein schmerzhafter Prozess. Umgekehrt kann derjenige, der dauerhaft in Deutschland leben und sich in die Gesellschaft eingliedern möchte, nicht umhin, die Geschichte der anderen in den Blick zu nehmen. Dabei kommt es auch auf Empathie an. Es geht weniger um herkömmlichen Geschichtsunterricht, als um einen die Grenzen der eigenen Kultur überschreitenden Erfahrungsaustausch.

In der Geschichtsschreibung ging es oft um die Konstruktion von nationaler Identität. Moderne Geschichtswissenschaft hat sich davon zwar entfernt, aber sie riskiert nach wie vor zu wenig die vergleichende Wahrnehmung. Wir brauchen eine vergleichende Geschichtswissenschaft – ähnlich der vergleichenden Literaturwissenschaft. Dabei können auch literarische Texte mit ihren biografischen Konnotationen eine eher emotionsleere Wahrnehmung der Vergangenheit ergänzen und neue Perspektiven eröffnen. Gerade die Erfahrungen des 20. Jahrhunderts, die Völkermorde, Vertreibungen und nationalistischen Exzesse teilen die Europäer miteinander, die Deutschen teilen sie auch mit den Türken.

Es gibt auch Momente der Unteilbarkeit, der absoluten Einsamkeit mit der eigenen Geschichte. Hier stößt Integration an ihre Grenzen. Es sind Grenzen, die nicht zwischen Nationen, Kulturen, Religionen verlaufen, sondern die mit der Herkunft eines Menschen, seiner Biografie, seinem Stammbaum festgelegt werden. Ihr Verlauf kann sich ändern: Großvater und Großmutter bleiben Großvater und Großmutter, doch wenn die Enkel auswandern, entsteht ein neuer Blick auf die früheren Generationen. Erfahrungen, die sich in Familiengeschichten ablagern, werden mehrsprachig und vieldeutig. Das verunsichert alle, die Individuen und Einzelbiografien am liebsten zu kollektiven Identitäten bündeln möchten.

Deutsche und Türken verbindet etwas. Beide stammen aus großen Mischkulturen, die im 20. Jahrhundert gewaltsam zerschlagen wurden. Ein bitterer Erfahrungshintergrund, den man gemeinsam erörtern kann. So lassen sich Unterschiede und Ähnlichkeiten genauer benennen, jenseits der Sphäre vager Urteile und Vorurteile aufheben. An den Tischen der deutschen Integrationspolitik sollte es also nicht nur um Türken, den Islam und all das gehen, was der Durchschnittsdeutsche als fremd empfindet, sondern auch um das, was er als das Eigene wahrnimmt. Um die eigene Geschichte, den eigenen Identitätswandel. In diesem Wandel steckt nicht nur die Sehnsucht nach Anerkennung, sondern auch die Verunsicherung hinsichtlich einer Zukunft, in der nichts mehr so sein wird wie heute und hoffentlich manches anders als gestern.

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 07.04.2010 – mit freundlicher Erlaubnis des Autors)

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14 Kommentare
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  1. Kevin sagt:

    Ich wüßte nicht, wo sich die türkische Minderheit in diesem Lande etabliert hat.

    Jedenfalls nicht in den Teilen der Gesellschaft, die Deutschland ausmachen.

    Klar, in der Gastronomie gibt es viele Türken. Auch unter den Hilfsarbeitern in sämtlichen Branchen, und im Handel.

    Aber das war es dann auch schon. Es gibt nicht einen einzigen, von türkischen Einwanderern aufgebauten nennenswerten Industriebetrieb in Deutschland.

    Der Maschinenbau kommt fast ganz ohne Türken zurecht. Klar, Maschinen bedienen – nur kann das praktisch jeder.

    Aber selbst im Handwerk sind kaum Türken vertreten – stattdessen finden sich Türken unter den Taxifahrern und Kellnern.

    Und, na klar, wenn sie durch Herabsetzung der Einstellungsvoraussetzungen in den Öffentlichen Dienst gelangen, selbstverständlich dann auch dort.

  2. Kevin sagt:

    Warum bemüht Zafer Senocak eigentlich die Geschichte, wenn es um das Verbot der Sprachen der Einheimischen geht?

    Die Türken verbieten doch noch heute den einheimischen Kurden in türkischen Schulen den Gebrauch ihrer Muttersprache.

    Nur hier paßt der Vergleich mit dem Verbot der deutschen Sprache an Schulen im polnisch besiedelten Teil Preußens.

    Denn Preußen verbot einheimischen Polen den Gebrauch ihrer Sprache. Allerdings vor 200 Jahren in einer Monarchie.

    Heute verbietet die Türkei den einheimischen Kurden den Gebrauch ihrer Sprache. Allerdings heute und in einer Demokratie.

  3. Dybth sagt:

    Wird in deutschen Schulen daenisch gesprochen? Es gibt ja eine daenische Minderheit in Norddeutschland..

  4. Mehmet sagt:

    Sie vergleichen Äpfel mit Birnen.
    Preußen verbot den Polen polnisch zu sprechen, damit sein Reich wächst.

    Die Türkei hat im Jahre 1980 kurdisch in einer Ausnahmesituation „Militärintervention“ verboten. Die PKK hatte damals ihren Aufstieg und mehr und mehr Attentate und Bomben sind einfach in irgendwelchen Innenstädten explodiert. (Ich war übrigens zu der Zeit, als 2008 die Bomben in Istanbul hochgingen und es ca. 50 Tote gab, in Istanbul. Ein sehr unangenehmes Gefühl, durch gefüllte Straßen zu gehen!) Dies war übrigens nicht das einzige, was verboten wurde. Sämtliche Politiker aller Richtungen wurden inhaftiert und es gab auch teilweise Ausgangssperre. Da heute das Militär in der Türkei noch stark ist und die Opposition natürlich mit allen Mitteln versucht, die Anstrengungen (kurdisch zu erlauben) der Regierung zu torpedieren (hier kommt es nicht darauf an, wer in der Regierung ist), kommt dieser Prozess nur mühselig in Gang: Eine Demokratie halt.

    Sie sind anscheinend auch so ein Kandidat, der auf Teufel komm raus wirklich alles was die Türkei betrifft, negativ zu verzerren. Herzlichen Glückwunsch. Für den Titel müssen sich sich allerdings noch etwas anstrengen.

  5. Sugus sagt:

    Das Verbot der kurdischen Sprache in der Öffentlichkeit geschah bereits unter Atatürk und hat nichts mit der PKK zu tun. .

  6. Kevin sagt:

    Das wird schon alle so seinen Grund haben, warum die Kurden gegen die Türken kämpfen.

    Die machen das bestimmt nicht, weil die Türken liebe, artige, friedfertige Menschen sind.

  7. Kevin sagt:

    Ich glaube, das dürfen sie, wenn sie es denn wollen.

    Genau so die Sorben in der Lausitz.

    Eigentlich sind ja sämtliche Ostdeutschen teils slawischer, teils germanischer und teils prußischer bzw. baltischer Abstammung.

    Das sieht man ja an den vielen Nachnamen wie Achnitz, Adomaitis, Wowereit, Schnipkoweit, Prasuhn, Kurbjuhn, Kalis, Gelis, Kalweit, Wessolek, Piefke und so weiter.

    Man sieht daran, daß die deutschen Slawen und Prußen nie vertrieben worden sind.

    Tatsächlich wurden sie, wie zuvor die Sachsen selbst durch Karl den Großen, zwangschristianisiert. An der Zwangschristianisierung der Sachsen haben sich die Slawen sogar als Verbündete Karls des Großen beteiligt.
    Ohne selbst Christen werden zu müssen. Dafür erhielten sie Land, das vorher den Sachsen gehörte.

    Dann haben die Sachsen die Slawen gewaltsam christianisiert.

    Aber die Slawen wurden nicht entmachtet. Denn nachdem sie zu Kreuze gekrochen waren, kamen sie alle wieder an die Macht.

    So regierten die slawischen Obodriten in Mecklenburg noch bis 1918. Die slawischen Greifen regierten Pommern bis 1648. Dann fiel es an die Schweden. Vorher war ein Greife selbst König von Dänemark und Schweden, nämlich Erich der Pommer.

    In Schlesien regierten erst die tschechischen Przemysliden, die dann von den polnischen Piasten vertrieben wurden. Die Tschechen versuchten immer, Schlesien zurückzubekommen, was ihnen auch gelang. Dennoch setzte sich dort schon zur Zeit der polnischen Herrschaft die deutsche Sprache durch, da die von den Mongolen zerstörten Städte von Deutschen wieder aufgebaut wurden (tatsächlich, nicht gelogen, wie ihr es macht mit dem Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg).

    Die Ostdeutschen wurden also jahrhundertelang von deutschen Slawen regiert, die vom Selbstverständnis her Deutsche waren und ab dem Dreißigjährigen Krieg auch mehrheitlich Deutsch sprachen.

    Da die deutschen Slawen und die Preußen zwangschristianisiert wurden, sind sie natürlich Protestanten.

  8. nachgefragt sagt:

    können diese nutzlosen türkischen subjekte irgendetwas anderes als fordern?

  9. Petersen sagt:

    ..unterste Schublade! Leute wie Sie sind die allergrößten Integrationsverhinderer. Pfui Teufel!

  10. Renate sagt:

    hat er Recht
    Niemand anders als die Türken fordern und fordern.
    Ich möchte nur wissen, wie die Türkei handeln würde, sollten dort Millionen Christen einwandern und viele von anderen ihren Steuern schmarotzen dürfen.
    Mein Gott, Deutschland gibt jedes Jahr Milliarden Gelder für Integration aus.

    Undankbares Volk


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