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Migration und Integration in Deutschland

Wenn mir etwas Sorge macht, dann nicht Sarrazins Buch, das ich für das absurde Ergebnis eines Hobby-Darwins halte. Viel mehr Sorge macht mir, dass dieser Rückgriff auf die Eugenik in unserem Land gar nicht mehr auffällt, ja mehr noch: als »notwendiger Tabubruch« frenetisch gefeiert wird.

Sigmar Gabriel (SPD-Chef), Die Zeit, 16.09.2010

Dr. Martin Greve

Individualität statt Mentalität

In den deutschen Medien wird oft von dem Islam, den Migranten und der Integration gesprochen. Für Dr. Martin Greve sind Pauschalisierungen kein geeignetes Mittel, denn sie werden der Komplexität der Thematik nicht gerecht. Der Musikethnologe begreift Vielfalt und Unterschiedlichkeit als eine Bereicherung, der er durch interkulturelle Musikprojekte Ausdruck verleiht. Im Interview mit dem MiGAZIN spricht er über Musik, die Türkei und Integrationsprozesse in Europa.

VONÖlcüm, Baumgärtner

DATUM12. April 2010

KOMMENTARE17

RESSORTInterview

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MiGAZIN: Hat sich die Akzeptanz Ihrer Projekte in der öffentlichen Wahrnehmung in den letzten Jahren geändert?

Greve: Es läuft alles viel besser als noch vor ein paar Jahren. Ich habe jetzt so negativ über die Mehrheitsgesellschaft und deren antiislamischer Haltung gesprochen, aber auch die gegenteilige Tendenz ist immer stärker geworden. Immer mehr Leute und Institutionen, bis hin zur Philharmonie und anderer Musikhochschulen, bemühen sich aktiv: Wir müssen etwas tun, wir müssen uns damit auseinandersetzen und wir wissen zu wenig voneinander. Selbst wenn nicht von Anfang an alles gut läuft. Man versucht es eben und gibt nicht auf.

Gerade in der Kulturpolitik gab es lange die Klischees das türkische ist nicht so die anspruchsvolle Kultur, sondern das machen wir nur aus politischen Gründen, denn das sind ja die armen unterdrückten MigrantInnen. Dieses Vorurteil ist für die Kulturpolitik entsetzlich. Dann gibt es diese Straßenfeste, auf denen irgendwelche Folkloregruppen tanzen und das war es dann mit der Kultur. Aber die Kulturen sind ja viel mehr. Was gerade auch in der Philharmonie deutlich wurde. Da kommt das klassische Philharmoniepublikum. Am Anfang sind die vielleicht aus Versehen gekommen und wussten nicht genau, was da auf sie zu kommt und dachten, es ist ja die Philharmonie, dann kann es ja nicht so schlimm sein. Inzwischen gibt es Stammpublikum. Die sehe ich bei jeder Aufführung und die sprechen mich an und wollen mehr wissen. Die sind total neugierig und ich selbst, hätte das nie für möglich gehalten.

MiGAZIN: Die Konzertreihe „Alla turca“ an der Berliner Philharmonie hat gezeigt, dass Menschen unterschiedlichster Nationen und Religionen auf der musikalischen Ebene zueinanderfinden und etwas bewegen können, warum klappt das nicht auch in der Politik?

Greve: Das funktioniert nicht von alleine. Man muss sich bemühen. In der Philharmonie war das genauso. Wenn man ein türkisches Ensemble und ein deutsches engagiert und ein gemeinsames Konzert macht, dann gibt es zwei Konzerthälften und die machen nichts zusammen. Von alleine gibt es das nicht. Man muss da Druck machen: Jetzt probiert es doch mal gemeinsam. In der Philharmonie gab es tendenziell, vor allem von Seiten der deutschen Musiker, oft Vorbehalte. Erst in dem Moment, als sie sich auf der Probebühne begegnet sind, haben sie gemerkt, das sind ja auch Musiker, genau wie wir. Man kann das natürlich schlecht auf das allgemeine Leben übertragen, aber alle Politiker, Institutionen, etc., müssen sich aktiv darum bemühen. Man muss aufeinander zugehen und man muss es versuchen und bereit sein sich zu ändern, auch von deutscher Seite aus. Es gibt oft so eine Haltung: Die müssen sich jetzt integrieren. So funktioniert das aber nicht. Man muss sich selbst auch in Frage stellen.

MiGAZIN: Sie haben mal geschrieben, es gebe keine grundlegenden Mentalitätsunterschiede zwischen Deutschen und MigrantInnen, können Sie das näher erläutern?

Greve: Es gibt nicht so was wie eine türkische Mentalität, genau so wenig, wie es eine deutsche gibt. Die Leute sind natürlich total verschieden, aber Menschen sind nun mal verschieden, und wenn man das alles auf Mentalitäten schiebt, dann zieht man Wände hoch, die unüberwindbar sind. Ich glaube, es ist besser einfach den Menschen zu sehen und sich mit ihm oder ihr auseinanderzusetzen. Man muss an den einzelnen Menschen denken und nicht immer an Mentalitäten und Kulturen.

MiGAZIN: Sie reisen ja recht viel durch Europa und wirken bei verschiedenen Projekten mit. Wie schätzen Sie die Integrationsprozesse in anderen europäischen Ländern ein?

Greve: Es gibt im Prinzip eine allgemeine Tendenz, dass die Probleme größer werden. Die antiislamische Haltung wächst überall in Europa, soweit ich das einschätzen kann. Vor allem in Holland ist das ganz gravierend mit Geert Wilders. Die Einstellung, der Islam ist gefährlich und wir müssen uns schützen, hat stark um sich gegriffen. Und das gerade in den Niederlanden in der Integration eigentlich immer recht vorbildlich gelaufen ist. Da liefen Integrationskurse schon lange, bevor Deutschland damit angefangen hat. Die Situation in Europa ist schon vergleichbar. Auch die Themen Ehrenmorde und Zwangsheirat. Das sind Themen, die weder in der Türkei noch in Europa neu sind. Die Diskussion in Deutschland ist jedoch zweischneidig. Zum einen muss man das bekämpfen, zum anderen verfestigt sich das Bild in der Mehrheitsgesellschaft, dass alle Türken so sind. In Wahrheit ist das ein sehr geringer Teil. Ehrenmord ist eine extreme Ausnahmesituation, genau wie Zwangsheirat. Aber in der Wahrnehmung der Mehrheitsgesellschaft ist das völlig verzerrt. In den deutschen Medien, im Feuilleton und in Talkshows, ist eine absurde Debatte über den Islam entbrannt und wie kritisch man den Islam sehen muss, als wäre es eine Einheit. Ganz absurd und übertrieben alles.

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17 Kommentare
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  1. Kevin sagt:

    Genau! Es gibt nämlich auch ein paar Türken, die nicht kriminell sind!

    Viele Menschen wissen das nur nicht. Daher muß das im Fernsehen mal gesagt werden.

  2. elimu sagt:

    „Viele Menschen wissen das nur nicht. Daher muß das im Fernsehen mal gesagt werden..“

    Das Fernsehen findet aber solche „Normalos“ total langweilig… hat ja nichts weltbewegendes, wenn man einfache Leute zeigt, die ihr Leben leben. Zwangsverheiratung, Ehrenmorde… das sind die Geschichten, auf denen die Menschen abfahren. Sowas bewegt… Es ist skandalös und muss gezeigt werden. Mann kann nur auf Menschen hoffen, die einen weitestgehend richtig funktionierenden Menschenverstand haben und solche Nachrichten durchschauen. Nur leider machen die Politiker ja auch nicht halt vor vielen Dingen…

  3. Elmar sagt:

    Der bedauernswerte Herr Greve verwechselt Realität mit Wunschvorstellungen und Wahrheit mit Ideologie.
    Er sollte mal ine einer muslimischen No-Go-Area einige Tage verbringen – wenn er da solange überlebt.

  4. Redford sagt:

    Was für ein schrecklicher Mann! Einfach nur völlig realitätsfern… der Herr Greve sollte wirklich mal wieder die Wirklichkeit kennenlernen, dann vergisst er seine philosophischen Theorien über Multikulti & Co. ganz schnell wieder. Wie wär’s mit einem „kulturellen“ Kurzurlaub? Ich schlage Berlin-Neukölln vor!

  5. elimu sagt:

    „Er sollte mal ine einer muslimischen No-Go-Area einige Tage verbringen – wenn er da solange überlebt.“

    Und Sie selbst waren auch in so einer „muslimischen No-Go-Area“ ? Das würd mich jetzt interessieren. Können Sie das vielleicht näher ausführen? Ich möchte mir das bildlich etwas besser vorstellen können. Wo liegt dieser Ort genau? Obwohl, wenn man dort eh nicht überlebt, wieso schreiben Sie dann noch so munter? Ach soo, also waren Sie doch nicht in so einer „Area“. Wieder die Medien, verstehe…

  6. Holkan sagt:

    Sehr geehrter elimu! Ich bin da gerne behilflich. Zuerst müsste geklärt werden, was eine Nogo-Area ist. Reicht es schon als junges Mädchen mit den Worten „Komm her du kleine Fotze“ angemacht zu werden, dann würde ich empfehlen in den Bus M29 zu steigen, vielleicht Haltestelle Oranien/Adalbertstr. in Kreuzberg. Oder muss man geschlagen werden? Dann empfehle ich zwei Schwulen Hand in Hand am Görlitzer Bahnhof entlang zu laufen, da gibt es was auf die Mütze. Doch Vorsicht, manchmal greifen deutsche Passanten ein, die laut rufen: Ich rufe die Polizei! Reicht auch nicht als Nogo-Area? Hmm, dann vielleicht einfach mal als Jugendlicher ohne […] auf eine Schule in der Gegend gehen und den Ehrgeiz haben, etwas in der Schule zu lernen. Alle drei Beispiele habe ich erlebt, da ich bis 2004 in der Gegend gewohnt habe.
    Kurzum: Ihre Überheblichkeit gründet sich auf Unwissenheit. Mein Ratschlag: Bildung ist die halbe Miete zur Einsicht.

  7. gregstrrr sagt:

    Schönen guten Tag, hier schreibt jetzt mal ein Neuköllner!
    Nach diesen letzten Kommentaren kann ich mich einfach nicht mehr zurückhalten. Erfahrungsgemäß kommen Aussagen, wie diese über eine „muslimische no-go-area“, von Menschen mit wenig Bezug zu MItbürgern mit einen ursprünglich anderen kulturellen Hintergrund. Ich habe keine Ahnung, was „muslimische no-go-area“ überhaupt zu bedeuten hat, denn dieser Begriff macht wenig Sinn. Es werden Erinnerungen an „no-go-areas“, während der WM in Berlin wach – bei diesen handelte es sich aber um Warnungen für nicht-deutsch-aussehende Menschen, wegen der rechtsradikalen Gewaltbereitschaft im Ostteil Berlins.
    Ich habe jetzt ganz schnell „muslimische no-go-area“ gegoogelt, um festzustellen, was es damit auf sich hat. Größtenteils geht es in Berlin dabei um die erhöhte Aggressivität gegenüber homosexuellen Mitbürgern. Das stellt definitiv ein interessantes Thema dar, aber diese Aggressivität ist auch auf andere Standortfaktoren zurückzuführen. Die hippen Schwulen zieht es nunmal eher nach Neukölln oder Kreuzberg, als nach Marzahn und wenn sich ein modebewusster schwuler Hipster durch Berlin-Neukölln bewegt, ist er auch nicht gleich bedroht. Wenn es zu einer gewaltsamen Handlung kommen sollte, dann sollte nicht gleich geschlussfolgert werden das die Motivation religiös war. In Kiezen, wie Neukölln, ist der finanzielle Aspekt nämlich auch sehr ausschlaggebend. Bei einer hohen Arbeitslosigkeit und niedrigen Löhnen ist vielleicht die Unbeschwertheit, Leichtsinnigkeit und Unbekümmertheit der Hinzugezogenen ein Dorn im Auge mancher Ur-Neuköllner, die ein Leben reich an Problemen leben. Finanzielle Probleme führen auch in anderen Situationen zu Spannungen, die manchmal in Gewalt ausufern können – Armut ist der Feind und nicht der Nachbar!
    Wie auch immer. Neukölln ist keine „muslimische no-go-area“, was auch jeder Neuköllner bestätigen kann. Herr Greve trifft den Nagel auf den Kopf, wenn er sagt, dass jeder Mensch für sich genommen werden muss, egal welcher Herkunft er ist.
    Hoch lebe die kulturelle Vielfalt!

  8. elimu sagt:

    „Wie wär’s mit einem “kulturellen” Kurzurlaub? Ich schlage Berlin-Neukölln vor! “

    Was gibt es denn dort nach Ihrer Meinung zu sehen? Führen Sie es doch mal genauer aus… immer diese Querverweise und keine richtigen Ausführungen. Ich war noch nie dort… Ich war mal in Duisburg-Marxloh.. kleine Fressmeile.. sehr delikat muss ich zugeben 🙂 ach ja und die ganzen Brautkleidergeschäfte… Natürlich nicht zu vergleichen mit Edel-Boutiquen, aber es hat was…

  9. Petersen sagt:

    türkische Fressmeile, türkische Brautmodengeschäfte?

  10. Sugus sagt:

    Wo gibt es denn die rechtsradikale Gewaltbereitschaft in Ostberlin? Habe dort noch nie einen Skinhead gesehen. Auch bei meinen unzähligen Ausflügen in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern gerade mal einen (!). Kann es sein, daß hier wenige bedauerliche Einzelfälle verallgemeinert und die Bevölkerung ganzer Landstriche pauschal diffamiert wird – Rassismus sozusagen?


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