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Migration und Integration in Deutschland

Gedenken an Holocaust Teil unserer gemeinsamen Leitkultur.

Armin Laschet, Nordrhein-Westfälischer Integrationsminister, MiGAZIN, 28. Januar 2010

Dr. Martin Greve

Individualität statt Mentalität

In den deutschen Medien wird oft von dem Islam, den Migranten und der Integration gesprochen. Für Dr. Martin Greve sind Pauschalisierungen kein geeignetes Mittel, denn sie werden der Komplexität der Thematik nicht gerecht. Der Musikethnologe begreift Vielfalt und Unterschiedlichkeit als eine Bereicherung, der er durch interkulturelle Musikprojekte Ausdruck verleiht. Im Interview mit dem MiGAZIN spricht er über Musik, die Türkei und Integrationsprozesse in Europa.

VONÖlcüm, Baumgärtner

DATUM12. April 2010

KOMMENTARE17

RESSORTInterview

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MiGAZIN: Herr Greve, was ist eigentlich Musikethnologie?

Martin Greve: Das ist ein Teilgebiet der Musikwissenschaft. Man beschäftigt sich mit Musik im Kontext von Gesellschaft und mit der Psychologie von Musik. Der Name ist etwas altertümlich, die Definition sehr problematisch und das Wort komisch, ursprünglich geht es dabei um nicht europäische (Volks-)Musik. Man kann es mittlerweile in Deutschland auch gar nicht mehr studieren.

MiGAZIN: Wann sind Sie das erste Mal mit türkischer Musik in Berührung gekommen?

Greve: Mein Interesse an der türkischen Musik kam durch meine Nachbarn. Deren Kindern habe ich Blockflöten geschenkt und zum Dank habe ich Kassetten mit türkischer Musik bekommen. Ich war 1984 das erste Mal in der Türkei und bin vom östlichen Kars ins westliche Marmaris gefahren. Mir ging sofort durch den Kopf: Das ist nicht das gleiche Land. Die haben nichts miteinander zu tun und dann dachte ich mir, dieses Land will ich irgendwann mal verstehen.

Dr. Martin Greve, geboren 1961, ist Leiter des Studiengangs »Türkische Musik« am Konservatorium Rotterdam und lebt in Istanbul. Der Musikethnologe betreut und leitet verschiedene musikalische Projekte, unter anderem die Reihe „Alla turca“ an der Berliner Philharmonie. Des Weiteren ist er Mitautor der Broschüre „Berlin Deutsch – Türkisch, Einblicke in die neue Vielfalt“.

MiGAZIN: Und wie ist es mit dem Verständnis heute?

Greve: Also deutlich besser als damals, aber ob ich es jemals verstehe, dass weiß ich nicht. Die Türkei ist so widersprüchlich. Das Land verändert sich fast täglich. Es gibt auch so viele Unterschiede zwischen Ost und West, Nord und Süd. Das kann man nicht verstehen. Es ist zu vielfältig. Was ja auch gut ist, ich finde das sehr positiv. Genau hier liegt auch das Hauptproblem von vielen, die sich mit der Türkei beschäftigen: Ist das jetzt typisch türkisch? Ist das jetzt türkische Musik? Man kann tausendmal sagen: Das gibt es nicht, es gibt nichts typisch Türkisches.

MiGAZIN: Von der Türkei zurück nach Deutschland: Wie schätzen Sie die Situation der türkischen MigrantInnen hier ein?

Greve: Das ist eine komplizierte Frage und man weiß eigentlich gar nicht mehr, wer die Türken in Deutschland überhaupt sind. Wenn man nach der Staatsangehörigkeit geht, hat ein großer Teil den deutschen Pass. Es gibt seit Generationen binationale Ehen und es gibt viele, die mittlerweile sagen, ich bin eigentlich nicht mehr türkisch, vielleicht europäisch oder ein Weltenbürger. Und es gibt einige, die gerade aus der Türkei nach Deutschland gekommen sind. Und alles Mögliche dazwischen. Man kann diese Gruppe nicht mehr zusammenfassen und deswegen ist auch die Situation völlig unterschiedlich.

In Deutschland gibt es eben beides, Erfolg und Misserfolg. Ich denke, es entwickelt sich schon ganz gut, aber auch viel zu langsam. Ich merke das verstärkt in Istanbul. Hier ist es voll mit Deutschtürken, die aus Deutschland ausgewandert und nach Istanbul gezogen sind. Ich meine die zweite und dritte Generation. Das sind Leute, die in Deutschland zur Schule gegangen sind und eigentlich Erfolg haben könnten, aber die deutsche Gesellschaft macht es ihnen so schwer. Das sollte für Deutschland eigentlich total erschreckend sein. Dass sie diese klugen Leute wegziehen lassen. Da läuft doch was total schief.

MiGAZIN: Und wo sehen Sie Handlungsbedarf? Was könnte man ändern?

Greve: Man kann nicht einfach mit Reformen alles besser machen. Da gibt es so viele komplizierte Probleme. Es gibt zum Beispiel das Problem der antiislamischen Stimmung, die seit dem 11. September in Deutschland sehr stark verbreitet ist. Es gibt so einen Pauschalverdacht, türkische Männer seien alle Machos und schlagen ihre Frauen. Das Kopftuch ist sowieso ganz verdächtig. Egal wie religiös jemand ist, aufgrund der Tatsache, dass jemand Türke ist, wird unterstellt, er ist islamisch und ein Macho. Da nützen auch keine Reformen etwas. Und das hat man deutlich mit Sarrazin gesehen, der hat ausgesprochen, was viele gedacht haben und das ist erschreckend. Auf der anderen Seite gibt es viele soziale und ökonomische Probleme und die betreffen auch MigrantInnen stark. Und das ist eben nicht nur ein Integrationsproblem, sondern auch ein sozialgesellschaftliches.

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17 Kommentare
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  1. Kevin sagt:

    Genau! Es gibt nämlich auch ein paar Türken, die nicht kriminell sind!

    Viele Menschen wissen das nur nicht. Daher muß das im Fernsehen mal gesagt werden.

  2. elimu sagt:

    „Viele Menschen wissen das nur nicht. Daher muß das im Fernsehen mal gesagt werden..“

    Das Fernsehen findet aber solche „Normalos“ total langweilig… hat ja nichts weltbewegendes, wenn man einfache Leute zeigt, die ihr Leben leben. Zwangsverheiratung, Ehrenmorde… das sind die Geschichten, auf denen die Menschen abfahren. Sowas bewegt… Es ist skandalös und muss gezeigt werden. Mann kann nur auf Menschen hoffen, die einen weitestgehend richtig funktionierenden Menschenverstand haben und solche Nachrichten durchschauen. Nur leider machen die Politiker ja auch nicht halt vor vielen Dingen…

  3. Elmar sagt:

    Der bedauernswerte Herr Greve verwechselt Realität mit Wunschvorstellungen und Wahrheit mit Ideologie.
    Er sollte mal ine einer muslimischen No-Go-Area einige Tage verbringen – wenn er da solange überlebt.

  4. Redford sagt:

    Was für ein schrecklicher Mann! Einfach nur völlig realitätsfern… der Herr Greve sollte wirklich mal wieder die Wirklichkeit kennenlernen, dann vergisst er seine philosophischen Theorien über Multikulti & Co. ganz schnell wieder. Wie wär’s mit einem „kulturellen“ Kurzurlaub? Ich schlage Berlin-Neukölln vor!

  5. elimu sagt:

    „Er sollte mal ine einer muslimischen No-Go-Area einige Tage verbringen – wenn er da solange überlebt.“

    Und Sie selbst waren auch in so einer „muslimischen No-Go-Area“ ? Das würd mich jetzt interessieren. Können Sie das vielleicht näher ausführen? Ich möchte mir das bildlich etwas besser vorstellen können. Wo liegt dieser Ort genau? Obwohl, wenn man dort eh nicht überlebt, wieso schreiben Sie dann noch so munter? Ach soo, also waren Sie doch nicht in so einer „Area“. Wieder die Medien, verstehe…

  6. Holkan sagt:

    Sehr geehrter elimu! Ich bin da gerne behilflich. Zuerst müsste geklärt werden, was eine Nogo-Area ist. Reicht es schon als junges Mädchen mit den Worten „Komm her du kleine Fotze“ angemacht zu werden, dann würde ich empfehlen in den Bus M29 zu steigen, vielleicht Haltestelle Oranien/Adalbertstr. in Kreuzberg. Oder muss man geschlagen werden? Dann empfehle ich zwei Schwulen Hand in Hand am Görlitzer Bahnhof entlang zu laufen, da gibt es was auf die Mütze. Doch Vorsicht, manchmal greifen deutsche Passanten ein, die laut rufen: Ich rufe die Polizei! Reicht auch nicht als Nogo-Area? Hmm, dann vielleicht einfach mal als Jugendlicher ohne […] auf eine Schule in der Gegend gehen und den Ehrgeiz haben, etwas in der Schule zu lernen. Alle drei Beispiele habe ich erlebt, da ich bis 2004 in der Gegend gewohnt habe.
    Kurzum: Ihre Überheblichkeit gründet sich auf Unwissenheit. Mein Ratschlag: Bildung ist die halbe Miete zur Einsicht.

  7. gregstrrr sagt:

    Schönen guten Tag, hier schreibt jetzt mal ein Neuköllner!
    Nach diesen letzten Kommentaren kann ich mich einfach nicht mehr zurückhalten. Erfahrungsgemäß kommen Aussagen, wie diese über eine „muslimische no-go-area“, von Menschen mit wenig Bezug zu MItbürgern mit einen ursprünglich anderen kulturellen Hintergrund. Ich habe keine Ahnung, was „muslimische no-go-area“ überhaupt zu bedeuten hat, denn dieser Begriff macht wenig Sinn. Es werden Erinnerungen an „no-go-areas“, während der WM in Berlin wach – bei diesen handelte es sich aber um Warnungen für nicht-deutsch-aussehende Menschen, wegen der rechtsradikalen Gewaltbereitschaft im Ostteil Berlins.
    Ich habe jetzt ganz schnell „muslimische no-go-area“ gegoogelt, um festzustellen, was es damit auf sich hat. Größtenteils geht es in Berlin dabei um die erhöhte Aggressivität gegenüber homosexuellen Mitbürgern. Das stellt definitiv ein interessantes Thema dar, aber diese Aggressivität ist auch auf andere Standortfaktoren zurückzuführen. Die hippen Schwulen zieht es nunmal eher nach Neukölln oder Kreuzberg, als nach Marzahn und wenn sich ein modebewusster schwuler Hipster durch Berlin-Neukölln bewegt, ist er auch nicht gleich bedroht. Wenn es zu einer gewaltsamen Handlung kommen sollte, dann sollte nicht gleich geschlussfolgert werden das die Motivation religiös war. In Kiezen, wie Neukölln, ist der finanzielle Aspekt nämlich auch sehr ausschlaggebend. Bei einer hohen Arbeitslosigkeit und niedrigen Löhnen ist vielleicht die Unbeschwertheit, Leichtsinnigkeit und Unbekümmertheit der Hinzugezogenen ein Dorn im Auge mancher Ur-Neuköllner, die ein Leben reich an Problemen leben. Finanzielle Probleme führen auch in anderen Situationen zu Spannungen, die manchmal in Gewalt ausufern können – Armut ist der Feind und nicht der Nachbar!
    Wie auch immer. Neukölln ist keine „muslimische no-go-area“, was auch jeder Neuköllner bestätigen kann. Herr Greve trifft den Nagel auf den Kopf, wenn er sagt, dass jeder Mensch für sich genommen werden muss, egal welcher Herkunft er ist.
    Hoch lebe die kulturelle Vielfalt!

  8. elimu sagt:

    „Wie wär’s mit einem “kulturellen” Kurzurlaub? Ich schlage Berlin-Neukölln vor! “

    Was gibt es denn dort nach Ihrer Meinung zu sehen? Führen Sie es doch mal genauer aus… immer diese Querverweise und keine richtigen Ausführungen. Ich war noch nie dort… Ich war mal in Duisburg-Marxloh.. kleine Fressmeile.. sehr delikat muss ich zugeben 🙂 ach ja und die ganzen Brautkleidergeschäfte… Natürlich nicht zu vergleichen mit Edel-Boutiquen, aber es hat was…

  9. Petersen sagt:

    türkische Fressmeile, türkische Brautmodengeschäfte?

  10. Sugus sagt:

    Wo gibt es denn die rechtsradikale Gewaltbereitschaft in Ostberlin? Habe dort noch nie einen Skinhead gesehen. Auch bei meinen unzähligen Ausflügen in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern gerade mal einen (!). Kann es sein, daß hier wenige bedauerliche Einzelfälle verallgemeinert und die Bevölkerung ganzer Landstriche pauschal diffamiert wird – Rassismus sozusagen?


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