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Es sei denn, man würde die Lebensverhältnisse der Ausländer in der Bundesrepublik derartig nachhaltig verschlechtern, dass ein Leben am Rande des Existenzminimums in den Herkunftsländern vorteilhafter erschiene.

Forschungsverbund „Probleme der Ausländerbeschäftigung“, 1979

Politisch-Rechtlicher Status

Integrationspolitik macht einen Unterschied

Der politisch-rechtliche Status von Migranten beeinflusst die Bildungschancen – der deutsche Pass etwa hat den Aussiedlern die Integration erleichtert.

VONMargret Karsch

Margret Karsch, seit 2007 als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung. 2001 bis 2006 Lehrbeauftragte an den Universitäten in Göttingen und Lüneburg sowie DAAD-Dozentin in Torun/Polen; Promotion; Tätigkeiten als freie Autorin, Redakteurin, PR-Beraterin, Workshopleiterin und Lektorin; Gründungsmitglied des Vereins cultura21, der sich für einen kulturellen Wandel im Sinne einer sozial-ökologischen Entwicklung einsetzt.

DATUM22. März 2010

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Flüchtlinge bilden unter den Migranten in Deutschland eine besonders benachteiligte Gruppe. Aussiedlern hingegen hat die deutsche Staatsbürgerschaft den Zugang zu Fördermaßnahmen ermöglicht, die zu erheblichen Bildungserfolgen geführt haben. Zu diesem Ergebnis kommt eine Untersuchung des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB).

Damit bestätigt das WZB, was das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung bereits in der Studie „Ungenutzte Potenziale. Zur Lage der Integration in Deutschland“ auf der Basis der Mikrozensus-Daten von 2005 festgestellt hat: Alle Migranten kommen mit unterschiedlichen Voraussetzungen ins Land. Darüber hinaus weichen die Einreise- und Aufenthaltsbedingungen sowie die Perspektiven, die sich ihnen hierzulande auftun, je nach Herkunftsland voneinander ab. Fördermaßnahmen sollten deshalb auf die individuellen Schwächen und Stärken der Migrantinnen und Migranten abgestimmt werden – vor allem in der Bildung. Ohne eine solche Integrationspolitik bleiben die Potenziale der Zuwanderer ungenutzt.

Janina Söhn vom WZB unterscheidet in ihrer Auswertung der Mikrozensus-Daten von 2005 die Menschen mit Migrationshintergrund nicht nach Herkunftsland, sondern stellt die Aussiedler als Gruppe allen übrigen Migranten gegenüber. Aussiedler erhalten direkt nach der Einwanderung die deutsche Staatsbürgerschaft. Der Vergleich zeigt, dass Kinder von Aussiedlern häufiger als Kinder von Zuwanderern ohne deutschen Pass die Schule mit der mittleren Reife abschließen. Die Auswertung der Mikrozensus-Daten von 2005 durch das Berlin-Institut zeigte zudem das höhere Bildungsstreben der Aussiedler beziehungsweise ihrer in Deutschland geborenen Kinder: Der Anteil der Oberstufenschülerinnen und -schüler sowie derjenigen mit akademischem Abschluss liegt sogar über dem Wert der Einheimischen. Jugendliche aus Aussiedlerfamilien sind seltener erwerbslos und auch seltener von öffentlichen Leistungen abhängig als Einheimische.

Janina Söhn nennt drei Gründe für den Bildungserfolg der Aussiedler: erstens den relativen Bildungsvorsprung der Aussiedler. Diese kamen vornehmlich aus den ehemals sozialistischen, osteuropäischen Staaten, die relativ gute Bildungssysteme hatten. Demnach brachten die Aussiedler bereits eine gute Ausbildung mit.

Zweitens konnten zumindest einige der Aussiedler bereits Deutsch, als sie hier eintrafen. Von diesem Wissensvorsprung gegenüber anderen Migranten profitierten sie auch in der Schule, zumal die Eltern ihre Kinder in der schulischen Laufbahn durch ihre eigenen Sprachkenntnisse unterstützen konnten. Die Eltern anderer Migranten scheiterten oft an der sprachlichen Hürde. Um die Bildungschancen aller Migrantenkinder zu erhöhen, empfiehlt Janina Söhn neben schulischen Integrationsmaßnahmen für die Minderjährigen deshalb eine unterstützende Integrationspolitik für Erwachsene.

Drittens bot der deutsche Pass den Aussiedlern Vorteile. Sie hatten zum einen Anspruch auf besondere Fördermaßnahmen, zu denen andere Migranten keinen Zugang hatten. Am außerschulischen Nachhilfeunterricht und an Deutschkursen durften beispielsweise nur Aussiedler teilnehmen. Zum anderen bot die formale Gleichstellung mit den einheimischen Deutschen Planungssicherheit: Als deutsche Staatsangehörige konnten sie alle Rechte wahrnehmen und waren motiviert, im Land Fuß zu fassen. Diese Lebensplanung ist für andere Migranten oftmals nahezu unmöglich. Insbesondere Flüchtlinge und Asylsuchende leben in einer permanenten Unsicherheit, ob sie überhaupt bleiben können, erhalten nur geringe finanzielle Unterstützung vom Staat und haben zum Teil gar keinen, zum Teil nur einen erschwerten Zugang zum Arbeitsmarkt.

Die Daten des Mikrozensus von 2005 legen der Studie des Berlin-Instituts zufolge einen Zusammenhang zwischen Integration und deutscher Staatsbürgerschaft von Menschen mit Migrationshintergrund nahe. Der deutsche Pass kann Bildung nicht ersetzen, aber dass er als Symbol gesellschaftlicher Anerkennung und Zugehörigkeit motivierend wirken kann, ist unbestreitbar. Zumindest deuten die Erfolge der eingebürgerten türkischstämmigen Migranten darauf hin.

Literatur / Links

Erstveröffentlichung: Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung

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5 Kommentare
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  1. Sugus sagt:

    Das sind richtige Beobachtungen, aber ich bezweifle, ob die behauptete Kausalität stimmt. Menschen integrieren sich nicht besonders gut, weil sie den deutschen Paß haben (sozialrechtlich sind Ausländer und deutsche Staatsbürger eh gleichgestellt), sondern sie haben den deutschen Paß, weil sie gut integriert sind.
    Natürlich gibt es auch eine Gruppe, die den deutschen Paß hat und trotzdem nicht integriert ist. Nimmt seit 2000 leider ständig zu.

  2. Mehmet sagt:

    Die Arbeitgeber fragen erst, ob ich einen Deutschen Pass habe, da die Bearbeitung meiner Unterlagen dann leichter wäre. Wenn ich also einen türkischen Pass hätte, dann wäre das ein Nachteil. Das Arbeitsleben ist jedoch mit eine grundlegende Voraussetzung für die Integration (wenn man mindestens 40h die Woche arbeitet und diese Zeit mit den Kollegen verbringt, wird das wohl klar).

  3. Sugus sagt:

    Es hat die Unternehmen jahrzehntelang bei Hunderttausenden ausländischer Arbeitnehmer nicht gestört und ich kann mir nicht vorstellen, daß es heute ein großes Hindernis ist. Vielleicht verbirgt sich hinter der Frage der Arbeitgeber auch ein anderes Motiv. Was wird denn leichter bei der Bearbeitung, haben die konkrete Angaben gemacht?

  4. Mehmet sagt:

    Folgendermaßen:
    Wir sind im IT-Support eines namenhaften Unternehmens bestehen aus 10 „Migrations“-Deutschen und 3-4 „normalen“ Deutschen, alle akzentfrei. (Ich nenne das mal so ohne hier jetzt über die Begrifflichkeiten streiten zu wollen). Der Leiter hat zu mir offen und ehrlich gesagt, dass die Bearbeitung intern leichter und schneller ablaufen würde und man daher Passdeutsche bevorzugen würde. Was genau leichter ist, hat er mir nicht gesagt und in einem Vorstellungsgespräch wollte ich damals auch nicht nachhaken.

  5. NDS sagt:

    Hi,
    die Erfahrung, dass mein Unternehmen (in meinem Fall auch der akademische Arbeitsmarkt) mich wegen meiner deutschen Staatsangehörigkeit und dem Hinweis auf den bürokraischen Aufwand bei Nicht-Deutschen bevorzugt hat, habe ich auch gemacht. Kann Mehmet nur zustimmen.
    Meine Mitbewohnerin, im Aussehen „deutscher“ als ich, wurde als Studentin für einen Nebenjob im Kino genau aus dem Grund nicht genommen, weil laut der dortigen Geschäftsführung ihr Nicht-Besitzen der deutschen Staatsangehörigkeit erheblichen bürokratischen Aufwand bedeutet hätte.
    Viele Grüße



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