Selbstethnisierung

„Zu Ausländern wird man gemacht“

Pädagogische Prävention jugendlicher Selbstethnisierung – Für jugendliche Migranten spielt der Bezug auf die nationale und kulturelle Herkunft der Eltern eine große Rolle. Der Sozialwissenschaftler Kemal Bozay fordert daher, die kulturelle Identität von Jugendlichen mit Migrationshintergrund anzuerkennen, um ihrer Selbstethnisierung zu begegnen.

Oft klagen Pädagogen darüber, dass sich Jugendliche nicht als „Deutsche“, sondern eher als „Türken“, „Araber“ oder „Muslime“ bezeichnen. Dabei ist es nicht zuletzt die deutsche Mehrheitsgesellschaft selbst, die versucht, sich ihrer eigenen Identität zu vergewissern, indem man sich von der Tradition und Religion von Migranten abgrenzt. Diese Selbstvergewisserung der Mehrheit begünstigt unter vielen Migranten eine Tendenz zur Selbstethnisierung, das heißt zur Abgrenzung von der deutschen und zur Identifikation mit der jeweiligen Herkunftsgesellschaft. Das gilt selbst für Jugendliche, die in Deutschland geboren sind. Für sie sind es auch alltägliche Begegnungen mit Diskriminierungen, die (Rück-)Besinnungen auf tatsächlich oder vermeintlich geteilte Werte und Normen der Herkunftsgesellschaft befördern. Gerade Jugendliche erfahren über die Selbstethnisierung als „Türke“, „Albaner“ oder „Araber“ ein Wir-Gefühl. Als „Albaner“ ist man jedenfalls wer.

Wie ist das in Marokko?
Der 25-jährige Servet aus Frankfurt beschrieb dies im Gespräch mit mir so: „In Deutschland haben sie uns immer daran erinnert, dass wir Türken sind. (…) Ich habe dann stärker mein Türkisch-Sein erkannt und betont, dass ich anders als die Deutschen bin. Jetzt fühle ich mich in meiner türkischen Gruppe wohl und bin nur noch mit türkischen Freunden unterwegs“. Auch weil er arbeitslos und ohne Ausbildungsplatz ist, sieht Servet sich nicht als anerkannter Teil der Gesellschaft. Ähnliche Erfahrungen machte die 17-jährige Marokkanerin Meryem, die als Jugendliche im Zuge der Familienzusammenführung nach Deutschland kam: „Als ich in Deutschland zur Schule ging, habe ich erst richtig erfahren, dass ich Marokkanerin bin. Viele kamen zu mir und fragten, wie das in Marokko wäre. Auch meine Lehrer. Erst dann habe ich meinen Unterschied zu ihnen erkannt und das hat sich bis heute nicht geändert. Man wird hier zu richtigen Ausländern gemacht.“

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Neben der Herkunftsregion ist die Religion bei vielen Jugendlichen ein wichtiger Bezugspunkt bei der Suche nach Zugehörigkeit und Identität. Dahinter steht nicht selten die Wahrnehmung, als Muslime nicht akzeptiert zu werden. Als Beleg für die Ablehnung, der sich Muslime gegenüber sehen, gelten hier öffentliche Debatten um das Kopftuch oder den Bau von Moscheen.

Bei manchen Jugendlichen verbindet sich die (Rück-)Besinnung auf Religion oder Herkunftsland der Eltern zudem mit einer ausdrücklichen politischen Botschaft. So hat der 24-jährige Ahmet aus Köln seine politische Identität als Jugendleiter im Türkischen Idealistenheim der Grauen Wölfe gefunden. Sein Engagement für die radikal-nationalistische Bewegung begründet er mir gegenüber so: „Weil ich als erstes Türke bin. Schon seit meiner Kindheit werde ich hier als Knoblauchfresser beschimpft. So kann ich mich nicht an die deutsche Kultur adaptieren. Ich setze mich lieber in eine türkische Klasse, denn ich denke türkisch, lebe türkisch und spreche türkisch. Hier lernen Jugendliche, dass sie Türken sind. (…) Der Graue Wolf passt ganz zum Türken. Er ist unser nationales Symbol. Den Wolf kann man nicht anketten oder einsperren, auch also den Türken nicht. Er lässt sich nicht anketten, befehlen und unterdrücken.“

„Wir “ und „Die “
Der starke Bezug auf die religiöse oder ethnische Herkunft ist ein Versuch von Jugendlichen, die aus verschiedenen Gründen als fragil erfahrene eigene Person zu stärken, indem sie sich auf eine kollektive Identität beziehen. Negative Stigmata werden dabei positiv umgedeutet und im Gegenzug die Mehrheitsgesellschaft abgewertet: „Schweinefleischfresser“ heißt es dann mitunter abfällig oder einfach nur „Deutsche“.

„Gefordert ist aber vielmehr die Bereitschaft, Ernst zu machen mit der „Einwanderungsgesellschaft.“

Vor diesem Hintergrund sollten in der pädagogischen Arbeit mit Jugendlichen migrantischer Herkunft kulturelle oder religiöse Eigen- und Besonderheiten zunächst weniger als Problem, denn als Kompetenz und Bereicherung anerkannt werden. Dies geht nur in einem Dialog, in dem kulturell konnotierte Konflikte offen, auf gleicher Augenhöhe und im Bemühen darum behandelt werden, unterschiedliche Perspektiven wahrzunehmen und zu respektieren. Auf diese Weise können pauschale Zuschreibungen von Zugehörigkeiten („Wir“ und „Die“) infrage gestellt und gegenseitige Abwertungen vermieden werden. Zudem sollten pädagogische Maßnahmen darauf zielen, dass Jugendliche Selbstwirksamkeitserfahrungen machen, das heißt: sich als Akteure wahrnehmen, die mit ihrem eigenen Handeln etwas bewirken können. Solche Erfahrungen sind besonders geeignet, um das Individuum unabhängig von der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe zu stärken.

Darüber hinaus geht es aber auch um politische Signale: Die bisherige Praxis stellte „Deutsche“ und „Migranten“ meist einander gegenüber und war vor allem darauf ausgerichtet, Zuwanderer in die deutsche Gesellschaft zu integrieren. Gefordert ist aber vielmehr die Bereitschaft, Ernst zu machen mit der „Einwanderungsgesellschaft“. Und dabei eröffnet gerade die Arbeit mit Jugendlichen, die sich unterschiedlichen Herkunftskulturen verbunden fühlen, die Chance, wechselseitigen Zuschreibungen vorzubeugen und miteinander zu lernen, statt nur übereinander zu sprechen.

Mit freundlicher Genehmigung von ufuq.de
Quelle: ufuq.de-Newsletter „Jugendkultur, Religion und Demokratie“