Theater
Mauererinnerungen auf Türkisch
Gülseren Ölcüm, Maik Baumgärtner | 9. März 2010 | Feuilleton Seite 1 2 - Alle Seiten | Drucken | Weiterempfehlen |Micans Stück erzählt auch ihre Geschichte. Besonders emotional inszeniert ist das Leben der türkischen Kommunistin Cengaver, gespielt von Sesede Terziyan, die vor der türkischen Militärjunta in das Land ihrer Träume geflohen ist. Ihr Ideal zerbricht aber an der Wirklichkeit der DDR: Die Überwachung durch die „Staatssicherheit“ (Stasi), die von der „Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands“ (SED) gewollte Isolation von der deutschen Bevölkerung, der ungebrochene Stalinismus und das Verbot des freien Wortes. Zwar entstammt Mican einem unpolitischen Elternhaus, doch zu dieser Szene hat er eine ganz besondere „persönliche und emotionale Bindung.“
„Natürlich kamen auch Teile aus feudalen Verhältnissen, aber zu sagen, die hatten keine Erziehung, die hatten keine Ausbildung, stimmt einfach nicht. Die ersten, die hier hergekommen sind, waren qualifizierte Arbeiter, also mindestens bis 1973.“
Er sagt von sich selbst, dass er „ein Kind des Putsches“ (1980 putschte das türkische Militär zum dritten Mal in der jüngeren Geschichte des Landes) ist und in einer Zeit die Schule besuchte, als sich die Gesellschaft auf ihrem antiliberalen und militaristischen Höhepunkt befand. Damals lebte Mican mit seinem Bruder, einem linken Aktivisten in einer “Art Studenten-WG”. Mit 13 Jahren nahm er an Demonstrationen gegen die Militärjunta teil. Von der damaligen linken Bewegung ist nicht viel übrig geblieben. Heute sagt er, stecke die Linke weltweit in einer Krise.
Spricht man Mican auf die Berichterstattung zum Thema Migration und Integration in deutschen Medien an, wird er plötzlich sehr ernst. „Einfach schwachsinnig“ nennt er zum Beispiel Berichte, die immer wieder versuchen, die erste Generation der türkischen Arbeiter in Deutschland als „dumme Bauern aus Ostanatolien“ zu diffamieren, denn man „sollte nicht immer alles verallgemeinern“. Mittlerweile sei er es aber leid, aufgrund vieler schlechter Medienberichte ständig wütend zu sein. Umsomehr hofft er, durch seine Kunst andere Sichtweisen auch in die Medien tragen zu können und ein differenzierteres Bild zu schaffen.
Am Ende des Gesprächs betont er, kein „politisches Theater“ machen zu wollen. Es geht einfach um „Kunst und Geschichten, die mich interessieren“. Ob es dabei um Migranten geht, ist ihm egal. “Mit Politik”, so sagt er, „kann man keine Kunst machen“.
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