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Migration und Integration in Deutschland

Das Beitragsaufkommen [in den Rentenversicherungen beträgt] auf Grund der Beschäftigung der ausländischen Arbeitnehmer jährlich rd. 1,2 Milliarden DM, während sich die Rentenzahlungen an ausländische Arbeitnehmer jährlich auf rd. 127 Millionen DM, also etwa ein Zehntel, belaufen.

Ludwig Kattenstroth, Staatssekretär im Arbeitsministerium, März 1966, Bundesvereinigung der Dt. Arbeitgeberverbände

Muslime

Diskurse im Kiez führen

Am vergangenen Mittwochabend, den 24.02. fand in Berlin in den Räumen der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) die Veranstaltung „(K)eine Angst vor dem Islam? Wie wir übereinander und miteinander reden sollten“ statt. Zwar versprach der Titel ein konstruktives Streitgespräch, doch wie so oft in letzter Zeit, endete die Podiumsdiskussion in einer hitzigen und oberflächlich geführten Debatte.

VONGülseren Ölcüm, Maik Baumgärtner

DATUM26. Februar 2010

KOMMENTARE18

RESSORTGesellschaft

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Teilnehmer der Diskussionsrunde waren Ayten Kilicarslan, Vorstandsmitglied Aktionsbündnis muslimischer Frauen in Deutschland, Köln, Ali Ertan Toprak, Alevitische Gemeinde Deutschland, Köln, Dr. Haci-Halil Uslucan, Universität Magdeburg, Claudia Dantschke, Zentrum Demokratische Kultur, Berlin, Dr. Erhard Körting, Senator für Inneres und Sport, Berlin und Dr. Herbert Landolin Müller, Landesamt für Verfassungsschutz Baden-Württemberg. Moderiert wurde das Podium von Dr. Johannes Kandel von der FES, Berlin.

Bereits eine halbe Stunde vor Beginn der Veranstaltung füllte sich der Vorraum des großen Konferenzsaals der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin mit Gästen. Um den Tisch, auf dem die Teilnehmerlisten auslagen, sammelten sich überraschend viele Menschen. Als die Veranstaltung dann gegen 18:30 Uhr begann, war der Raum bis auf den letzten Platz gefüllt. Einige fanden nur noch auf den Treppen Platz.

Um das Publikum auf die Diskussion einzustimmen und die unterschiedlichen Meinungen zum Thema widerzuspiegeln, stellte Dr. Johannes Kandel dem Publikum einige „bewusst provokante“ Fragen. Die erste Frage nach einem „angstbesetzten Feindbild des Islams“ in Deutschland wurde von vielen Anwesenden durch symbolisches Aufstehen bejaht. Andere schüttelten ungläubig mit dem Kopf. Sie konnten ihrem Unmut Luft machen, als es um die Frage der „Bedrohung der freiheitlich demokratischen Grundordnung“ durch die Muslime ging.

Schon während der Eröffnungskommentare der Podiumsteilnehmer wurde deutlich, dass hier empirische Forschung, Emotionen und Vorurteile aufeinanderprallten.

Zu Anfang waren sich noch alle Podiumsteilnehmer einig, dass es „Ängste und Konflikte“ gibt, sowohl auf Seite der Muslime als auch unter den Teilen der Gesellschaft, die hauptsächlich von einem medial geprägten „Gefühl der Angst“ gegenüber dem Islam angetrieben werden. Hierbei wurde jedoch auch richtig erkannt, dass die ganze Thematik zu einer Pauschalisierungsdebatte verkommen ist, die durch „Randgruppen auf beiden Seiten dominiert wird.“

In den vergangenen Wochen fand in den Feuilletons bundesweit eine regelrechte Schlacht der Zitate und Studien statt. Es wurde verharmlost und übertrieben und zu jeder These, so scheint es, gibt es mittlerweile eine Studie. Daher hatte auch jeder der Teilnehmer eigene Zahlen parat um seinen Standpunkt zu untermauern.

So stellte die Arabistin Claudia Dantschke die neuesten Ergebnisse der Universität Bielefeld zur Entwicklung von menschenfeindlichen Vorurteilen in Deutschland („Deutsche Zustände“ Folge 8, Suhrkamp Verlag, 2010) vor. Demnach sind 52,5% der Befragten Bundesbürger der Meinung, der Islam sei eine „Religion der Intoleranz“. Dr. Haci-Halil Uslucan merkte an, dass „mangelnde Bildung“ und „Ausschluss aus der gesellschaftlichen Partizipation“ dazu beitragen, dass sich antidemokratische Einstellungen bei Jugendlichen festigen – dies betrifft alle Jugendlichen und nicht nur solche mit Migrationsgeschichte. Laut Dr. Uslucan spielt für 60% der Muslime in Deutschland die Religion im Alltag keine große Rolle. Lediglich 10% identifizieren sich über ihre Religion. Des weiteren machte er darauf aufmerksam, dass grundsätzlich zu klären sei, über welche Muslime man denn eigentlich diskutiert. Er mahnte auch an, dass man in der Auseinandersetzung mit dem Thema nicht vergessen dürfe, über die sogenannte „Mehrheitsgesellschaft“ zu sprechen, von der immerhin 30% der Meinung sind, dass Muslimen die Einwanderung nach Deutschland verboten werden sollte. Aus solchen Vorurteilen entstehen Ängste innerhalb der muslimischen Gemeinde: Rund 40% fühlen sich durch antimuslimische Einstellungen bedroht.

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18 Kommentare
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  1. Malte sagt:

    „Im Laufe der Fragerunde geisterten auch altbekannte rassistische Vorurteile durch den Raum. „Die hatten doch jetzt 40 Jahre Zeit sich zu integrieren und Deutsch zu lernen“

    Was ist an dieser Aussage rassistisch?

  2. Alles richtig über die Veranstaltung. Es war so schlimm strukturlos, dass ich sie vorzeitig verlassen habe. Nichts, was man nicht anderswo schon gehört hätte. Keinerlei Richtung oder praktisches Erkenntnisinteresse, was meint Handlungsinteresse. Körting war deshalb interessant, weil man sieht, wie aus Gedankenlosigkeit und der fehlenden Bereitschaft, sich einmal differenziert mit der Frage Migration und Integration auseinander zu setzen, eine ziemlich deutsche perspektivlose Suppe entsteht. Körting und Sarrazin (wobei ich dessen Verdienste um die Berliner Finanzen nicht vergessen möchte) sind deshalb eine Suppe, weil sie es nicht über sich bringen, mal von ihrem hohen Ross oder Feldherrnhügel runter zu steigen und sich in den Alltag von Menschen versetzen, die anders aussehen. Buschkowski, um bei der SPD zu bleiben, redet wenigstens mit den Menschen und ist sozialpolitisch ganz praktisch tätig. Und Christian Hanke in Mitte setzt auf Sachlichkeit, Geräuschlosigkeit und eine selbstbewußte Integrationspolitik. Sozialdemokratie, du kannst es besser. Und ein ganz persönlicher Kommentar: Es hilft, mit den Menschen zu reden, bevor man über sie schreibt.

  3. Boli sagt:

    Etwa als Ali Ertan Toprak davon sprach “keinen Christen oder Juden” zu kennen, der “sich in die Luft sprengt”. Da war sie plötzlich wieder, die alte und hinkende Gleichsetzung von Fundamentalisten und Muslimen.

    Im Christentum gibt es durchaus auch Märtyrer. Nur dies sind durch die Bank weg Menschen die sich von anderen Menschen aufgrund ihres Beharrens auf den Glauben auf verschiedenste Art töten ließen und nach dem Motto handelten „macht mit mir was ihr wollt, ich werde dabei bleiben bis zum Schluß“ und eben nicht „ich werde bis zum Schluß dabei bleiben, Euch aber mitnehmen da ihr nicht glaubt so wie ich“.
    Es gibt diese Gleichsetzung weil es nicht selten keine klaren erkennbaren Grenzen gibt.
    Das eine ist Mord ausgeführt durch Mörder, das Andere ist gleichzeitig Mord und Suizid jeweils ausgeführt durch die Person die Vorgibt seinen Glauben zu verteidigen und Gott damit einen Gefallen zu tun.

  4. Jo sagt:

    Die Zitate des 2.Vorsitzenden der Alevitischen Gemeinde bestätigen hier absolut meine Eindrücke. Anstatt einen konstruktiven Dialog mit einem zufriedenstellenden Kompromiss für beide Seiten zu ermöglichen, führt die Alevitische Gemeinde einen Stellvertreter Krieg gegen die Moslems in Deutschland und liefern den Rechten die nötige Steilvorlagen.

  5. Krause sagt:

    „Anstatt einen konstruktiven Dialog mit einem zufriedenstellenden Kompromiss für beide Seiten zu ermöglichen, führt die Alevitische Gemeinde einen Stellvertreter Krieg gegen die Moslems in Deutschland und liefern den Rechten die nötige Steilvorlagen.“

    Vielleicht liegt es dies ja an den tatsächlichen Erfahrungen, die die alevitische Gemeinde mit dem Islam gemacht hat. Nachstehend habe ich einmal die Darstellung der Äußerungen von Herrn Toprak auf pi wiedergegeben. PI ist natürlich mit Vorsicht zu genießen – parteiisch, wie das migazin (wenn auch zugegeben wesentlich hetzerischer):

    „Der zweite Diskussionsteilnehmer war der Alevit Toprak (Foto l.), kein Gutmensch, sondern ein guter Mensch, mutig und wahrheitsliebend. Die Muslime dürften nicht in die Opferrolle verfallen, sagte er an die Adresse seiner Vorrednerin gerichtet, sie selber könnten viel zum Abbau von Ängsten beitragen. Deshalb solle man nicht von „Islamophobie“ reden und diese schon gar nicht mit Antisemitismus gleichsetzen. Er als Alevit habe eigene Erfahrungen mit dem Islam, und das seien keine guten gewesen. „Islam ist Frieden“ höre sich in der Theorie zwar schön an, doch die Praxis in der islamischen Welt sei eine ganz andere.
    Toprak erinnerte in diesem Zusammenhang an das islamistische Pogrom 1993 im türkischen Sivas, wo ein vieltausendköpfiger Mob unter den Augen der Polizei ein Hotel anzündete, in dem ein alevitisches Kulturfestival stattfand. 37 Menschen fanden dabei den Tod. Vor zwei Tagen habe er einen in Berlin weilenden türkischen Minister gebeten, dieses Hotel, in dem sich bis vor kurzem ein Kebab-Restaurant befand, endlich zu einem „Mahnmal für die Menschlichkeit“ zu machen. Die Antwort des Ministers lautete: „Das geht nicht, denn wir müssen die Gefühle der Mehrheit des türkischen Volkes respektieren und dürfen die Muslime nicht provozieren.“

  6. Krause sagt:

    @ Jo
    „…führt die Alevitische Gemeinde einen Stellvertreter Krieg gegen die Moslems in Deutschland und liefern den Rechten die nötige Steilvorlagen.

    Falls es sie interessiert, nachstehend ein Link zu einer Gruppe kritischer Muslime, die ebenfalls den „Rechten die nötigen Steilvorlagen“ liefert. Anschauen und drüber nachdenken.

    http://www.wdr.de/mediathek/html/regional/rueckschau/2010/02/23/lokalzeit_muensterland.xml?offset=893&autoPlay=true

    @ Migazin

    Wäre es nicht interessant im Migazin über diese Intitiative zu berichten. Sieht spannend aus.

    P.S. Ich hatte mich in meinem Vorbeitrag etwas mißverständlich ausgedrückt. Das Migazin ist parteiisch (was ok ist) aber keinesfalls hetzerisch. Sorry.

  7. Jo sagt:

    Womit du Absolut meine Bedenken bestätigt hast, es wurde zur Steilvorlage der Rechten von PI. Das von […] betrieben wird. Danke dir diesbezüglich.

  8. Boli sagt:

    „Das geht nicht, denn wir müssen die Gefühle der Mehrheit des türkischen Volkes respektieren und dürfen die Muslime nicht provozieren.“

    Sinngemäß heißt diese Aussage für mich dann aber auch, „wenn Muslime die Mehrheit einer Gesellschaft stellen dürfen sie das!!“
    Ein schlimmer Zustand und ein Grund von vielen das sich Mistrauen kaum abbaut.

  9. Jo sagt:

    @ Krause

    Wenn du auf der Seite von Free Minds nachsiehst wirst du auch eine Stellungnahme zu PI News nachlesen können.

    […]

    Und zu deiner Frage. Die Idee ist gar nicht so verkehrt, aufklärungsarbeit ist sicher von Nöten. Damit Leute nicht ihre Altmodischen Sitten mit dem Islam verwechseln. Insofern kann diese Initiative gar nicht verkehrt sein.

    Was Ali Ertan Toprak getan hat fällt für mich nicht in diese Kategorie, da es eine Völlig aus dem Zusammenhang gerissen schilderung ist, die bewusst Vorurteile bestätigen soll.

    Wenn ein oder zwei Vorfälle genügen dann könnte man auch annehmen das alle Jesuiten Pädophile seien und genau gegen diese Denke, diese Art der Diskussion verweigere ich mich.

    @ Boli

    ich kann deine Skepsis verstehen, allerdings ist bei einer Näherbetrachtung die Ursache nicht der Moslemische Glauben sondern eher das Ressintiments bewusst genutzt wurden. Der türkische Staat ist nicht so einfach zu durchschauen, selbst für Menschen aus ihren Reihen. Aber ich halte fest, das ist eine Schande für die Menschlichkeit und den Türkischen Staat.

  10. Julia sagt:

    Offenbar sind zu viele der Migranten unfähig zur Selbstkritik, weil auch wieder zu viele in Deutschland sie nicht einfordern. Es wird für alles eine Entschuldigung gesucht.

    Das berühmte Beispiel mit der “schweren Kindheit”. Anstatt das in einigen anliegenden Fällen einmal demonstrativ und für alle nachverfolgbar zu überprüfen und ein für allemal abzuklären. Da das aber nicht gewollt ist, unterbleibt es eben. Und das Elend zieht sich weiter hin und auf der Schimäre, die schon lange tot ist, wird weiter geritten.

    Offensichtliche Ursachen und Zusammenhänge werden geleugnet. Und anstatt den Beweis antreten zu lassen, wird abgewiegelt. Alles altbekannt.


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